Wie der Fraunhofer KI-Tag österreichischen KMU zeigt, wie man KI in der Produktion rechtssicher und praxisnah einführt – mit konkreten Beispielen und Fahrplan.
Warum der Fraunhofer KI-Tag auch für österreichische KMU spannend ist
Viele österreichische Industriebetriebe stehen Anfang 2025 vor demselben Dilemma: Alle reden über Künstliche Intelligenz in der Produktion, aber im eigenen Werk gibt es mehr Fragen als Antworten. Welche KI-Anwendung bringt wirklich einen Nutzen? Wie bleibt man rechtssicher – Stichwort EU AI Act und Maschinenverordnung? Und wie fängt man an, ohne das Budget zu sprengen?
Genau an dieser Stelle wird eine Veranstaltung wie der KI-Tag am Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart (15.05.2025) interessant – auch wenn Ihr Unternehmen in Linz, Graz oder Innsbruck sitzt. Der KI-Tag zeigt sehr konkret, wie KI in Produktion, Dienstleistung und Robotik bereits heute eingesetzt wird und wie Unternehmen – gerade KMU – niedrigschwellig einsteigen können.
In unserer Serie „KI in der österreichischen Industrie: Leitfaden für KMU“ nehmen wir diesen KI-Tag als Blaupause: Was passiert dort, was lässt sich davon auf österreichische Betriebe übertragen – und wie können Sie jetzt davon profitieren, ohne selbst vor Ort zu sein?
Was der KI-Tag bietet – und warum das für KMU relevant ist
Der KI-Tag ist im Kern ein Open Lab Day: Unternehmen können von 9:00 bis 16:00 Uhr reale KI-Anwendungen sehen, mit Expert:innen sprechen und sich über geförderte Projekte informieren. Für österreichische KMU ist eines besonders interessant: Die Veranstaltung ist komplett anwendungsorientiert – es geht nicht um Visionen, sondern um umgesetzte Lösungen.
Drei zentrale Mehrwerte des KI-Tags
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Klarheit über rechtliche Anforderungen
Der KI-Tag adressiert gezielt die rechtlichen Fragen rund um:- EU AI Act
- neue Maschinenverordnung
- Sicherheit von KI-gestützten Robotern
Die Rechtslage unterscheidet sich in Österreich nicht von Deutschland – es geht um EU-Recht. Was dort diskutiert wird, ist also direkt relevant für österreichische Industriebetriebe.
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Konkrete KI-Anwendungsfälle aus Produktion und Dienstleistung
Statt abstrakter Vorträge sehen Teilnehmende:- KI für Qualitätssicherung und Umgebungserfassung
- KI für Industrie- und Serviceroboter
- KI für Digital Business und Future Mobility
- KI für intuitive, feinfühlige Mensch-Technik-Interaktion
Das sind genau die Themen, die auch österreichische Fertiger, Logistiker und Dienstleister aktuell beschäftigen.
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Zugang zu geförderten Projekten
Die Projekte KIRR Real und KI-Fortschrittszentrum „Lernende Systeme und Kognitive Robotik“ bieten Unternehmen:- kostenfreie Bewerbung auf geförderte Zusammenarbeit
- gemeinsame Pilotprojekte
- rechtliche Quick Checks zur Absicherung
Für österreichische Unternehmen mag die direkte Teilnahme begrenzt oder mit Aufwand verbunden sein, aber: Die Strukturen und Vorgehensweisen dieser Projekte sind ein hervorragendes Vorbild für Kooperationen mit österreichischen Forschungsinstitutionen (z.B. TU Wien, JKU Linz, TU Graz, FHs, Kompetenzzentren).
Was österreichische KMU konkret daraus mitnehmen können
Die wichtigste Erkenntnis aus dem KI-Tag lautet: KI-Einstieg beginnt nicht mit Technologie, sondern mit einem klaren Anwendungsfall und rechtlicher Klarheit. Genau so sollten auch österreichische KMU an das Thema herangehen.
1. Von den Themenschwerpunkten auf die eigene Roadmap schließen
Die beim KI-Tag genannten Schwerpunkte sind eine perfekte Checkliste für Ihre eigene KI-Strategie:
- Rechtliche Anforderungen aus AI Act und Maschinenverordnung
- KI-Anwendungsfälle in Produktion und Dienstleistung
- KI für Industrie- und Serviceroboter
- KI für Qualitätssicherung und Umgebungserfassung
- KI für Digital Business
- KI und Future Mobility
- KI für Mensch-Technik-Interaktion
Wenn Sie in einem österreichischen KMU Verantwortung tragen (Geschäftsführung, Werksleitung, Digitalisierung), können Sie sich daran orientieren:
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Was betrifft uns kurzfristig?
Beispiel: Qualitätssicherung, Dokumentenanalyse, Assistenzsysteme an bestehenden Anlagen. -
Was betrifft uns mittelfristig?
Beispiel: KI-gestützte Robotik, Predictive Maintenance, flexible Montagesysteme. -
Was ist strategisch relevant in 3–5 Jahren?
Beispiel: Future Mobility, autonome Intralogistik, KI-basierte Geschäftsmodelle.
Daraus wird schnell eine erste KI-Roadmap, ohne dass Sie ein einziges Datenmodell gesehen haben.
2. Rechtskonforme KI als Wettbewerbsvorteil verstehen
Das Forschungsprojekt „KIRR Real – Reallabor für rechtskonforme KI und Robotik“ fokussiert auf ein Thema, das viele unterschätzen: Rechtssicherheit.
Dort werden u.a. sogenannte Legal Quick Checks angeboten, um rechtliche Unsicherheiten abzubauen. Übertragen auf österreichische Verhältnisse heißt das:
- Suchen Sie sich frühzeitig jurische Expertise, die KI, Produkthaftung und Arbeitssicherheit versteht.
- Prüfen Sie Pilotprojekte stets entlang von Fragen wie:
- Welche Daten werden erhoben, und sind sie DSGVO-konform?
- Gibt es Auswirkungen auf die CE-Zertifizierung von Maschinen?
- Fällt unser Use Case unter eine Hochrisiko-Kategorie des EU AI Act?
Wer das von Anfang an sauber aufsetzt, vermeidet teure Nachrüstungen und Projektstopps – und kann KI-Anwendungen später leichter skalieren, auch international.
3. Vom Labor zur eigenen Fertigung: Was die Demo-Exponate verraten
Die beim KI-Tag gezeigten Exponate geben einen sehr klaren Blick darauf, wo KI heute reif für den produktiven Einsatz ist. Einige Beispiele, die direkt auf österreichische Produktionsbetriebe übertragbar sind:
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Effiziente Dokumentenanalyse mit KI (Aikido)
Übertragbar auf: technische Dokumentation, Wartungsanleitungen, Normen, Produktionsberichte.
Nutzen: schnellere Informationssuche, weniger Fehler durch veraltete oder falsch interpretierte Dokumente. -
KI-gestütztes Assistenzsystem (DafNe)
Übertragbar auf: Werkerführung in Montage, Rüstanleitungen, Unterstützung neuer Mitarbeitender.
Nutzen: kürzere Einarbeitungszeiten, weniger Fehler, bessere Prozessstabilität.
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Sichere Roboteranwendungen mit Robo-DashCam
Übertragbar auf: Mensch-Roboter-Kollaboration an bestehenden Linien, Nachrüstung in Brownfield-Werken.
Nutzen: mehr Automatisierung ohne aufwändige Schutzzäune, höhere Sicherheit. -
KI-basierte Schraubenerkennung für roboterbasierte Demontage
Übertragbar auf: Remanufacturing, Recycling, Instandsetzung von Komponenten.
Nutzen: verbesserte Kreislaufwirtschaft, wettbewerbsfähige Aufarbeitung in Österreich statt Auslagerung. -
Generative KI für die Instandhaltung (genAI4maintenance)
Übertragbar auf: Störungsanalyse, Ersatzteilidentifikation, Wartungsplanung.
Nutzen: weniger Stillstände, bessere Nutzung von Erfahrungswissen älterer Mitarbeitender.
Diese Beispiele zeigen: Es geht nicht um „Science Fiction“, sondern um sehr konkrete Verbesserungen in bestehenden Prozessen. Genau so sollten österreichische Unternehmen ihre ersten KI-Projekte auswählen.
So übertragen Sie das Konzept des KI-Tags auf Ihr Unternehmen
Man muss nicht persönlich in Stuttgart sein, um vom Ansatz des KI-Tags zu profitieren. Viel wichtiger ist, die dahinterliegende Struktur nachzubauen – im eigenen Unternehmen und mit Partnern in Österreich.
Schritt 1: Eigenen „KI-Tag im Kleinen“ organisieren
Ein praxisnaher Ansatz, den ich in Betrieben gesehen habe, die erfolgreich starten:
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Interner Workshop (½ Tag)
- Beteiligte: Produktion, Instandhaltung, Qualität, IT, Arbeitssicherheit, Betriebsrat.
- Ziel: Sammeln von Pain Points und Ideen für KI-Anwendungen.
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Sortieren nach Nutzen und Umsetzbarkeit
- Hoher Nutzen, schnelle Umsetzung: Pilotkandidaten.
- Hoher Nutzen, komplex: strategische Projekte.
- Niedriger Nutzen: parken.
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Einbindung externer Partner
- FH, Universität, Kompetenzzentrum oder Technologieanbieter aus Ihrem Bundesland.
- Klarer Auftrag: 1–2 Use Cases als „Reallabor“ gemeinsam testen.
Damit entsteht eine strukturierte, greifbare KI-Initiative, statt isolierter Einzelprojekte.
Schritt 2: Rechtliche und organisatorische Leitplanken definieren
Analog zu KIRR Real sollten österreichische KMU früh festlegen:
- Wer trägt intern Verantwortung für KI-Governance (häufig IT/DSB + Qualitätsmanagement)?
- Welche Kriterien gelten für die Auswahl von KI-Projekten (Sicherheit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit)?
- Wie werden Mitarbeitende eingebunden, geschult und informiert?
Gerade in Produktionsumgebungen ist Akzeptanz entscheidend. Wenn Mitarbeitende verstehen, dass KI:
- monotone Aufgaben abnimmt,
- Sicherheit erhöht und
- Entscheidungen nachvollziehbar macht,
steigt die Bereitschaft, neue Systeme aktiv mitzugestalten.
Schritt 3: Testen, messen, skalieren
Was der KI-Tag mit seinem Besuch im KI-Fortschrittszentrum zeigt, ist für österreichische Betriebe ein klarer Fahrplan:
- Use Case prototypisch testen – am besten in einer Testumgebung oder unkritischen Linie.
- Konkrete Kennzahlen definieren, z.B.:
- Reduktion von Ausschuss in %
- Reduktion von Stillständen in Stunden pro Monat
- eingesparte Suchzeit bei Dokumenten in Minuten pro Schicht
- Ergebnisse dokumentieren – technisch, wirtschaftlich, rechtlich.
- Skalierbare Architektur aufbauen – damit nicht jeder neue Use Case ein IT-Sonderfall wird.
Wer das systematisch angeht, kann in 6–12 Monaten von den ersten Experimenten zu produktiven KI-Lösungen in der Fertigung kommen.
Was Sie aus den Partnerständen für Österreich ableiten können
Am KI-Tag sind auch Organisationen wie IHK Region Stuttgart, Allianz Industrie 4.0 BW und das EU-Forschungsprojekt AI-Matters präsent. Deren Rolle ist klar: Sie dienen als Brücke zwischen Forschung und Unternehmen.
In Österreich gibt es vergleichbare Strukturen – etwa Wirtschaftskammern, Clusterinitiativen, Förderstellen und europäische Digital Innovation Hubs. Die Lehre aus dem KI-Tag lautet:
Unternehmen, die KI erfolgreich in der Produktion verankern, arbeiten fast immer eng mit Ökosystem-Partnern zusammen, statt alles allein zu versuchen.
Für österreichische KMU bedeutet das konkret:
- Suchen Sie gezielt nach Förderprogrammen für KI in der Industrie (national und EU-weit).
- Nutzen Sie Testumgebungen und Reallabore, statt direkt in der eigenen Kernlinie zu starten.
- Kooperieren Sie mit mehreren Partnern: Forschung, Technologieanbieter, Beratung.
Nächste Schritte für österreichische Industriebetriebe
Der Fraunhofer KI-Tag zeigt eindrucksvoll, wie strukturiert sich deutsche Institute dem Thema KI in der Produktion nähern. Für die österreichische Industrie ist das kein Konkurrenzsignal, sondern ein Orientierungsrahmen.
Wenn Sie Teil unserer Serie „KI in der österreichischen Industrie: Leitfaden für KMU“ bisher begleitet haben, fügt sich dieser Blick nach Stuttgart nahtlos ein:
- KI-Einstieg beginnt bei klaren Use Cases, nicht bei Hype-Themen.
- Rechtskonformität und Sicherheit müssen von Anfang an mitgedacht werden.
- Reallabore, Testumgebungen und geförderte Projekte beschleunigen die Umsetzung massiv.
Der praktikabelste nächste Schritt: Planen Sie für Ihr Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 einen eigenen „KI-Tag“ – intern oder gemeinsam mit einem Forschungspartner in Österreich. Laden Sie Fachbereiche, IT, Betriebsrat und externe Expert:innen ein, und machen Sie KI greifbar.
Je früher österreichische KMU anfangen, mit kleinen, rechtssicheren Projekten Erfahrung zu sammeln, desto leichter wird es, in zwei, drei Jahren nicht nur mitzuhalten, sondern im eigenen Marktsegment Vorreiter für KI in der Produktion zu sein.