Wie KI die Bewegungsanalyse im Gebäude neu definiert

KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0By 3L3C

Bewegungsanalyse im Gebäude wird zum Standard: Wie KI und openBIM Personenströme planbar machen und Brandschutz, Komfort und Wirtschaftlichkeit verbessern.

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KI-gestützte Bewegungsanalyse: der blinde Fleck auf der Baustelle

Die meisten Bauprojekte in Deutschland werden heute zwar mit BIM-Modellen geplant, aber Entscheidungen zu Fluchtwegen, Nutzerkomfort oder Besucherstrom beruhen oft noch auf Bauchgefühl und vereinfachten Annahmen. Genau hier setzt die Occupant Movement Analysis – also die Analyse von Personenbewegungen im Gebäude – an.

Der neue Occupant Movement Analysis Technical Report von buildingSMART International zeigt, wohin die Reise geht: standardisierte, auswertbare Daten über Bewegung im Gebäude – von der Evakuierung bis zum Alltag. Für eine Baustelle 4.0 und eine KI-gestützte Bauindustrie ist das ein zentraler Baustein, auch wenn der ursprüngliche Bericht eher technisch und knapp gehalten ist.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was hinter Occupant Movement Analysis steckt, warum das Thema für Bauherren, Planer und Betreiber in Deutschland jetzt wichtig wird und wie KI und openBIM das Ganze auf ein neues Niveau heben.


Was hinter „Occupant Movement Analysis“ wirklich steckt

Occupant Movement Analysis beschreibt, wie sich Menschen in Gebäuden und Infrastrukturen bewegen – und macht diese Bewegungen plan- und simulierbar.

Konkret geht es um Fragen wie:

  • Wie schnell können Büroetagen im Brandfall evakuiert werden?
  • Wo entstehen Engpässe in Messehallen, Bahnhöfen oder Stadien?
  • Welche Wege nutzen Mitarbeitende tatsächlich – und nicht nur laut Flucht- und Rettungsplan?
  • Wie wirken sich unterschiedliche Nutzergruppen (Kinder, Senioren, mobilitätseingeschränkte Personen) auf Fluchtzeiten aus?

Der technische Bericht bei buildingSMART setzt genau hier an. Er will die Basis schaffen, damit:

  1. Bewegungsdaten standardisiert im BIM-Modell abgebildet werden können (z.B. auf Basis von IFC und openBIM).
  2. Simulations- und KI-Tools auf dieselben, konsistenten Daten zugreifen können.
  3. Behörden, Planer und Betreiber dieselbe Informationsgrundlage haben, wenn es um Nachweise und Optimierung geht.

Dass der buildingSMART Standards Committee mit 33 Ja- und 3 Nein-Stimmen den entscheidenden Pass-Threshold erreicht hat, zeigt: Das Thema wandert vom Nice-to-have in den Standard-Werkzeugkasten der Planungsmethodik.


Warum Bewegungsanalyse zum Pflichtprogramm für Bauprojekte wird

Der Druck wächst von drei Seiten: Regulierung, Wirtschaftlichkeit und Nutzererwartung.

1. Brandschutz und Regulierung

Deutschland und Österreich kennen strenge Vorgaben bei Brand- und Personensicherheit. Bisher wurden Fluchtwegbreiten und Evakuierungszeiten oft mit pauschalen Normwerten gerechnet.

KI-gestützte Bewegungsanalyse ermöglicht:

  • realistischere Evakuierungsszenarien, z.B. mit Rauch, Panikreaktionen und blockierten Wegen
  • Berücksichtigung verschiedener Nutzergruppen (Kita, Krankenhaus, Seniorenheim, Shoppingcenter)
  • Nachweise, die über Mindestanforderungen hinausgehen und Sicherheitsreserven transparent machen

Gerade bei komplexen Gebäuden – Hochhäuser, Bahnhöfe, Flughäfen, Stadien – wird es zunehmend schwer, ohne Simulation und datenbasierte Nachweise genehmigungsfähig zu planen.

2. Betriebskosten und Flächenoptimierung

Im laufenden Betrieb entscheidet Personenbewegung maßgeblich über Effizienz:

  • Überlastete Aufzüge kosten Zeit und Nerven.
  • Falsch platzierte Empfangs- oder Check-in-Bereiche erzeugen Schlangen und Frust.
  • Ineffiziente Logistikwege im Krankenhaus oder in der Industriehalle treiben Prozesskosten hoch.

Wenn Bewegungsdaten im digitalen Gebäudemodell standardisiert vorliegen, können KI-Algorithmen Muster erkennen:

  • Welche Wege werden kaum genutzt und könnten umgestaltet werden?
  • Wo lohnt sich ein zusätzlicher Aufzug oder ein alternatives Erschließungskonzept wirklich?
  • Welche Öffnungszeiten oder Zutrittskonzepte reduzieren Spitzenlasten?

Der Effekt: bessere Flächennutzung, weniger Staus, höhere Produktivität.

3. Nutzererlebnis und Komfort

In Zeiten von ESG, New Work und Fachkräftemangel wird User Experience im Gebäude zum Wettbewerbsfaktor:

  • intuitive Wegeführung
  • kurze Wege zwischen häufig genutzten Bereichen
  • stressarme Evakuierungskonzepte

Occupant Movement Analysis schafft die Grundlage, um Komfort nicht nur zu „fühlen“, sondern messbar zu machen.


Wie KI und openBIM die Bewegungsanalyse skalierbar machen

Die Kombination aus KI und openBIM macht aus Einzelprojekten einen skalierbaren Standardprozess.

Standardisierte Daten durch IFC & Co.

Der Technical Report von buildingSMART verfolgt ein klares Ziel: Bewegungsrelevante Informationen sollen im BIM-Modell eindeutig beschrieben und austauschbar sein. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Breiten, Längen und Neigungen von Fluchtwegen
  • Kapazitäten von Treppen, Türen und Aufzügen
  • Nutzungsszenarien (Belegung von Zonen, Öffnungszeiten, Funktionsbereiche)
  • Hindernisse und potenzielle Engstellen

Wenn diese Daten in IFC-konformen Modellen hinterlegt sind, können sie von:

  • Simulationssoftware für Evakuierung und Besucherstrom
  • KI-Anwendungen zur Mustererkennung
  • Betreiber-Tools (CAFM, Digital Twin)

ausgelesen und weiterverarbeitet werden.

KI als Auswerter und Optimierer

Mit sauberen Daten im Hintergrund kann KI drei Rollen übernehmen:

  1. Analyse: Erkennung von Mustern in Simulations- oder Betriebsdaten, z.B. überfüllte Zonen, tageszeitabhängige Engpässe, wiederkehrende Problemstellen.
  2. Prognose: Vorhersage von Besucherströmen bei Veranstaltungen, Stoßzeiten im Büro oder Spitzenlasten im Krankenhausbetrieb.
  3. Optimierung: Vorschläge für alternative Wegeführungen, geänderte Türsteuerungen, angepasste Flächenbelegung oder andere Betriebsstrategien.

Die Realität ist dabei oft simpler, als viele denken: Schon Basis-KI-Modelle können erste Optimierungsvorschläge liefern, wenn sie auf strukturierten Daten aus einem openBIM-Modell arbeiten.

Von der Simulation zum Digital Twin

Besonders spannend wird es, wenn Simulationsdaten und Echtzeitdaten zusammenfließen:

  • Sensoren und Zutrittssysteme liefern Live-Daten zu Personenzahlen und Bewegungsströmen.
  • Das BIM-Modell bildet die räumliche Struktur.
  • KI gleicht Simulationen mit realem Verhalten ab und verbessert die Modelle kontinuierlich.

Damit entsteht ein Digital Twin, der:

  • die aktuelle Auslastung des Gebäudes kennt,
  • bei Störungen oder Gefahren alternative Routen vorschlagen kann
  • und über die Zeit immer besser versteht, wie Menschen das Gebäude wirklich nutzen.

Konkrete Anwendungsfälle für deutsche Bau- und Immobilienprojekte

Wer heute plant, kann Occupant Movement Analysis mit überschaubarem Zusatzaufwand integrieren – und sich klare Vorteile sichern.

Büro- und Verwaltungsgebäude

  • Optimierung von Flucht- und Rettungswegen über klassische Normnachweise hinaus
  • Simulation neuer Arbeitsplatzkonzepte (Desksharing, Meetingzonen, Collaboration Areas)
  • KI-basierte Auswertung, wie stark welche Zonen tatsächlich genutzt werden

Die Kombination aus BIM-Modell, Bewegungssimulation und KI-Auswertung liefert Argumente für oder gegen bestimmte Layouts – lange bevor gebaut wird.

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen

  • Analyse von Wegen zwischen Notaufnahme, OP, Station und Diagnostik
  • Optimierung der Logistik für Betten, Material- und Medikamententransport
  • Szenarienplanung für Massenanfall von Patienten oder Evakuierung

Hier geht es nicht nur um Effizienz, sondern direkt um Patientensicherheit und Versorgungsqualität. Bewegungsanalyse hilft, Engpässe sichtbar zu machen, die in Grundrissen zunächst unauffällig wirken.

Verkehrsbauten und Stadien

  • Steuerung von Besucherströmen bei Großveranstaltungen
  • Simulation von Notfällen (Zugausfall, Sperrungen, Unfälle)
  • Optimierung der Wegeleitung, Beschilderung und Barrierefreiheit

Gerade im öffentlichen Raum werden Simulationen zunehmend zum Bestandteil von Genehmigungsprozessen. Wer frühzeitig auf standardisierte, KI-fähige Daten setzt, spart später teure Nachbesserungen.


Schritt-für-Schritt: So starten Sie mit Bewegungsanalyse im Projekt

Viele Unternehmen glauben, sie müssten erst einen „perfekten“ Digital Twin haben. Das ist falsch. Sinnvoll ist ein pragmatischer Einstieg in vier Schritten.

1. BIM-Modell bewegungsfähig machen

  • Flucht- und Bewegungswege als eigene Objekte im Modell abbilden
  • Relevante Parameter (Breite, Länge, Kapazität, Türschließzeiten etc.) konsistent pflegen
  • Rollen und Szenarien definieren (z.B. Vollbelegung, Nachtbetrieb, Veranstaltung)

2. Standards nutzen (openBIM)

  • IFC-Strukturen verwenden, die von Simulations-Tools verstanden werden
  • Eigene firmenspezifische Parameter möglichst an buildingSMART-Empfehlungen anlehnen
  • Intern festlegen, welche Informationen in welcher Projektphase vorliegen müssen

3. Erste Simulationen durchführen

  • Mit einem Piloten starten (z.B. ein Gebäudeteil oder ein repräsentatives Szenario)
  • Ergebnisse mit Brandschutzplanern, Betreibern und Nutzervertretern besprechen
  • Annahmen iterativ verbessern, Engstellen dokumentieren

4. KI-Anwendungen schrittweise ergänzen

  • Wiederkehrende Muster aus mehreren Projekten sammeln
  • Simple KI-Analysen nutzen (Cluster, Anomalieerkennung) um Engpässe zu identifizieren
  • Mittelfristig: KI-Vorschläge für alternative Layouts und Betriebsstrategien testen

Wer diesen Weg konsequent geht, baut sich Projekt für Projekt eine Datenbasis auf, die den Einsatz von KI immer effektiver macht.


Wie das in die Serie „Baustelle 4.0“ passt – und was als Nächstes kommt

Die Occupant Movement Analysis ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Bauindustrie gerade verschiebt: von statischer Planung hin zu dynamischen, datenbasierten Gebäuden, die mitdenken und sich anpassen.

Im Rahmen unserer Serie „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ ist das ein weiterer Baustein neben:

  • KI-gestützter Projektplanung
  • automatisierter Sicherheitsüberwachung auf der Baustelle
  • Ressourcen- und Gerätemanagement in Echtzeit
  • smartem Betrieb über Digital Twins

Für Sie als Planer, Bauunternehmen oder Betreiber heißt das: Wer heute mit standardisierten Bewegungsdaten und KI-gestützter Analyse beginnt, legt den Grundstein für sicherere, effizientere und nutzerfreundlichere Gebäude – und stärkt ganz nebenbei seine Position in Ausschreibungen und Verhandlungen.

Wenn Sie gerade ein Projekt planen oder im Bestand über Optimierungen nachdenken, ist die zentrale Frage:

Wo in Ihrem Gebäude entscheiden Personenströme heute schon über Sicherheit, Wirtschaftlichkeit oder Nutzerzufriedenheit – und wie viel verlassen Sie dabei noch auf Bauchgefühl?


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