Occupant Movement Analysis: KI für sichere Gebäude

KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0••By 3L3C

Occupant Movement Analysis verbindet BIM, KI und Brandschutz. Erfahren Sie, wie standardisierte Bewegungsdaten Ihre Projekte sicherer und effizienter machen.

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Occupant Movement Analysis: Warum Bewegungsdaten fĂĽr digitale Baustellen entscheidend sind

Im Brandschutz von Gebäuden entscheiden manchmal Sekunden über Leben und Tod. Studien aus Europa zeigen, dass sich die verfügbare Fluchtzeit in komplexen Gebäuden häufig unter 5 Minuten bewegt – und in schlecht geplanten Situationen noch deutlich darunter. Trotzdem werden Flucht- und Evakuierungskonzepte in der Praxis oft noch auf Basis von Annahmen und Normtabellen geplant.

Hier setzt die Occupant Movement Analysis an: die systematische Analyse, wie sich Personen tatsächlich durch ein Gebäude bewegen – im Normalbetrieb und im Notfall. buildingSMART International hat dieses Thema jetzt in einem technischen Bericht standardisiert. Für die Baustelle 4.0 und die KI-gestützte Bauplanung ist das ein wichtiger Baustein.

Dieser Beitrag zeigt, was hinter dem Technical Report steckt, warum das Thema für Planer, Betreiber und Bauunternehmen in Deutschland und Österreich relevant ist und wie Sie KI und BIM kombinieren können, um sicherere, effizientere Gebäude zu realisieren.


Was hinter „Occupant Movement Analysis“ wirklich steckt

Occupant Movement Analysis beschreibt standardisierte Methoden und Datenmodelle, um das Verhalten von Personen in Gebäuden digital zu simulieren und auszuwerten.

Der neue Technical Report von buildingSMART International verfolgt im Kern drei Ziele:

  1. Einheitliche Begriffswelt für Personenbewegung, Evakuierung, Kapazitäten von Fluchtwegen und Simulationen.
  2. Strukturierte Datenbasis auf Basis von openBIM (insbesondere IFC), damit Bewegungsanalysen nicht in Insellösungen steckenbleiben.
  3. Grundlage fĂĽr Software-Zertifizierung und KI-Anwendungen, damit Ergebnisse vergleichbar und nachvollziehbar werden.

Die Abstimmung im Standards Committee war eindeutig: 33 Ja-Stimmen, 3 Nein-Stimmen, damit wurde die notwendige 65%-Mehrheit klar überschritten. Das signalisiert: Das Thema ist in der internationalen Fachcommunity angekommen – und wird bleiben.

Warum das fĂĽr die Praxis wichtig ist

Bislang wurden Evakuierungsplanungen häufig so durchgeführt:

  • Manuelle Berechnung von Fluchtweglängen
  • Schätzungen zur Personenzahl pro Nutzungseinheit
  • Statische Annahmen zu Gehgeschwindigkeiten
  • teilweise Einbindung separater Simulationsprogramme

Das Problem:

Die BrĂĽcke zwischen Architekturmodell (BIM) und Bewegungssimulation war dĂĽnn oder gar nicht vorhanden.

Jedes Softwaretool nutzte eigene Datenstrukturen, es gab viel manuelle Nacharbeit – und am Ende waren die Ergebnisse schwer vergleichbar. Mit der standardisierten Occupant Movement Analysis wird diese Lücke im openBIM-Ökosystem gezielt geschlossen.


Verbindung zu BIM und openBIM: Die Basis für KI im Gebäudelebenszyklus

FĂĽr KI in der Bauindustrie gilt eine einfache Regel: Ohne saubere, standardisierte Daten keine sinnvollen KI-Modelle. Der Technical Report zur Occupant Movement Analysis liefert genau diese Grundlage.

Wie Occupant Movement in BIM eingebettet wird

In einem modernen openBIM-Workflow läuft es idealerweise so:

  1. Architektur- und TGA-Modell werden als IFC-Modell vorgehalten.
  2. Relevante Elemente fĂĽr Bewegungen werden eindeutig abgebildet:
    • Räume, Zonen, Nutzungseinheiten
    • TĂĽren, Treppen, Flure, AufzĂĽge
    • Brandschutzabschnitte, RauchschĂĽrzen, Notausgänge
  3. Die Occupant Movement Analysis nutzt diese IFC-Daten, ergänzt sie um Personen- und Szenarienmodelle und simuliert:
    • alltägliche Wege (z.B. Besucherströme im Einkaufszentrum)
    • Evakuierungen (z.B. Brandfall, Bombendrohung)
    • Teilräumliche Engpässe (z.B. Foyer, Treppenhäuser, Engstellen)

Wenn man diese Informationen standardisiert im Modell hält, entstehen neue Möglichkeiten für KI:

  • KI kann Muster in realen Sensordaten (z.B. aus Kameras oder Zutrittssystemen) mit dem BIM-Modell abgleichen.
  • Algorithmen können Fluchtwege optimieren, bevor ĂĽberhaupt gebaut wird.
  • Betreiber können im laufenden Betrieb RoutenfĂĽhrung, Beschilderung und Personaleinsatz dynamisch anpassen.

Warum openBIM hier den Unterschied macht

Proprietäre Formate bremsen genau diese Innovationen, weil Daten eingeschlossen bleiben. openBIM und IFC ermöglichen dagegen:

  • Software-ĂĽbergreifende Nutzung der Bewegungsdaten
  • Langfristige Lesbarkeit, auch nach 10 oder 20 Jahren
  • Kombination mit anderen Disziplinen, z.B. TGA, Brandschutz, Facility Management

Gerade in der deutschsprachigen Bauindustrie, wo die Lebenszyklen von Gebäuden oft 40–60 Jahre betragen, ist diese Offenheit kein „Nice-to-have“, sondern wirtschaftlich vernünftig.


Praxisnutzen fĂĽr Planer, Betreiber und Bauunternehmen

Der technische Bericht klingt auf den ersten Blick abstrakt. In der Praxis lassen sich daraus aber sehr konkrete Anwendungsfälle ableiten – insbesondere für KI-unterstützte, digitale Baustellen und Bestandsgebäude.

1. Bessere Brandschutz- und Evakuierungsplanung

Mit einer standardisierten Occupant Movement Analysis können Sie:

  • Evakuierungszeiten realistisch simulieren, inkl. unterschiedlicher Personengruppen (Kinder, Senioren, Menschen mit Behinderung).
  • Engstellen vor Baubeginn erkennen (z.B. zu schmale TĂĽren, schlecht positionierte Treppen).
  • Brandschutzkonzepte belastbarer argumentieren, weil Simulationen auf nachvollziehbaren Datenmodellen aufbauen.

Gerade in Hochhäusern, Krankenhäusern oder Bildungseinrichtungen ist das Gold wert – nicht nur für Behörden, sondern auch für die eigene Haftung.

2. Optimierung von Besucherströmen und Komfort

Auch im Normalbetrieb spielen Personenbewegungen eine groĂźe Rolle:

  • Einkaufszentren: Wie verteilen sich Besucher ĂĽber den Tag? Wo entstehen Staus?
  • Bahnhöfe: Wie werden Bahnsteige, AufzĂĽge und UnterfĂĽhrungen genutzt?
  • BĂĽrogebäude: Wie wirkt sich Desksharing auf Laufwege und Aufenthaltszonen aus?

Mit standardisierter Occupant Movement Analysis können Sie:

  • Wartezeiten reduzieren (z.B. an AufzĂĽgen oder Check-in-Points)
  • Nutzerkomfort erhöhen (mehr Aufenthaltsqualität, weniger Gedränge)
  • Wegeleitsysteme gezielt gestalten (Schilder, Digital Signage, LichtfĂĽhrung)

3. KI-gestĂĽtzte SicherheitsĂĽberwachung auf der Baustelle

Im Rahmen der Serie „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ spielt die Sicherheit auf der Baustelle eine zentrale Rolle. Hier lässt sich das Konzept der Occupant Movement Analysis direkt übertragen.

Kombiniert man:

  • BIM-Modell der Baustelle
  • Geplante Materialwege und Logistikrouten
  • KI-Auswertung von Kamerabildern oder Sensoren

…dann kann ein System:

  • gefährliche Kreuzungen zwischen Personen- und Maschinenwegen erkennen,
  • Zugänge zu Gefahrenbereichen in Echtzeit ĂĽberwachen,
  • Fluchtwege während der Bauphase dynamisch anpassen und visualisieren.

Die gleiche Logik, die später den Gebäudebetrieb sicherer macht, schützt schon während der Errichtung das Baustellenpersonal.


Wie KI die Occupant Movement Analysis noch mächtiger macht

Der Technical Report von buildingSMART legt das Fundament. Den echten Mehrwert heben Sie, wenn Sie KI gezielt darĂĽberlegen.

Konkrete KI-Anwendungen auf Basis standardisierter Bewegungsdaten

  1. Vorhersage von Personenströmen

    • Nutzung historischer Sensordaten (z.B. Zugangskarten, WLAN-Tracking)
    • Training von Modellen, die Prognosen fĂĽr Auslastungen liefern
    • Ergebnis: bessere Schichtplanung, zielgenauer Einsatz von Security oder Servicepersonal
  2. Automatisierte Optimierung von Fluchtwegszenarien

    • Verschiedene Layout-Varianten werden automatisch gegeneinander gerechnet.
    • KI bewertet Varianten nach Evakuierungszeit, Komfort und Kosten.
    • Planer erhalten konkrete Vorschläge, wo TĂĽren, Treppen oder Sammelstellen sinnvoller angeordnet wären.
  3. Anomalieerkennung im Betrieb

    • KI lernt das normale Bewegungsmuster eines Gebäudes kennen.
    • Abweichungen (z.B. unĂĽbliche Menschenansammlungen, blockierte Flure) werden automatisch gemeldet.
    • Besonders interessant fĂĽr kritische Infrastrukturen oder Stadien.

Warum Standards hier der Hebel sind

Ohne einen Standard wie den Technical Report zur Occupant Movement Analysis mĂĽssten KI-Anbieter fĂĽr jedes Projekt:

  • Datenstrukturen neu verstehen
  • Schnittstellen individuell bauen
  • Modelle auf unterschiedliche, nicht kompatible Datenschemata anpassen

Mit einem Standard gilt dagegen:

„Einmal integrieren, vielfach nutzen.“

Das senkt die Einstiegshürde für KI in der Bau- und Immobilienwirtschaft massiv – gerade für mittelständische Unternehmen, die keine eigenen großen IT-Abteilungen haben.


Schritte fĂĽr Unternehmen: So profitieren Sie jetzt von Occupant Movement Analysis

Wer im Rahmen von Baustelle 4.0 ernsthaft ĂĽber KI und digitale Prozesse nachdenkt, sollte das Thema Personenbewegung strategisch mitdenken. Ein pragmatischer Einstieg kann so aussehen:

1. BIM-Stand heute ehrlich prĂĽfen

  • Liegen aktuelle Projekte als saubere IFC-Modelle vor?
  • Sind Flure, Treppen, TĂĽren, Fluchtwege sauber modelliert?
  • Gibt es klare Zuständigkeiten fĂĽr Modelldaten (BIM-Manager, Koordinator)?

Ohne saubere BIM-Basis wird jede weitergehende Analyse mĂĽhsam und teuer.

2. Pilotszenario auswählen

Starten Sie mit einem klar abgegrenzten Use Case, z.B.:

  • Evakuierungssimulation fĂĽr ein neues Schulgebäude
  • Optimierung der Personenströme in einem BestandsbĂĽro
  • Sicherheits- und Fluchtwegplanung fĂĽr eine GroĂźbaustelle

Wichtig ist: Konkretes Ziel, klarer Zeitrahmen, messbare Kennzahlen (z.B. Evakuierungszeit reduzieren, Anzahl kritischer Engstellen halbieren).

3. Partner und Tools auswählen

Suchen Sie nach:

  • Softwaresystemen, die openBIM und IFC unterstĂĽtzen
  • Dienstleistern, die mit buildingSMART-Standards vertraut sind
  • internen oder externen KI-Teams, die Bewegungsdaten auswerten können

Wer früh auf Standards setzt, spart sich später teure Migrationen.

4. Ergebnisse dokumentieren und in Standardsprache zurĂĽckspielen

Nutzen Sie die Begriffswelt und Struktur aus dem Technical Report:

  • Einheitliche Benennung von Szenarien und Parametern
  • Vergleichbarkeit ĂĽber Projekte hinweg
  • Grundlage fĂĽr interne Richtlinien und Schulungen

So wird aus einem Pilotprojekt ein skalierbares Vorgehensmodell fĂĽr das ganze Unternehmen.


Fazit: Occupant Movement Analysis als SchlĂĽsselbaustein der Baustelle 4.0

Die Occupant Movement Analysis wirkt auf den ersten Blick wie ein Nischenthema. In Wahrheit ist sie ein zentrales Puzzleteil, wenn Bau- und Immobilienunternehmen KI sinnvoll einsetzen wollen: fĂĽr Brandschutz, Sicherheit, Komfort und effizienten Betrieb.

Für die Serie „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ heißt das: Wer Personenbewegungen standardisiert denkt, schafft eine belastbare Datenbasis, auf der KI wirklich Mehrwert liefert – statt nur bunte Dashboards zu produzieren.

Wenn Sie aktuell an einem Neubau, einer Sanierung oder einer großen Baustelle arbeiten, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, das Thema auf die Agenda zu setzen. Je früher Sie Bewegungsanalysen in Ihre BIM-Strategie integrieren, desto einfacher wird es, später KI-gestützte Sicherheitsüberwachung, Brandschutzoptimierung und Nutzerkomfort aus einem Guss zu realisieren.