FTS, mobile Roboter und KI verändern Logistik und Produktion. Was das Technologieforum 2025 zeigt – und wie österreichische Unternehmen jetzt strategisch handeln sollten.
FTS, mobile Roboter und KI: Was 2025 wirklich zählt
Bis 2030 könnten in europäischen Werken über 50.000 fahrerlose Transportsysteme (FTS) und autonome mobile Roboter (AMR) im Einsatz sein – ein großer Teil davon in der Logistik. Wer heute in Österreich Supply Chain Excellence ernst meint, kommt an dieser Entwicklung nicht vorbei.
Genau hier setzt das Technologieforum 2025 „Fahrerlose Transportsysteme (FTS) und mobile Roboter“ des Fraunhofer IPA an. Die Agenda liest sich wie eine Landkarte für alle, die Produktion und Logistik mit KI, Robotik und Automatisierung zukunftsfähig machen wollen – vom Mittelständler bis zum globalen Konzern.
In diesem Beitrag ordne ich die Inhalte des Forums ein, übersetze sie in die Realität der österreichischen Logistik und zeige, welche Schritte jetzt sinnvoll sind, wenn Sie KI und mobile Roboter in Ihrer Supply Chain einsetzen oder skalieren wollen.
1. Warum FTS und mobile Roboter gerade jetzt strategisch werden
FTS und AMR sind längst nicht mehr nur „nice to have“, sondern ein zentraler Hebel, um Lieferketten stabil zu halten und Kosten zu senken.
Für Logistik- und Produktionsverantwortliche in Österreich ist die Lage klar:
- Fachkräftemangel in Lager, Intralogistik und Produktion
- Steigende Lohnkosten und Energiepreise
- Hoher Druck auf Lieferzeiten und Servicelevel
- Zunehmende Komplexität durch E‑Commerce und Variantenvielfalt
Mobile Roboter adressieren genau diese Punkte:
- Sie übernehmen monotone Transportaufgaben im Lager und in der Produktion.
- Sie erhöhen die Auslastung von Anlagen durch verlässliche Materialverfügbarkeit.
- Sie ermöglichen stabile Prozesse, auch wenn Personal schwer zu finden ist.
Das Technologieforum 2025 macht deutlich: Die Frage lautet nicht mehr ob, sondern wie groß der Anteil fahrerloser Systeme in Produktion und Logistik werden soll – und wie KI diese Systeme deutlich smarter macht.
2. Von Pilotprojekten zu Flotten: Skalierung statt Stückwerk
Die Erfahrung aus großen Konzernen zeigt, was viele österreichische Unternehmen noch vor sich haben: Der Sprung vom Einzelprojekt zu einer standardisierten, wirtschaftlichen FTS-/AMR-Flotte.
1.000 mobile Roboter in 5 Jahren – was dahinter steckt
Ein Highlight des Technologieforums: der Erfahrungsbericht aus einem globalen Industriekonzern, der in wenigen Jahren 1.000 mobile Roboter in über 240 Werken und 600 Lagern ausgerollt hat. Die Kernbotschaft ist hochrelevant für den DACH-Raum:
Wer FTS und AMR nicht standardisiert, zahlt bei jedem neuen Standort doppelt.
Erfolgsfaktoren für die Skalierung, übertragbar auf Österreich:
- Standardisierte Prozesse: gleiche Transportaufgaben, gleiche Schnittstellen, gleiche Sicherheitskonzepte, wo immer möglich.
- Zentrales Automatisierungsprogramm: klare Roadmap, welche Standorte wann automatisieren – und mit welchen Technologien.
- Globales bzw. gruppenweites Rollout-Design: wiederverwendbare Bausteine statt Einzellösungen pro Lager.
Für ein österreichisches Unternehmen mit mehreren Standorten bedeutet das konkret:
- Ein Referenzlayout für typische Lager- und Produktionsbereiche definieren.
- IT- und OT-Schnittstellen (WMS, ERP, MES) vereinheitlichen.
- Ein Kernteam aufbauen, das FTS-/AMR-Projekte konzernweit verantwortet.
Ohne diesen Rahmen wird jedes Projekt zum Unikat – und damit teuer und langsam.
3. KI in der Logistik: Vom Sicherheitskonzept bis zum AI Act
Im Rahmen der Serie „KI in der österreichischen Logistik: Supply Chain Excellence“ ist ein Punkt besonders wichtig: KI ist in FTS und AMR längst Realität, nicht Zukunftsmusik. Entscheidender wird jetzt, wie sie eingesetzt und rechtlich sauber gestaltet wird.
KI regelkonform einsetzen – was der AI Act für FTS bedeutet
Das Technologieforum 2025 greift explizit den Europäischen AI Act und die neue Maschinenverordnung auf. Für Betreiber in Österreich heißt das:
- KI in mobilen Robotern ist in der Regel ein Hochrisiko-System.
- Damit steigen Anforderungen an Dokumentation, Transparenz und Monitoring.
- „KI einfach dazukaufen“ ist vorbei – es braucht ein klares Compliance-Konzept.
Praktische Konsequenzen:
- Risikoanalyse für KI-Funktionen (z.B. Personenerkennung, Navigation in gemischten Zonen).
- Klare Verantwortlichkeiten: Wer überwacht, pflegt und validiert KI-Modelle?
- Nachweisbare Testszenarien: Wie wird sichergestellt, dass der Roboter sich in Grenzfällen sicher verhält?
Wer KI in der Intralogistik in Österreich einführt, sollte das Thema AI Act gleich zu Beginn in die Projektplanung integrieren – nicht erst, wenn das erste Audit ansteht.
Dynamic Safety: Produktivität und Sicherheit zusammen denken
Ein weiterer Punkt der Agenda: Dynamic Safety – also Sicherheitskonzepte, die flexibel auf die Umgebung reagieren, statt alles auf Maximalsicherheit und Minimalgeschwindigkeit auszulegen.
Beispiele aus der Praxis:
- Der Roboter fährt in einem leeren Gang schneller, reduziert aber automatisch die Geschwindigkeit, wenn Menschen oder andere Fahrzeuge auftauchen.
- Sicherheitszonen passen sich dynamisch an, z.B. je nach Last, Kurve oder Bodenbeschaffenheit.
Für österreichische Lager- und Produktionsumgebungen bedeutet das:
- Mehr Durchsatz bei gleicher Fläche
- Weniger Staus und Stillstände
- Bessere Akzeptanz bei Mitarbeitenden, weil das System „mitdenkt“
Damit solche Konzepte KI-konform betrieben werden können, braucht es eine enge Zusammenarbeit von Hersteller, Integrator, Sicherheitsfachkraft und Betriebsrat.
4. Technologie-Trends: Vom 4D-Radar bis zur humanoiden Kommissionierung
Die Agenda des Technologieforums gibt einen guten Überblick, wohin sich FTS und mobile Roboter technologisch entwickeln – und was davon für die Logistik in Österreich kurzfristig relevant ist.
4D-Radar und Sensorfusion für robuste Navigation
Ein spannender Baustein ist der Einsatz bildgebender 4D-Radare in der Robotik:
- Sie liefern Tiefeninformation und Bewegungsdaten.
- Sie sind unempfindlicher gegenüber Staub, Nebel oder schlechten Lichtverhältnissen als Kameras.
- In Kombination mit Lidar und Kamera entsteht ein deutlich robusteres Umfeldmodell.
Für Lager in Österreich, etwa im Baustoff-, Metall- oder Lebensmittelbereich, kann das bedeuten:
- Zuverlässiger Betrieb bei Staub, Kälte oder wechselnden Lichtverhältnissen.
- Weniger unerwartete Stopps durch „Sichtprobleme“.
- Sicherere Navigation im Mischverkehr mit Staplern und Personen.
Humanoide Roboter im Lager – Hype oder echter Mehrwert?
Auf dem Forum wird eine spannende Frage adressiert: Brauchen wir humanoide Roboter für Lagerprozesse – oder doch besser speziell entwickelte Kinematiken?
Meine klare Position: Für österreichische Logistikstandorte sind humanoide Roboter aktuell eher ein Experimentierfeld als ein wirtschaftlicher Standard. Was heute wirklich trägt, sind:
- Spezialisierte Kommissionierroboter mit optimaler Kinematik.
- Greifertechnologien, die mit großer Artikelvielfalt umgehen können.
- Geschickte Kombination aus Mensch, stationärem Roboter und mobilem Transportroboter.
Humanoide Systeme werden spannend, wo Brownfield-Umgebungen kaum angepasst werden können und menschliche Bewegungsabläufe 1:1 gebraucht werden. Für die meisten Lager lohnt sich momentan jedoch ein gezielter Mix aus FTS/AMR und spezialisierter Robotertechnik deutlich mehr.
5. Praxisnah planen: Von Brownfield-Lager bis Airport-Challenge
Das Technologieforum 2025 zeigt sehr plastisch: Die größten Herausforderungen liegen selten in der Technik allein, sondern in der Umsetzung im realen Umfeld.
Brownfield statt Greenfield: Realistische Szenarien
Viele österreichische Logistikstandorte sind klassische Brownfields:
- Enge Gänge
- Unterschiedliche Bodenqualitäten
- Historisch gewachsene Prozesse
Hier entscheidend sind Fragen wie:
- Wo lohnt sich ein FTS-Einsatz wirtschaftlich wirklich?
- Welche Routen lassen sich standardisieren, welche bleiben manuell?
- Wie werden Mitarbeitende eingebunden, qualifiziert und entlastet?
Ein pragmatischer Ansatz, der sich bewährt hat:
- Top-3-Use-Cases definieren (z.B. Palettentransport vom Wareneingang ins Lager, Nachschub an die Linie, Rücktransport von Leergebinden).
- Schnelle Machbarkeitsanalyse mit Layout, Durchsatzdaten und Sicherheitsbewertung.
- Pilot mit Skalierungspfad planen: von 2–3 Fahrzeugen im Testbetrieb hin zu einer Flotte, falls die KPIs stimmen.
Airport-Challenge als Blaupause für komplexe Logistikumgebungen
Die auf dem Technologieforum vorgestellte Airport-Challenge im Digitalen Testfeld Air Cargo zeigt, wie anspruchsvoll FTS-Einsätze werden können:
- Enge Zeitfenster und hohe Taktung
- Gemischter Verkehr mit Fahrzeugen, Personen und Geräten
- Komplexe Integration in bestehende IT- und Flottenmanagementsysteme
Viele dieser Herausforderungen ähneln großen Logistikdrehkreuzen in Österreich – etwa Paketzentren, Bahnterminals oder großen Werkslogistiken. Die Lehre daraus:
Je komplexer die Umgebung, desto wichtiger ist ein durchgängiges Konzept aus Navigation, Safety und Flottenmanagement.
Wer Supply Chain Excellence anstrebt, sollte FTS-/AMR-Projekte nicht als isolierte Insel, sondern als integrierten Teil des gesamten Transport- und Lagerkonzeptes betrachten.
6. Was österreichische Logistikentscheider jetzt konkret tun sollten
Die Inhalte des Technologieforums 2025 lassen sich direkt in eine praxisnahe Roadmap übersetzen – speziell für Unternehmen in Österreich, die KI und mobile Roboter strategisch nutzen wollen.
Schritt 1: Ausgangslage klar analysieren
- Wo fehlen heute Fachkräfte am stärksten?
- Welche Transporte sind repetitiv, zeitkritisch und logisch standardisierbar?
- Welche Daten liegen zu Materialflüssen, Wegen und Wartezeiten bereits vor?
Schritt 2: Zielbild für KI in der Intralogistik definieren
- Wo sollen FTS und AMR in 3–5 Jahren im Betrieb stehen?
- Welche Rolle spielt KI konkret (Navigation, Sicherheit, Disposition, Prognose)?
- Wie wird das mit bestehenden Supply-Chain-Initiativen verzahnt?
Schritt 3: Rechtliche und sicherheitstechnische Basis legen
- AI-Act- und Maschinenrichtlinien-Compliance von Anfang an mitdenken.
- Zusammenarbeit von Technik, Recht, Arbeitssicherheit und Betriebsrat organisieren.
- Standardisierte Dokumentations- und Testprozesse definieren.
Schritt 4: Skalierbare Pilotprojekte starten
- Ein Pilotlager bzw. -bereich auswählen, der repräsentativ, aber beherrschbar ist.
- Früh auf standardisierbare Lösungen setzen (Schnittstellen, Layout, Prozesse).
- Klare wirtschaftliche KPIs definieren: Durchsatz, Laufwege, Personaleinsatz, Servicegrad.
Schritt 5: Flotte, KI und Supply Chain verknüpfen
FTS und mobile Roboter entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn sie mit KI-basierten Supply-Chain-Funktionen zusammenspielen:
- Routenoptimierung: Kombination aus Tourenplanung und innerbetrieblichem Transport.
- Lagerverwaltung: Echtzeit-Status von Beständen, Stellplätzen und Transportaufträgen.
- Nachfrageprognosen: vorausschauende Nachschubplanung bis in die Fertigung.
Damit wird aus einem „Roboterprojekt“ ein echter Baustein für Supply Chain Excellence.
Fazit: FTS, KI und Logistik – wer jetzt strukturiert handelt, gewinnt
Das Technologieforum 2025 zeigt deutlich, wohin die Reise geht: FTS, mobile Roboter und KI verschmelzen zu einem zentralen Werkzeugkasten für moderne Logistik und Produktion. Für österreichische Unternehmen ist das eine Chance, nicht nur Personallücken zu schließen, sondern die gesamte Supply Chain resilienter und effizienter zu machen.
Wer KI in der österreichischen Logistik ernsthaft voranbringen will, sollte FTS- und AMR-Projekte strategisch planen, rechtlich sauber aufsetzen und konsequent auf Skalierbarkeit ausrichten – statt jede Halle als Sonderfall zu behandeln.
Die eigentliche Frage lautet daher: An welchem Standort in Ihrem Netzwerk starten Sie als Erstes – und wie stellen Sie sicher, dass daraus nicht nur ein Pilot, sondern ein Standard für Ihre gesamte Supply Chain wird?