Resiliente Metall-KMU brauchen mehr als Bauchgefühl. Wie Plattform-Ökosysteme, Digitalisierung und KI die Metallindustrie im DACH-Raum krisenfest machen – praxisnah erklärt.
Warum Resilienz jetzt Chefsache in der Metallindustrie ist
Ein einzelner blockierter Kanal hat 2021 gereicht, um Lieferketten weltweit ins Stolpern zu bringen. Für viele metallverarbeitende Betriebe im DACH-Raum bedeutete die Suezkanal-Blockade: Stillstand auf der Maschine, Stress im Büro, Umsatzverluste. Und das war nur einer von mehreren Schocks – dazu kamen Covid-19, Ukrainekrieg, Energiepreise, Fachkräftemangel.
Genau hier setzt das vom Fraunhofer IPA koordinierte Projekt RESIPLAT an. Es zeigt sehr deutlich, wie digitale Plattform-Ökosysteme und KI-basierte Transparenz Metall-KMU krisenfester machen können: weg von Zettelwirtschaft, hin zu vernetzten, datengetriebenen Entscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe „KI in der österreichischen Industrie: Leitfaden für KMU“. Wir schauen uns an, was aus RESIPLAT für deutschsprachige Metallbetriebe – insbesondere in Österreich – praktisch ableitbar ist: Welche digitalen Bausteine sind realistisch, wie sieht der Einstieg aus und wo spielt KI im Alltag tatsächlich eine Rolle?
Status quo: Warum viele Metall-KMU besonders verwundbar sind
Die Metallbe- und -verarbeitung im deutschsprachigen Raum ist stark mittelständisch geprägt – rund 90 % der Unternehmen sind KMU. Nach den Analysen des Fraunhofer IPA gilt jedoch: Der Großteil ist maximal in Ansätzen digitalisiert.
Typische Ausgangslage in Werkstätten und Fertigungen
Viele Betriebe – in Österreich genauso wie in Deutschland oder der Schweiz – arbeiten noch so:
- Auftragssteuerung ĂĽber Papierlaufzettel und Excel
- Maschinendaten nur am Bedienterminal, nicht zentral erfasst
- Lagerbestände „im Kopf“ oder in getrennten Systemen
- Krisenreaktion ad hoc statt vorbereitet
Die Folge: Wenn ein Zulieferer ausfällt oder sich Lieferzeiten verdoppeln, reagieren Unternehmen oft so, wie es Mirko Schneider vom Fraunhofer IPA beschreibt:
„Dann wird hastig ein Krisenstab einberufen […]. Die Gegenmaßnahmen sind in der Regel aber nicht nachhaltig, steigern also nicht die Resilienz des Unternehmens.“
Statt strukturiertem Risikomanagement entstehen schnell teure Notlösungen:
- Sicherheitsbestände werden hochgefahren
- mehrere alternative Lieferanten werden parallel qualifiziert
- Termine werden nur noch „auf Sicht“ bestätigt
Das ist auf Dauer teuer, bindet Kapital und löst das Grundproblem – fehlende Transparenz und fehlende Vernetzung – nicht.
RESIPLAT: Vom Einzelkämpfer zum vernetzten Plattform-Ökosystem
Der Kern von RESIPLAT ist eine digitale Plattform, die metallbe- und -verarbeitende Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vernetzt. Ziel: Resilienzsteigerung durch gemeinsame Informationsbasis und abgestimmtes Handeln.
Was leistet die Plattform?
Bis Ende 2027 entsteht ein Plattform-Ökosystem, dessen Herzstück ein Resilienz-Managementsystem ist. Es soll insbesondere drei Dinge ermöglichen:
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Transparente Material- und Kapazitätsübersichten
Unternehmen teilen Informationen zu- aktuellen Lagerbeständen
- verfügbaren Fertigungskapazitäten
- geplanten Bedarfen
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Dynamischer Ausgleich in Krisenzeiten
Wenn ein Betrieb einen Engpass hat, kann ein anderer mit freien Kapazitäten oder Material einspringen. Aus lauter Einzelkämpfern entsteht so eine „schlagkräftige Truppe“, die Störungen gemeinsam abfedert. -
Grundlage fĂĽr KI-gestĂĽtzte Auswertung
Erst wenn Daten strukturiert vorliegen, lassen sich KI-Verfahren einsetzen: zum Beispiel für Prognosen, Szenariosimulationen oder automatisierte Handlungsempfehlungen bei Lieferengpässen.
Für österreichische KMU ist genau dieser Plattform-Ansatz spannend. Viele Unternehmen sitzen in Clustern (z. B. Steiermark, Oberösterreich, Vorarlberg) dicht beieinander, haben aber kaum digitale Schnittstellen. Ein lokales oder branchenweites Plattform-Ökosystem könnte dort enorme Wirkung entfalten – technisch ähnlich wie RESIPLAT, organisatorisch an regionale Strukturen angepasst.
Digitalisierung als Basis: Ohne Daten keine KI in der Produktion
Resilienz und KI sind kein Add-on, das man auf eine analoge Fertigung „draufschraubt“. Sie brauchen eine solide digitale Basis. Genau darauf zielt RESIPLAT im zweiten Schritt ab.
Vom Laufzettel zur vernetzten Produktion
Das Resilienz-Managementsystem soll nicht nur Betriebe untereinander verbinden, sondern Transparenz innerhalb des Unternehmens schaffen:
- Maschinenzustände und Stillstände werden erfasst
- Qualitätsabweichungen werden früh erkannt
- Lagerbewegungen werden automatisch dokumentiert
Schneider bringt es auf den Punkt:
„Voraussetzung ist aber, dass man eben doch den ein oder anderen Prozess automatisiert oder digitalisiert, einzelne Sensoren anbringt und die Zettelwirtschaft abschafft.“
Für ein typisches österreichisches Metall-KMU kann ein realistischer Fahrplan so aussehen:
-
Quick Wins identifizieren
- manuelle Datenerfassung an Engpassmaschinen ersetzen
- Rüstzeiten, Stillstände, Ausschuss systematisch erfassen
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Maschinen anbinden und Sensorik ergänzen
- vorhandene Schnittstellen (OPC UA, MQTT, …) nutzen
- einfache Retrofit-Sensoren für ältere Maschinen einsetzen
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Zentrales Datenmodell aufbauen
- Produktionsdaten, Lager, Auftragsdaten in einem System zusammenfĂĽhren
- klare Verantwortlichkeit für Datenqualität schaffen
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KI-Schicht aufsetzen
Wenn Daten sauber fließen, werden KI-Anwendungen möglich – etwa:- Prognose von Lieferterminen basierend auf realer Auslastung
- Erkennung von Qualitätsabweichungen über Muster in Messdaten
- Empfehlung optimaler Lagerbestände bei volatilen Lieferzeiten
Wichtig: KI in der österreichischen Industrie muss kein Großprojekt mit Millionenbudget sein. Viele Anwendungsfälle lassen sich als kleine, klar abgegrenzte Pilotprojekte starten – beispielsweise eine KI-gestützte Auswertung von Maschinendaten an einer kritischen Fertigungslinie.
Menschen & Organisation: Resilienz ist mehr als Technologie
Technologie reicht nicht, wenn die Organisation im Krisenfall blockiert. Deshalb setzt RESIPLAT neben der Plattform auf zwei weitere Hebel: Resilienz-Schulungen und agile Organisationsformen.
Resilienz-Schulungen – was bringt das konkret?
Geplant sind Schulungen, die Mitarbeitende befähigen,
- Risiken frĂĽh zu erkennen und zu melden
- mit Unsicherheit umzugehen (z. B. volatile Liefertermine)
- Verantwortung in Krisen schnell zu ĂĽbernehmen
Gerade in mittelständischen Betrieben in Österreich sind informelle Netzwerke stark ausgeprägt. Richtig genutzt und geschult, werden sie zu einem enormen Resilienzfaktor – vorausgesetzt, alle verstehen
- wo Daten herkommen
- wie KI-basierte Systeme arbeiten
- wer im Krisenfall welche Entscheidungskompetenz hat
Agile Strukturen – praktikabel auch für KMU?
Agile Organisationsprinzipien klingen fĂĽr viele Fertigungsbetriebe abstrakt, sind aber im Kern erstaunlich pragmatisch:
- klare Rollen statt starrer Hierarchien in jeder Situation
- kurze Entscheidungswege in Krisen
- interdisziplinäre Teams, die sowohl Produktion, Einkauf als auch IT repräsentieren
Viele österreichische Unternehmen arbeiten ohnehin schon „agil“, nur eben nicht bewusst und nicht mit klaren Prozessen. Hier hilft es, das bestehende Vorgehen zu strukturieren:
- Krisenstab definieren, der regelmäßig mit Echtzeitdaten arbeitet
- Szenario-Workshops durchführen („Was, wenn unser Hauptlieferant 4 Wochen ausfällt?“)
- Verantwortlichkeiten fĂĽr Kommunikation nach innen und auĂźen festlegen
Die Erfahrung zeigt: Resilienz ist ein Kulturthema. Wer seine Leute früh einbindet, Schulungen ernst nimmt und Erfolge transparent macht, wird digitale Plattformen und KI-Lösungen deutlich schneller etablieren.
Vom Forschungsprojekt zur Praxis in Ă–sterreich: Ihr 5-Schritte-Plan
Was lässt sich aus RESIPLAT konkret in österreichischen Metall-KMU anwenden? Hier ein praxisnaher Fahrplan, den ich in ähnlicher Form immer wieder in Projekten empfehle:
1. Status quo und Schocks analysieren
- Welche Krisen der letzten Jahre haben Ihren Betrieb am stärksten getroffen?
- Wo fehlten Daten, um rechtzeitig zu reagieren?
- Welche „Workarounds“ laufen noch heute (Sicherheitslager, Überstunden, Expresslogistik)?
Diese Analyse schafft ein gemeinsames Verständnis und liefert Argumente für Investitionen.
2. Datenlandkarte erstellen
- Welche Systeme haben Sie bereits (ERP, BDE, Qualitätsdatenbank)?
- Wo entstehen relevante Daten, werden aber nicht genutzt (Maschinen, Lager, Logistik)?
- Welche dieser Quellen sind mit vertretbarem Aufwand digitalisierbar?
Ziel ist eine einfache Skizze: Wo entstehen Daten – und wo gehen sie verloren?
3. Kleines KI-fähiges Use Case-Cluster definieren
Statt „Wir machen KI“, besser 2–3 konkrete Anwendungsfälle auswählen, z. B.:
- Vorhersage von Lieferterminen fĂĽr Kundenanfragen
- Früherkennung von Maschinenstillständen anhand von Sensordaten
- Optimierung von Sicherheitsbeständen bei kritischen Materialien
Diese Use Cases sollten direkt mit Resilienz zu tun haben – also mit Lieferfähigkeit, Qualität oder Kapazität.
4. Schrittweise Vernetzung mit Partnern
Hier kommt der Plattform-Gedanke wie bei RESIPLAT ins Spiel:
- Start mit 1–2 vertrauten Lieferanten oder Lohnfertigern
- Austausch grundlegender Daten (z. B. Materialverfügbarkeiten, Standardlieferzeiten)
- Aufbau eines gemeinsamen Dashboards als „Mini-Plattform“
So entsteht im Kleinen, was RESIPLAT im Großen adressiert: Ein Ökosystem, das Störungen abfedern kann.
5. Organisation und Schulung nicht vergessen
Parallel zur Technik sollten Sie:
- ein Krisenhandbuch mit klaren Szenarien erarbeiten
- Verantwortliche fĂĽr Daten, KI-Use Cases und Kommunikation benennen
- Mitarbeitende gezielt in Datenkompetenz und Resilienz schulen
Wer diese fünf Schritte konsequent angeht, legt die Basis für genau das, was RESIPLAT anstrebt: eine robustere, digital vernetzte Metallindustrie im deutschsprachigen Raum – mit KI als praktischem Werkzeug, nicht als Buzzword.
Warum sich der Einstieg 2025/2026 besonders lohnt
Gerade jetzt – mit unsicheren Märkten, anziehenden Nachhaltigkeitsanforderungen und zunehmendem Fachkräftemangel – ist der richtige Zeitpunkt, Resilienz systematisch anzugehen. Projekte wie RESIPLAT zeigen, dass Fördermittel, erprobte Methoden und Partner aus Forschung und Industrie verfügbar sind.
Für österreichische Unternehmen in der Metallbe- und -verarbeitung bedeutet das:
- Sie müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern können Konzepte wie Plattform-Ökosysteme adaptieren.
- Sie können KI in der Industrie schrittweise einführen, statt auf den „großen Wurf“ zu warten.
- Sie erhöhen nicht nur ihre Krisenfestigkeit, sondern auch ihre Attraktivität als Partner in internationalen Lieferketten.
Wer heute beginnt, seine Produktion zu digitalisieren, Daten nutzbar zu machen und sich mit Partnern zu vernetzen, wird die nächste Krise nicht „überraschend“ erleben, sondern vorbereitet. Die Frage ist weniger, ob Störungen kommen – sondern wie gut Ihr Unternehmen dann aufgestellt ist.
FAQ: Häufige Fragen aus österreichischen Metall-KMU
Brauchen wir sofort eine groĂźe Plattform wie RESIPLAT?
Nein. Starten Sie mit interner Transparenz und kleinen Datenkooperationen mit ausgewählten Partnern. Eine größere Plattform kann ein späterer Schritt sein.
Ist KI in der Produktion fĂĽr kleine Betriebe nicht zu komplex?
Der Einstieg kann sehr einfach sein: z. B. ein KI-Modell, das aus Vergangenheitsdaten Lieferzeitprognosen verbessert. Entscheidend ist eine saubere Datengrundlage.
Wie rechtfertigen wir die Investitionen?
Rechnen Sie konkret: vermiedene Stillstände, geringere Sicherheitsbestände, weniger Expresszuschläge, stabilere Lieferfähigkeit. Genau hier entsteht der Business Case.
Wer Teil einer robusteren, digital vernetzten Metallindustrie in Österreich werden will, sollte 2026 nutzen, um die ersten Bausteine zu legen – von der Abschaffung der Zettelwirtschaft bis hin zu KI-gestützter Resilienzplanung.