Resilienz in der Metall- und Präzisionsindustrie entsteht durch vernetzte Plattformen, KI-gestützte Planung und digitale Transparenz – nicht durch mehr Lager.

Warum Resilienz jetzt zur Ăśberlebensfrage wird
Drei Ereignisse haben der Metallindustrie im deutschsprachigen Raum in weniger als zehn Jahren massiv zugesetzt: Covid‑19, der Ukrainekrieg und die Blockade des Suezkanals 2021. Für viele metallbe- und ‑verarbeitende Unternehmen bedeutete das: Aufträge weg, Material fehlt, Produktion steht.
Das Bittere daran: Ein Großteil dieser Betriebe ist laut Fraunhofer‑IPA bis heute nur „in Ansätzen“ digitalisiert. Papierlaufzettel, Insellösungen, Bauchgefühl statt Daten – in einer global vernetzten Lieferkette ist das ein Rezept für Krisen. Genau hier setzt das Forschungsprojekt RESIPLAT an. Und hier liegt auch eine riesige Chance für die Schweizer Präzisionsindustrie, KI nicht nur zur Qualitätskontrolle, sondern gezielt zur Resilienzsteigerung einzusetzen.
In dieser Folge unserer Reihe „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ schauen wir uns an, was RESIPLAT plant, warum Plattform-Ökosysteme die passende Antwort auf Schocks in der Metallindustrie sind – und wie Schweizer Unternehmen diesen Ansatz mit KI konkret nutzen können.
Vom Einzelkämpfer zum Netzwerk: Was RESIPLAT vorhat
Der Kern von RESIPLAT ist klar: Aus vielen isolierten Betrieben soll ein vernetztes, krisenfestes Ă–kosystem werden.
Das Fraunhofer‑Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) baut gemeinsam mit Industriepartnern eine digitale Plattform, über die metallbe- und ‑verarbeitende Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette miteinander verbunden sind. Zielhorizont: Ende 2027.
Drei Hebel fĂĽr mehr Resilienz
Aus der Presseinformation und den Projektdetails lassen sich drei zentrale Hebel herauslesen:
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Vernetzte Plattform ĂĽber die gesamte Lieferkette
Unternehmen teilen Informationen ĂĽber- Bedarfe
- vorhandene Materialien
- freie Fertigungskapazitäten
In einer Krise (z. B. Lieferant fällt aus) kann die Plattform alternative Kapazitäten im Netzwerk sichtbar machen. Statt Produktionstopp entsteht ein dynamischer Ausgleich zwischen Unternehmen.
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Digitalisierung und Transparenz im eigenen Betrieb
Das Plattform-Ökosystem zwingt zur Frage:„Welche Daten kann ich überhaupt teilen – und wie schnell?“
Genau hier beginnt die interne Digitalisierung:
- Sensorik an Maschinen
- digitale Erfassung von Lagerbeständen
- durchgängige Informationsflüsse statt Laufzettel
Maschinenstillstände und Qualitätsprobleme lassen sich so früher erkennen. Für Schweizer Präzisionsbetriebe ist das die Basis, um KI-Modelle für vorausschauende Wartung und Qualitätsprognosen zu nutzen.
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Resilienz-Schulungen und agile Organisation
Technik allein reicht nicht. RESIPLAT plant gezielte Schulungen und agile Strukturen, damit Mitarbeitende in Krisen- schneller entscheiden,
- Verantwortung ĂĽbernehmen,
- vorhandene Daten auch wirklich nutzen.
Die Kombination aus Plattform, Digitalisierung und Qualifizierung macht aus einer lose gekoppelten Branche ein lernendes Netzwerk.
Wo KI konkret ins Spiel kommt
Die Fraunhofer-Mitteilung spricht vor allem von Plattform und Resilienz-Managementsystem. Wer KI in der Industrie kennt, sieht aber sofort, wo künstliche Intelligenz diese Idee massiv verstärken kann – gerade in einer datenintensiven Metall- und Präzisionsfertigung.
1. KI-gestĂĽtzte Bedarfs- und Risikoprognosen
Sobald Bedarfe, Materialflüsse und Kapazitäten auf einer Plattform vorliegen, kann KI Muster erkennen, die mit dem bloßen Auge unsichtbar bleiben:
- Prognose von Nachfragepeaks auf Basis historischer Aufträge und Marktdaten
- Früherkennung von Engpässen durch Analyse von Lieferzeiten, Ausfallhistorien und geopolitischen Risiken
- Simulation von Schocks („Was passiert, wenn Lieferant A 30 Tage ausfällt?“)
Für Schweizer Präzisionsunternehmen, die oft in globalen Nischenmärkten unterwegs sind, kann eine solche KI-gestützte Resilienzplanung über Marktanteile entscheiden – oder über verlorene Kunden.
2. Intelligente Umplanung von Fertigung und Aufträgen
Resilienz zeigt sich im Alltag vor allem dann, wenn etwas nicht wie geplant läuft. Genau hier glänzt KI:
- Adaptive Feinplanung: Ein KI-System bewertet laufend Maschinenauslastung, Rüstzeiten und Liefertermine und schlägt alternative Reihenfolgen vor.
- Automatische Kapazitätsvermittlung im Netzwerk: Fällt eine Linie aus, kann die Plattform gemeinsam mit einem Optimierungs- oder KI-Modell passende Partner im Ökosystem finden:
- richtige Technologie (z. B. 5‑Achs-Fräsen, Laserschneiden)
- passende Zertifizierungen
- verfĂĽgbare Slots im gewĂĽnschten Zeitfenster
Die Schweizer Präzisionsindustrie ist bekannt für Zuverlässigkeit. Eine solche KI-gestützte, netzwerkweite Planungslogik macht dieses Qualitätsversprechen robuster – selbst wenn die eigene Fertigung ins Stolpern gerät.
3. Qualitätskontrolle und predictive Maintenance als Resilienzfaktor
In unserer Serie zur KI in der Schweizer Industrie tauchen zwei Themen immer wieder auf:
- Qualitätskontrolle mit Computer Vision
- vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance)
Beide sind nicht nur Effizienzthemen, sondern direkt mit Resilienz verknĂĽpft:
- Jede ungeplante Maschinenstörung ist ein Mini-Schock. KI-Modelle, die auf Sensordaten basieren, reduzieren solche Ausfälle.
- KI-basierte Sichtprüfungen erkennen Qualitätsabweichungen früh. Ausschussraten sinken, Nacharbeit und Terminverzüge ebenfalls.
Im Plattform-Kontext von RESIPLAT entsteht daraus etwas Spannendes:
Ein Unternehmen, das KI in der Instandhaltung nutzt, wird im Netzwerk berechenbarer – und damit als Partner attraktiver.
Praxisnah: Wie ein Schweizer KMU diesen Ansatz nutzen kann
Theorie ist nett. Entscheidend ist die Frage: Was kann ein mittelständischer Schweizer Metall- oder Präzisionsbetrieb heute tun, um sich in Richtung eines RESIPLAT-ähnlichen Ökosystems zu bewegen?
Schritt 1: Datenbasis schaffen – ohne Perfektionismus
Viele Firmen zögern, weil „die Daten noch nicht sauber genug“ sind. Das ist in der Praxis selten ein gutes Argument. Ein realistischer Start sieht so aus:
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Top‑3 kritische Ressourcen definieren
Zum Beispiel: bestimmter Stahltyp, hoch beanspruchte Achse einer SchlĂĽsselmaschine, Spezialwerkzeuge. -
Minimal-Transparenz herstellen
- Digitale Erfassung der Lagerbestände (z. B. via Barcode oder einfache Scanner-App)
- Erfassung von Maschinenzuständen (läuft/steht, Störgründe)
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Erste Auswertung fahren
- Welche Teile fehlen häufig?
- Wo häufen sich Störungen?
Damit ist der Grundstein gelegt – sowohl für ein Resilienz-Managementsystem als auch für einfache KI-Modelle, die Muster in Störungen oder Lieferschwankungen erkennen.
Schritt 2: Interne „Mini-Plattform“ aufbauen
Bevor man sich einem externen Ă–kosystem anschlieĂźt, lohnt sich ein interner Test:
- Zentrales Dashboard für Lagerbestände, laufende Aufträge, Maschinenauslastung
- Standardisierte Datenschnittstellen (z. B. OPC UA an Maschinen, einfache APIs zur ERP- oder MES‑Anbindung)
- Alerts bei kritischen Situationen (z. B. Materialbestand unter Mindestniveau, unerwarteter Stillstand)
Das ist im Grunde eine Plattform im Kleinen. Wer sie im Griff hat, kann später deutlich leichter Teil eines überbetrieblichen Netzwerks werden – egal ob in der DACH-Region oder in einem speziell Schweizer Cluster.
Schritt 3: Pilot mit KI – klein, fokussiert, messbar
Statt „KI in der ganzen Fabrik“ empfehle ich ein fokussiertes Pilotprojekt, etwa:
- Predictive Maintenance an einer kritischen Maschine mit hoher Ausfallkostenquote
- KI-gestĂĽtzte visuelle PrĂĽfung eines Bauteils mit hoher Ausschussrate
Worauf Sie achten sollten:
- Klare Kennzahlen: z. B. „Ausfallstunden um 30 % senken in 6 Monaten“
- Datenqualität: definieren, welche Sensoren/Informationen wirklich nötig sind
- Ein Team, das Fachwissen aus Produktion und Data Science verbindet
Solche Piloten zahlen direkt auf Resilienz ein – und liefern die Story, mit der Sie sich in einem Plattform-Ökosystem wie dem von RESIPLAT als Vorreiter positionieren können.
Organisation und Menschen: Resilienz ist kein IT-Projekt
Die Fraunhofer-Forschenden betonen Resilienz-Schulungen und agile Strukturen. Das ist kein „Soft Skill Nice‑to‑Have“, sondern absolut zentral.
Warum Krisenstäbe allein nicht reichen
Die Studie zeigt: Viele Unternehmen reagieren auf Schocks, indem sie einen Krisenstab einberufen und Ad‑hoc-Maßnahmen beschließen. Das kennt man auch aus Schweizer KMU:
- Mehr Lager aufbauen
- Zweit- und Drittlieferanten qualifizieren
- Überstunden, Wochenendschichten, Feuerwehreinsätze
Das schützt zwar kurzfristig, erhöht aber dauerhaft die Kosten – und ändert nichts daran, dass das System selbst fragil bleibt.
Was eine resiliente Organisation auszeichnet
Resiliente Betriebe kombinieren Technologie mit klaren Spielregeln:
- Transparente Entscheidungswege: Wer darf im Krisenfall was entscheiden?
- Rollen statt Hierarchien: Schichtleiter:innen wissen, wann sie eigenständig umplanen dürfen.
- Trainings und Übungen: „Trockenübungen“ für Lieferausfälle oder Maschinendefekte im Stil von Notfallplänen.
In Verbindung mit KI heiĂźt das:
Die Systeme liefern schnellere, bessere Informationen – aber die Menschen müssen vorbereitet sein, sie zu nutzen.
Was die Schweizer Präzisionsindustrie jetzt mitnehmen sollte
RESIPLAT ist formal ein Projekt für metallbe- und ‑verarbeitende Unternehmen im deutschsprachigen Raum. Die Prinzipien dahinter sind jedoch 1:1 auf die Schweizer Präzisionsindustrie übertragbar – vom Werkzeugmaschinenbau bis zur Medizintechnik-Fertigung.
Drei Punkte sind aus meiner Sicht entscheidend:
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Resilienz ist ein Daten- und Netzwerkproblem, kein BauchgefĂĽhl-Thema.
Wer Daten zu Beständen, Kapazitäten und Qualität konsequent erfasst, schafft die Grundlage für KI und Plattformen. -
KI stärkt nicht nur Effizienz, sondern das Lieferversprechen.
Qualitätskontrolle, predictive Maintenance und intelligente Planung machen Sie im Netzwerk berechenbarer – und damit attraktiv für anspruchsvolle Kunden. -
Plattformdenken lohnt sich auch im Kleinen.
Ob regionale Cluster, Verbände oder Kunden-Lieferanten-Netzwerke: Wer früh anfängt, strukturiert Informationen zu teilen, wird Krisen besser abfedern.
Wer diese Entwicklung verschläft, wird in der nächsten Krise wieder improvisieren müssen – mit allen Kosten und Risiken. Wer jetzt handelt, kann KI und Plattformökosysteme nutzen, um aus kurzfristigen Schocks langfristige Wettbewerbsvorteile zu machen.
Wenn Sie wissen wollen, an welcher Stelle in Ihrer Produktion KI und Plattformansätze am meisten Resilienz bringen, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf Ihre Datenlage und Ihre Prozesse. Genau dort beginnt die Verbindung von Präzision und Intelligenz, über die wir in dieser Serie sprechen.