5G und KI verändern die Schweizer Industrie. Warum stabile Netze trotz Kostendruck entscheidend sind – und wie Fabriken, Logistik und Retail jetzt planen sollten.
Zwischen Kostendruck und KI: 5G fĂĽr die Schweizer Industrie
Mobilfunkabos für 9.90 Franken, aber Feuerwehr-Einsatzwagen mit sieben SIM-Karten – dieses Spannungsfeld beschreibt ziemlich gut, wo die Schweizer Netzinfrastruktur Ende 2025 steht. Die Nachfrage nach vernetzter Produktion, Echtzeit-Daten und KI-Anwendungen explodiert. Gleichzeitig bröckeln die Margen der Betreiber.
Für die Schweizer Präzisionsindustrie, den Maschinenbau und den Retail ist das mehr als ein Branchendetail. Ohne robuste, intelligente Mobilfunknetze wird KI in der Produktion zur Luftnummer. Genau hier setzt die Strategie von Ericsson Schweiz unter dem neuen Country Manager Kenneth Ong an – und sie liefert einige klare Lektionen für Industrieunternehmen.
In dieser Ausgabe der Serie „KI in der Schweizer Industrie: Präzision mit Intelligenz“ geht es darum, was 5G und KI im Netz für Fertigung, Logistik und Handel konkret bedeuten – und wie sich Unternehmen jetzt positionieren sollten.
1. 5G als RĂĽckgrat fĂĽr KI in der Produktion
Für Schweizer Industriebetriebe ist 5G nicht „noch ein Funkstandard“, sondern die logische Basis, damit KI im Shopfloor überhaupt Sinn ergibt.
Warum 5G fĂĽr industrielle KI wichtiger ist als WLAN
Ong bringt es indirekt auf den Punkt: Für den Kunden zählt nicht die Technologie, sondern der digitalisierte Prozess. Trotzdem ist 5G industriell oft die bessere Wahl als WLAN oder Bluetooth, vor allem wenn KI im Spiel ist:
- Höhere Zuverlässigkeit: 5G-Netze lassen sich als private 5G-Campusnetze mit garantierten Latenzen fahren. Für KI-gestützte Qualitätskontrolle am Band ist das entscheidend.
- Mehr Bandbreite & mehr Uplink: Klassische Netze sind für Streaming und Downloads gebaut. KI-basierte Bildverarbeitung, Predictive-Maintenance-Sensorik oder kollaborative Roboter erzeugen hingegen enorme Uplink-Datenströme.
- Bessere Positionierung: 5G erlaubt eine deutlich genauere Ortung von WerkstĂĽcken, Fahrzeugen und Werkzeugen als WLAN. FĂĽr Tracking und automatische MaterialflĂĽsse ist das ein massiver Vorteil.
- Nahtlos indoor/outdoor: Gabelstapler, AGVs oder Service-Techniker wechseln ständig zwischen Hallen und Werksgelände. 5G kann diesen Übergang sauber abbilden – ohne Funklöcher, ohne SSID-Wechsel.
Die Realität: Viele Schweizer Werke haben kleinteilig gewachsene WLAN-Landschaften, die man „irgendwie am Leben hält“. Für KI-basierte Qualitätskontrolle in Echtzeit, vernetzte Robotik oder AR-Assistenzsysteme geraten diese Setups schnell an die Grenze.
Konkrete Use Cases: Von Connected Factory zu KI-Fabrik
In der Praxis lassen sich 5G und KI im industriellen Umfeld grob in vier Cluster einteilen:
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Qualitätskontrolle in Echtzeit
- Hochauflösende Kameras an der Linie streamen Bilder über 5G.
- KI-Modelle (on edge oder in der Cloud) erkennen Fehler in Millisekunden.
- Ausschuss wird sofort ausgeschleust, Mitarbeiter erhalten Feedback in Echtzeit.
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Vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance)
- Sensoren an Spindeln, Lagern oder Pumpen senden kontinuierlich Schwingungs- und Temperaturdaten.
- KI-Algorithmen erkennen Muster, die auf Ausfälle hinweisen.
- Stillstände werden geplant, Ersatzteile rechtzeitig disponiert.
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Adaptive, KI-gestĂĽtzte Produktion
- Produktionsparameter (Drehzahl, Temperatur, Vorschub) werden live optimiert.
- KI-Modelle reagieren auf Materialschwankungen oder Werkzeugverschleiss.
- Ergebnis: Weniger Ausschuss, konstantere Qualität, weniger Energieverbrauch.
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Tracking entlang der kompletten Wertschöpfungskette
- Teile und Produkte werden von der Fertigung ĂĽber das Lager bis zur Auslieferung verfolgt.
- 5G ermöglicht ein lückenloses Tracking über Hallen- und Standortgrenzen hinweg.
- Für den Retail bedeutet das: präzisere Lieferzeiten, schlankere Lager, weniger Out-of-Stock.
Gerade dieser letzte Punkt zeigt, wie stark Produktion, Logistik und Handel inzwischen verzahnt sind. Wer im Retail auf Echtzeit-Bestandsdaten setzt, braucht vorgelagert eine mindestens ebenso smarte Fabrik.
2. Kostendruck vs. Qualität: Warum Billig-Abos der Industrie schaden
Ong spricht ein unangenehmes Thema offen an: Mobilfunkpreise, die bei zwei Espresso pro Monat liegen, sind betriebswirtschaftlich nicht kompatibel mit hochverfĂĽgbaren Netzen.
Was günstige Abos mit industrieller Konnektivität zu tun haben
Wenn Telkos im Preiskampf die Margen verlieren, fehlen Mittel genau dort, wo die Schweizer Industrie sie braucht:
- Flächendeckende 5G-Netze, auch in Tälern, Randregionen und entlang von Bahnstrecken.
- Mission-Critical-Netze fĂĽr Blaulicht, Bahnen und kritische Industrien.
- Indoor-Lösungen für Fabriken, Spitäler, Logistikzentren und Retailflächen.
Für die Präzisionsindustrie ist das heikel:
Maschinenparks mit einem Lebenszyklus von 15–20 Jahren brauchen planbare Konnektivität. Wenn Betreiber unter Kostendruck Standards zu schnell abschalten oder den Ausbau bremsen, entstehen echte Risiken in der Produktion.
Wie Unternehmen gegensteuern können
Die Konsequenz fĂĽr Industriebetriebe und Retailer:
- Nicht nur nach dem niedrigsten Preis einkaufen.
Wer Konnektivität wie Büromaterial behandelt, zahlt später bei Ausfällen, Latenzen oder Sicherheitslücken. - Service Level Agreements (SLAs) ernst nehmen.
Uptime, Latenz, Priorisierung von Traffic (z.B. Produktionsdaten vor Entertainment) mĂĽssen vertraglich geregelt sein. - Mission-Critical-Anforderungen definieren.
Welche Anlagen dĂĽrfen nie offline sein? Welche Prozesse brauchen garantierte Latenzen?
Diese Fragen gehören in jede Digitalisierungs- und KI-Roadmap.
Ongs Ansatz, Mehrwert statt Rabatt zu verkaufen, gilt auch umgekehrt: Industrieunternehmen sollten bereit sein, für stabile, sichere Netze zu zahlen – sonst torpedieren sie ihre eigene KI-Strategie.
3. Mission-Critical-Kommunikation: Was Industrie von Blaulicht lernt
Wenn ein Feuerwehr-Einsatzleitwagen sieben SIM-Karten braucht, ist klar: Standard-Mobilfunk war nie fĂĽr solche Anwendungen gedacht. Genau aus diesen Extremszenarien lassen sich aber wertvolle Lehren fĂĽr Industrie und Handel ziehen.
Mission-Critical: Mehr als „bessere Verfügbarkeit“
Mission-Critical-Kommunikation bedeutet:
- Garantierte VerfĂĽgbarkeit, auch bei hoher Netzauslastung.
- Priorisierung von Datenverkehr, z.B. Notfall- oder Produktionsdaten vor Streaming.
- Hohe Sicherheit und Redundanz, inklusive separater Netzelemente.
Die Anwendungsfälle gehen weit über Polizei und Feuerwehr hinaus:
- Zugverkehr (FRMCS): Zukünftige Zugkommunikationssysteme bauen auf 5G auf. Das betrifft Güterverkehr, Pendlerströme und Just-in-Time-Lieferketten.
- Energie- und Versorgungsnetze: Steuerung von Umspannwerken, Wasserwerken oder Fernwärme erfordert extrem zuverlässige Konnektivität.
- Industrieanlagen: Chemieparks, Stahlwerke oder pharmazeutische Produktionen haben Prozesse, die man nicht einfach „neustartet“.
Hier positioniert sich Ericsson – laut Ong – bewusst stärker, und das ist für Schweizer Industrieunternehmen eine Chance: Wer früh in mission-critical-fähige Netzarchitekturen investiert, kann KI-Anwendungen mit deutlich weniger Risiko skalieren.
Praxisbeispiel fĂĽr die Schweizer Industrie
Nehmen wir ein fiktives, aber realistisches Szenario:
- Ein Pharmaunternehmen in Basel betreibt mehrere Produktionslinien mit hochkomplexen, regulierten Prozessen.
- Qualitätsdaten, Umgebungsparameter und Maschinensignale werden in Echtzeit erfasst und durch KI-Modelle bewertet.
- Ein 5G-Mission-Critical-Campusnetz stellt sicher, dass diese Daten selbst bei Störungen im öffentlichen Netz priorisiert übertragen werden.
Vorteile:
- Kein Risiko, dass ein allgemeiner Netzengpass zu Produktionsstopps fĂĽhrt.
- KI-gestützte Abweichungserkennung bleibt auch in Peak-Zeiten funktionsfähig.
- Regulatorisch saubere, durchgängige Datenerfassung.
Genau solche Setups werden in den nächsten Jahren zum Standard, wenn Unternehmen KI nicht nur als Pilotprojekt, sondern als Produktionswerkzeug nutzen wollen.
4. KI im Netzbetrieb: Unsichtbare Voraussetzung fĂĽr sichtbare Innovation
Ong ist erstaunlich klar: Ohne KI wären moderne Netze nicht mehr beherrschbar. Mehrere Generationen (4G, 5G), strenge Schweizer Grenzwerte, Alpen-Topografie – das lässt sich manuell schlicht nicht effizient optimieren.
Wie KI das Netz fĂĽr Industrieanwendungen fit macht
Ein paar Beispiele, die selten auf Folien, aber im Alltag extrem wichtig sind:
- Automatisierte Parameteroptimierung:
KI-Modelle passen Sendeleistung, Frequenznutzung und Handovers fortlaufend an die reale Nutzung an – auch entlang von Landesgrenzen. - Energieoptimierung im Netz:
Mit Blick auf Net-Zero-Ziele bis 2050 werden Funkzellen dynamisch in den Sleep-Modus versetzt, ohne kritische Dienste zu gefährden. - Störungsprognosen und Self-Healing:
Auffällige Muster in KPIs deuten auf bevorstehende Ausfälle hin. Das Netz reagiert automatisch oder eskaliert an Techniker.
FĂĽr die Schweizer Industrie hat das zwei Konsequenzen:
-
Netze werden zu „Mitspielern“ in der KI-Kette.
Nicht nur Maschinen und Anwendungen nutzen KI – auch die Transportebene denkt mit. Das erhöht Stabilität und Effizienz. -
Neue Dienste werden möglich:
Differenzierte Konnektivität (z.B. „Premium-Uplink“ für Produktionsdaten) wird erst dann wirtschaftlich, wenn KI im Netz die Komplexität reduziert.
Wer als Industrieunternehmen mit Telkos über Campusnetze, 5G-Standalone oder differenzierte Konnektivität spricht, sollte daher explizit fragen:
„Welche KI-gestützten Funktionen nutzen Sie im Netzbetrieb – und wie profitieren unsere Anwendungen davon?“
5. Was Schweizer Industrie und Retail jetzt konkret tun sollten
Die Strategie von Ericsson Schweiz unter Kenneth Ong lässt sich gut auf die Unternehmenspraxis übertragen. Drei Schritte sind besonders sinnvoll.
1. KI-Roadmap mit Konnektivität verzahnen
Viele Unternehmen planen KI-Projekte losgelöst von der Netzinfrastruktur. Das rächt sich später.
- Erstellen Sie eine gemeinsame Roadmap für KI & Konnektivität.
- Ordnen Sie Use Cases (Qualitätskontrolle, Wartung, Robotik, Retail-Analytics) klaren Anforderungen an Latenz, Bandbreite, Verfügbarkeit zu.
- Prüfen Sie, wo private 5G-Campusnetze oder hybride Modelle mit öffentlichen Netzen sinnvoll sind.
2. Mission-Critical-Anforderungen klar definieren
Nicht jeder Prozess braucht fünf Neunen Verfügbarkeit – aber manche eben doch.
- Kategorisieren Sie Prozesse in „kritisch“, „wichtig“, „tolerant“.
- FĂĽr kritische Prozesse (z.B. Sicherheitsfunktionen, regulatorisch relevante Daten) definieren Sie klare Anforderungen:
- maximale Ausfallzeit
- erlaubte Latenz
- Umgang mit NetzunterbrĂĽchen
- Verankern Sie diese Anforderungen in Verträgen mit Netzanbietern und Integratoren.
3. Indoor-Fokus ernst nehmen
Ong verweist auf eine simple Zahl: 70–80 % des Traffics entstehen indoor. Für Produktions- und Retailflächen heisst das:
- Planen Sie Netzabdeckung in Hallen und Filialen genauso professionell wie Maschinenlayouts.
- Denken Sie früh an Funkplanung, Abschattungen, Materialien (Beton, Metallregale, Reinraumwände).
- Nutzen Sie 5G-Campuslösungen gezielt dort, wo WLAN dauerhaft an die Grenzen kommt.
Wer diese drei Punkte sauber angeht, schafft die Basis, damit KI in der Schweizer Industrie nicht bei Pilotprojekten stehenbleibt, sondern produktiv wirkt – von der Präzisionsmaschine bis ins Retailregal.
Ausblick: KI-Agenten, Uplink-Boom und die Rolle der Schweiz
Ein spannender Punkt aus Ongs Interview: KI-Agenten werden künftig untereinander kommunizieren – und damit den Uplink-Traffic massiv erhöhen. Was heute mit Tiktok-Videos begonnen hat, setzt sich in vernetzten Fabriken und Lieferketten fort:
- Maschinen „sprechen“ mit KI-Diensten.
- KI-Agenten koordinieren MaterialflĂĽsse.
- Retail-Systeme reagieren in Echtzeit auf Nachfrageänderungen.
Die Schweiz hat dabei einen Vorteil: Präzision, Qualitätsbewusstsein und ein starker Industrie- und Telko-Sektor. Der Nachteil: strenge Grenzwerte, komplexe Topografie und ein ausgeprägter Preisdruck.
Wer diese Spannungen aktiv managt – so wie es Ericsson Schweiz strategisch plant –, kann KI und 5G zu einem echten Standortvorteil machen. Die Frage ist nicht mehr, ob Industrieunternehmen in KI investieren, sondern ob sie gleichzeitig das Netz darunter ernst genug nehmen.
Wer heute seine Fabrik, seine Logistik oder seinen Retail neu denkt, sollte sich ganz nĂĽchtern fragen:
„Ist unsere Konnektivität schon auf die Welt vorbereitet, in der Maschinen, KI-Agenten und Menschen gleichzeitig und in Echtzeit kommunizieren?“
Wer hier mit „noch nicht“ antwortet, hat für 2026 ein sehr klares Prioritäten-Setup.