Wie die Nemetschek‑Google‑Cloud‑Allianz Baustelle 4.0 treibt

KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0••By 3L3C

Nemetschek und Google Cloud treiben KI in BIM, Planung und Betrieb voran. Was das für Baustelle 4.0 in Deutschland bedeutet – und was Unternehmen jetzt tun sollten.

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Wie die Nemetschek‑Google‑Cloud‑Allianz Baustelle 4.0 treibt

2023 wurden in Deutschland laut Destatis Bauaufträge von über 90 Milliarden Euro vergeben – und trotzdem kämpfen viele Unternehmen noch immer mit Excel-Listen, Papierplänen und Insellösungen auf der Baustelle. Genau da setzt die neue Partnerschaft der Nemetschek Group mit Google Cloud an.

Für alle, die sich mit KI im Bauwesen, BIM und digitalen Baustellen beschäftigen, ist diese Kooperation ein deutliches Signal: Die großen Software-Player richten ihr komplettes Ökosystem konsequent auf KI‑First und Cloud aus. Das betrifft auch direkt die deutsche Bauindustrie – von Planungsbüros über Mittelständler bis zu großen Baukonzernen.

In diesem Beitrag aus unserer Reihe „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ schauen wir uns an, was hinter der Allianz von Nemetschek und Google Cloud steckt, warum das nicht nur Konzernstrategie ist, sondern ganz praktische Auswirkungen auf Planung, Ausführung und Betrieb hat – und wie Bauunternehmen sich heute darauf einstellen sollten.


1. Was die Nemetschek‑Google‑Cloud‑Partnerschaft wirklich bedeutet

Die Kurzfassung: Nemetschek baut seine komplette Produktwelt systematisch auf KI‑gestützte Cloud‑Workflows aus – mit Google Cloud als technologischer Basis.

Zur Nemetschek Group gehören Marken, die in vielen deutschen Büros längst Standard sind:

  • ALLPLAN (Bauingenieurwesen, Infrastruktur, Hochbau)
  • Graphisoft (ARCHICAD)
  • Vectorworks (Architektur, Landschaft, BĂĽhne)
  • Bluebeam (PlanprĂĽfung, digitale Bauakte)
  • Spacewell (Facility Management, Smart Buildings)
  • GoCanvas (Formular- und Prozessdigitalisierung)

Mit der neuen Partnerschaft sollen drei Ziele erreicht werden:

  1. KI-gestĂĽtzte Innovation & Vereinfachung von Workflows
  2. Beschleunigte internationale Expansion & vereinfachter Zugang ĂĽber Marketplaces
  3. Mehr Effizienz & Nachhaltigkeit im gesamten Gebäudelebenszyklus

Für die Baustelle 4.0 heißt das: Viele der Tools, die Sie ohnehin nutzen oder beobachten, werden in den nächsten Monaten und Jahren deutlich stärker vernetzt, intelligenter und cloudbasiert sein. Wer auf klassische, rein lokale Installationen setzt, wird zunehmend an Grenzen stoßen – organisatorisch, technologisch und beim Recruiting von Nachwuchskräften.


2. Säule 1: KI‑gestützte Workflows – von BIM‑Modellen zur lernenden Baustelle

Der Kern der ersten Säule ist klar: Planungs- und Bauprozesse sollen mit KI deutlich automatisiert und vereinfacht werden.

Konkrete Effekte fĂĽr Planung und BIM

Nemetschek verfolgt eine „KI‑First“-Strategie auf Basis eines mehrschichtigen Multi‑Cloud‑Ökosystems. Praktisch bedeutet das:

  • Assistenzfunktionen in BIM‑Authoring‑Tools wie ALLPLAN, Graphisoft und Vectorworks:

    • automatisierte Vorschläge fĂĽr Bauteile oder Details anhand von BĂĽrostandards,
    • KI‑gestĂĽtzte QualitätsprĂĽfungen (Kollisionskontrolle, Normabweichungen, fehlende Attribute),
    • generative Vorschläge fĂĽr Varianten in frĂĽhen Entwurfsphasen.
  • Bessere Standort- und Kontextdaten mit Google Maps & Google Earth:

    • Einbindung realer Topografie, Infrastruktur und Bestandsgebäude in BIM‑Modelle,
    • schnellere Machbarkeitsstudien,
    • gezieltere Ressourcendisposition (Zufahrten, Lagerflächen, Logistik auf der Baustelle).

Ich habe in Projekten immer wieder gesehen: Der größte Effizienzhebel liegt nicht in „noch einem Tool“, sondern in besser verknüpften Daten. Genau hier greift die Kombination aus BIM‑Modell, Cloud und KI.

Was bedeutet das fĂĽr die Baustelle 4.0?

FĂĽr Bauunternehmen und Bauleiter:innen ergeben sich daraus sehr konkrete Szenarien:

  • Aktuelle, konsistente Pläne direkt auf der Baustelle – ĂĽber Cloud‑Plattformen wie BIMcloud oder Bluebeam, statt PDF‑Chaos per Mail.
  • Automatisierte PrĂĽfungen vor AusfĂĽhrung – z.B. KI‑basierte Checks, ob Bewehrungspläne vollständig sind oder AusfĂĽhrungsdetails den BĂĽrostandards entsprechen.
  • Schnellere Variantenbildung bei Bauablauf und Ressourcenplanung – KI analysiert historische Projekte und schlägt Abläufe vor, die Material, COâ‚‚ und Zeit sparen.

Wichtig: Nemetschek betont drei Grundprinzipien beim Einsatz von KI – Datenschutz, Schutz geistigen Eigentums und geschäftliche Integrität. Für deutsche Unternehmen, die mit DSGVO, Geheimhaltung und HOAI zu tun haben, ist das entscheidend. KI‑Funktionen müssen in bestehende Compliance‑Rahmen passen – sonst setzen sich die Lösungen in der Praxis nicht durch.


3. Säule 2: Marketplaces, Workspace & globale Skalierung – was kommt in den Büros an?

Die zweite Säule zielt auf Wachstum, aber für Anwender:innen steckt darin ein ganz praktischer Vorteil: Software wird einfacher auffindbar, integrierbarer und lizenzierbarer.

Integration in Google Cloud Marketplace & Google Workspace

Nemetschek bringt seine Lösungen in die Ökosysteme Google Cloud Marketplace und Google Workspace Marketplace. Hinter dem Buzzword steht ein klarer Nutzen:

  • Zentraler Zugang zu Tools wie Bluebeam, GoCanvas, Spacewell oder Vectorworks ĂĽber bekannte Plattformen.
  • Einfachere IT‑Freigaben in größeren Unternehmen, weil der Einkauf ĂĽber etablierte Marktplätze läuft.
  • Bessere Integration in den BĂĽroalltag, insbesondere in Kombination mit Google Workspace (Gmail, Kalender, Drive, Docs, Sheets).

Ein Beispiel aus dem Alltag eines mittelständischen Bauunternehmens:

  • Ein Bauleiter erhält eine Planänderung.
  • Die PlanprĂĽfung läuft in Bluebeam, Kommentare und Freigaben werden direkt im Tool dokumentiert.
  • Verteiler, To‑dos und Protokolle werden nahtlos mit Google Docs, Sheets und Kalender verknĂĽpft.
  • Ăśber GoCanvas werden vor Ort Mängel, Fotos und Checklisten per Tablet erfasst und automatisch in den richtigen Vorgang einsortiert.

Das ist keine Science Fiction, sondern genau der Integrationsgrad, auf den Nemetschek und Google hinarbeiten – und zwar skalierbar vom 10‑Mann‑Büro bis zum internationalen Konzern.

Warum das fĂĽr den deutschen Mittelstand wichtig ist

Viele Bauunternehmen und Ingenieurbüros in Deutschland sind mittelständisch geprägt, mit schlanken Strukturen und begrenzten IT‑Ressourcen. Drei Punkte sind hier besonders relevant:

  1. Weniger Administrationsaufwand: Lizenzen, Updates und Sicherheit werden zentral aus der Cloud gesteuert.
  2. Schnellere Einführung neuer Tools: Wenn Lösungen über bekannte Ökosysteme laufen, sinkt die Hemmschwelle für Pilotprojekte.
  3. Attraktivität als Arbeitgeber: Jüngere Fachkräfte erwarten moderne, cloudbasierte Werkzeuge; „Remote Planen, digital Bauen“ ist längst ein Argument im Recruiting.

Wer jetzt bewusst auf offene, gut integrierbare Plattformen setzt, ist in ein paar Jahren deutlich beweglicher als Wettbewerber, die an starren On‑Premise‑Landschaften festhalten.


4. Säule 3: Nachhaltigkeit – CO₂, Energie & Betriebskosten mit KI im Griff

Die dritte Säule adressiert ein Thema, das in Deutschland durch GEG, EU‑Taxonomie und ESG‑Reporting massiv an Bedeutung gewinnt: nachhaltiges Bauen und Betreiben von Gebäuden.

Nemetschek positioniert sich gemeinsam mit Google Cloud als Anbieter, der KI‑gestützte Nachhaltigkeitsfunktionen systematisch in Planungs‑ und Betriebssoftware integriert.

Nachhaltiges Design im Planungsprozess

Marken wie ALLPLAN, Graphisoft und Vectorworks integrieren Dienste, die nachhaltiges Design unterstĂĽtzen, zum Beispiel:

  • Ă–kobilanzierungen (LCA) direkt aus dem BIM‑Modell:

    • automatische Ermittlung von CO₂‑Emissionen ĂĽber den Lebenszyklus,
    • Vergleich von Materialvarianten in Echtzeit.
  • Energieeffizienz‑Analysen in frĂĽhen Entwurfsphasen:

    • Simulation von Verschattung, Tageslichtnutzung, Heiz‑ und KĂĽhlbedarf,
    • KI‑basierte Vorschläge fĂĽr Optimierungen (Ausrichtung, Fensteranteile, Bauteilschichten).

Wer für öffentliche Auftraggeber in Deutschland arbeitet, weiß: Themen wie Lebenszykluskosten und CO₂‑Bilanz landen immer häufiger in den Ausschreibungen. KI‑gestützte Werkzeuge helfen dabei, belastbare Nachweise schneller zu erzeugen und Varianten transparent zu vergleichen.

Intelligenter Betrieb mit Spacewell & Co.

Mit Spacewell adressiert Nemetschek die Betriebsphase – also das, was im Alltag an Energie, Flächenmanagement und Wartungskosten anfällt. In Verbindung mit Google Cloud und KI ergeben sich unter anderem:

  • Datengetriebene Energieoptimierung von Bestandsgebäuden (z.B. 10–20 % weniger Energieverbrauch durch smartere Regelung auf Basis von Nutzungsdaten).
  • Vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) von Anlagen, bevor es zu Ausfällen kommt.
  • Nutzungsanalysen von BĂĽroflächen, um Ăśberkapazitäten zu erkennen und Flächen effizienter zu planen.

Für Eigentümer, Betreiber und Corporate‑Real‑Estate‑Abteilungen in Deutschland sind diese Funktionen direkt in Euro und CO₂ messbar – und sie zahlen auf ESG‑Berichterstattung und Förderfähigkeit ein.


5. Was deutsche Bauunternehmen jetzt konkret tun sollten

Die Partnerschaft von Nemetschek und Google Cloud ist kein reines Strategiepapierthema, sondern ein Frühindikator: So werden sich digitale Bau‑Workflows in den nächsten 3–5 Jahren entwickeln. Wer heute führt, baut jetzt Kompetenzen auf.

1. Eigene Digital‑ und KI‑Strategie formulieren

  • Welche Prozesse (Planung, Ausschreibung, AusfĂĽhrung, Abrechnung, Betrieb) haben heute die größten Reibungsverluste?
  • Welche Nemetschek‑Tools nutzen Sie bereits – und welche Cloud‑ oder KI‑Funktionen sind schon verfĂĽgbar, aber noch nicht aktiviert?
  • Welche Datenquellen (BIM‑Modelle, Bauzeitenpläne, Kostenhistorien) wollen Sie gezielt fĂĽr KI‑Analysen nutzbar machen?

Auch ein schlanker, zweiseitiger Fahrplan reicht für den Start – Hauptsache, das Thema wird bewusst gesteuert und nicht „nebenbei“ behandelt.

2. Pilotprojekte fĂĽr digitale Baustellen starten

Statt die „perfekte Gesamtlösung“ zu suchen, funktioniert ein iterativer Ansatz meist besser:

  • Ein Pilotprojekt mit konsequent cloudbasierter Planungskoordination (z.B. BIMcloud + Bluebeam).
  • Ein Bauabschnitt mit digitaler Mängelerfassung via Tablet und automatischer Synchronisation in die Planungssoftware.
  • Ein Bestandsgebäude, in dem Spacewell‑Funktionen zur Energieoptimierung getestet werden.

Wichtig ist eine klare Messgröße: z.B. Zahl der Planungsfehler, Zeitbedarf für Freigaben, Energieverbrauch, Anzahl von Rückfragen der Baustelle.

3. Mitarbeitende qualifizieren – Fokus Praxis, nicht Theorie

KI und Cloud lösen keine Probleme, wenn die Teams sie nicht anwenden können. Was erfahrungsgemäß gut funktioniert:

  • Kompakte, projektspezifische Schulungen direkt an einem laufenden Projekt.
  • Power‑User im Unternehmen aufbauen, die andere unterstĂĽtzen.
  • Interdisziplinäre Runden aus Planung, Bauleitung, Controlling, FM – damit alle verstehen, welche Daten sie liefern und nutzen können.

Die gute Nachricht: Viele Nemetschek‑Tools setzen bewusst auf vertraute Oberflächen und Workflows. Der Sprung von „klassisch digital“ zu „KI‑unterstützt“ ist meistens kleiner als gedacht – wenn die organisatorischen Rahmenbedingungen stimmen.


Fazit: KI‑Partnerschaften als Motor für Baustelle 4.0

Die Kooperation von Nemetschek und Google Cloud zeigt ziemlich klar, wohin die Reise geht: Bauen wird datengetriebener, vernetzter und stärker von KI unterstützt – von der ersten Skizze bis zum Rückbau.

Für die deutsche Bauindustrie ist das eine Chance, die eigenen Prozesse auf den Prüfstand zu stellen und sich gezielt auf Baustelle 4.0 auszurichten: mit cloudbasierten Workflows, KI‑gestützten Entscheidungen und messbar nachhaltigeren Projekten.

Wer jetzt beginnt, KI‑ und Cloud‑Funktionen in Allplan, Archicad, Vectorworks, Bluebeam & Co. bewusst zu nutzen, wird in den nächsten Jahren Projekte schneller, transparenter und wirtschaftlicher realisieren können – und sich im Wettbewerb klar differenzieren.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob KI in der Bauindustrie ankommt, sondern wie konsequent Sie sie in Ihrer Organisation verankern. Genau daran entscheidet sich, wer in der nächsten Baukonjunktur vorne mitspielt.