KI drückt die Nachfrage nach IT-Fachkräften – eine Chance für den Schweizer Handel, Prozesse mit Präzision und KI neu auszurichten und gezielt Talente aufzubauen.

KI drückt die IT-Nachfrage – was das für den Schweizer Handel bedeutet
2025 ist der Fachkräftemangel in der Schweiz um 22 Prozent zurückgegangen. Die Arbeitslosenquote steigt auf 2,8 Prozent, offene Stellen sinken – und ausgerechnet ICT-Profile gehören plötzlich zu den Bereichen mit Überangebot. Für viele CIOs, HR-Verantwortliche und Retail-Chefs klingt das wie ein Widerspruch zu den letzten zehn Jahren Dauerwarnung vor dem IT-Fachkräftemangel.
Ich behaupte: Für den Schweizer Einzelhandel ist das keine schlechte Nachricht. Es ist ein Weckruf.
Denn KI nimmt nicht einfach Jobs weg. Sie verschiebt Aufgaben, Profile und Wertschöpfung. Wer im Handel seine KI-Strategie für Filiale, E‑Commerce und Supply Chain jetzt klug ausrichtet, profitiert doppelt: weniger Druck im Recruiting – und deutlich mehr Präzision in Prozessen, Planung und Kundenerlebnis.
In diesem Beitrag aus der Reihe „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ schauen wir uns an, was hinter den Zahlen von Adecco steckt – und was sie ganz konkret für Handelsunternehmen in der Schweiz bedeuten.
1. Was die neuen Zahlen zum Fachkräftemangel wirklich sagen
Die Kernbotschaft der aktuellen Adecco-Auswertung ist klar: Der Schweizer Arbeitsmarkt kühlt ab, KI beschleunigt diese Entwicklung in bestimmten Berufsbildern.
- Fachkräftemangel-Index: −22 % im Vergleich zum Vorjahr
- Offene Stellen: −8 %
- Arbeitslosenquote: von 2,3 % auf 2,8 % gestiegen
- Deutlicher Rückgang bei Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial durch KI: kaufmännisch, administrativ, ICT
Besonders spannend: ICT-Berufe weisen laut Studie erstmals seit Jahren ein Fachkräfteüberangebot auf. Noch vor Kurzem galten Softwareentwickler, System- und Cloud-Engineers oder Data-Experten als nahezu „nicht zu bekommen“. Jetzt gibt es mehr verfügbare Profile – während Unternehmen gleichzeitig selektiver einstellen.
Für die Praxis im Retail bedeutet das nicht, dass Technologie unwichtiger wird. Im Gegenteil: Standardaufgaben in IT und Administration lassen sich immer stärker automatisieren, während neue Kompetenzen rund um Daten, KI und Prozessdesign wichtiger werden.
KI senkt den Bedarf an klassischen IT-Rollen, erhöht aber den Wert von Menschen, die Technologie in konkrete Geschäftsergebnisse übersetzen können.
2. Warum gerade KI-nahe Berufe unter Druck kommen
Der Rückgang betrifft vor allem Berufe mit hohem Automatisierungspotenzial. Darunter:
- klassische Backoffice-Profile
- einfache Programmier- und Integrationsaufgaben
- Support- und Administrationsrollen
Der Grund ist simpel: Generative KI und Automatisierung übernehmen heute Tätigkeiten, für die früher ganze Teams nötig waren.
Typische Beispiele aus dem Schweizer Einzelhandel
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IT-Support & Helpdesk
Chatbots beantworten Standardfragen von Mitarbeitenden, Self-Service-Portale mit KI-Suche reduzieren Tickets deutlich. Ein 1st-Level-Team kann heute mit weniger Personen mehr Filialen betreuen. -
Reporting & Controlling
KI-gestützte Analytics-Systeme erstellen automatisch Reports zu Filialperformance, Warenkörben oder Retourenquoten. Das senkt den Bedarf an rein manuellen Reporting-Rollen. -
Standard-Softwareentwicklung
Code-Generatoren und KI-Assistenten übernehmen Routinearbeiten: Formular-Logik, Schnittstellen zu Standard-ERP, einfache Apps für interne Prozesse. Ein Entwickler liefert mit KI-Unterstützung die Arbeit von vorher zwei oder drei.
Die Folge: Unternehmen posten weniger generische IT-Stellen, suchen aber gezielter nach Profilen, die Prozesse verstehen, Daten lesen können und KI-Lösungen sinnvoll in die Wertschöpfungskette integrieren.
3. Schweizer Besonderheiten: Zürich, KMU und Präzisionsdenken
Die Studie zeigt deutliche regionale Unterschiede:
- Deutschschweiz: −23 % beim Fachkräftemangel
- Lateinische Schweiz: −17 %
- Stärkster Rückgang in Zürich: −29 %
Zürich reagiert als Finanz- und Technologiestandort besonders sensibel auf:
- vorsichtige Investitionen
- Kostendruck
- verstärkten Einsatz von Automatisierung und KI
Das schlägt direkt auf Finanz-, Verwaltungs- und ICT-Profile durch.
Für den Schweizer Einzelhandel – stark geprägt von KMU, Retail-Gruppen und präzise gesteuerten Supply Chains – ergeben sich daraus zwei Konsequenzen:
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Talent wird verfügbarer – aber anders verteilt
Unternehmen im Handel können heute eher erfahrene ICT- und Datenleute aus Zürich oder anderen Zentren gewinnen, die früher in Finance oder Tech gebunden waren. -
KMU führen KI schrittweise ein
Genau das bestätigt Adecco für Finanz- und mathematische Berufe: Trotz hoher Automatisierungsreife gibt es hier weiter Bedarf, weil neue Skills in Datenanalyse und Systemüberwachung entstehen. Im Retail ist das ganz ähnlich – nur steckt vieles erst in den Anfängen.
Wer diese Lücke zwischen technischer Möglichkeit und realer Einführung schliesst, sichert sich einen Vorsprung – gerade in einer Schweizer Industrie, die traditionell auf Präzision, Effizienz und Qualität setzt.
4. Was das konkret für Retail-IT und Filialbetrieb bedeutet
Für Handelsunternehmen zählt nicht, wie der Index heisst, sondern welche Entscheidungen für Organisation, IT und Personal jetzt sinnvoll sind.
4.1 Weg von generischer IT – hin zu wertschöpfender KI
STatt „noch einen Entwickler“ oder „noch eine Systemadministratorin“ einzustellen, lohnt sich eine Verschiebung der Prioritäten:
- Automatisierbare Aufgaben konsequent an KI und Bots geben:
Ticket-Triage, Standardantworten, Benutzerverwaltung, wiederkehrende Skripts.
- Fokusrollen aufbauen:
- KI-Produktmanager: übersetzen Geschäftsanforderungen aus Einkauf, Marketing, Filialbetrieb in KI-Use-Cases.
- Data & Analytics-Spezialisten: verbinden Kassendaten, Online-Verhalten und Supply-Chain-Informationen zu brauchbaren Entscheiddaten.
- Prozessdesigner: denken Filialprozesse neu, wenn Self-Checkout, Computer Vision und dynamische Preisoptimierung hinzukommen.
4.2 Neue Einsatzfelder: Präzision im Tagesgeschäft
Hier einige praxisnahe KI-Anwendungen, die direkt zeigen, warum nicht weniger, sondern andere ICT-Kompetenzen gebraucht werden:
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Bedarfsprognosen im Handel
KI-Modelle analysieren historische Verkaufszahlen, Wetter, Events und Promotions. Ergebnis: präzisere Bestellungen, weniger Abschreiber, weniger Out-of-Stock.
→ Jobprofil: Data Scientist / Data Engineer statt klassischem BI-Reportschreiber. -
Qualitätskontrolle in der Filiale
Computer-Vision-Systeme überwachen Frischeprodukte, Regalbelegung oder Planogramm-Konformität.
→ Jobprofil: Retail-Prozessmanager mit Verständnis für Bild-KI, nicht nur Filialleiter mit Bauchgefühl. -
Vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance)
Kühlregale, Kassen, Fördertechnik in Verteilzentren senden laufend Sensordaten. KI erkennt Muster, die auf Ausfälle hindeuten, bevor etwas kaputtgeht.
→ Jobprofil: Instandhaltungsingenieur mit Daten-Fokus statt reiner Servicetechniker „auf Zuruf“.
Diese Beispiele stammen aus der Industrie, sind aber eins zu eins auf den Handel übertragbar – und passen perfekt zur Leitidee unserer Serie: „Präzision mit Intelligenz“.
5. Strategische Schritte für Handelsunternehmen in der Schweiz
Die spannende Frage lautet nicht: „Wie viele IT-Stellen brauche ich noch?“, sondern: „Welche Kompetenzen brauche ich, damit KI im Handel wirklich wirkt?“
Aus meiner Sicht funktionieren fünf Schritte besonders gut:
5.1 Skill-Review statt reine Stellenplanung
- Bestehende ICT- und Business-Profile nach KI- und Datenaffinität analysieren.
- Mitarbeitende identifizieren, die bereits heute automatisieren, mit Low-Code-Tools arbeiten oder Spass an Daten haben.
- Diese Personen gezielt zu KI-Champions aufbauen – statt nur extern zu rekrutieren.
5.2 Roadmap für KI im Retail aufsetzen
Konkrete, pragmatische Roadmap bis 2027:
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Quick Wins (0–12 Monate):
- Chatbot für Standardkundenanfragen
- KI-gestützte Produktempfehlungen im Webshop
- Automatisierte Reports für Filialleitung
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Strukturprojekte (12–36 Monate):
- integrierte Bedarfsprognose für alle Warengruppen
- Computer Vision für Regale und Frischebereiche
- Predictive Maintenance für Kühl- und Lagertechnik
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Transformationsprojekte (36+ Monate):
- teil- oder vollautomatisierte Filialkonzepte
- dynamische Preis- und Sortimentssteuerung in Echtzeit
5.3 Kooperation mit Industrie und Tech-Partnern
Der Schweizer Handel muss nicht alleine alles entwickeln. Hersteller aus der Präzisionsindustrie, Logistiker und Technologieanbieter arbeiten bereits mit KI für Qualitätskontrolle, Prozessoptimierung und Robotik. Genau diese Erfahrungen lassen sich nutzen:
- gemeinsame Pilotprojekte in Verteilzentren
- Nutzung bestehender KI-Modelle für Bild- und Sensordaten
- Übernahme von Standards aus der Industrie (z.B. für Predictive Maintenance)
5.4 Neue Rollenprofile im HR verankern
Statt nur „IT-Spezialist/in“ auszuschreiben, sollten Stellenprofile genauer benennen, was für den Handel wichtig wird:
- „Data Product Owner Retail“
- „Lead KI & Automation Filialprozesse“
- „Head Predictive Analytics Supply Chain“
So finden Sie eher die Personen, die Brücken zwischen Technik und Geschäft schlagen – genau diese Profile bleiben knapp, auch wenn generische ICT-Rollen weniger gefragt sind.
5.5 Verantwortungsvolle KI-Einführung
Gerade in der Schweiz zählt Vertrauen: bei Kundinnen und Kunden, aber auch bei Mitarbeitenden.
- KI in der Personaleinsatzplanung transparent kommunizieren
- Datennutzung sauber regulieren (z.B. für Videodaten in Filialen)
- Mitarbeitende einbinden, statt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen
Unternehmen, die KI als Werkzeug für mehr Entlastung und Qualität positionieren – nicht als reines Sparprogramm –, werden auch künftig die besseren Talente anziehen.
6. Warum jetzt der beste Zeitpunkt zum Handeln ist
Der aktuelle Rückgang des Fachkräftemangels ist eine Atempause, keine Entwarnung. Parallel prognostiziert etwa ICT-Berufsbildung bis 2033 einen Fehlbestand von rund 54'000 ICT-Fachkräften in der Schweiz. Der Widerspruch ist nur oberflächlich: Kurzfristig drückt KI die Nachfrage nach bestimmten Profilen – langfristig steigen die Anforderungen an alle, die Technologie wirklich produktiv machen.
Für den Schweizer Einzelhandel heisst das:
- Jetzt ist der Moment, um verfügbare ICT- und Daten-Expertinnen zu gewinnen.
- Jetzt lassen sich KI-Fähigkeiten in Ruhe aufbauen, statt in drei Jahren hektisch zu reagieren.
- Jetzt passt das Marktumfeld, um Prozesse, Organisation und Rollenbilder so auszurichten, dass KI zu präziseren Entscheidungen, weniger Verschwendung und besseren Kundenerlebnissen führt.
Wer KI nur als Sparinstrument in der IT betrachtet, verspielt das Potenzial. Wer sie als strategisches Werkzeug für Präzision im Handel nutzt, wird in ein paar Jahren zu den wenigen gehören, die nicht über Fachkräftemangel klagen, sondern gezielt die Menschen einsetzen, die mit KI echten Mehrwert schaffen.
Der Arbeitsmarkt sendet gerade ein klares Signal. Die Frage ist: Hören Sie zu – und handeln Sie?