HP koppelt KI-Initiativen an Stellenabbau. Was Schweizer Detailhändler daraus lernen sollten – und wie KI zum Präzisionswerkzeug statt zum Sparprogramm wird.

KI-Umstrukturierung bei HP: Was der Retail jetzt lernen muss
6000 Stellen bis 2028 – so viele Jobs könnten bei HP im Rahmen des neuen „Fiscal 2026 Plan“ verschwinden. Offiziell geht es um mehr künstliche Intelligenz, mehr Produktivität, mehr Innovation. Am Ende steht aber vor allem eines in den Schlagzeilen: Stellenabbau.
Für Schweizer Detailhändler ist diese Meldung mehr als eine Randnotiz aus der IT-Welt. Sie zeigt sehr klar, wie KI-Programme heute in grossen Konzernen begründet, kommuniziert und umgesetzt werden – und wo die Fallstricke liegen. Wer jetzt im Schweizer Einzelhandel KI für Prozessoptimierung, Robotik oder personalisierte Customer Experience einführt, kann aus dem Beispiel HP einiges mitnehmen.
In dieser Ausgabe der Reihe „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ geht es deshalb darum, was hinter HPs KI-Umstrukturierung steckt – und welche konkreten Lehren Handelsunternehmen daraus ziehen sollten, damit KI zu besserer Präzision im Geschäft führt und nicht zu blindem Sparen auf Kosten der Mitarbeitenden.
Was HP konkret vorhat – und warum das alle angeht
HP plant, seine Belegschaft bis 2028 um 4000 bis 6000 Mitarbeitende zu reduzieren. Parallel investiert der Konzern massiv in KI, um Kundenzufriedenheit, Produktinnovation und Produktivität zu steigern. Ziel: bis zu 1 Milliarde US-Dollar Bruttoeinsparungen – bei gleichzeitigen Restrukturierungskosten von rund 650 Millionen US-Dollar.
Die besonders betroffenen Bereiche sind laut Management:
- Produktentwicklung
- interne Abläufe (Backoffice, Administration, Prozesse)
- Kundensupport
Hier wird KI eingeführt, um Abläufe zu automatisieren, Entscheidungen zu beschleunigen und Support zu skalieren. Genau dieselben Hebel sehen viele Detailhändler in der Schweiz gerade für sich:
- automatisierte Disposition und Nachschubplanung
- Self-Service-Chatbots im Kundenservice
- KI-gestützte Sortimentsoptimierung
- Robotik im Lager oder in der Filiale
Die Realität: HP ist kein Sonderfall. Apple, Meta, GoPro, die Schweizer Post – viele Unternehmen koppeln ihre KI-Strategien direkt an Stellenabbau und Effizienzprogramme. Wer im Retail jetzt KI plant, steht also vor derselben Kernfrage:
Wird KI zum Produktivitätsbooster mit Menschen – oder zum Sparprogramm gegen Menschen?
Die zentrale Lehre: KI ist kein Sparprogramm, sondern ein Transformationsprogramm
Der wichtigste Punkt am HP-Beispiel: KI wird öffentlich mit Einsparungen verknüpft. Das mag aus Sicht der Börse attraktiv sein, ist für die Organisation aber gefährlich. Denn damit wird KI zur Bedrohung für Mitarbeitende – und die Akzeptanz bricht ein.
Für den Schweizer Einzelhandel ist der bessere Ansatz klar:
KI als Transformationsprogramm denken, nicht als reines Kostensenkungsprojekt.
Was heisst das konkret für Retail-Unternehmen?
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Produktivität zuerst, Kosten danach
Kommunizieren Sie intern nicht „Wir sparen 15 % Personalkosten“, sondern:- „Wir bearbeiten Reklamationen in der Hälfte der Zeit.“
- „Wir reduzieren Out-of-Stock-Situationen um 30 %.“
- „Wir senken Abschriften in Frische um 20 %.“
Kosteneffekte kommen dann automatisch – ohne dass KI als Jobkiller wahrgenommen wird.
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Rollen umbauen statt einfach streichen
HP fokussiert auf Abbau in Entwicklung, Abläufen und Support. Im Retail liegen hier enorme Chancen für neue Rollen:- KI-gestützte Filialplanung: Mitarbeitende planen Schichten und Aktionen mit Daten statt mit Bauchgefühl.
- Customer Experience Spezialist im Contact Center, der KI-Analysen nutzt, um wiederkehrende Probleme schneller zu lösen.
- Prozess-Coaches in Logistik und Lager, die Roboter und menschliche Teams optimal abstimmen.
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KI-Einsparungen teilweise reinvestieren
Wer – wie HP – Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe einplant, sollte einen Teil davon verpflichtend in:- Weiterbildung und Umschulungen
- neue datengetriebene Services
- Experimente mit Robotik und vorausschauender Wartung
reinvestieren.
Im Schweizer Retail können so z.B. neue Präzisionsservices entstehen: Same-Day-Lieferung, dynamische Preisgestaltung in Echtzeit, personalisierte Empfehlungen in der Filiale.
Wo KI Jobs ersetzt – und wo sie im Retail neue schafft
HP zeigt, wo KI zuerst durchschlägt: Support, Standardprozesse, repetitive Aufgaben. Genau da wird auch der Detailhandel die grössten Effekte sehen.
Typische KI-Einsatzfelder im Retail mit Risiko für Stellenabbau
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Kundensupport: Chatbots, Voicebots, automatisierte E-Mail-Beantwortung.
→ Weniger Bedarf an klassischen First-Level-Agenten. -
Backoffice & Administration: Rechnungsprüfung, Stammdatenpflege, einfache HR-Prozesse.
→ Wegfall von Routinetätigkeiten, die bisher manuell erledigt wurden. -
Logistik & Lager: KI-gestützte Routenplanung, automatische Kommissionierung, autonome Fahrzeuge.
→ Gewisse Lagertätigkeiten werden durch Robotik abgelöst.
Wer hier nichts vorbereitet, landet in denselben Diskussionen wie HP: Sparen, Abbau, Unsicherheit.
Die andere Seite: KI schafft im Retail neue Präzisions-Jobs
Gleichzeitig eröffnet KI im Handel neue, hochrelevante Rollen – gerade in einer Schweiz, die für Präzision und Qualität steht:
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Data & AI Product Owner Retail
Verantwortet KI-Produkte wie Nachfrageprognosen, Dynamic Pricing oder Personalisierung. Verbindet IT, Einkauf und Filialgeschäft. -
KI-gestützter Category Manager
Nutzt KI-Analysen, um Sortimente pro Filiale präzise auf Standort, Saison, Kundengruppen und lokale Konkurrenz abzustimmen. -
Quality & Compliance Specialist für KI
Stellt sicher, dass KI-Modelle fair, rechtssicher und DSG-konform sind – zentral im Schweizer Kontext. -
Robotics Supervisor in Lager und Mikro-Fulfillment-Centern
Koordiniert menschliche Mitarbeitende und Roboter, optimiert Abläufe und überwacht Kennzahlen.
Wer KI im Retail so aufsetzt, dass neue Präzisionsrollen entstehen, steigert nicht nur Effizienz, sondern auch Arbeitgeberattraktivität.
Wie Schweizer Händler KI einführen können, ohne den HP-Fehler zu wiederholen
Die Realität: Viele Unternehmen starten ihre KI-Programme wie klassische Kostensenkungsprojekte. Grosse Zahlen, grosse Ankündigungen, wenig Klarheit auf Teamebene. HP ist dafür ein Paradebeispiel.
Es geht deutlich besser – gerade im Schweizer Einzelhandel, wo Planungssicherheit und langfristige Beziehungen zählen.
1. Klare Roadmap statt grosser Sprung
Statt „bis 2028 sparen wir X Millionen“ braucht es im Retail:
- konkrete 12–18-Monats-Roadmaps, z.B.:
- Q1–Q2: KI in Prognosen für Frischeartikel testen
- Q3: Rollout in 20 Pilotfilialen
- Q4: Integration in Personalplanung
- Pilotprojekte mit messbaren KPIs:
- Reduktion von Lebensmittelverschwendung um 10 %
- Steigerung der Verfügbarkeit um 5 %
- Verkürzung der Wartezeiten im Contact Center um 30 %
So bleibt KI greifbar und wird nicht als abstrakter Sparplan wahrgenommen.
2. Mitarbeitende aktiv einbinden
HPs Kommunikation fokussiert stark auf Zahlen. Im Retail ist ein anderer Ansatz erfolgreicher:
- Frühzeitige Einbindung von Filial- und Lagerteams:
- „Wo verlieren wir heute am meisten Zeit?“
- „Welche Aufgaben nerven euch, weil sie stupide sind?“
- KI als Assistent positionieren:
- „Das System macht einen Vorschlag, aber ihr entscheidet.“
- „Die KI übernimmt die Routine – ihr kümmert euch um Ausnahmen und Kunden.“
- Transparente Perspektiven aufzeigen:
- Welche Rollen fallen weg?
- Welche neuen entstehen?
- Welche Weiterbildungen gibt es konkret, mit welchem Zeitplan?
Wer so vorgeht, reduziert Widerstand, erhöht Datenqualität und macht KI im Alltag akzeptiert.
3. Qualifizierung als fester Bestandteil des KI-Budgets
HP plant 650 Millionen US-Dollar für Umstrukturierung und andere Aufwendungen. Der Knackpunkt: Meist ist darin zu wenig strukturiertes Upskilling enthalten.
Für den Schweizer Retail empfehle ich eine Faustregel:
Mindestens 10–15 % des KI-Investitionsvolumens sollten fest für Aus- und Weiterbildungen reserviert sein.
Konkrete Massnahmen können sein:
- interne „KI-Führerausweise“ für Filialleitungen und Category Manager
- Schulungen für Contact-Center-Mitarbeitende im Umgang mit KI-gestützten Assistenzsystemen
- Grundlagenkurse zu Datenkompetenz für alle, die mit Reports arbeiten
So entsteht aus einem KI-Projekt ein Qualitäts- und Präzisionsprogramm – passend zur Positionierung des Schweizer Handels.
Präzision statt Panik: KI strategisch für Schweizer Retail nutzen
HPs „Fiscal 2026 Plan“ ist ein Lehrstück dafür, wie stark KI mit Restrukturierung verknüpft werden kann – und welche Fragen das bei Mitarbeitenden und Öffentlichkeit auslöst. Für den Schweizer Einzelhandel steckt darin eine klare Botschaft:
Wer KI nur als Sparhebel nutzt, riskiert Kultur, Vertrauen und Innovationskraft. Wer KI als Präzisionswerkzeug für bessere Prozesse, Qualität und Kundenerlebnisse nutzt, baut sich einen echten Vorteil auf.
Im Rahmen unserer Reihe „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ zeigt das HP-Beispiel sehr deutlich:
- KI verändert Rollenprofile, aber sie muss nicht automatisch zu massiven Kündigungswellen führen.
- Die grössten Effekte entstehen dort, wo Menschen + KI gezielt kombiniert werden – etwa bei vorausschauender Wartung, präziser Nachfrageprognose oder smarter Robotik im Lager.
- Wer jetzt im Schweizer Retail handelt, kann KI so einführen, dass Mitarbeitende stärker, nicht schwächer werden.
Wenn Sie im Einzelhandel für Strategie, IT oder Operations verantwortlich sind, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Ihre eigene „KI-Roadmap 2028“ zu hinterfragen:
- Ist sie primär ein Sparplan – oder ein Präzisions- und Innovationsplan?
- Sind Weiterbildung, neue Rollen und klare Kommunikation darin fest verankert?
- Und vor allem: Würden Ihre Mitarbeitenden diese Roadmap als Chance oder als Drohung lesen?
Die Weichen, die Sie 2025 stellen, entscheiden darüber, ob Ihr Unternehmen 2028 wie HP Schlagzeilen mit Stellenabbau macht – oder für intelligente Präzision im Schweizer Handel steht.