Die Fusion von SFA und SFTA stärkt das Schweizer Fintech-Ökosystem. Was das konkret für KI in Banking und Vermögensverwaltung bedeutet – und wie Institute profitieren.
Ein neuer Fintech-Verband – und was das für KI im Banking heisst
Im Dezember 2024 haben sich zwei der prägendsten Schweizer Fintech-Verbände zusammengeschlossen: die Swiss Fintech Association (SFA) und die Swiss Finance + Technology Association (SFTA). Entstanden ist ein gemeinsamer Branchenverband unter dem Namen Swiss FinTech Association (SFTA) – mit deutlich mehr Netzwerk, politischem Gewicht und technologischem Know-how.
Für sich allein ist das eine klassische Verbandsmeldung. Für Banken, Vermögensverwalter und KI-Anbieter steckt dahinter aber etwas Grösseres: Diese Fusion ist ein Signal, wie sich das Schweizer Finanz-Ökosystem für die nächste Phase von KI in Banking und Wealth Management aufstellt.
In dieser Serie „KI in der Schweizer Finanzbranche: Banking & Vermögensverwaltung“ geht es darum, wie Institute KI konkret nutzen – von Robo-Advisory über Fraud Detection bis zu Compliance-Automatisierung. Dieser Beitrag setzt einen Schritt früher an: bei der Frage, welches Ökosystem solche KI-Lösungen überhaupt möglich macht – und welche Rolle der neue Verband dabei spielen kann.
1. Was genau ist passiert – und warum ist das relevant für Banken?
Die Kernbotschaft: Aus zwei Verbänden entsteht ein gemeinsamer, deutlich stärkerer Player für die Schweizer Fintech-Branche.
- Die bisherige Swiss Fintech Association (SFA) war vor allem stark in Interessenvertretung: Dialog mit Politik, Regulatoren und Wirtschaft, Organisation der Fintech-Messe, Positionierung des Standorts Schweiz.
- Die Swiss Finance + Technology Association (SFTA) war besonders stark als Community- und Netzwerkplattform: regionale Chapters, Meetups, Wissensaustausch, internationale Partnerschaften.
Mit der Fusion werden diese Stärken kombiniert:
Mehr politische Schlagkraft + dichteres Community-Netzwerk = bessere Rahmenbedingungen für digitale und KI-basierte Finanzlösungen.
Warum das für KI-Projekte in Banken wichtig ist
Banken und Vermögensverwalter merken es täglich: KI-Projekte scheitern selten an der Technologie, sondern an Rahmenbedingungen.
- Unklare regulatorische Erwartungen bei KI-basierten Kreditscorings oder Robo-Advisory
- Hoher Abstimmungsaufwand mit Aufsicht, Datenschutz, Legal & Compliance
- Fehlender Zugang zu kompetenten Fintech- und KI-Partnern
Ein starker Verband kann genau hier ansetzen:
- Koordination mit Regulatoren bei Themen wie erklärbarer KI, Modellrisiko, Outsourcing von KI-Services
- Standardisierung von Best Practices für KI in Compliance, Betrugsbekämpfung oder Portfolio-Optimierung
- Vernetzung von Banken, Wealth Managern, InsurTechs, KI-Start-ups und Forschung
Wer heute in der Schweiz eine KI-Strategie für Banking & Vermögensverwaltung entwickelt, sollte diese neue Konstellation mitdenken – auch für Partnerschaften und Talentzugang.
2. Die neue SFTA: Mehr Netzwerk, mehr Einfluss, mehr KI-Potenzial
Die fusionierte Swiss FinTech Association (SFTA) zielt klar darauf, das Schweizer Fintech-Ökosystem breiter und schlagkräftiger aufzustellen.
Drei Hebel, die für KI im Banking besonders spannend sind
1. Erweitertes Netzwerk
Mehr Mitglieder bedeuten:
- mehr potenzielle Use-Case-Partner für KI-Projekte (z.B. KYC-Automatisierung, Anti-Money-Laundering, personalisierte Beratung)
- mehr Investoren, die KI-getriebene Geschäftsmodelle im Finanzbereich verstehen
- direkteren Zugang zu Forschungsteams im Bereich Machine Learning, Data Science und RegTech
2. Verbesserte Sichtbarkeit und Standortattraktivität
Mit einer geeinten Stimme kann der Verband gegenüber Politik, Regulatoren und Medien klarer kommunizieren, wo die Schweiz bei KI im Finanzbereich hinwill:
- Positionierung der Schweiz als sicheren, regulierten, aber innovationsfreundlichen KI-Finanzplatz
- Unterstützung bei der Ausgestaltung von Regulierung für KI-Anwendungen in Banking & Wealth
- Internationale Wahrnehmung, die hilft, KI-Talente und spezialisierte Anbieter in die Schweiz zu holen
3. Ausbau von Veranstaltungen und Services
Die Fintech-Messe bleibt ein zentrales Format, dazu kommen regionale Meetups in allen Landesteilen sowie neue Eventformate.
Für Banken und Vermögensverwalter ergibt sich eine konkrete Chance:
- Use Cases live sehen statt nur in PowerPoint – z.B. KI-gestützte Fraud Detection, Realtime-Transaktionsmonitoring, automatisierte Suitability-Prüfungen
- Pilotprojekte anbahnen mit Fintechs aus dem Verband
- Regulierte und regulierungsnahe Diskussionen im offenen Rahmen führen, bevor man intern hohe Budgets freigibt
3. Governance und Expertise: Wer den neuen Verband prägt
Der neue Vorstand wird als „Merger of Equals“ geführt – mit Co-Präsidium und paritätisch zusammengesetztem Board. Für KI-Themen ist vor allem entscheidend, welche Profile an der Spitze stehen.
Im Vorstand finden sich u.a.:
- Thomas Brändle – Mitgründer der ursprünglichen Swiss Fintech Association, Unternehmer mit skalierungsstarkem Hintergrund
- Philip Weights – langjährige Management-Erfahrung bei EFG, HSBC und Citibank, tiefe Kenntnis des internationalen Bankings
- Silvan Andermatt – aktiv in diversen Blockchain- und Fintech-Startups
- Roger Bossard – Gründer einer Crowdlending-Plattform, Erfahrung mit KI-tauglichen Kreditdaten und Scoring-Logiken
- Agata Marty – CEO einer Bonitäts- und Identitäts-Plattform, idealandockpunkt für KYC-/AML-KI-Anwendungen
- Christian Meisser – Gründer einer Tech-Kanzlei, wichtig für Themen wie Datenrecht, KI-Haftung und Outsourcing
Gerade der Mix aus Bankpraxis, Start-up, Legal und Plattform-Know-how ist für KI im Finanzbereich entscheidend. KI-Projekte berühren fast immer mehrere dieser Dimensionen gleichzeitig.
4. Was bedeutet das konkret für KI in Banking & Vermögensverwaltung?
Die neue SFTA wird nicht automatisch alle KI-Herausforderungen lösen. Aber sie kann Katalysator für vier zentrale Handlungsfelder sein, die ich in vielen Instituten immer wieder sehe.
4.1 KI-Compliance und RegTech beschleunigen
KI-Anwendungen geraten schnell ins Stocken, sobald BaFin-, FINMA- oder interne Compliance-Fragen im Raum stehen. Ein starker Verband kann helfen, gemeinsame Antworten zu entwickeln.
Mögliche Rollen der SFTA:
- Arbeitsgruppen zu „Responsible AI“ im Finanzsektor: Dokumentationspflichten, Modell-Governance, Bias-Management
- Austausch zu Best Practices in AML, Sanctions Screening und Fraud Detection mit KI-Unterstützung
- Koordination mit Regulatoren, um klare Leitplanken für KI-Tools zu schaffen (z.B. Anforderungen an Transparenz und Erklärbarkeit)
Für Institute kann das bedeuten: kürzere Abstimmungszyklen, weniger Einzelkämpfertum, mehr Orientierung an bereits erprobten Standards.
4.2 Robo-Advisory und personalisierte Kundenbetreuung
Robo-Advisory und KI-gestützte Vermögensverwaltung sind in der Schweiz etabliert, aber ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.
Ein starker Fintech-Verband kann:
- Banken mit Spezialanbietern für Portfolio-Optimierung, Natural Language Interfaces und Behavioural Analytics zusammenbringen
- gemeinsame Branchen-Formate schaffen, in denen Hybrid-Modelle (Berater + KI) diskutiert und getestet werden
- den Austausch zu Kundenerwartungen in der Schweiz fördern – etwa wie viel Automatisierung Privat- und Wealth-Kunden wirklich akzeptieren
Gerade im Private Banking spielt Vertrauen eine enorme Rolle. KI muss dort erklärbar und eingebettet sein, nicht einfach nur „smart“.
4.3 Fraud Detection und Transaktionsüberwachung
Mit steigender Digitalisierung wachsen auch Betrugsversuche. KI-Modelle für Anomalieerkennung, Device Fingerprinting oder Behavioural Biometrics sind hier zentrale Bausteine.
Die neue SFTA kann:
- den Austausch zu gemeinsamen Datenpools oder anonymisierten Benchmarks fördern
- Fintechs vernetzen, die sich auf Realtime-Analysetools für Zahlungsverkehr und Trading spezialisiert haben
- Diskussionen zu Datenzugang und Datenschutz strukturieren, etwa wo Pseudonymisierung genügt und wo echte Anonymisierung nötig ist
Für Banken bedeutet das: schneller Zugang zu erprobten Fraud-KI-Lösungen, weniger Versuch-und-Irrtum in isolierten Projekten.
4.4 Talent, Weiterbildung und Kulturwandel
Die ehrliche Wahrheit: Viele KI-Initiativen kranken nicht an Technologie, sondern an Skills und Kultur.
Ein Netzwerk wie die neue SFTA kann:
- Weiterbildungsformate für Data Scientists, Product Owner und Compliance Officers anbieten, speziell im Kontext „KI im Finanzsektor in der Schweiz“
- Cross-Company-Projekte fördern, in denen Banken, Start-ups und Hochschulen MVPs testen
- Mentoring-Programme aufsetzen, die line-of-business-Führungskräfte an KI-Themen heranführen
Wer als Institut KI ernst meint, braucht neben Budget und Infrastruktur vor allem eines: Zugang zu einem Ökosystem, in dem KI-Kompetenz selbstverständlich ist. Genau hier setzt die neue Verbandstruktur an.
5. Wie Banken und Vermögensverwalter die Fusion jetzt für sich nutzen
Der Nutzen dieser Fusion hängt stark davon ab, wie aktiv Institute sich einbringen. Passives Zuschauen bringt wenig.
Konkrete nächste Schritte für Institute
-
Mitgliedschaft und aktive Teilnahme prüfen
Wer noch in keinem der beiden Alt-Verbände war, sollte evaluieren, ob eine Mitgliedschaft in der neuen SFTA strategisch Sinn ergibt – insbesondere, wenn eine KI- oder Digitalisierungsagenda für 2025+ existiert. -
KI-Use Cases gezielt ins Netzwerk tragen
Statt „wir wollen KI machen“ lohnt es sich, mit konkreten Fragestellungen in die Community zu gehen:- Wie automatisieren andere Institute ihre KYC-Prozesse mit KI?
- Welche Erfahrungen gibt es mit KI-basiertem Kunden-Screening in der Vermögensverwaltung?
- Wer hat Robo-Advisory-Modelle erfolgreich mit klassischer Beratung kombiniert?
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Regulatorische Themen aktiv platzieren
Institute sollten ihre offenen regulatorischen Fragen zu KI frühzeitig im Verband adressieren – so steigt die Chance, dass diese in Arbeitsgruppen, Positionspapieren oder in den Dialog mit Behörden einfliessen. -
Partnerschaften mit Fintechs systematischer aufbauen
Die neue SFTA bietet einen guten Filter, um seriöse, auf den Schweizer Markt fokussierte Anbieter zu identifizieren. Das beschleunigt Auswahlprozesse für KI-Tools deutlich.
Ausblick: KI im Schweizer Finanzplatz braucht starke Verbündete
Die Fusion von SFA und SFTA zur neuen Swiss FinTech Association ist mehr als ein organisatorischer Schritt. Sie ist ein Zeichen dafür, dass sich die Schweizer Fintech- und KI-Szene konsolidiert, um im internationalen Wettbewerb nicht nur mitzuhalten, sondern eigene Akzente zu setzen.
Für Banken und Vermögensverwalter heisst das: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, KI-Themen nicht mehr nur als interne IT-Projekte zu sehen, sondern als Teil eines grösseren Ökosystems.
Wer die kommenden Jahre erfolgreich gestalten will – mit KI-gestützter Compliance, Robo-Advisory, Betrugserkennung und personalisierter Kundenbetreuung – sollte sich dort einbringen, wo diese Themen gebündelt diskutiert und vorangetrieben werden. Die neue SFTA ist einer dieser Orte.
Die Frage ist weniger, ob sich KI im Schweizer Banking durchsetzt, sondern mit wem Sie diesen Weg gehen. Genau hier spielt ein starker Branchenverband seine Stärken aus.