GIS & BIM sauber zu integrieren ist die Basis für KI und Baustelle 4.0. Was der neue buildingSMART-Leitfaden bietet und wie Sie ihn in Projekten nutzen.
GIS in BIM-Projekten: Warum das Thema 2025 plötzlich ernst wird
Baustellen in Deutschland erzeugen heute mehr Daten als je zuvor – von Drohnenbefliegungen über Laserscans bis hin zu BIM-Modellen ganzer Infrastrukturkorridore. Das Problem: GIS und BIM laufen in vielen Projekten noch in getrennten Welten. Genau hier setzt die neue Handreichung „GIS in BIM-Projekten“ von buildingSMART Deutschland an.
Für die Reihe „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ ist das ein Schlüsselthema. Denn KI kann nur dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn räumliche Daten (GIS) und Gebäudemodelle (BIM) sauber miteinander verbunden sind. Ohne saubere Georeferenzierung und klare Informationsanforderungen wird jede KI-Anwendung zur Fehlermeldungs-Maschine.
In diesem Beitrag zeige ich, warum die Integration von GIS & BIM gerade jetzt relevant ist, was die neue buildingSMART-Handreichung leistet und wie Sie diese Inhalte konkret in Ihren Projekten nutzen – von der AIA-Erstellung bis zur Baustellenpraxis.
1. Warum die Integration von GIS & BIM zur Pflicht wird
Die zentrale Aussage: Ohne GIS-BIM-Integration bleiben digitale Bauprojekte unvollständig.
BIM liefert das präzise, objektorientierte Modell eines Bauwerks. GIS liefert den Kontext: Lage, Topografie, Leitungen, Umwelt, Verkehr, Eigentumsverhältnisse. Erst das Zusammenspiel ermöglicht Anwendungen, die in Richtung "Baustelle 4.0" und KI wirklich Sinn ergeben.
Treiber in Deutschland
In Deutschland verschärfen mehrere Entwicklungen den Druck:
- Infrastruktur-Offensive: Schiene, Straße, Energie – große Linienbauwerke brauchen zwingend korrekte Georeferenzierung und GIS-Daten.
- Klimaanpassung & Resilienz: Hochwasserschutz, Geothermie, Starkregenmanagement – ohne geobasierte Analysen geht wenig.
- Öffentliche Auftraggeber fordern immer häufiger BIM mit klaren AIA, in denen GIS-Bezug explizit verankert wird.
- KI-Anwendungen (z.B. automatisierte Kollisionsprüfung mit Leitungsdaten, Baustellenlogistik, Baustellensicherheit) benötigen einheitliche, räumlich korrekte Datenbasis.
Most companies get this wrong: Sie führen BIM ein, bleiben aber im "Gebäude-Blasen-Modus" und binden GIS erst ganz zum Schluss an – wenn es teuer und schmerzhaft wird.
2. Was die buildingSMART-Handreichung „GIS in BIM-Projekten“ konkret bietet
Die neue Publikation von buildingSMART Deutschland ist kein theoretisches Whitepaper, sondern basiert auf Workshops mit bis zu 60 Teilnehmenden in den Jahren 2023 und 2024. Dort wurden reale Probleme aus Projekten gesammelt und in praxisnahe Empfehlungen übersetzt.
Kernfokus: Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA)
Der wichtigste Hebel laut Handreichung: sauber formulierte AIA, die GIS direkt mitdenken. Denn was im Auftrag nicht gefordert ist, wird im Projekt meist auch nicht umgesetzt.
Die Handreichung zeigt, wie AIA gestaltet werden können, damit:
- GIS-Daten rechtzeitig und in der richtigen Qualität bereitgestellt werden,
- BIM-Modelle von Anfang an georeferenziert geplant werden,
- Koordinatensysteme, Toleranzen und Verzerrungen klar geregelt sind,
- Rollen und Verantwortlichkeiten (z.B. GIS-Koordinator, BIM-Manager) eindeutig definiert sind.
Drei zentrale Unterstützungsbereiche
buildingSMART strukturiert die Empfehlungen im Wesentlichen in drei Themenblöcke:
-
Administrative und technische Strategien für die GIS-Integration
Wie wird GIS im Projekt vertraglich, organisatorisch und technisch verankert? -
Korrekte Bestellung und Beschreibung von GIS-Eingangsdaten
Welche Daten braucht wer, wann, in welcher Qualität – und wie wird das sauber beschrieben? -
Vorgaben zur Georeferenzierung und zum Umgang mit Verzerrungen
Wie gehen wir mit Landeskoordinatensystemen, Projektkoordinatensystemen, Maßstabsfehlern und Genauigkeiten um?
Die Realität? Es ist simpler, als viele glauben – wenn diese Punkte früh geregelt werden.
3. Administrative und technische Strategien: So verankern Sie GIS-BIM sinnvoll
Wer GIS & BIM ernsthaft zusammenbringen will, muss das Projekt-Setup anpassen. Genau hier liefert die Handreichung wertvolle Orientierung.
Organisatorische Weichenstellungen
Aus meiner Sicht braucht jedes größere BIM-Projekt mit GIS-Bezug mindestens diese Klarheiten:
-
Rollen definieren
- BIM-Gesamtkoordinator
- GIS-Fachkoordinator
- Datenmanager / CDE-Verantwortlicher
-
Verantwortungen regeln
- Wer bestellt welche GIS-Daten beim Auftraggeber oder Behörden?
- Wer prüft Georeferenzierung und Koordinatensysteme?
- Wer konsolidiert die Daten im Common Data Environment (CDE)?
-
Prozesse festlegen
- GIS-Datenfreigaben (Versionen, Stände, Status)
- Übergabepunkte zwischen GIS- und BIM-Teams
- Änderungsmanagement bei Lageplan-, Leitungs- oder Geländedaten
Technische Grundlagen
Technisch funktionieren erfolgreiche Projekte meist so:
- Es gibt ein eindeutiges Referenz-Koordinatensystem (z.B. ETRS89 / UTM32), auf das sich alle Fachmodelle beziehen.
- Für BIM-Software wird ein Projektkoordinatensystem definiert, das mit dem Landesbezug sauber verknüpft ist.
- Der Umgang mit großen Koordinaten (Numerikprobleme) wird geregelt (z.B. durch lokale Verschiebung in der BIM-Software).
- Austauschformate zwischen GIS und BIM sind festgelegt (z.B. IFC + offene GIS-Formate), um vendor lock-in zu vermeiden.
Wer diese Punkte nicht früh klärt, zahlt später drauf – meist in Form von aufwendigen Koordinatenkorrekturen und chaotischen Modellzusammenführungen.
4. GIS-Eingangsdaten richtig bestellen: Praxis für AIA und BAP
Die beste KI im Projekt nützt nichts, wenn die Eingangsdaten unvollständig oder unscharf sind. Genau deshalb legt buildingSMART so viel Wert auf die korrekte Bestellung und Beschreibung von GIS-Daten.
Welche GIS-Daten werden in BIM-Projekten typischerweise gebraucht?
Beispiele aus Infrastruktur- und Hochbauprojekten:
- Lagedaten: amtliche Liegenschaftskarten, Flurstücke, Eigentumsgrenzen
- Höhendaten: DGM/DHM, Laserscandaten, Vermessungsnetze
- Leitungsdaten: Ver- und Entsorgungsleitungen, Medien, Bestandsnetze
- Umweltdaten: Überschwemmungsgebiete, Schutzgebiete, Bodenarten
- Verkehr und Infrastruktur: Bestandsstraßen, Gleisanlagen, Haltestellen
Wie sieht eine saubere Bestellung aus?
In den AIA und anschließend im BAP (BIM-Abwicklungsplan) sollten unter anderem klar definiert sein:
- Datenquelle (Behörde, Versorger, eigenes Vermessungsbüro)
- Koordinaten- und Höhensystem (z.B. ETRS89 / UTM, DHHN2016)
- Genauigkeitsanforderungen (z.B. ±2 cm in Lage, ±3 cm in Höhe für Baugrubengeometrie)
- Aktualität (Stichtag, maximal zulässiges Alter der Daten)
- Format und Struktur (z.B. Vektor-Format, Layerstruktur, Attributschema)
Ein praktischer Tipp: Formulieren Sie diese Punkte nicht nur textlich, sondern packen Sie Beispiele oder Musterdateien in Ihr CDE. Das reduziert Missverständnisse dramatisch.
5. Georeferenzierung, Verzerrungen und KI: Wo es oft knallt
Der technisch anspruchsvollste Teil der GIS-BIM-Integration ist die korrekte Georeferenzierung – also die eindeutige Verortung aller Objekte im Raum. Genau hier treten in der Praxis die meisten Fehler auf.
Typische Stolpersteine
- BIM-Modelle werden im lokalen Nullpunkt geplant, GIS-Daten liegen im Landeskoordinatensystem – ohne definierte Transformation.
- Maßstabsverzerrungen in Abbildungssystemen werden ignoriert, obwohl bei langen Trassenbauwerken Abweichungen im Dezimeterbereich entstehen können.
- Die vertikale Referenz (Höhenbezug) wird unsauber gehandhabt – DHHN2016 vs. "Projekt-0,00".
Die Handreichung von buildingSMART geht genau auf diese Punkte ein und zeigt, wie man im Projekt z.B.:
- ein einheitliches Georeferenzierungskonzept dokumentiert,
- zulässige Abweichungen und Toleranzen explizit festlegt,
- mit Verzerrungen in großräumigen Projekten umgeht (z.B. durch Streckenfaktor, geeignete Projektionswahl).
Warum das für KI-Anwendungen entscheidend ist
Viele KI-Use Cases auf der Baustelle 4.0 basieren auf räumlicher Korrelation:
- automatisierte Kollisionsprüfung zwischen BIM-Modell und Leitungs-GIS,
- KI-gestützte Bauablaufsimulation mit Verkehrs- und Logistikdaten,
- Risikoanalysen auf Basis von Hangneigungen, Bodenarten und Bauwerksgeometrie.
Wenn die Georeferenzierung nicht stimmt, treffen diese Systeme falsche Entscheidungen:
Schlechte Georeferenzierung ist der stille Projektkiller, den man erst merkt, wenn es teuer wird.
6. Wie Sie die Handreichung gezielt in Ihren Projekten nutzen
Die Publikation „GIS in BIM-Projekten“ von buildingSMART Deutschland (1. Auflage 09/2025, 18 Seiten) ist bewusst schlank gehalten – sie soll im Alltag verwendbar sein, nicht im Regal verstauben.
Konkrete Einsatzszenarien
So können Sie das Dokument praxisnah nutzen:
-
Als Auftraggeber
- Inhalte direkt in Ihre AIA aufnehmen.
- Mindestanforderungen an Georeferenzierung und GIS-Datenqualität definieren.
- Rollen für BIM- und GIS-Koordination in den Verträgen verankern.
-
Als Planungsbüro
- Prüfliste für Angebotsphase: Welche GIS-Daten fehlen noch?
- Standardtexte für BAP und Projektsteckbriefe übernehmen und anpassen.
- Internes Schulungsmaterial für Projektleiter und Modellierer.
-
Als Bauunternehmen / Ausführender
- Sicherstellen, dass Absteckdaten und Bauvermessung konsistent zum BIM-GIS-Konzept sind.
- KI-gestützte Bauprozesse (z.B. autonome Baumaschinen, Baufortschrittskontrolle mit Drohnen) sauber an die Geodatenbasis anschließen.
Verbindung zur Serie „Baustelle 4.0“
Für die KI in der deutschen Bauindustrie ist diese Handreichung ein Baustein der Basis-Infrastruktur:
- Wer KI zur Sicherheitsüberwachung, Ressourcenoptimierung oder automatisierten Bauabrechnung einsetzen will, braucht saubere Geo- und BIM-Daten.
- GIS-BIM-Integration sorgt dafür, dass diese Daten räumlich richtig zueinander liegen – erst dann lassen sich Muster, Risiken und Optimierungspotenziale erkennen.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur über spektakuläre KI-Piloten zu sprechen, sondern zunächst die Hausaufgaben bei GIS & BIM zu erledigen.
Fazit: GIS-BIM-Integration ist Basis, nicht Bonus
Wer 2026 mitreden will, wenn es um KI auf der Baustelle, digitale Zwillinge oder automatisierte Instandhaltungsplanung geht, kommt an einem Punkt nicht vorbei: GIS und BIM müssen sauber integriert sein.
Die neue buildingSMART-Handreichung „GIS in BIM-Projekten“ bietet dafür einen pragmatischen Einstieg: klare Empfehlungen zu AIA, zu administrativen und technischen Strategien, zur Bestellung von GIS-Daten und zur Georeferenzierung. Es sind genau die Punkte, an denen Projekte heute noch scheitern – oder eben erfolgreich werden.
Mein Rat: Nutzen Sie die nächsten Ausschreibungen oder Projektstarts, um Ihr AIA- und BAP-Set-up mit Blick auf GIS-BIM-Integration zu schärfen. Je früher Sie das Thema adressieren, desto leichter wird es, KI-Anwendungen und Baustelle 4.0 später wirklich produktiv zu machen – statt in Pilotprojekten stecken zu bleiben.