IFC-Kompatibilität als Basis für KI und Baustelle 4.0

KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0••By 3L3C

Die neue ISO-Kompatibilitätspolitik für IFC macht openBIM stabiler – und schafft die Grundlage für KI, Baustelle 4.0 und langfristig nutzbare Baudaten.

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IFC-Kompatibilität als Basis für KI und Baustelle 4.0

Die meisten Bauunternehmen merken es erst, wenn es zu spät ist: Ein neues IFC-Release kommt, das BIM-Tool wird aktualisiert – und plötzlich passen Daten aus laufenden Projekten nicht mehr sauber zusammen. Modelle lassen sich zwar öffnen, aber Informationen fehlen, Auswertungen stimmen nicht mehr, KI-Algorithmen liefern seltsame Ergebnisse. Genau dieses Risiko soll die neue ISO-Kompatibilitätsrichtlinie für ISO 16739‑1 (IFC) deutlich reduzieren.

FĂĽr alle, die Richtung Baustelle 4.0 und KI in der Bauindustrie gehen, ist das keine abstrakte Normendiskussion, sondern eine strategische Frage: Wie stelle ich sicher, dass meine digitalen Bauwerksdaten auch in 10, 20 oder 50 Jahren noch lesbar, auswertbar und fĂĽr KI nutzbar sind?

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was diese neue Kompatibilitätspolitik bedeutet, warum sie für offene BIM-Prozesse so wichtig ist – und wie Planer, Bauunternehmen und Betreiber in Deutschland und Österreich das konkret in ihren Digitalisierungs- und KI-Strategien berücksichtigen sollten.


Was hat ISO beschlossen – und warum ist das so wichtig?

ISO/TC 59/SC 13 hat eine neue Kompatibilitätsrichtlinie für ISO 16739‑1 (IFC) veröffentlicht. Damit gibt es erstmals einen formal definierten Rahmen, wie sich IFC weiterentwickeln darf, ohne bestehende Projekte und Software-Implementierungen zu beschädigen.

Kern der Richtlinie ist eine klare Antwort auf vier Fragen:

  • Was ist eine breaking change in IFC?
  • Wie werden Erweiterungen und Korrekturen sauber eingefĂĽhrt?
  • Wie läuft Deprecation (Ausphasung) und spätere Entfernung von Inhalten ab?
  • Wie wird Kompatibilität objektiv bewertet, bevor eine neue Version freigegeben wird?

Die Botschaft dahinter ist klar: Innovation ja, aber nicht auf Kosten der Stabilität. Genau das hat in den letzten Jahren viele Unternehmen verunsichert: Wer stark auf BIM und IFC setzt, will nicht bei jedem Release fürchten, dass zentrale Prozesse oder KI-Auswertungen neu gebaut werden müssen.

Für die Baustelle 4.0-Realität – also vernetzte, modellbasierte und zunehmend KI-gestützte Bauprojekte – ist diese Stabilität ein echter Hebel für Investitionssicherheit.


Die Rolle von buildingSMART: Praxis-Know-how statt Theoriedebatte

Die Richtlinie wurde nicht im Elfenbeinturm geschrieben. buildingSMART International (bSI) war als Liaison von ISO explizit eingebunden und hat Erfahrungen aus realen IFC-Projekten, Software-Implementierungen und Community-Feedback eingebracht.

Das hat zwei entscheidende Folgen:

  1. Praxisnähe: Die Kriterien für kompatible bzw. inkompatible Änderungen orientieren sich daran, was in echten Projekten tatsächlich Probleme verursacht.
  2. Anschluss an den bSI-Standardisierungsprozess: Die Richtlinie lässt sich mit bestehenden bSI-Prozessen (z.B. für IFC-Weiterentwicklungen, IDS, BCF) verzahnen.

Gerade für den DACH-Raum, der traditionell stark in openBIM investiert, ist diese enge Partnerschaft wichtig. Viele deutsche und österreichische Projekte – von Straßen- und Bahn-Infrastruktur bis hin zu komplexen Hochbauprojekten – bauen längst auf IFC als zentrale Datendrehscheibe.

IFC kann nur dann das Rückgrat der digitalen Bauwirtschaft werden, wenn jede neue Version verlässlich auf der vorherigen aufbaut – statt Projektteams ständig zum Daten-Roulette zu zwingen.


Was regelt die neue Kompatibilitätspolitik konkret?

Die neue ISO-Policy ist kein Marketingtext, sondern eine Art Spielregeln-Katalog, wie IFC weiterentwickelt werden darf. Die wichtigsten Punkte aus Sicht von Baupraxis, Software und KI:

1. Klare Definitionen von Änderungstypen

Die Richtlinie unterscheidet sauber zwischen:

  • Kompatiblen Ă„nderungen

    • z.B. HinzufĂĽgen neuer Entitäten oder Attribute
    • HinzufĂĽgen neuer Property Sets
    • Ergänzung von optionalen Feldern
    • Korrektur von Tippfehlern ohne Bedeutungsänderung
  • Inkompatiblen (breaking) Ă„nderungen

    • Entfernen oder Umbenennen bestehender Entitäten
    • Ă„nderung von Datentypen (z.B. von INTEGER auf STRING)
    • Ă„nderung der Semantik (Bedeutung) von Feldern
  • Deprecated-Inhalten

    • Inhalte, die als „veraltet“ markiert, aber (noch) nicht entfernt werden
    • mit definiertem Pfad fĂĽr spätere Entfernung und Migrationshinweisen

Damit wird nachvollziehbar: Wann genau bricht eine Änderung alte Modelle? Das ist insbesondere für KI wichtig, die auf historische Daten zugreift.

2. Strukturierter Bewertungsprozess vor jedem Release

Bevor eine neue IFC-Version verabschiedet wird, muss nachgewiesen werden:

  • welche Ă„nderungen kompatibel sind,
  • welche Funktionen deprecated werden,
  • welche Risiken fĂĽr bestehende Datenbestände bestehen,
  • wie diese Risiken mitigiert werden (z.B. Mapping-Regeln, Konverter, Guidelines).

Für Softwarehersteller und größere Bauunternehmen mit eigenen IT-Teams bedeutet das: Planbarkeit. Roadmaps für BIM-Software, Datenplattformen und KI-Use-Cases lassen sich zuverlässiger erstellen.

3. Schutz langfristiger Asset-Daten

Infrastrukturprojekte haben Lebenszyklen von 50–80 Jahren, Gebäude oft 30–60 Jahre. Genau diesen Horizont adressiert die Richtlinie explizit:

  • Asset-Daten in IFC sollen auch in Jahrzehnten noch gelesen und interpretiert werden können.
  • Ă„nderungen mĂĽssen so gestaltet sein, dass Altdaten nicht wertlos werden.

FĂĽr Betreiber, Asset-Manager und FM-Teams ist das zentral, wenn sie z.B. Instandhaltungs-KI oder Predictive-Maintenance-Analysen mit historischen Daten aufbauen wollen.


Warum diese Richtlinie fĂĽr KI und Baustelle 4.0 ein SchlĂĽsselbaustein ist

Wer ernsthaft über KI in der Bauindustrie nachdenkt, braucht stabile, standardisierte Daten. Genau hier macht die neue IFC-Kompatibilitätspolitik den Unterschied.

KI braucht verlässliche Datenstrukturen

Ein typischer KI-Use-Case in der Baubranche könnte so aussehen:

  • Datengrundlage: IFC-Modelle aus 10 Jahren Infrastrukturprojekten
  • Ziel: KI-Modell, das Kostentreiber und Terminrisiken identifiziert
  • Problem ohne Kompatibilität: Jede IFC-Version strukturiert Bauteile und Eigenschaften anders – das Training wird chaotisch und unsicher.

Die neue Politik sorgt dafĂĽr, dass:

  • IFC-Strukturen evolutionär wachsen statt sprunghaft zu brechen.
  • Deprecated-Elemente klar gekennzeichnet sind, statt „heimlich“ verschwinden.
  • KI-Modelle auf konsistenten Merkmalen (z.B. Property Sets) ĂĽber mehrere Releases hinweg aufbauen können.

Digitale Baustellenprozesse hängen an robusten IFC-Flows

Für die Baustelle 4.0 – mit vernetzter Sensorik, mobilen BIM-Viewern, AR-Anwendungen und KI-gestützter Bauüberwachung – ist IFC oft die gemeinsame Sprache zwischen:

  • Planung (HOAI-Phasen / Ă–NORM B 1801, B 2110 Umfeld),
  • Kalkulation und Einkauf,
  • AusfĂĽhrung und Nachunternehmern,
  • Betreiber und Facility Management.

Wenn diese Sprache sich unkontrolliert ändert, entstehen:

  • MedienbrĂĽche,
  • manuelle Nacharbeiten,
  • Fehler bei Mengen, Kosten, Bauzeiten,
  • Akzeptanzprobleme bei den Projektbeteiligten.

Die neue ISO-Policy senkt dieses Risiko und stärkt damit die Akzeptanz von openBIM als Rückgrat der Baustelle 4.0.


Was bedeutet das konkret fĂĽr Unternehmen in Deutschland und Ă–sterreich?

Die Theorie ist schön – entscheidend ist, was Sie in Ihren Projekten und Strategien ändern sollten. Hier ein paar konkrete Ansatzpunkte.

1. BIM- und Datenstrategien auf „IFC als Langzeitformat“ ausrichten

Wer bisher IFC eher als Austauschformat zwischen Softwaretools gesehen hat, sollte umdenken:

  • Definieren Sie IFC als langfristiges Referenzformat in Ihrer Datenstrategie.
  • Verankern Sie das in BIM-Abwicklungsplänen, Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA) und internen IT-Richtlinien.
  • Nutzen Sie die neue Kompatibilitätspolitik als Argument, warum sich diese Strategie jetzt noch mehr lohnt.

2. Verträge und Anforderungen präzisieren

In Ausschreibungen und Verträgen sollten künftig klarer geregelt sein:

  • welche IFC-Version(en) verbindlich sind,
  • wie mit zukĂĽnftigen Versionen umgegangen wird (z.B. Pilotprojekte, Migrationsphasen),
  • welche Kompatibilitätsanforderungen Software erfĂĽllen muss (z.B. Umgang mit deprecated-Elementen).

Auftraggeber, die eine KI-gestützte Auswertung ihrer Bauwerksdaten planen, sollten explizit fordern, dass IFC-Daten auch in späteren Projektphasen kompatibel weiterverwendet werden können.

3. Software- und Toolauswahl an der Policy ausrichten

Fragen Sie Ihre Softwarepartner ganz konkret:

  • Wie setzen Sie die neue ISO-Kompatibilitätspolitik in Ihrem IFC-Handling um?
  • Wie gehen Sie mit deprecated-Elementen und neuen Erweiterungen um?
  • Welche Migrationspfade bieten Sie bei neuen IFC-Releases an?

Software, die diese Fragen sauber beantworten kann, ist langfristig KI- und datenstrategiefähig. Alles andere bleibt Flickwerk.

4. KI-Piloten mit langlebigen Datenmodellen planen

Wer heute KI-Piloten startet – z.B. für:

  • automatische Mengenermittlung aus IFC,
  • Sicherheitsmonitoring ĂĽber Modell- und Sensordaten,
  • Terminprognosen basierend auf Bauablaufmodellen,

sollte darauf achten, dass:

  • verwendete IFC-Property Sets und Entitäten möglichst stabil ĂĽber Releases hinweg existieren,
  • Modellierungsrichtlinien dokumentieren, welche IFC-Strukturen fĂĽr KI-Use-Cases verbindlich sind,
  • Datenarchitekturen den langfristigen Erhalt dieser Informationen sicherstellen.

Wie es mit IFC weitergeht – und warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist

Die neue ISO-Kompatibilitätspolitik ist kein Endpunkt, sondern ein Startsignal: IFC wird sich weiterentwickeln – modularer, fachdomänenspezifischer, besser an Infrastruktur und Betrieb angepasst. Nur erfolgt diese Entwicklung künftig nach klaren Stabilitätsregeln.

FĂĽr Unternehmen, die ihre Baustelle 4.0 ernst meinen, heiĂźt das:

  • Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, BIM- und Datenstrategien zu schärfen.
  • KI-Use-Cases können auf einer verlässlicheren IFC-Basis geplant werden.
  • Investitionen in openBIM-Workflows werden kalkulierbarer.

Wenn Sie gerade überlegen, wie Sie KI in Ihre Projektplanung, Sicherheitsüberwachung oder Ihr Ressourcenmanagement integrieren, sollten Sie IFC und die neue Kompatibilitätspolitik explizit mitdenken. Wer seine Daten heute strukturiert und standardkonform aufsetzt, wird in ein paar Jahren die besten Karten haben – weil historische Daten konsistent und maschinenlesbar vorliegen.

Die spannende Frage für die nächsten 2–3 Jahre lautet daher nicht: „Kommt KI in der Bauindustrie?“, sondern: Wer hat dann die saubersten, kompatibelsten IFC-Daten, um KI wirklich produktiv einzusetzen?


Fazit: Stabiler IFC-Kern fĂĽr intelligente Baustellen

Die neue ISO-Kompatibilitätspolitik für ISO 16739‑1 (IFC) stärkt IFC als verlässliches, langfristig nutzbares Datenfundament. Davon profitieren vor allem diejenigen, die ernsthaft auf KI, openBIM und Baustelle 4.0 setzen.

Wer jetzt seine Prozesse, Verträge, Softwarelandschaft und KI-Pilotprojekte konsequent an stabilen IFC-Strukturen ausrichtet, baut nicht nur digitale Modelle – sondern echte, zukunftsfähige Datenassets.

Wenn Sie prüfen wollen, wie reif Ihre Organisation dafür ist, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf eine einfache Frage: Wären Ihre IFC-Daten heute bereit für KI – und auch noch in 10 Jahren?