Neue RFEM-6- und RSTAB-9-Features bringen realistischere Modelle, saubere Daten und bessere Nachweise – die perfekte Basis für KI und Baustelle 4.0.
RFEM 6 & RSTAB 9: Warum dieses Update für Baustelle 4.0 zählt
Die meisten Büros in der Tragwerksplanung kämpfen 2025 mit denselben Themen: Fachkräftemangel, eng getaktete HOAI-Leistungsbilder, steigender Dokumentationsaufwand – und gleichzeitig der Anspruch, BIM- und KI-Workflows sauber zu bedienen. Genau hier entscheidet sich, ob ein Büro nur „mitläuft“ oder wirklich produktiv digital arbeitet.
Das aktuelle Update der Dlubal-Programme RFEM 6 und RSTAB 9 klingt auf den ersten Blick nach „ein paar neuen Features“. Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Das sind Bausteine für genau das, was oft unter Baustelle 4.0 und KI-gestützter Planung zusammengefasst wird. Mehr Automatisierung, weniger Klickarbeit, klarere Nachweise, sauberere Modelle – also genau das, was KI-Systeme später auswerten und ergänzen können.
In diesem Beitrag gehe ich durch die wichtigsten Neuerungen, ordne sie in den Kontext KI in der deutschen Bauindustrie ein und zeige, wie Sie damit Ihren Workflow in Statik und BIM messbar verbessern können.
1. Spannglieder auf Flächen: Mehr Realität in der FEM – weniger Workarounds
Die wichtigste Neuerung vorneweg: Spannglieder in ebenen und rohrförmigen Flächen in RFEM.
Statt Vorspannung nur in Stäben ansetzen zu können, sind jetzt:
- Spannglieder in ebenflächigen Bauteilen (z.B. vorgespannten Decken- oder Wandscheiben) möglich,
- Spannglieder in rohrförmigen Flächen (z.B. runde Spannbetonbehälter, Silos, Tanks) direkt abbildbar,
- die Flächen werden automatisch erkannt und verbunden,
- Vorspannungslasten werden direkt in die Flächen eingebracht.
Warum ist das relevant fĂĽr Baustelle 4.0?
Je näher das Rechenmodell an der Realität dran ist, desto mehr kann später KI damit anfangen. Ein digitales Modell, in dem Vorspannung nur über Krücken (zusätzliche Stäbe, Ersatzlasten) abgebildet ist, ist schwerer zu interpretieren – sowohl für Menschen als auch für Algorithmen.
Mit echten Spanngliedern auf Flächen:
- werden Material- und Geometriedaten konsistenter,
- lassen sich Lastpfade automatisch auswerten,
- können KI-Modelle später z.B. Schadensrisiken oder Optimierungspotenziale bei Vorspannung besser erkennen.
Im Alltag der Tragwerksplanung bedeutet das auĂźerdem: weniger Modell-Workarounds, weniger Fehlerquellen, schnellere Variantenbildung, gerade bei Speicher- und Infrastrukturbauten.
2. Benutzer-Materialbibliothek: Grundlage fĂĽr KI-gestĂĽtzte Standardisierung
RFEM 6 und RSTAB 9 bieten jetzt eine Benutzer-Materialbibliothek, in der eigene Materialien erstellt, bearbeitet und modellübergreifend gespeichert werden können.
Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Komfort-Feature. In der Praxis ist es deutlich mehr:
- Büros können eigene Standardmaterialien pflegen (z.B. projektspezifische Betonrezepturen, Stahlgüten mit besonderen Kennwerten, Bestandsmaterialien).
- Diese Materialien stehen in allen Modellen wiederkehrend zur VerfĂĽgung.
- Materialstammdaten lassen sich einheitlich strukturieren, was perfekt zu BIM- und KI-Strategien passt.
Warum das wichtig fĂĽr KI in der Bauindustrie ist:
KI braucht saubere, vergleichbare Daten. Wenn jedes Projekt mit leicht anderen Materialbezeichnungen und manuellen Einträgen arbeitet, lassen sich später:
- Tragreserven nicht projektĂĽbergreifend vergleichen,
- Sanierungsstrategien nicht automatisch ableiten,
- Nachhaltigkeitskennzahlen (z.B. COâ‚‚-Footprint pro Material) nicht konsistent auswerten.
Mit einer gepflegten Benutzer-Materialbibliothek bauen Sie sich schrittweise ein eigenes Materialdaten-Backbone, das sich sehr gut mit KI-Tools kombinieren lässt – etwa zur automatischen Bewertung von Varianten hinsichtlich Kosten, CO₂ oder Bauzeit.
3. Parametrische Bewehrungsstabquerschnitte: Baustein fĂĽr automatisierte Bemessung
In der Querschnittsbibliothek stehen jetzt nicht nur genormte Bewehrungsstabquerschnitte, sondern auch parametrische Bewehrungsstabquerschnitte zur Verfügung. Sämtliche Durchmesser lassen sich definieren.
Das zahlt gleich auf mehrere Themen ein:
- Standardisierung: Wiederkehrende Bürostahlsorten und Kombinationen können als parametrisierte Templates hinterlegt werden.
- Variantenstudien: KI-Algorithmen können automatisiert verschiedene Durchmesser-Kombinationen durchrechnen und optimieren.
- BIM-VerknĂĽpfung: Parametrische Bewehrung passt deutlich besser in modellbasierte Workflows zwischen Statik, BIM und Fertigteilplanung.
Wer perspektivisch KI-basierte Bewehrungsoptimierung oder automatische Schal- und Bewehrungspläne nutzen möchte, braucht genau diese Parametrik. RFEM 6 und RSTAB 9 liefern hier einen wichtigen Zwischenschritt.
4. Erweiterte plastische Nachweise nach EC 3: Realistischer Stahlbau, weniger Ăśberdimensionierung
Im Add-On Stahlbemessung steht jetzt das Teilschnittgrößenverfahren (mit und ohne Umverteilung) nach Prof. Kindmann für die Bemessung nach EN 1993-1-1 zur Verfügung.
Konkret bedeutet das:
- Plastische Reserven im Querschnitt können praxisgerecht genutzt werden,
- Schnittgrößen können gezielt umverteilt werden,
- Stahlquerschnitte lassen sich in vielen Fällen schlanker und wirtschaftlicher bemessen.
FĂĽr KI und Baustelle 4.0 ist das aus zwei GrĂĽnden spannend:
-
Datenbasis fĂĽr Optimierung
Wenn plastische Nachweise konsequent genutzt werden, entsteht ein Datensatz, der zeigt, wie weit ein Büro statisch ausnutzt. KI-Tools können darauf aufbauen und z.B. Vorschläge machen, wo noch Reserven bestehen – oder wo die Reserve bereits kritisch gering ist. -
Ressourceneffizienz & Nachhaltigkeit
Jeder eingesparte Kilogramm Stahl wirkt direkt auf Kosten und CO₂-Bilanz. Solche Kennzahlen werden 2025 zunehmend zu Vergabekriterien, gerade bei öffentlichen Auftraggebern.
Wer KI-gestĂĽtzte Materialoptimierung ernst meint, braucht realistische Bemessungsverfahren. Das erweiterte plastische Rechenkonzept in RFEM/RSTAB ist dafĂĽr ein wichtiges Werkzeug.
5. Strömungslinien & transiente Randbedingungen: Wind realitätsnah und auswertbar
Strömungslinien in der Windsimulation
In RFEM 6 und RSTAB 9 können bei Windsimulationen nun Strömungslinien visualisiert werden. Die Option liegt im Navigator der Windsimulationsanalyse.
Das bringt mehrere Vorteile:
- Bessere Interpretation der Windwirkung auf komplexe Geometrien,
- schnellere Kommunikation mit ArchitekturbĂĽros und Bauherren,
- Grundlage fĂĽr automatische Mustererkennung durch KI (z.B. Erkennung von kritischen Wirbelzonen).
Strömungslinien sind nicht nur „nice to have“ fürs Rendering, sondern liefern greifbare Datenstrukturen, mit denen KI-Tools lokale Lastspitzen und Strömungseffekte auswerten können.
Transiente Randbedingungen in RWIND
RWIND bekommt mit transienten Randbedingungen am Tunneleinlass ein Feature, das besonders im Infrastrukturbau spannend ist:
- Zeitabhängige Windgeschwindigkeiten können für mehrere Punkte definiert werden.
- Die Punkte und ihre zeitabhängigen Werte lassen sich per XML importieren und exportieren.
Dadurch werden z.B. folgende Szenarien abbildbar:
- Durchfahrten von ZĂĽgen oder Lkw-Kolonnen,
- Böenlasten bei Gebirgstunneln,
- zeitabhängige Strömungen in langen Bauwerken.
Im Kontext KI bietet das eine hervorragende Datengrundlage, um:
- Sensitivitätsanalysen automatisiert durchzuführen,
- kritische Kombinationen von Windlast und Nutzungsszenarien zu finden,
- spätere Digital Twin-Modelle mit real gemessenen Daten abzugleichen.
6. Knotenkoordinaten runden: Kleine Funktion, groĂźe Wirkung im BIM-Alltag
Das Feature klingt unspektakulär, löst aber ein sehr typisches Problem: Knotenkoordinaten können jetzt auf eine bestimmte Anzahl Dezimalstellen oder auf einen Faktor gerundet werden.
Wer regelmäßig mit BIM-Modellen, Imports aus anderen CAD-Systemen und Vermessungsdaten arbeitet, kennt das:
- Knoten mit Koordinaten wie
3,999999statt4,000häufen sich. - Kleinstunterschiede erzeugen unnötige Zuschnittslinien, Mini-Stäbe, Mikropolygone.
- Modelle werden aufgebläht, Berechnungszeiten steigen, Fehlermeldungen häufen sich.
Mit einer strukturierten Rundung:
- wird das Modell geometrisch bereinigt,
- passt es besser zu typischen Planungsrastern und FertigmaĂźen,
- können KI-Algorithmen das Modell robuster interpretieren, weil zufälliges Geometrie-Rauschen reduziert wird.
Gerade wenn Tragwerksmodelle als Basis für KI-gestützte Mengenermittlung, Kostenschätzung oder Fertigungsplanung dienen sollen, sind solche „Aufräum-Funktionen“ extrem wertvoll.
7. Durchstanzbewehrung nach ACI & CSA: Basis fĂĽr internationale, automatisierbare Workflows
Für Durchstanznachweise nach den amerikanischen und kanadischen Normen ACI und CSA lassen sich jetzt sechs verschiedene Durchstanzbewehrungsarten wählen:
- BĂĽgel,
- mehrere Schenkel,
- Querkraftschenkel,
- Doppelkopfbolzen,
- Kopfbolzen mit Basisschiene unten,
- Kopfbolzen mit Basisschiene oben.
Damit wird RFEM/RSTAB für international arbeitende Büros deutlich attraktiver – und für KI-gestützte Auswertung gleich mit:
- Durchstanzdetails lassen sich standardisiert erfassen,
- KI-Tools können prüfen, welche Systeme bei welchen Randbedingungen am wirtschaftlichsten oder am robustesten sind,
- internationale Projektportfolios werden vergleichbar.
Wer also z.B. in Deutschland plant, aber in Nordamerika baut, kann mit einem konsistenten Dlubal-Workflow Normen, Bemessung und Bewehrungswahl strukturiert in Datenform bringen – ideale Grundlage für Automatisierung.
8. Was heiĂźt das praktisch fĂĽr Ihr BĂĽro auf dem Weg zur Baustelle 4.0?
Die neuen RFEM-6- und RSTAB-9-Funktionen sind mehr als Komfort-Updates. Sie helfen konkret dabei, KI-fähige Prozesse aufzubauen:
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Standardisieren Sie Material- und Querschnittsdaten
- Richten Sie eine BĂĽro-Materialbibliothek ein.
- Definieren Sie parametrisierte Bewehrungsquerschnitte fĂĽr Ihre typischen Detailfamilien.
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Bereiten Sie Modelle KI-tauglich auf
- Nutzen Sie die Funktion zum Runden von Knotenkoordinaten konsequent.
- Vermeiden Sie Workarounds und bilden Sie Systeme real ab (z.B. Spannglieder auf Flächen).
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Nutzen Sie erweiterte Bemessungsverfahren bewusst
- Setzen Sie das Teilschnittgrößenverfahren gezielt ein, um Materialausnutzung besser zu verstehen.
- Dokumentieren Sie Reserven und Engpässe strukturiert – das ist später Gold wert für KI-Optimierungen.
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Experimentieren Sie mit Wind- und Strömungsdaten
- Verwenden Sie Strömungslinien als Kommunikations- und Analysewerkzeug.
- Arbeiten Sie bei Tunneln und Infrastrukturbauten mit transienten Randbedingungen als kĂĽnftige Basis fĂĽr Digital Twins.
Wer diese Schritte heute angeht, wird in wenigen Jahren deutlich leichter KI-Tools einführen können – statt mühsam erst Daten aufzubereiten.
Fazit: RFEM 6 und RSTAB 9 als Baustein Ihrer KI-Strategie
Die Realität ist klar: KI in der Bauindustrie funktioniert nur so gut wie die Daten, auf die sie zugreifen kann. Das aktuelle Dlubal-Update liefert genau an den entscheidenden Stellen nach: realistischere Vorspannungsmodellierung, standardisierbare Material- und Querschnittsbibliotheken, robuste Geometrie, erweiterte Nachweise und besser strukturierte Winddaten.
Wer die neuen Features aktiv in seine Statik- und BIM-Workflows integriert, baut damit eine saubere Datenbasis für Baustelle 4.0 auf – und verschafft sich einen Vorsprung gegenüber Büros, die KI erst dann einführen wollen, wenn der Druck von Auftraggebern schon maximal ist.
Wenn Sie gerade überlegen, wie Sie KI, BIM und Statiksoftware strategisch zusammenbringen, lohnt es sich, Ihre internen Standards jetzt an RFEM 6 und RSTAB 9 anzupassen – nicht nur, um schneller zu rechnen, sondern um Ihre Projekte auswertbar und automatisierbar zu machen.