IFC 4.3 Alignment Based View schafft die Datenbasis für KI und digitale Baustellen im Infrastrukturbau. So profitieren Bauunternehmen in D‑A‑CH davon.

IFC 4.3 Alignment Based View: Der unsichtbare Standard hinter der Baustelle 4.0
Die meisten Digitalisierungsprojekte im Bau scheitern nicht an der KI, sondern an den Daten. Unterschiedliche Formate, unklare Schnittstellen, tausend Excel-Listen – und am Ende passt das Modell nicht zur Realität auf der Baustelle. Genau hier wird der neue IFC‑4.3‑Standard mit der Alignment Based View (AbV) spannend.
Während überall über KI auf der Baustelle 4.0 gesprochen wird, entsteht im Hintergrund gerade die Datengrundlage, ohne die keine KI im deutschen und österreichischen Hoch‑ und Infrastrukturbau sinnvoll arbeiten kann. buildingSMART International hat den Final Project Plan für die IFC 4.3 Alignment Based View 1.0 vorgelegt, der aktuell im Standards Committee zur Abstimmung steht (Abstimmung bis 18.09.2025).
In diesem Beitrag aus unserer Reihe „KI in der österreichischen Bauindustrie: Digitale Baustellen“ schauen wir uns an, was hinter der Alignment Based View steckt, warum sie für BIM, Infrastrukturprojekte und KI‑Anwendungen so wichtig ist – und wie Bauunternehmen sich heute darauf vorbereiten sollten.
Was ist IFC 4.3 und warum interessiert das die Baustelle 4.0?
IFC 4.3 ist der aktuelle internationale Standard (ISO 16739‑1:2024) für den Austausch von BIM‑Daten – insbesondere im Infrastrukturbereich (Straße, Schiene, Brücke, Wasserbau). Er definiert, wie Objekte, Geometrie und Attribute modelliert und ausgetauscht werden, damit verschiedene Softwarelösungen dieselben Informationen eindeutig lesen können.
Für eine digitale oder KI‑gestützte Baustelle ist das zentral, weil:
- KI‑Modelle saubere, strukturierte Daten brauchen
- Bauunternehmen modellĂĽbergreifend planen, bauen und abrechnen mĂĽssen
- öffentliche Auftraggeber in D‑A‑CH zunehmend openBIM und IFC in Ausschreibungen verlangen
IFC 4.3 unterscheidet drei Model View Definitions (MVDs) – also definierte „Sichten“ auf den Standard:
- Reference View (RV) – bewährt aus IFC 4, für den modellbasierten Austausch ohne vollumfängliche Änderungsrückführung
- Design Transfer View (DTV) – gedacht für vollständige Übertragung von Modellinhalten, bislang aber ohne starken Marktdruck
- Alignment Based View (AbV) – der neue Fokus: an Achsen/Trassen („Alignments“) orientierter Datenaustausch, speziell für Infrastruktur
Die AbV ist damit der Baustein, der Infrastruktur‑Modelle entlang ihrer Trasse konsistent beschreibbar macht – und genau das braucht man, um Bauabläufe, Mengen und Baufortschritt digital und später KI‑gestützt zu steuern.
Alignment Based View (AbV): Warum diese Sicht fĂĽr Infrastruktur so wichtig ist
Die Alignment Based View reduziert IFC 4.3 auf eine Auswahl von Concept Templates – also wiederverwendbare Bausteine, mit denen bestimmte Inhalte strukturiert beschrieben werden (z. B. Achsen, Querschnitte, Bauwerksabschnitte).
Der Kernpunkt:
AbV sorgt dafür, dass Infrastrukturprojekte entlang einer gemeinsamen Achsdefinition konsistent beschrieben werden – unabhängig von der eingesetzten Software.
Was bringt das in der Praxis?
FĂĽr Infrastrukturprojekte wie Bahnstrecken, Autobahnen oder Tunnel bedeutet das:
- Einheitliche Achse als „Single Source of Truth“ für Planung, Bau und Vermessung
- Stabile Koordinatensysteme: Geometrie, Bauphasen, Abrechnungspunkte beziehen sich auf dieselbe Trasse
- Robuster Austausch zwischen Straßenplanungs‑, Bahn‑, Brücken‑ und Bauzeitenplanungssoftware
Gerade im deutschsprachigen Raum, wo viele Pilotprojekte im Infrastrukturbereich auf BIM setzen, ist das ein massiver Fortschritt: Statt projektindividuellen Austauschformaten entsteht eine standardisierte, international abgestimmte Sicht.
Verbindung zu Use Cases und Projektaustausch
Die AbV selbst ist bewusst generisch gehalten. Die eigentlichen Use Cases und projektspezifischen Austauschanforderungen werden in der Use Case Management (UCM) Umgebung von buildingSMART beschrieben – aufbauend auf den Basis‑MVDs wie AbV.
FĂĽr Bauunternehmen heiĂźt das:
- Standardisierte Basis
- Gleichzeitig genug Flexibilität, um projektspezifische Informationsanforderungen abzubilden
Genau diese Kopplung ist ideal für KI‑Anwendungen, weil:
- Datenstrukturen wiederverwendbar sind
- Use Cases klar beschrieben werden (z. B. automatisierte Mengenprüfung, Kollisionsprüfung, Baufortschrittsprognose)
Governance: Warum der Final Project Plan zur AbV 1.0 so wichtig ist
Der aktuelle Schritt – der Final Project Plan für AbV 1.0 – ist mehr als ein Formalakt. buildingSMART International unterwirft die Alignment Based View dem offiziellen bSI‑Projektprozess. Damit wird sichergestellt, dass:
- Transparente Entstehung: Die Inhalte sind durch eine offene, internationale Branchenkonsultation entstanden.
- Formale Qualitätssicherung: Standards Committee, Reviews, Dokumentation – das erhöht die Verlässlichkeit im Markt.
- Offizieller bSI‑Standardoutput: AbV 1.0 wird zu einem „anerkannten“ Ergebnis im buildingSMART‑Portfolio.
FĂĽr Auftraggeber, Softwarehersteller und Bauunternehmen sendet das ein klares Signal:
AbV ist kein Forschungsexperiment mehr, sondern auf dem Weg zum stabilen Marktstandard.
Gerade in Österreich und Deutschland, wo öffentliche Infrastrukturbetreiber zunehmend openBIM fordern, verringert das Investitionsrisiken in BIM‑Software, Schulungen und Prozesse erheblich.
Was bedeutet AbV konkret fĂĽr KI auf der Baustelle 4.0?
KI im Bau – ob in Deutschland oder Österreich – hängt nicht in erster Linie von neuen Algorithmen ab. Die gibt es. Der Engpass liegt in strukturierten, standardisierten Daten. Hier spielt IFC 4.3 mit AbV seine Stärke aus.
1. Bessere Datenbasis für KI‑gestützte Bauablaufplanung
Wenn Achsen, Bauabschnitte, Bauwerke und ihre Eigenschaften einheitlich nach AbV beschrieben sind, können Projektteams:
- Bauzeitenpläne direkt mit dem BIM‑Modell verknüpfen
- KI‑Modelle trainieren, die Bauablaufstörungen anhand historischer Projekte vorhersagen
- Simulationen fahren: „Was passiert, wenn wir Losgrößen, Schichtmodelle oder Geräteeinsatz ändern?“
KI kann dann auf konsistenten Alignments und Mengen rechnen statt auf unsauberen Excel‑Ableitungen aus PDFs.
2. Automatisierte Qualitätssicherung und Modellprüfung
Mit AbV wird klar definiert, welche Informationen auf welcher Ebene erwartet werden. Das ermöglicht:
- Regelbasierte Model Checks (z. B. „Jeder Abschnitt entlang der Achse braucht definierte Querschnittsparameter“)
- KI‑gestützte Anomalieerkennung, weil ein „normaler“ Datenraum definiert ist
- Schnellere Ăśbergaben zwischen Planer, Bauunternehmen und Betreiber
Für die digitale Baustelle heißt das: Weniger manuelle Plausibilitätsprüfungen, weniger Missverständnisse beim Austausch von Planungsständen.
3. VerknĂĽpfung mit Sensorik und Baufortschrittsdaten
Digitale Baustellen erzeugen ständig Daten:
- Maschinen‑Telematik
- 3D‑Scans und Drohnenaufnahmen
- IoT‑Sensoren (Erschütterung, Temperatur, Feuchte)
Wenn diese Daten einem Alignment klar zugeordnet werden können (z. B. km‑Abschnitt, Stationierung), wird es möglich, KI‑Modelle aufzubauen, die:
- Ist‑ und Soll‑Zustand entlang der Trasse vergleichen
- Fortschrittsprognosen verbessern („Wo hinken wir hinterher?“)
- Qualitätsmängel lokalisieren und priorisieren
Ohne eine saubere, standardisierte Beschreibung der Trasse und ihrer Abschnitte – also ohne etwas wie die AbV – bleibt das alles Stückwerk.
Was sollten Bauunternehmen in D‑A‑CH jetzt tun?
Wer heute an Baustelle 4.0 und KI denkt, sollte gleichzeitig seine IFC‑Strategie prüfen. Einige konkrete Schritte, die ich in Projekten als wirksam erlebt habe:
1. IFC‑4.3‑Readiness im eigenen Software‑Stack prüfen
- Unterstützt Ihre Planungs‑ und Bau‑Software bereits IFC 4.3 – speziell im Infrastrukturkontext?
- Können Ihre Tools Alignments und zugehörige Objekte exportieren und importieren?
- Gibt es Roadmaps der Hersteller zur UnterstĂĽtzung der Alignment Based View?
Wer hier früh das Gespräch mit Softwarepartnern sucht, kann Einfluss auf Prioritäten nehmen – gerade im deutschsprachigen Markt mit vielen Infrastrukturprojekten.
2. Informationsanforderungen an AbV ausrichten
Viele Auftraggeber definieren heute AIA/BAP (Auftraggeber‑Informationsanforderungen / BIM‑Abwicklungsplan), ohne konkret auf die MVDs einzugehen. Besser:
- In den AIA explizit auf IFC 4.3 und die Alignment Based View Bezug nehmen, wo sinnvoll
- Use Cases definieren, die von einer alignment‑basierten Sicht profitieren (Mengen, Abrechnung, Baufortschritt, Qualitätssicherung)
- UCM‑artige Strukturen übernehmen: pro Use Case klar definieren, welche Informationen wann, in welcher Qualität geliefert werden müssen
3. Datenkompetenz im Team aufbauen
KI‑Projekte im Bau scheitern oft daran, dass intern zu wenig verstanden wird, wie Daten aufgebaut sein müssen. Sinnvoll ist:
- Schulungen zu openBIM, IFC 4.3 und Alignment‑Modellierung für BIM‑Koordinatoren und Bauleiter
- Kleine Pilotprojekte, in denen gezielt AbV‑konforme Exporte getestet werden
- Eine klare Rolle im Unternehmen, die das Thema Datenstandardisierung verantwortet
Das Ziel ist nicht, dass jeder Polier IFC versteht. Aber mindestens eine Person pro Projekt muss beurteilen können, ob die gelieferten Modelle KI‑ und auswertungstauglich sind.
4. KI‑Use‑Cases planen, bevor der Hype abebbt
Statt auf den nächsten großen KI‑Hype zu warten, lohnt sich ein pragmatischer Ansatz:
- 2–3 konkrete Use Cases definieren, z. B. automatische Mengenkontrolle, Kollisionsprüfung oder Fortschrittsprognose entlang einer Trasse
- Prüfen, welche Daten dafür notwendig sind – und ob sie mit IFC 4.3 / AbV sauber abbildbar sind
- Schon heute Pilotprojekte starten, um Erfahrungen zu sammeln, während AbV 1.0 formalisiert wird
Wer dann 2026/2027 große Infrastrukturaufträge mit strengen openBIM‑Anforderungen gewinnt, ist vorbereitet – statt im Stress eine Datenstrategie nachzuschieben.
Wie fügt sich AbV in die KI‑Serie „Digitale Baustellen“ ein?
In unserer Reihe „KI in der österreichischen Bauindustrie: Digitale Baustellen“ geht es oft um sichtbare Themen: Sicherheitsüberwachung mit Kameras, automatisierte Massenermittlung, Ressourcenoptimierung. Die Alignment Based View ist dagegen eher die stille Infrastruktur im Hintergrund – aber ohne sie bleiben viele KI‑Anwendungen theoretisch.
Die Realität ist simpel:
KI im Bau ist nur so gut wie die IFC‑Modelle, auf denen sie rechnet.
IFC 4.3 mit der Alignment Based View macht Infrastrukturprojekte algorithmusfähig. Es schafft die Verbindung zwischen Planung, Bauausführung und Betriebsdaten – entlang einer gemeinsamen, verständlichen Datenbasis.
Wer heute in D‑A‑CH Verantwortung für BIM, Digitalisierung oder KI im Bauunternehmen trägt, sollte AbV auf dem Radar haben:
- als Argument in Gesprächen mit Auftraggebern („Wir liefern alignment‑basierte, auswertbare Modelle“)
- als Druckmittel gegenüber Softwareherstellern („Wir brauchen IFC‑4.3‑Alignment‑Support“)
- als Grundlage, um echte Baustelle‑4.0‑Anwendungen nicht nur in Präsentationen, sondern im Tagesgeschäft zu verankern
Die Abstimmung im Standards Committee für die IFC 4.3 Alignment Based View 1.0 läuft noch bis zum 18.09.2025. Bis die finale Version offiziell publiziert ist, vergeht etwas Zeit – genau das ist die Chance, interne Prozesse und Kompetenzen so auszurichten, dass Ihr Unternehmen bereit ist, wenn AbV 1.0 im Markt ankommt.
Wer die digitale Baustelle ernst meint, sollte heute mit den Daten anfangen.