Was Schweizer Händler von Ericssons KI- und 5G-Strategie lernen können: raus aus der Rabattfalle, hin zu präziser, datengetriebener Wertschöpfung im Retail.
KI, 5G und Kostendruck: Was Händler von Ericsson lernen können
Wenn ein Mobilfunkabo weniger kostet als zwei Espressi, sitzt das Problem nicht im Café, sondern in der Wertlogik einer ganzen Branche. Genau diesen Punkt bringt Kenneth Ong, der neue Schweiz-Chef von Ericsson, auf den Tisch – und trifft damit einen Nerv, der auch den Schweizer Einzelhandel beschäftigt: Kostendruck, Digitalisierung und der sinnvolle Einsatz von KI.
Wer heute ein Handelsunternehmen führt – ob Detailhandel, Fachmarkt oder Markenhersteller mit eigenen Stores – steht vor sehr ähnlichen Fragen wie ein Telko-Anbieter:
- Wie baue ich die digitale Infrastruktur auf, die KI wirklich tragen kann?
- Wie erkläre ich meinen Kundinnen und Kunden den Mehrwert, damit sie nicht nur den tiefsten Preis sehen?
- Wie nutze ich Daten und Konnektivität, ohne im Technik-Dschungel stecken zu bleiben?
In dieser Folge unserer Reihe „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ schauen wir auf Ericsson – nicht, um Funkmasten zu verkaufen, sondern um Strategien zu übernehmen, die für den Schweizer Retail hochrelevant sind.
1. Kostendruck vs. Mehrwert: Was Telkos und Retail gemeinsam falsch machen
Der Kern von Ongs Kritik ist brutal klar: Wenn ein Mobilfunknetz das Rückgrat der Digitalisierung ist, darf es nicht für 9.90 CHF „verschenkt“ werden.
Im Einzelhandel sieht es ähnlich aus:
- Lebensmittelketten bewerben Aktionspreise, die kaum Marge lassen.
- Modehändler trainieren ihre Kundschaft seit Jahren auf Rabatte und Outlet-Denken.
- Online-Shops konkurrieren sich mit „gratis Versand, gratis Retoure“ kaputt.
Der Effekt ist derselbe wie im Mobilfunk:
- Kund:innen gewöhnen sich daran, nur noch den Preis zu vergleichen.
- Investitionen in moderne Infrastruktur, KI-Systeme und Mitarbeitende werden immer schwieriger zu rechtfertigen.
Die Lehre aus Ericsson:
Der Ausweg aus der Preisfalle liegt nicht in noch mehr Rabatten, sondern im klar kommunizierten Mehrwert.
FĂĽr den Handel heisst das konkret:
- KI-gestĂĽtzte Personalisierung (individuelle Angebote statt Giesskanne)
- Omnichannel-Erlebnisse, die stationär und online wirklich verbinden
- Service-Innovationen wie Same-Day-Delivery, Click & Collect, präzise Bestandsanzeige pro Filiale
Wer diese Mehrwerte konsequent aufbaut und erklärt, muss nicht mehr auf Discounts als einziges Verkaufsargument setzen.
2. 5G als versteckter Enabler: Ohne Infrastruktur keine KI im Retail
Ong beschreibt sehr deutlich, wie sich die Netze verändern: Weg von reinem Streaming, hin zu KI-getriebenem Uplink-Verkehr – also Daten, die vom Nutzer ins Netz fliessen. Das ist exakt das, was moderne Retail-Konzepte brauchen.
Was im Telko-Umfeld passiert:
- 5G wird fĂĽr mission-critical Anwendungen genutzt, etwa bei Blaulichtorganisationen oder im Bahnverkehr.
- Einsatzleitwagen der Feuerwehr fahren mit sieben SIM-Karten, um Videostreams von Drohnen, Bodycams und Wärmebildkameras zu verarbeiten.
- Netze müssen stabil, sicher und überall verfügbar sein – auch „wo nur Gämschi und Murmeli sind“.
Ăśbertrag auf den Einzelhandel:
Moderne Handelskonzepte hängen an derselben Idee von „mission-critical“:
- In-Store-Analytics: Kameras, Sensoren und KI erkennen Laufwege, Warendruck, Schlangenbildung.
- Echtzeit-Bestand: Jede Bewegung eines Artikels – vom Warenlager über die Filiale bis zum Kunden – wird verfolgt.
- KI-gestützte Prognosen: Verkaufsdaten, Wetter, Events, Ferienkalender – alles fliesst in Forecast-Modelle.
Diese Anwendungen brauchen:
- hohe Bandbreiten (Video, Sensorik)
- geringe Latenzen (Echtzeit-Entscheidungen, z.B. Preis- oder Regaloptimierung)
- stabile Verbindungen indoor (wo 70–80 % des Traffics entstehen)
Hier kommt die Parallele zu Ericssons Fokus auf TDD im mittleren Frequenzband und Indoor-Abdeckung ins Spiel:
Wer KI im Handel ernst meint, muss Indoor-Netze genauso professionell betrachten wie sein ERP.
Für Schweizer Händler heisst das:
- 5G-Campusnetze oder hochwertige WiFi-/5G-Kombination fĂĽr Logistikzentren und grosse Stores prĂĽfen.
- Infrastruktur nicht mehr als „IT-Kostenstelle“, sondern als Produktivitäts-Werkzeug verstehen.
- Frühzeitig mit Netzbetreibern und Technologiepartnern sprechen – so wie Ericsson aktiv mit Bahn, Behörden und Blaulichtorganisationen zusammenarbeitet.
3. Von Connected Factory zur Connected Retailfläche
Ericsson arbeitet seit Jahren an Connected Factory-Projekten: Maschinen, Logistik und Qualitätssicherung werden via 5G und KI vernetzt. Die Gedanken dahinter sind für den Handel fast 1:1 nutzbar.
3.1 Tracking über die gesamte Wertschöpfungskette
Ong skizziert ein Szenario, bei dem ein Produkt von der Fertigung ĂĽber den Lastwagen bis zur Enddestination lĂĽckenlos getrackt wird.
Im Retail-Kontext ist das Gold wert:
- Out-of-Stock vermeiden: Wenn klar ist, wo welche Palette steckt und wie schnell die Filiale abverkauft, lassen sich LĂĽcken im Regal drastisch reduzieren.
- Feinere Disposition: Filialen werden nicht mehr nach statischen Plänen beliefert, sondern nach Echtzeit-Bedarf.
- Retouren optimieren: KI kann erkennen, welche Retouren in welcher Region noch abgesetzt werden können.
3.2 5G vs. WLAN im Store und Lager
Ong ist klar: 5G bietet gegenĂĽber WLAN
- höhere Genauigkeit bei der Positionierung,
- mehr Sicherheit,
- und einen nahtlosen Ăśbergang vom Innen- ins Aussennetz.
Was heisst das für Händler?
- In der Filiale: Exakte Positionen von Rollcontainern, Paletten oder sogar hochpreisigen Produkten (z.B. Elektronik, LuxusgĂĽter) lassen sich in Echtzeit abbilden.
- Im Lager: Flurförderzeuge, autonome Fahrzeuge oder Pick-by-Vision-Systeme können über 5G sicher gesteuert werden.
- Unterwegs: Lieferfahrzeuge bleiben im gleichen Datenfluss wie Lager und Filiale – ideale Basis für präzise Lieferzeitangaben an Kund:innen.
Kurz gesagt: Connected Factory ist die Vorlage für Connected Retailfläche.
4. KI im Netzbetrieb – und was der Handel davon lernen sollte
Ericsson nutzt KI längst nicht nur als Schlagwort, sondern im harten Alltag: Netzwerke mit mehreren Generationen (4G, 5G) manuell optimieren wäre schlicht nicht mehr machbar.
Die Telko-Welt setzt KI ein fĂĽr:
- Automatische Netzoptimierung (Frequenzen, Sendeleistung, Kapazitäten)
- Fehlererkennung und -vorhersage (Predictive Maintenance fĂĽr Antennen und Hardware)
- Grenzsituationen wie die Feinsteuerung von Netzen in Grenzregionen (Beispiel Basel/Frankreich)
FĂĽr den Schweizer Einzelhandel ergeben sich daraus klare Analogien:
4.1 KI fĂĽr Retail-Betrieb statt nur fĂĽr Marketing-Gimmicks
Viele Handelsunternehmen nutzen KI aktuell vor allem in der Kommunikation:
- Produkttexte generieren
- Bilder variieren
- einfache Chatbots fĂĽr Standardfragen
Das ist nett – aber nicht der Hebel, der Kosten- und Margenprobleme löst.
Besser ist eine KI-Strategie, die tief in den Betrieb greift:
- Warenbestände optimieren: KI berechnet für jede Filiale und jedes Produkt den optimalen Bestand, reduziert Überbestände und Abschriften.
- Personalplanung präziser machen: Besuchsfrequenzen, Events und Saisonverläufe fliessen in Schichtpläne ein.
- Flächenproduktivität steigern: Heatmaps und Abverkaufsdaten zeigen, welche Produkte wo wirklich funktionieren.
Hier liegt die eigentliche Parallele zu Ericsson:
KI wird dann wertvoll, wenn sie hochkomplexe Systeme stabil und effizient hält – nicht, wenn sie nur hübsche Frontends produziert.
4.2 KI braucht Datenqualität und klare Verantwortlichkeiten
Ong betont, wie wichtig Engineering-Kompetenz und Stakeholder-Management sind, um KI sinnvoll in Produkte und Netze zu integrieren. Für Händler heisst das:
- Datenbasis aufräumen (Artikelstammdaten, Kundendaten, Lagerdaten)
- Verantwortung klären: Wer „owned“ KI im Unternehmen – IT, Fachbereich, ein zentrales Data & Analytics Team?
- Pilotprojekte gezielt auswählen: Nicht mit 20 Use Cases beginnen, sondern mit 2–3 klar messbaren Projekten (z.B. Prognosegenauigkeit im Einkauf, Reduktion von Out-of-Stock in einer Warengruppe).
5. Führung, Kultur und Mission-Critical-Denken – warum das für den Handel entscheidend ist
Ein spannender Teil des Interviews dreht sich um Ongs FĂĽhrungsstil: offene TĂĽr, Empowerment, Coaching statt Micromanagement, Freude an der Arbeit.
Das wirkt auf den ersten Blick weit weg von KI und 5G, ist aber die Voraussetzung, damit solche Themen im Unternehmen ĂĽberhaupt traktion bekommen.
5.1 KI-Projekte sind Veränderungsprojekte
In der Praxis scheitern KI-Initiativen im Retail selten an der Technologie, sondern an:
- fehlender Akzeptanz der Filialteams,
- Angst vor Kontrolle oder Jobverlust,
- mangelnder Transparenz, warum etwas eingefĂĽhrt wird.
Ongs Ansatz – Mitarbeitende ernst nehmen, auf Augenhöhe kommunizieren, klar die Richtung vorgeben, aber nicht mikromanagen – ist für Retail-Transformation hochrelevant.
Wer Filialleiter:innen, Category Manager und Lagerverantwortliche früh einbindet, setzt KI nicht „top-down“ durch, sondern baut sie Schritt für Schritt in den Alltag ein.
5.2 Mission-Critical im Handel denken
Ericsson richtet sich stärker auf Mission-Critical-Anwendungen aus – Bereiche, in denen Ausfälle nicht akzeptabel sind (Blaulicht, Bahnen, kritische Infrastruktur).
Für den Handel lohnt sich eine ähnliche Perspektive:
- Was sind unsere mission-critical Prozesse?
- Kassensysteme
- Warenwirtschaft
- Preis- und Promotionsteuerung
- Online-Shop und Click & Collect
- Welche davon dĂĽrfen nie oder nur minim ausfallen?
Genau hier gehören KI-gestützte Überwachung und vorausschauende Wartung hin. Ein ausgefallenes Kassensystem am Samstagvormittag schadet mehr als jede verpasste Social-Media-Kampagne.
6. Was Schweizer Händler jetzt konkret tun sollten
Wer aus Ericssons Weg lernen will, sollte nicht einfach 5G-Antennen bestaunen, sondern ein paar klare Schritte gehen:
-
Mehrwert-Story schärfen
Weg von „billig“, hin zu: schnell, bequem, persönlich, zuverlässig. KI wird zum Mittel, diese Versprechen einzulösen – nicht zum Selbstzweck. -
Digitale Infrastruktur als strategisches Asset behandeln
Netzabdeckung, Indoor-Konnektivität, Datenerfassung und -verarbeitung gehören auf CEO- und CFO-Level, nicht nur zur IT. -
Zwei bis drei KI-Anwendungsfälle fokussieren
Beispielsweise: Prognosen im Einkauf, Bestandsoptimierung, Personalplanung. Messbare Ziele definieren (z.B. -20 % Out-of-Stock auf A-Artikeln in 12 Monaten). -
Stakeholder-Management ernst nehmen
Wie Ericsson mit Politik, Bahn und Blaulicht spricht, sollten Händler mit Vermietern, Logistikern, Tech-Partnern und natürlich den eigenen Teams umgehen. -
Kultur aktiv gestalten
Führungskräfte, die wie Ong sagen „Ich bin nicht die smarteste Person im Raum“, schaffen Raum für Innovation. Genau diese Haltung braucht es, wenn Data Scientists, IT und Filiale gemeinsam arbeiten sollen.
Diese Schritte sind kein Nice-to-have für 2030, sondern Antworten auf Themen, die im Winter 2025 schon massiv spürbar sind: Margendruck, Fachkräftemangel, steigende Kundenerwartungen.
Ausblick: Präzision mit Intelligenz – auch im Handel
Die Schweizer Präzisionsindustrie zeigt seit Jahrzehnten, wie man komplexe Technik mit Verlässlichkeit verbindet. Ericsson überträgt dieses Denken auf Netzwerke und KI. Der Handel steht jetzt an derselben Schwelle.
Wer KI nicht nur fürs Marketing, sondern für präzise Prozesse, stabile Infrastrukturen und messbare Mehrwerte einsetzt, wird sich aus der Rabattspirale lösen. Wer dagegen weiterhin nur auf Tiefstpreise und Einzelaktionen setzt, erlebt früher oder später dasselbe Problem wie im Mobilfunk: ein kritisches Produkt, das unter Wert verkauft wird.
Die Frage ist also weniger, ob KI und 5G im Schweizer Einzelhandel eine Rolle spielen, sondern wie konsequent Sie diese Technologien in Ihre Wertschöpfung einbauen.
Wenn Sie herausfinden wollen, wo Ihre „mission-critical“ Punkte liegen und wie KI dort konkret ansetzen kann, ist jetzt ein guter Moment, das Thema strukturiert anzugehen.