openBIM Awards 2025: Was Deutschlands Bauindustrie jetzt lernen muss

KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0By 3L3C

Die openBIM Awards 2025 zeigen, wie offene Standards und KI Bauprojekte weltweit verändern. Was deutsche und österreichische Unternehmen jetzt konkret daraus ableiten können.

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Warum die openBIM Awards 2025 für Baustelle 4.0 wichtig sind

22 Finalisten, 9 Gewinner, 2 Special Mentions – aber der eigentliche Sieger der buildingSMART openBIM Awards 2025 heißt offene Standards plus KI. In Berlin wurden Projekte ausgezeichnet, die zeigen, wie sich komplexe Bau- und Infrastrukturvorhaben heute wirklich steuern lassen: datengetrieben, interoperabel und zunehmend unterstützt durch Künstliche Intelligenz.

Für die Reihe „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ ist das ein perfekter Lackmustest. Denn bei den prämierten Projekten wird sichtbar, wohin sich die Branche international bewegt – und was deutsche und österreichische Bauunternehmen, Planer und Betreiber jetzt konkret übernehmen können.

In diesem Beitrag schauen wir nicht nur auf die Gewinnerlisten. Wir ziehen praktische Lehren: Wie nutzen diese Projekte openBIM, Daten und KI – und was davon ist auf deutschsprachige Bau- und Infrastrukturprojekte übertragbar?


1. Die openBIM Awards 2025 auf einen Blick – und ihre Botschaft

Die buildingSMART openBIM Awards 2025 wurden am 24.09.2025 beim International Summit in Berlin vergeben. Ausgezeichnet wurden Projekte in neun Kategorien, ergänzt um zwei Special Mentions. Gemeinsam senden sie eine ziemlich klare Botschaft:

Wer Großprojekte beherrschbar machen will, braucht offene Standards (IFC, BCF, IDS etc.) als Rückgrat – und intelligente Auswertung dieser Daten, zunehmend mit KI.

Die Kategorien decken den gesamten Lebenszyklus ab:

  • Construction für Hochbau
  • Construction für Infrastruktur
  • Design für Hochbau
  • Design für Infrastruktur
  • Operations (Betrieb)
  • Professional Research
  • Student Research
  • Sustainability
  • Technology

Dazu kommen zwei Special Mentions für besonders innovative Ansätze in Behörden- und Brückenprojekten.

Für die DACH-Region besonders spannend: Wir sehen, wie Asien, Nordamerika und Europa openBIM nutzen, um riesige Flughäfen, Bahncluster, Rechenzentren, Hochhäuser und Brücken steuerbar zu machen. Das ist kein Showcase-Marketing mehr, sondern harte Projektpraxis – genau das, was viele deutsche und österreichische Projektteams derzeit im Kleinen erproben.


2. Was die Gewinner für die Praxis von Baustelle 4.0 bedeuten

2.1 Bauausführung: Von der „intelligenten Baustelle“ zur KI-gestützten Steuerung

Der Sieger in der Kategorie Construction für Gebäude ist der Terminal 3 des Flughafens Guangzhou Baiyun (China). Das Projekt wird als „Intelligent Construction Based on openBIM“ beschrieben. Übersetzt heißt das: Die Baustelle wird über ein durchgängiges digitales Modell gesteuert.

Was steckt typischerweise dahinter – und was ist auf deutsche Baustellen übertragbar?

  • Ein zentraler IFC-basierter Datenpool statt Dutzenden voneinander losgelöster Insel-Modelle
  • 4D/5D-Modelle für Zeit- und Kostensteuerung
  • Digitale Qualitätskontrollen und Mängelverfolgung über BCF
  • Sensorik und IoT-Daten, die in das Modell zurückspielen (z.B. Baufortschritt, Umgebungsbedingungen)

Sobald diese Daten in einer offenen Struktur vorliegen, wird KI sinnvoll einsetzbar:

  • Prognosen zu Bauzeitrisiken (Welche Gewerke laufen in Verzug?)
  • Ressourcenoptimierung (Personal, Geräte, Materiallogistik)
  • Frühe Erkennung von Kollisions- und Koordinationsproblemen

Für die deutsche Bauindustrie heißt das: Baustelle 4.0 ist ohne openBIM kaum skalierbar. KI-Systeme brauchen saubere, standardisierte Daten. Projekte wie Guangzhou zeigen, dass sich die Kombination aus openBIM und KI nicht nur in Planung, sondern mitten in der Bauausführung rechnet.

Ähnlich im Infrastrukturbereich: Die China Academy of Railway Sciences gewinnt in der Kategorie Construction für Infrastruktur für das Management „super großer Railway Project Clusters“ auf Basis von openBIM. Gemeint sind vernetzte Großprojekte, also mehrere Bahnvorhaben, die im Verbund gesteuert werden.

Übertragbar auf Europa:

  • Steuerung ganzer Korridore (z.B. Aus- und Neubau Strecken, Brücken, Bahnhöfe) statt Einzelprojekte
  • Einheitliche Informationsanforderungen für verschiedene Auftragnehmer
  • KI-gestützte Priorisierung: Wo entstehen Engpässe? Wo lohnt sich zusätzliche Mannschaft? Wo drohen Terminrisiken bei Anwohnern, Zulieferketten oder Genehmigungen?

2.2 Planung: Datengetriebene Architektur und Infrastruktur-Design

Besonders interessant für Architekten und Ingenieure ist der Preisträger „BIM is Magical: Data-Driven Highrise Design“ (ARGE TVG / AllesWirdGut / Hertl.Architekten / FCP) in der Kategorie Design für Gebäude. Hier stehen drei Punkte im Vordergrund:

  1. Interoperabilität: Modelle und Daten fließen über offene Formate zwischen Fachdisziplinen.
  2. Parametrik und Algorithmen: Hochhausvarianten werden automatisiert geprüft (Statik, Tageslicht, Wirtschaftlichkeit etc.).
  3. Kollaboration: Alle arbeiten im gleichen digitalen Informationsraum.

Das ist genau die Ebene, auf der KI in der Planung gerade Fahrt aufnimmt:

  • KI-gestützte Variantengenerierung (z.B. Hüllformen, Grundrisse, Materialkombinationen)
  • Automatische Regelprüfungen (Abstandsflächen, Brandschutz-Bestimmungen, Barrierefreiheit)
  • Optimierung nach Nachhaltigkeitskennzahlen (CO₂, graue Energie, Lebenszykluskosten)

Solche Workflows lassen sich in Deutschland problemlos auf Wettbewerbe, Schul- oder Wohnungsbauprojekte übertragen – vorausgesetzt, die Büros entwickeln eine klare BIM- und Datenstrategie und verlassen sich nicht allein auf herstellerspezifische Formate.

Im Infrastrukturbereich setzt das japanische Verkehrsministerium mit seinem ausgezeichneten Projekt zur „automatischen Datenverknüpfung von Design zu Mengenansätzen“ genau dort an, wo viele deutsche Ingenieurbüros noch mit Excel kämpfen.

Konkreter Mehrwert:

  • Automatische und prüfbare Mengenableitungen aus IFC-Modellen
  • Nahtlose Verbindung zu AVA-Systemen und Kostenmanagement
  • Grundlage für KI-gestützte Kostenprognosen über die Projektlaufzeit

Wer seine AVA heute schon modellbasiert denkt, hat morgen deutlich weniger Aufwand, KI-Module zur Kosten- und Risikoabschätzung einzubinden.


3. Betrieb, Nachhaltigkeit und Digital Twin: Die offenen Daten zahlen sich aus

3.1 Lifecycle-Ansatz: Von der Übergabe zum digitalen Gebäudebetrieb

In der Kategorie Operations gewinnt das Projekt „The Henderson – openBIM for Building Lifecycle“ aus Hongkong. Das zeigt sehr deutlich: Der wahre ROI von BIM entsteht im Betrieb.

Typische Bausteine solcher Projekte:

  • Ein as-built-Modell, das wirklich dem gebauten Zustand entspricht
  • Verknüpfung mit CAFM- und IoT-Systemen
  • Digitale Wartungs- und Inspektionsprozesse auf Basis standardisierter Informationen

Wenn Betreiber diese Daten strukturiert vorliegen haben, lassen sich KI-Funktionen unmittelbar einsetzen:

  • Predictive Maintenance: Vorhersage von Ausfällen auf Basis von Sensorik, Historie und Herstellerdaten
  • Nutzungsanalysen: Welche Flächen sind über- oder unterbelegt? Wo lohnt sich Umnutzung?
  • Energieoptimierung: KI-gestützte Steuerung von HLK-Anlagen und Beleuchtung auf Basis von Prognosedaten

Für kommunale und private Betreiber in Deutschland – von Schulen über Kliniken bis zu Büroimmobilien – ist das eine Steilvorlage. Wer schon in der Planung konsequent auf openBIM setzt und saubere Informationsanforderungen definiert, kann später mit relativ wenig Zusatzaufwand digitale Zwillinge aufbauen und mit KI nutzen.

3.2 Nachhaltigkeit: openBIM als Basis für glaubwürdige ESG-Strategien

Der Nachhaltigkeitspreis geht an „Lee Garden Eight: A Landmark of Sustainability and Digital Collaboration with openBIM“ aus Hongkong. Hier werden Nachhaltigkeit und digitale Zusammenarbeit explizit verknüpft.

Warum das für die ESG-Diskussion in der DACH-Region entscheidend ist:

  • Offen strukturierte Daten ermöglichen prüfbare Ökobilanzen über den gesamten Lebenszyklus.
  • Materialpässe, Rückbaukonzepte und Wiederverwendung sind nur mit verlässlichen Daten sinnvoll planbar.
  • KI kann Szenarien simulieren (Materialwahl, Energieversorgung, Nutzerverhalten) und so Planungsentscheidungen mit belastbaren Zahlen unterfüttern.

Sobald Investoren, Banken und öffentliche Auftraggeber konsequent ESG-Kriterien einfordern, sind Projekte mit sauberem openBIM-Setup deutlich im Vorteil. Die Daten liegen schon vor, KI-Analysetools können direkt aufsetzen.


4. KI und openBIM: Was der Technology-Award über die Zukunft verrät

Der vielleicht deutlichste Fingerzeig Richtung „Baustelle 4.0 + KI“ ist der Gewinner der Technologie-Kategorie: Qonic Intelligence (QI) – Applying openBIM Classification through Advanced AI.

Die Kernidee:

KI wird eingesetzt, um openBIM-Modelle automatisch zu klassifizieren, Bauteile zu erkennen, zuzuordnen und zu strukturieren.

Warum das ein großer Hebel ist:

  • In der Praxis scheitern viele BIM-Prozesse an uneinheitlicher oder fehlender Klassifikation.
  • KI-Modelle können anhand von Geometrie, Kontext und Metadaten erschließen, welches Bauteil vorliegt (z.B. Träger, Stütze, Fassade) und diese mit Standardklassifikationen verknüpfen.
  • Dadurch werden Qualitätsprüfungen, Mengenberechnungen und Auswertungen erheblich beschleunigt.

Für deutsche und österreichische Unternehmen bedeutet das:

  • KI ist nicht nur ein „nice to have“ für spektakuläre Use Cases, sondern ein sehr praktisches Werkzeug, um alltägliche BIM-Aufgaben zu automatisieren.
  • Je konsequenter Sie heute openBIM-Strukturen (IFC, bSDD, IDS) etablieren, desto besser funktionieren morgen solche KI-Services.

5. Was deutsche und österreichische Unternehmen jetzt konkret tun sollten

Die openBIM Awards 2025 sind kein reiner Branchenevent, sondern ein Blick in die nahe Zukunft der Bauindustrie in Deutschland und Österreich. Wer im Rahmen von „Baustelle 4.0“ ernsthaft mitspielen will, kann aus den prämierten Projekten konkrete Schritte ableiten.

5.1 Strategische Hausaufgaben

  1. openBIM-Strategie definieren

    • Welche Standards (IFC, BCF, IDS) werden verbindlich?
    • Wie sehen unsere Informationsanforderungen (EIR/AIA) aus?
    • Welche Software muss in Zukunft IFC- und BCF-fähig sein?
  2. Datengrundlage für KI schaffen

    • Saubere, strukturierte Modelle statt Sammelsurium an PDFs und 2D-Plänen
    • Einheitliche Klassifikationen und Attributsets
    • Projektübergreifende Datenrichtlinien, damit KI-Modelle lernen können
  3. Pilotprojekte auswählen

    • Ein überschaubares Hochbau- oder Infrastrukturprojekt als Testfeld für openBIM + KI
    • Klare Ziele: z.B. 10 % weniger Planungsaufwand, 20 % weniger Nachträge, bessere Prognosegüte

5.2 Konkrete KI-Anwendungsfälle, die sich schnell lohnen

Auf Basis der Award-Projekte sehe ich vier Use Cases, mit denen deutschsprachige Unternehmen realistisch starten können:

  1. Automatische Modellprüfung (Design-Phase)
    KI unterstützt bei Kollisionsprüfungen, Normenchecks und Plausibilitätskontrollen – auf Basis von IFC-Modellen.

  2. Modellbasierte Mengenermittlung mit KI-Unterstützung
    Nach Vorbild der japanischen Infrastrukturprojekte: Mengen, Kosten und Risiken werden direkt aus dem Modell abgeleitet und von KI bewertet.

  3. KI-gestützte Bauablaufplanung
    Aus den geplanten Abläufen und historischen Projektdaten erstellt KI Prognosen für Störungen, Engpässe und Mehrkosten.

  4. Digitale Zwillinge im Betrieb
    Bei Neubauten konsequent auf Lifecycle-BIM setzen und KI zur Energieoptimierung und Wartungsplanung einsetzen.


6. Ausblick: Von den Awards zur Baustelle 4.0 im DACH-Raum

Die Gewinner der buildingSMART openBIM Awards 2025 zeigen ziemlich klar: Die Kombination aus openBIM und KI ist keine Vision mehr, sondern gelebte Praxis – vor allem dort, wo Großprojekte und komplexe Infrastrukturen im Fokus stehen.

Für die Reihe „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ bedeutet das: Wer heute noch über einzelne BIM-Piloten diskutiert, während international ganze Projektcluster modell- und KI-basiert gesteuert werden, gerät ins Hintertreffen.

Der Vorteil für Unternehmen im deutschsprachigen Raum ist: Die Blaupausen existieren bereits. Flughäfen, Bahnprojekte, Hochhäuser, nachhaltige Landmarken, digitale Zwillinge im Betrieb und KI-gestützte Klassifikation – all das wurde prämiert, dokumentiert und ist technisch verfügbar.

Der nächste Schritt ist eine Managemententscheidung:

  • Bleiben wir bei projektweisen Insellösungen?
  • Oder bauen wir jetzt eine unternehmensweite openBIM- und KI-Strategie auf, die unsere Projekte in den nächsten fünf Jahren wirklich verändert?

Wer diese Frage früh beantwortet, wird nicht nur Awards gewinnen, sondern vor allem eins: stabilere Termine, transparentere Kosten und messbar nachhaltigere Projekte.

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