Microsofts neue KI-Agenten-Plattformen verändern, wie Schweizer Industrieunternehmen Prozesse steuern, Daten nutzen und Qualität sichern – mit klarer Governance.
Warum Microsofts neue KI-Agenten fĂĽr Schweizer Betriebe wichtig sind
1,3 Milliarden KI-Agenten in Unternehmen bis 2028 – diese Prognose kommt von Microsoft selbst. Wer in der Schweizer Industrie heute noch glaubt, KI seien „nur ein paar Chatbots“, wird in den nächsten drei Jahren kalt erwischt.
Für die Schweizer Präzisionsindustrie – von Medtech über Maschinenbau bis zur Uhrenfertigung – liegt hier eine riesige Chance: KI-Agenten, die nicht nur Texte schreiben, sondern Produktionsprozesse steuern, Qualität sichern und Wartung planen. Genau hier setzt Microsoft mit den auf der Ignite-Konferenz 2025 vorgestellten Bausteinen an: Work IQ, Fabric IQ, Foundry IQ, Agent Factory und Agent 365.
In dieser Ausgabe unserer Reihe „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ schauen wir uns an, was hinter diesen Begriffen steckt – und wie sich damit sehr konkret Geschäftsprozesse im Schweizer Umfeld verbessern lassen, ohne in Wildwuchs und Shadow IT zu enden.
Von isolierten KI-Piloten zu durchgängigen Industrieprozessen
Der zentrale Punkt an Microsofts Ignite-Ankündigungen: KI wird aus der Spielwiese einzelner Abteilungen herausgeholt und tief in Geschäftsprozesse und Datenlandschaften integriert.
Der Wechsel von „Tool-KI“ zu „Prozess-KI“
Bisher sieht man in vielen Schweizer Firmen vor allem drei KI-Szenarien:
- Copilot für E-Mails, Präsentationen, Protokolle
- Erste Chatbots im Service oder HR
- Isolierte Data-Science-Projekte fĂĽr Predictive Maintenance
Nützlich, aber meist nicht durchgängig in die Kernprozesse integriert. Microsoft verfolgt jetzt ein anderes Ziel: KI-Agenten sollen direkt in den Arbeitsabläufen sitzen – zwischen ERP, MES, CRM, CAD/PLM und den Office-Werkzeugen.
Die neuen Komponenten spielen dabei zusammen:
- Work IQ als Intelligenzschicht rund um Microsoft 365
- Fabric IQ als BrĂĽcke zu analytischen und zeitbasierten Produktionsdaten
- Foundry IQ als zentrales Wissenssystem
- Microsoft Agent Factory zum Erstellen der Agenten
- Microsoft Agent 365 fĂĽr Governance, Sicherheit und Betrieb
Die Realität: Damit lassen sich vom Einkauf über Produktion und Qualität bis zum Service ganze Wertschöpfungsketten mit KI-Agenten unterstützen.
Work IQ: Kontext aus E-Mails, Dateien und Meetings nutzen
Work IQ ist im Kern eine Intelligenzschicht fĂĽr Microsoft 365 Copilot und KI-Agenten. Sie greift auf die vorhandenen Unternehmensdaten in Microsoft 365 zu: E-Mails, Dateien, Besprechungen, Chats.
Was bringt das fĂĽr Industrieunternehmen?
Für die Präzisionsindustrie wird Work IQ dann spannend, wenn Office-Daten und operative Systeme zusammenspielen:
- Ein Produktionsplanungs-Agent erkennt aus Mails mit Kunden, dass eine Lieferung vorgezogen werden soll, und schlägt alternative Schichtpläne vor.
- Ein Qualitäts-Agent findet in Meeting-Notizen wiederholt dieselben Fehlerbilder und verknüpft sie mit Reklamationsdaten aus dem ERP.
- Ein Einkaufs-Agent weist den Strategischen Einkauf darauf hin, dass ein Lieferant in mehreren Projekten negativ auffällt – gestützt auf Protokolle, Mails und Audits.
Über APIs lässt sich Work IQ auch von eigenen KI-Agenten nutzen. Das heisst: Ihr Unternehmen kann Agenten bauen, die genau auf Ihre Prozesse im Maschinenbau, in der Medizintechnik oder in der Uhrenfertigung zugeschnitten sind.
Fabric IQ und Foundry IQ: Das Gedächtnis Ihrer KI-Agenten
KI-Agenten ohne gute Daten sind nur schlaue Plaudertaschen. Microsoft adressiert das mit Fabric IQ und Foundry IQ – zwei Bausteinen, die besonders für datengetriebene Schweizer Industriebetriebe interessant sind.
Fabric IQ: BrĂĽcke zwischen Analytics und Shopfloor
Fabric IQ verknĂĽpft analytische, zeitbasierte und geolokalisierte Daten mit operativen Systemen. In der Praxis heisst das:
- Zeitreihen aus Sensoren und Maschinen (Temperaturen, Vibrationen, Durchlaufzeiten)
- Produktionskennzahlen aus MES und ERP
- Datenmodelle aus Power BI, die bereits Kennzahlen und Beziehungen definieren
Damit können KI-Agenten eine tiefe, semantische Sicht auf Ihre Fertigung entwickeln. Beispiele:
- Ein Wartungs-Agent erkennt Muster in Schwingungsdaten und schlägt Wartungsfenster vor, bevor Ausfälle drohen.
- Ein OEE-Agent (Overall Equipment Effectiveness) analysiert Stillstände und schlägt konkrete Prozessanpassungen oder Schulungsthemen vor.
- Ein Planungs-Agent berechnet die Auswirkungen von Eilaufträgen auf Liefertermine und Rüstzeiten.
Die bestehenden Datenmodelle in Power BI werden zum „Beschleuniger“: Statt jede Beziehung neu beschreiben zu müssen, nutzt der Agent schon vorhandene Logik.
Foundry IQ: Zentrale Wissensdrehscheibe statt Daten-Silos
Foundry IQ geht einen Schritt weiter und fungiert als vollständig gemanagtes Wissenssystem für KI-Agenten. Es bündelt:
- Microsoft-365-Daten ĂĽber Work IQ
- Fabric-IQ-Daten (Analytics, Zeitreihen, Geodaten)
- Daten aus Fachanwendungen (ERP, MES, CRM, PLM …)
- ausgewählte Informationen aus dem Web
Damit entsteht ein einziger Zugangspunkt fĂĽr Unternehmenswissen, inklusive Routing und eingebauter Intelligenz. FĂĽr die Industrie bedeutet das zum Beispiel:
- Ein Service-Agent hat Zugriff auf aktuelle Wartungsanleitungen, vergangene Tickets, Maschinendaten und Lieferanteninfos.
- Ein Qualitäts-Agent kombiniert Prüfanweisungen, Normen (z.B. ISO 13485, IATF 16949), Reklamationshistorien und Prozessdaten.
- Ein F&E-Agent findet schnell relevante Konstruktionsänderungen, Testergebnisse und Feldrückmeldungen für ein bestimmtes Produkt.
Das reduziert Suchzeiten drastisch. Und es senkt das Risiko, dass unterschiedliche Teams mit unterschiedlichen Informationsständen arbeiten – ein Kernproblem in regulierten Branchen.
Microsoft Agent Factory: Aus Use Cases werden produktive Agenten
Viele Unternehmen scheitern nicht an Ideen, sondern an der Umsetzung: POCs im Labor, aber keine stabilen Lösungen im Alltag. Agent Factory setzt genau hier an.
Einheitliches Modell fĂĽr den Agenten-Lebenszyklus
Mit Microsoft Agent Factory können Unternehmen Agenten in Copilot Studio über ein einheitliches Nutzungsmodell entwickeln. Was heisst das konkret?
- Definition von Rollen: z.B. Qualitätsingenieur, Schichtleiter, Service-Techniker
- Zuordnung von Fähigkeiten: Daten abfragen, Workflows anstossen, Dokumente erstellen
- Einbindung von Datenquellen ĂĽber Work IQ, Fabric IQ und Foundry IQ
- Festlegung von Grenzen und Richtlinien (z.B. Zugriff auf bestimmte Werke, Produktlinien)
Der Vorteil: Die so entwickelten Agenten können überall bereitgestellt werden – inklusive in Microsoft 365 Copilot – ohne zusätzliche Lizenzhürden. Das erleichtert es, Agenten direkt dort hinzubringen, wo Schweizer Fachkräfte ohnehin arbeiten: Outlook, Teams, Excel, PowerPoint, aber auch in Fachapplikationen, die Copilot integrieren.
Praxisnahe Agenten für die Schweizer Präzisionsindustrie
Ein paar typische Szenarien, die ich in der Schweizer Industrie als realistisch und sinnvoll sehe:
- Qualitätsprüfungs-Agent: Generiert auf Basis von CAD-Daten und Spezifikationen automatisch Prüfanweisungen und dokumentiert Messergebnisse.
- Change-Management-Agent: Koordiniert Engineering Changes zwischen Entwicklung, Produktion, Einkauf und Qualität, inklusive Dokumentation für Audits.
- Lieferketten-Agent: Simuliert die Auswirkungen von Lieferengpässen auf Produktionsprogramme und schlägt Alternativen vor.
Mit Agent Factory lassen sich solche Szenarien standardisiert entwickeln, testen und versionieren, statt sie als einmalige Bastellösung aufzusetzen.
Agent 365: Ohne Governance wird KI zur neuen Shadow IT
Microsoft rechnet mit bis zu 1,3 Milliarden KI-Agenten bis 2028. Wenn jedes Team eigene Agenten baut, ohne Regeln, entsteht ein bekanntes Problem in neuer Form: Shadow IT – diesmal nicht als Excel-Makro, sondern als KI-Agent mit Datenzugriff.
Zentrale Steuerung statt Agenten-Wildwuchs
Hier setzt Microsoft Agent 365 an. Die Plattform bündelt die Verwaltung von KI-Agenten – egal ob sie mit Microsoft-Werkzeugen, Open-Source-Stacks oder von Drittanbietern gebaut wurden. Technisch fliessen mehrere Dienste zusammen:
- Defender, Entra, Purview für Sicherheit, Identitäten und Compliance
- Foundry Control Plane zur Steuerung der Agenten
- Microsoft 365 Admin Center fĂĽr Administration und Rollout
- Microsoft 365 Apps und Work IQ für Produktivität und Nutzung
FĂĽr Schweizer Unternehmen, insbesondere in regulierten Branchen (Medtech, Pharma, Luftfahrt, Bahn), ist das entscheidend:
- Wer hat welcher Agent auf welche Daten Zugriff?
- Sind Audit-Trails vorhanden?
- Welche Agent-Version war aktiv, als eine Entscheidung getroffen wurde?
- Werden Datenschutz- und Exportregeln eingehalten?
Ohne solche Antworten wird keine Compliance-Abteilung ein breit ausgerolltes Agenten-Ă–kosystem absegnen.
KI-Governance als FĂĽhrungsaufgabe
Die EinfĂĽhrung von Agent 365 ist nicht nur ein IT-Projekt. Sie zwingt Unternehmen dazu, Rollen, Verantwortlichkeiten und Prozesse rund um KI-Agenten klar zu definieren.
FĂĽr die Praxis empfehle ich drei einfache Leitfragen als Start:
- Business-Perspektive: Welche Entscheidungen dürfen Agenten vorschlagen, welche auslösen, welche nur dokumentieren?
- Daten-Perspektive: Welche Datenquellen sind für Agenten tabu, welche nur lesend, welche auch schreibend zugänglich?
- Rollen-Perspektive: Wer verantwortet pro Agent Fachlogik, Datenzugriff, Security und Betrieb?
Unternehmen, die das 2026/2027 sauber aufsetzen, sind 2028 nicht damit beschäftigt, ein Agenten-Chaos zu bereinigen – sondern können sich auf Wettbewerbsvorteile konzentrieren.
Wie Schweizer Industrieunternehmen jetzt konkret starten sollten
Viele Betriebe stehen vor der Frage: Wo anfangen, ohne sich zu verzetteln? Aus Projekten, die gut laufen, lassen sich ein paar klare Schritte ableiten.
1. Drei konkrete, messbare Use Cases wählen
Statt 20 Ideen gleichzeitig anzugehen, besser drei Use Cases auswählen, die:
- direkt an Kennzahlen andocken (Ausschussquote, OEE, Durchlaufzeit, Servicekosten)
- klar abgegrenzte Nutzergruppen haben (z.B. Qualität, Instandhaltung, Arbeitsvorbereitung)
- auf vorhandene Datenquellen aufsetzen
Beispiele für die Schweizer Präzisionsindustrie:
- Agent zur Unterstützung der Qualitätsdokumentation inklusive Audit-Reporting
- Agent zur vorausschauenden Wartung fĂĽr kritische Maschinenparks
- Agent zur Produktionsfeinplanung in Verbindung mit Kundenaufträgen
2. Datenbasis ĂĽber Work IQ, Fabric IQ, Foundry IQ vorbereiten
Ohne saubere Daten wird jeder Agent frustrieren. Sinnvoll ist ein technischer Pfad wie:
- Relevante Office-Daten und -Prozesse mit Work IQ sichtbar machen
- Produktions- und Sensordaten ĂĽber Fabric IQ anbinden und in Power BI-Modellen strukturieren
- Wiederverwendbares Prozess- und Produktwissen in Foundry IQ konsolidieren
Das klingt gross, lässt sich aber iterativ aufbauen – Werk für Werk, Linie für Linie.
3. Agenten mit Agent Factory bauen und ĂĽber Agent 365 kontrollieren
Ist die Datenbasis gelegt, folgt der Aufbau der Agenten:
- Pro Use Case ein klar definierter Agent mit Rolle, Fähigkeiten, Datenzugriff
- Entwicklung und Test in Copilot Studio / Agent Factory
- Rollout nur ĂĽber Agent 365, damit Governance, Security und Monitoring von Anfang an greifen
So entsteht statt eines Flickenteppichs ein kontrolliertes Agenten-Portfolio, das mit dem Unternehmen wachsen kann.
Ausblick: Präzision bleibt – aber sie wird digital unterstützt
Die Schweizer Industrie definiert sich seit Jahrzehnten über Präzision – mechanisch, organisatorisch, qualitativ. KI-Agenten machen diese Präzision nicht überflüssig, sie verlagern sie in die digitale Ebene.
Microsofts Ignite-Ankündigungen zeigen ziemlich klar, wohin die Reise geht: Agenten, die tief in Prozesse und Daten eingehängt sind, zentral gesteuert und überwacht werden und echte Verantwortung im Tagesgeschäft übernehmen.
Wer heute in der Schweizer Präzisionsindustrie Verantwortung trägt, sollte 2026 nicht nur von „KI-Piloten“ sprechen, sondern von einem geplanten Agenten-Ökosystem – mit klaren Use Cases, sauberer Datenbasis und Governance.
Genau darum geht es in unserer Serie „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“: aus grossen KI-Versprechen konkrete, funktionierende Lösungen zu machen. Die Technologien dafür sind jetzt da – die Frage ist nur, wer sie zuerst konsequent nutzt.