Was österreichische KMU vom KI-Tag in Stuttgart lernen können – von rechtssicherer KI in der Produktion bis zu praktischen Anwendungsfällen in Dienstleistung und Robotik.

Warum der KI-Tag für österreichische Betriebe spannend ist
Zwischen 2018 und 2023 hat sich der Anteil der Industrieunternehmen in der DACH-Region, die KI einsetzen, laut mehreren Studien etwa verdoppelt. Trotzdem kämpfen gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) noch mit denselben Fragen: Wo fange ich an? Was ist rechtlich erlaubt? Und wie komme ich zu praxisnaher Unterstützung, ohne gleich ein Millionenbudget zu brauchen?
Genau an diesem Punkt setzt der KI-Tag am Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart an – ein kostenloser Open Lab Day, bei dem Unternehmen KI live in Produktion und Dienstleistung erleben und direkt mit Expert:innen sprechen können. Auch wenn die Veranstaltung in Baden-Württemberg stattfindet, sind die Erkenntnisse hochrelevant für österreichische Industrie und Dienstleister, von der Fertigung über Logistik bis zum Tourismus.
In unserer Reihe „KI in der österreichischen Industrie: Leitfaden für KMU“ schauen wir uns diesmal an, was dieser KI-Tag inhaltlich bietet – und wie Sie die Ideen daraus konkret für Ihr Unternehmen in Österreich übersetzen können.
1. KI-Tag am Fraunhofer: Worum es wirklich geht
Der KI-Tag ist kein klassischer Kongress mit Frontalvorträgen, sondern ein Open Lab Day: Unternehmen sehen reale Demonstratoren, sprechen mit Entwickler:innen und Jurist:innen und können ihre eigenen Fragestellungen mitbringen.
Kern des Programms sind zwei Initiativen:
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KIRR Real – Reallabor für rechtskonforme KI und Robotik
Unterstützt Unternehmen aus Baden-Württemberg bei der rechtssicheren Umsetzung von KI-Anwendungen, u. a. mit sogenannten Legal Quick Checks. -
KI-Fortschrittszentrum „Lernende Systeme und Kognitive Robotik“
Bietet Praxisbeispiele zu KI in Produktion, Robotik, Qualitätssicherung und Digital Business.
Für österreichische KMU steckt hier eine klare Botschaft drin: Erfolgreiche KI-Einführung ist kein reines Technikthema. Wer nur auf Algorithmen schaut und Recht, Organisation und Mitarbeitende ignoriert, landet schnell in der Sackgasse.
KI-Projekte in der Industrie scheitern selten an der Mathematik – sie scheitern an unklaren Zielen, rechtlichen Unsicherheiten und fehlender Einbindung der Belegschaft.
2. Rechtliche Anforderungen: EU AI Act & Maschinenverordnung im Klartext
Der wichtigste Unterschied zwischen „spannender Demo“ und „produktiver KI-Lösung in der Fabrik“ sind Rechtssicherheit und Haftung. Genau deshalb widmet der KI-Tag einen Schwerpunkt den rechtlichen Anforderungen aus EU AI Act und Maschinenverordnung.
Was heißt das für österreichische Unternehmen?
Auch für Betriebe in Österreich gelten:
- EU AI Act: Regelt, wie KI-Systeme je nach Risiko-Kategorie entwickelt, geprüft und überwacht werden müssen.
- Neue Maschinenverordnung: Definiert, unter welchen Bedingungen Maschinen mit integrierter KI in Verkehr gebracht und genutzt werden dürfen.
Für KMU heißt das ganz konkret:
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Risiko-Kategorie Ihrer KI-Lösung verstehen
Setzen Sie KI ein für:- Qualitätsprüfung von Bauteilen?
- Assistenzsysteme für Mitarbeitende?
- autonome Robotik in der Produktion?
Je nach Einsatz gelten unterschiedliche Pflichten (z. B. Dokumentation, Monitoring, Transparenz).
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Früh juristische Checks einplanen
Das Konzept der „Legal Quick Checks“ aus KIRR Real ist extrem sinnvoll:- Kurze, gezielte Prüfungen in frühen Projektphasen
- Klärung: „Dürfen wir das so?“ und „Was müssen wir dokumentieren?“
statt erst zum Anwalt zu gehen, wenn die Lösung eigentlich schon fertig ist.
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Technik und Recht gemeinsam denken
Ein KI-Projektplan für Industrie oder Robotik sollte immer beide Linien enthalten:- Technische Roadmap (Daten, Modell, Integration)
- Rechtliche Roadmap (Risikobewertung, Dokumentation, Verantwortlichkeiten)
Wer das ignoriert, riskiert Verzögerungen, Freigabestopps oder im schlimmsten Fall Rückbau bereits implementierter Lösungen.
3. Konkrete KI-Anwendungsfelder für Industrie & Dienstleistung
Der KI-Tag zeigt eine breite Palette von KI-Demonstratoren – und viele davon passen direkt zu typischen Herausforderungen österreichischer KMU.
3.1 KI in Produktion und Robotik
Folgende Exponate sind besonders spannend für die Fertigung und Automobilzulieferer sowie den Maschinenbau:
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KI-basierte Schraubenerkennung für roboterbasierte Demontage
Relevanz z. B. für:- industrielle Demontage von Altgeräten
- Recycling-Anlagen
- Remanufacturing von Komponenten
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KI-basierte Objekterkennung und Greifplanung (ROS)
Nutzbar für:- Kleinteilehandling
- Kommissionierung im Lager
- flexible Montagezellen mit kollaborierenden Robotern
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Sichere Roboteranwendungen mit Robo-DashCam
Fokus: Überwachung und Nachvollziehbarkeit von Roboterbewegungen – wichtig für Sicherheit, Audits und Versicherungsfragen. -
Generative KI für die Instandhaltung (genAI4maintenance)
Idee: Servicetechniker:innen erhalten KI-gestützte Vorschläge für Fehlersuche, Ersatzteile und Reparaturschritte.
Für österreichische Betriebe – etwa Automobilzulieferer in der Steiermark, Maschinenbauunternehmen in Oberösterreich oder Verpackungshersteller in Niederösterreich – eröffnen sich daraus greifbare Pilotprojekte:
- Visuelle End-of-Line-Prüfung mit KI statt rein manueller Kontrolle
- Flexible Robotikzellen für kleinere Losgrößen
- Wissensassistenten für Instandhaltungsteams, um Erfahrungswissen zu sichern
3.2 KI für Dienstleistung und Digital Business
Der KI-Tag betrachtet KI nicht nur aus Sicht der Produktion, sondern auch für Dienstleistungen und digitale Geschäftsmodelle:
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Kundenverhalten verstehen dank KI-gesteuerter Agenten
Nutzbar z. B. für:- österreichische Handelsunternehmen
- Tourismusbetriebe (Buchungs- und Anfragedaten)
- Serviceanbieter mit Callcentern oder Support-Teams
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Effiziente Dokumentenanalyse mit KI (Aikido)
Spannend für:- Steuerberater:innen und Rechtsanwaltskanzleien
- technische Büros und Ingenieurdienstleister
- Produktionsunternehmen mit umfangreichen Spezifikationen und Lastenheften
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Generative Fehlerbilderkennung
Kombiniert Bildverarbeitung mit generativer KI, um selbst seltene Fehlerbilder robust zu erkennen – relevant für hochwertige Fertigung (z. B. Automotive, Elektronik, Medizintechnik).
Damit zeigt der KI-Tag sehr deutlich: KI ist kein reines Produktions-Tool, sondern ein Querschnittsthema über alle Branchen – genau wie wir es im Leitfaden für die österreichische Industrie sehen.
4. Mensch im Mittelpunkt: Intuitive, sichere und verständliche KI
Ein weiterer Schwerpunkt des KI-Tags ist die Mensch-Technik-Interaktion. Das ist der Punkt, den viele KI-Projekte unterschätzen: Die Lösung kann technisch brillant sein – wenn Mitarbeitende sie nicht verstehen, nicht vertrauen oder sie als Bedrohung sehen, wird sie im Alltag nicht genutzt.
4.1 Intuitive und feinfühlige Interaktion
Gezeigt werden u. a.:
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Adaptive Arbeitsumgebungen zur Förderung von Flow bei der Arbeit
Systeme, die sich an den Zustand des Menschen anpassen (z. B. Belastung, Tempo), statt umgekehrt. -
KI-gestütztes Assistenzsystem (DafNe)
Unterstützung z. B. bei komplexen Montage- oder Prüfaufgaben, ohne die Mitarbeitenden zu überfordern.
Für österreichische Unternehmen heißt das:
Wenn Sie KI in Fertigung, Logistik oder Kundenservice einführen, planen Sie Change Management und UX gleich mit ein:
- Mitarbeitende frühzeitig einbinden und Rückmeldungen einholen
- Erklärbare Oberflächen statt „Black Box“-Entscheidungen
- Ergonomie und Akzeptanz ernst nehmen – gerade in der Industrie
4.2 Erklärbare KI (xAI) und Vertrauen
Der KI-Tag adressiert explizit erklärbare KI (xAI). Das ist mehr als ein Buzzword:
Für regulierte Branchen (Automobil, Medizintechnik, Energie) wird es entscheidend, dass Unternehmen begründen können, warum ein KI-System eine bestimmte Entscheidung getroffen hat.
Für die Praxis in Österreich bedeutet das:
- Setzen Sie bei kritischen Anwendungen (Qualität, Sicherheit, Personalentscheidungen) auf Modelle mit erklärbaren Komponenten.
- Dokumentieren Sie, welche Eingabedaten zu welchen Ergebnissen führen.
- Schulen Sie Führungskräfte und Fachkräfte darin, KI-Ergebnisse kritisch zu bewerten – und nicht blind zu übernehmen.
Ein Satz, den man sich als Leitlinie an die Wand hängen kann:
KI soll Menschen unterstützen, nicht entmündigen.
5. Sicherheit, Cyberrisiken und Deepfakes: Die Schattenseite der KI
Der KI-Tag blendet Risiken nicht aus, sondern zeigt sie explizit – etwa mit Demos zu Cybersicherheit, Spear Phishing und Voice Cloning.
Warum das relevant ist:
- KI senkt die Einstiegshürde für Angreifer massiv.
Professionell wirkende Phishing-Mails oder täuschend echte Stimme des „Geschäftsführers“ sind heute leicht generierbar. - Gerade österreichische KMU werden oft als „zu klein für einen Angriff“ eingeschätzt – ein gefährlicher Irrtum.
Konsequenzen für Ihr Unternehmen:
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Security-Trainings aktualisieren
Sensibilisieren Sie Mitarbeitende auf KI-gestützte Angriffe (Deepfakes, perfekt formulierte E-Mails, gefälschte Stimmen). -
Klare Prozesse für Freigaben und Zahlungen
Vier-Augen-Prinzip und Rückruf über bekannte Nummern, wenn ungewöhnliche Anweisungen kommen – unabhängig davon, wie „echt“ die Stimme klingt. -
IT-Security und KI-Projekte gemeinsam denken
Jede neue KI-Anwendung ist auch eine neue Angriffsfläche (APIs, Datenzugänge, Cloud-Dienste). Binden Sie Ihre IT-Security von Beginn an ein.
Der Mehrwert solcher Demos am KI-Tag: Man erlebt live, wie überzeugend Angriffe heute aussehen – und wie man sich praktisch schützt.
6. Wie österreichische KMU von Angeboten wie dem KI-Tag profitieren können
Auch wenn KIRR Real und das KI-Fortschrittszentrum sich formal auf Baden-Württemberg fokussieren, lassen sich Struktur und Ansatz exzellent auf Österreich übertragen.
6.1 Was der KI-Tag strategisch vormacht
Drei Dinge stechen heraus, die für die österreichische KI-Landschaft besonders interessant sind:
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Niederschwelliger Zugang
- Kostenlose Veranstaltung
- Führung durch Labore statt trockener Theorie
- Möglichkeit zum direkten Gespräch mit Expert:innen
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Verknüpfung von Technik, Recht und Wirtschaft
- KI-Anwendungen werden nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenspiel mit:
- Rechtsrahmen (EU AI Act, Maschinenverordnung)
- Geschäftsmodellen (Digital Business)
- Organisation und Mensch-Technik-Interaktion
- KI-Anwendungen werden nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenspiel mit:
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Geförderte Zusammenarbeit mit Unternehmen
- Bewerbungsfristen für Projekte mit Unternehmen
- Ziel: KMU anwendungsnah unterstützen, ohne sie finanziell zu überfordern
6.2 Konkrete Schritte für Betriebe in Österreich
Wenn Sie in Österreich ein Industrie-, Dienstleistungs- oder Tourismusunternehmen führen und sich fragen, wie Sie diesen Ansatz nutzen können, bieten sich folgende Schritte an:
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Interne KI-Potenzialanalyse starten
- Wo fallen in Ihrem Betrieb viele wiederholbare Entscheidungen an?
- Wo ist Qualitätssicherung kritisch und (noch) manuell?
- Wo liegen ungenutzte Daten (Sensoren, ERP, CRM, Ticketsysteme)?
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Ein Pilotprojekt wählen, das überschaubar, aber geschäftskritisch genug ist
Beispiele:- Visuelle Qualitätsprüfung einer Produktgruppe
- KI-gestützte Auswertung von Servicetickets
- Dokumentenanalyse für wiederkehrende Verträge oder Wartungsprotokolle
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Partner suchen, die Technik UND Recht im Blick haben
In Österreich gibt es:- außeruniversitäre Forschungseinrichtungen
- FHs und Universitäten mit KI-Schwerpunkten
- Cluster-Organisationen und Kammern, die erste Ansprechpartner sein können
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Veranstaltungen und Testumgebungen aktiv nutzen
Der KI-Tag zeigt: Live-Demos und Reallabore senken Hemmschwellen enorm.
Suchen Sie gezielt nach Möglichkeiten, KI in Testumgebungen auszuprobieren, bevor Sie produktiv umstellen. -
Frühzeitig Compliance und Datenschutz einbauen
Holen Sie Datenschutzbeauftragte, Betriebsrat und ggf. Jurist:innen von Beginn an dazu – nicht erst am Ende des Projekts.
Fazit: Was Sie sich vom KI-Tag abschauen sollten
Der KI-Tag am Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart zeigt sehr klar, wie ein praxisnaher, rechtssicherer und menschzentrierter Zugang zu KI aussehen kann. Für die österreichische Industrie und ihre KMU lassen sich daraus drei Lehren ziehen:
- KI braucht Reallabore statt PowerPoint – erst wenn man Roboter, Qualitätssicherung, Assistenzsysteme und Cyberangriffe live erlebt, wird klar, was heute machbar ist.
- Recht, Sicherheit und Mensch gehören von Anfang an dazu – sonst bleiben KI-Projekte entweder in der Konzeptphase stecken oder scheitern am Widerstand in der Organisation.
- Geförderte, anwendungsnahe Kooperation ist der schnellste Weg in die Praxis – gerade für KMU, die keine eigenen Data-Science-Teams aufbauen können oder wollen.
Wenn Sie sich fragen, wie Sie diesen Ansatz auf Ihr Unternehmen in Österreich übertragen können, ist der erste Schritt simpel: Identifizieren Sie ein konkretes Problem, bei dem Daten bereits vorhanden sind – und holen Sie sich Partner, die Technik und Recht gemeinsam denken.
Die nächste Generation erfolgreicher Betriebe in der österreichischen Industrie wird nicht die sein, die am lautesten über KI reden, sondern jene, die heute klein anfangen, sauber arbeiten – und Schritt für Schritt echte Wertschöpfung mit KI aufbauen.