Österreich verzeichnet 2025 mehr Firmeninsolvenzen. Warum das für KMU ein Warnsignal ist – und wie KI hilft, Liquidität, Risiken und Prozesse stabil zu steuern.
Mehr Insolvenzen 2025 – und was das für KMU bedeutet
6.857 Firmeninsolvenzen bis Dezember 2025 – laut Hochrechnung des KSV1870 ein Plus von 4,1 % gegenüber 2024. In Tausenden Fällen waren nicht einmal mehr 4.000 Euro in der Kassa, um ein ordentliches Verfahren zu finanzieren. Genau hier zeigt sich brutal ehrlich, wie knapp viele österreichische KMU tatsächlich kalkulieren.
Für die Serie „KI in der österreichischen Industrie: Leitfaden für KMU“ ist das mehr als eine Randnotiz. Diese Zahlen sind ein Warnsignal: Wer seine Prozesse, Liquidität und Risiken nicht im Griff hat, landet schneller in der Statistik, als ihm lieb ist. Die gute Nachricht: Künstliche Intelligenz ist mittlerweile so niedrigschwellig einsetzbar, dass selbst kleine Betriebe konkrete finanzielle Vorteile daraus ziehen können.
In diesem Beitrag geht es darum,
- was die aktuelle Insolvenzstatistik über die Lage der österreichischen Wirtschaft verrät,
- welche typischen Risiken KMU in die Insolvenz treiben,
- und wie KI-Lösungen – von Predictive Analytics bis Automatisierung – helfen, die eigene Firma stabiler und widerstandsfähiger zu machen.
Was die KSV-Zahlen ĂĽber die Lage der Betriebe verraten
Die Insolvenzstatistik 2025 zeigt ein gemischtes Bild: Ja, es gibt mehr Pleiten, aber auch Lichtblicke, die KMU nutzen sollten.
Zentrale Zahlen 2025 – kurz und klar
- 6.857 Firmeninsolvenzen (+4,1 % gegenĂĽber 2024)
- 4.222 eröffnete Verfahren (+1,5 %)
- 2.635 nicht eröffnete Verfahren (+8,5 %), weil die Kostendeckung fehlt
- Passiva rund 8,4 Mrd. Euro, mehr als halbiert gegenüber 2024 (2024 war von Signa-Großfällen verzerrt)
- Zahl der Gläubiger: ca. +8 %
- betroffene Mitarbeiter:innen: fast –28 %
- Privatkonkurse: knapp über 8.800 Fälle, kaum Veränderung, aber +18 % höhere Passiva
KSV-Chef Ricardo-Jose Vybiral spricht davon, dass die Geschäftslage stagniert und der freie Fall vorerst gestoppt ist. Das klingt nüchtern – und ist es auch. Stabil heißt aktuell: auf niedrigem Niveau.
Regionale Brüche – warum der Standort zählt
Besonders spannend für KMU ist der Blick auf die Bundesländer:
- Burgenland: rund –1/3 weniger Firmeninsolvenzen
- Salzburg: +22,7 %
- Oberösterreich: +20,8 %
- Tirol: +14,9 %
- Steiermark: Firmenpleiten rückläufig
Für die Praxis heißt das: Der Standort hat Einfluss auf Nachfrage, Kostenstruktur und Branchenmix – aber kein Bundesland ist per se „sicher“. Wer sich nur auf die allgemeine Konjunktur verlässt, hat schon verloren. Wer seine Zahlen aktiv steuert, hat auch in schwierigeren Regionen gute Chancen.
Der eigentlich beunruhigende Wert: nicht eröffnete Insolvenzen
Besonders kritisch ist der starke Anstieg der nicht eröffneten Verfahren. In über 2.600 Fällen war im Unternehmen so wenig Liquidität vorhanden, dass nicht einmal die Mindestkosten eines Verfahrens bezahlt werden konnten – oft unter 4.000 Euro in der Kassa.
Das ist ein Alarmzeichen fĂĽr:
- fehlende Liquiditätsplanung
- zu späte Reaktion auf Krisen
- kaum Polster fĂĽr unerwartete Schocks
Genau an diesen Punkten kann KI fĂĽr KMU einen messbaren Unterschied machen.
Warum KMU scheitern – und wo KI konkret ansetzen kann
Die häufigsten Gründe für Insolvenzen sind bekannt: fehlende Liquidität, schlechte Planung, verspätete Reaktionen und schwache Kontrolle über Kosten und Forderungen. Das Problem: Viele KMU wissen es – setzen aber trotzdem weiterhin auf Excel, „Bauchgefühl“ und hektisches Reagieren.
Typische Risikofaktoren in KMU
Aus Gesprächen mit mittelständischen Betrieben in Österreich tauchen immer wieder dieselben Muster auf:
- Kein tagesaktueller Überblick über Liquidität und offene Posten
- Zahlungsziele werden zu locker vergeben und kaum aktiv gemanagt
- Lagerbestände sind zu hoch oder falsch strukturiert
- Aufträge werden angenommen, obwohl die Marge kaum bekannt ist
- Frühe Warnsignale (sinkende Nachfrage, steigende Ausfälle) werden übersehen
Die Insolvenzstatistik 2025 spiegelt genau das wider: Mehr Gläubiger, aber weniger betroffene Mitarbeitende – also viele kleinere, „ausgetrocknete“ Unternehmen, die sich still verabschieden.
Wie KI hier praktisch hilft – ohne Konzernbudget
Der größte Irrtum: KI sei nur etwas für Konzerne. Stimmt nicht mehr. Viele Lösungen sind heute als Cloud-Services oder in bestehende ERP- und Buchhaltungssysteme integriert.
Drei Einsatzfelder, die ich fĂĽr KMU in Ă–sterreich fĂĽr besonders wirkungsvoll halte:
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Predictive Analytics für Liquidität
KI analysiert historische Einnahmen, Ausgaben, Saisonverläufe und Zahlungsziele und erstellt Prognosen:- Wie entwickelt sich die Liquidität in den nächsten 30, 60, 90 Tagen?
- Welche Kunden zahlen voraussichtlich verspätet?
- Welche Investition bringt die Liquidität an die Grenze?
Statt „Wir schauen im Quartal, wie es aussieht“ haben Sie ein Frühwarnsystem, das auf konkrete Zahlen schaut.
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Automatisiertes Forderungsmanagement
KI-gestĂĽtzte Systeme priorisieren Mahnungen, schlagen passende Mahntexte vor und identifizieren Problemkunden frĂĽhzeitig. Praktisch:- automatische Zahlungs-Erinnerungen zur richtigen Zeit
- Risiko-Scoring fĂĽr Neukunden auf Basis von Zahlungs- und Branchenmustern
- Szenarien: „Was passiert, wenn 10 % meiner Kunden 30 Tage später zahlen?“
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KI-gestĂĽtzte Kosten- und Prozessanalyse
Besonders in der Industrie und im Dienstleistungsbereich:- Erkennung von Prozessen mit hohem Zeit- und Kostenaufwand
- Vorschläge zur Automatisierung (z.B. Datenerfassung, Angebotslegung, Disposition)
- Identifikation unrentabler Produkte oder Dienstleistungen
Das Ziel ist nicht „mehr KI“, sondern weniger Blindflug.
Wirtschaftliche Unsicherheit: KI als Stabilisator im Alltag
Die gestiegenen Insolvenzen und die Debatte um das Betrugsbekämpfungsgesetz zeigen: Das Umfeld wird für Unternehmen nicht einfacher. Der Staat zieht die Schrauben bei Steuern und Kontrollen an, gleichzeitig bleiben viele Märkte volatil.
Was das Betrugsbekämpfungsgesetz für KMU indirekt bedeutet
Der KSV kritisiert, dass mit dem neuen Betrugsbekämpfungsgesetz der Staat als Gläubiger bevorzugt wird und weniger Anreiz hat, frühzeitig Insolvenzanträge zu stellen. Die Sorge: Mehr Zombieunternehmen, verschleppte Insolvenzen, Gläubiger bleiben eher auf Forderungen sitzen.
FĂĽr KMU heiĂźt das nĂĽchtern betrachtet:
- Sie müssen ihre eigenen Risiken besser steuern – auf den Staat als Frühwarnsystem ist weniger Verlass.
- Je transparenter und sauberer Ihre Prozesse sind, desto besser stehen Sie bei Banken, Partnern und PrĂĽfinstanzen da.
Hier punkten Unternehmen, die Daten strukturiert nutzen und KI fĂĽr Monitoring und Compliance einsetzen.
Konkrete KI-Anwendungen zur Risikoreduzierung
Ein paar Beispiele, wie österreichische KMU KI alltagstauglich nutzen können:
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Anomalie-Erkennung in Buchhaltung und Zahlungsströmen
KI erkennt ungewöhnliche Buchungen, plötzliche Kostensteigerungen oder verdächtige Zahlungsempfänger. Das schützt nicht nur vor Betrug, sondern auch vor simplen, teuren Fehlern. -
Szenario-Simulationen für Krisenfälle
„Was passiert, wenn unser wichtigster Kunde 20 % weniger bestellt?“, „Wie wirkt sich ein Zinsanstieg von 1 Prozentpunkt aus?“ – KI-basierte Modelle rechnen solche Szenarien in Minuten durch. -
Automatisierte Reports für Banken und Förderstellen
Wer seine Kennzahlen schnell und sauber liefern kann, hat bei Kreditverhandlungen schlicht die besseren Karten. KI kann Kennzahlen automatisch aufbereiten und grafisch darstellen.
Die Realität: Diese Tools sind heute in vielen ERP- und Controlling-Lösungen bereits eingebaut oder als Zusatzmodule verfügbar. Was fehlt, ist oft weniger die Technik – sondern die Entscheidung, sie konsequent zu nutzen.
Mehr GrĂĽndungen: Warum Start-ups KI von Anfang an mitdenken sollten
Eine positive Nachricht aus der KSV-Auswertung: Die Zahl der UnternehmensgrĂĽndungen ist gestiegen und ĂĽbersteigt die BetriebsschlieĂźungen deutlich. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Eigenkapitalquote der Unternehmen gestiegen.
Das ist ein guter Moment, um neu gegründeten Unternehmen eine klare Empfehlung mitzugeben: Baut KI nicht später „oben drauf“, plant sie von Anfang an ein.
Was GrĂĽnder:innen in Ă–sterreich jetzt strategisch entscheiden sollten
Wer 2025 in Ă–sterreich grĂĽndet, hat ein paar Vorteile:
- digitale Tools sind gĂĽnstig und skalierbar
- viele Branchen sind noch weit von echter Daten- und KI-Nutzung entfernt
- Förderlandschaft und Programme rund um Digitalisierung und KI werden laufend ausgebaut
Wer diese Phase nĂĽtzt, kann sich einen deutlichen Vorsprung sichern:
- KI-gestĂĽtzte Finanzplanung schon ab Tag 1
- Automatisierung von Standardprozessen (Rechnungen, Terminbuchung, Anfragen)
- Datengetriebene Preis- und Angebotsgestaltung statt BauchgefĂĽhl
Konkreter Fahrplan fĂĽr GrĂĽnder:innen und KMU
Ein pragmatischer 5-Schritte-Ansatz, der sich in vielen Betrieben bewährt hat:
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Ist-Analyse der Datenlage
Welche Daten gibt es schon (Buchhaltung, CRM, Produktion, Lager)? In welcher Qualität? Wo fehlen Schnittstellen? -
Ein klares Ziel definieren
Beispiel: „Zahlungsziele besser steuern und Forderungsausfälle um 20 % reduzieren“ oder „Produktionsstillstände um 15 % senken“. -
Ein Pilotprojekt aufsetzen
Klein anfangen, z.B. mit einem KI-gestützten Liquiditätscockpit oder automatisiertem Mahnwesen. -
Mitarbeitende mitnehmen
KI ersetzt keine Menschen, aber sie verändert Aufgaben. Wer die Buchhaltung macht, sollte verstehen, was das System berechnet – und wann man nachfragen muss. -
Iterativ ausbauen
Wenn der erste Use Case funktioniert, ist der zweite um ein Vielfaches einfacher. So entsteht Schritt fĂĽr Schritt ein echtes datengetriebenes KMU.
Wie KMU jetzt konkret handeln sollten
Die Insolvenzstatistik 2025 ist ein Reality-Check für die österreichische Wirtschaft. Mehr Pleiten, viele Firmen mit praktisch leerer Kassa, teils starke Unterschiede zwischen den Bundesländern – und gleichzeitig mehr Gründungen und höhere Eigenkapitalquoten. Wer das richtig liest, erkennt: Die Schere zwischen gut geführten und schlecht gesteuerten Unternehmen geht weiter auf.
FĂĽr KMU, die in Ă–sterreich produzieren, Handel treiben oder Dienstleistungen anbieten, heiĂźt das:
- Reines „Durchwurschteln“ wird riskanter.
- Datenbasierte Entscheidungen werden zum echten Wettbewerbsfaktor.
- KI ist kein Prestigeprojekt mehr, sondern ein Werkzeug zur Finanzstabilisierung.
Wer zur Gruppe der stabilen Betriebe gehören will, sollte jetzt prüfen:
- Haben wir tagesaktuelle Transparenz über Liquidität und Risiken?
- Nutzen wir bereits KI-Funktionen in unseren bestehenden Systemen – oder ignorieren wir sie?
- Wo können wir innerhalb von 3 Monaten einen ersten KI-Use-Case produktiv machen?
Die Unternehmen, über die wir in ein paar Jahren als Erfolgsgeschichten berichten, sind selten jene mit der perfekten Strategie auf dem Papier. Es sind jene, die früh anfangen, klein starten – und konsequent lernen.
Wer KI heute als Werkzeug begreift, um Insolvenzen vorzubeugen, Prozesse zu verschlanken und Finanzen unter Kontrolle zu bringen, erhöht die Chance deutlich, auch in der nächsten Insolvenzstatistik nur als Gläubiger – und nicht als Schuldner – aufzuscheinen.