3.717 Bohrlöcher in 24 Stunden: Was der Weltrekord des Fischer Baubot wirklich für Baustelle 4.0, KI-Einsatz und Produktivität in der deutschen Bauindustrie bedeutet.
Warum 3.717 Bohrlöcher mehr sind als nur ein Rekord
3.717 Bohrlöcher in 24 Stunden, in Beton, an Wand, Boden und Decke – von einem teilautonomen Roboter. Dieser Weltrekord des Fischer Baubot ist keine nette PR-Story, sondern ein ziemlich klares Signal: Baurobotik und KI sind im Alltag der Baustelle angekommen.
Während viele Betriebe noch diskutieren, ob „Baustelle 4.0“ realistisch ist, zeigen solche Einsätze, wie sich repetitive, körperlich belastende Tätigkeiten automatisieren lassen – ohne die Baustelle lahmzulegen. Genau darum geht es in unserer Serie „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“: um konkrete Beispiele, bei denen digitale Technologien nicht auf PowerPoint-Folien stecken bleiben, sondern produktiv laufen.
Dieser Beitrag schaut sich den Weltrekord des Fischer Baubot an – und vor allem, was Sie als Bauunternehmen, Generalunternehmer oder technischer Leiter daraus praktisch für Ihre eigene Digitalstrategie ableiten können.
Der Weltrekord im Detail: Was der Baubot wirklich geleistet hat
Der Versuch fand am 10. und 11.09.2025 im Testzentrum in Traiskirchen (Ă–sterreich) statt. Unter Aufsicht eines offiziellen Guinness-Schiedsrichters bohrte der Fischer Baubot:
- 3.717 Bohrlöcher in 24 Stunden
- Durchmesser ≥ 10 mm, Tiefe ≥ 50 mm
- Alle Löcher in Beton, ohne Überlappungspunkte
- In drei Orientierungen: Wand, Boden, Decke
- Mit nur kurzen, geplanten Stopps fĂĽr Werkzeug- und Bohrerwechsel
Ausgezeichnet wurde der Roboter in der Kategorie:
„Die meisten Bohrlöcher, die von einem teilautonomen Roboter innerhalb von 24 Stunden gebohrt wurden“
Der Knackpunkt ist das Wort „teilautonom“. Der Baubot arbeitet nicht im Labor, sondern unter Bedingungen, die realistische Baustellenszenarien nachbilden: wechselnde Ausrichtungen, unterschiedliche Positionen, laufender Betrieb. Genau hier wird es für Baustelle 4.0 spannend.
Warum dieser Rekord fĂĽr Baustelle 4.0 relevant ist
Der Weltrekord ist ein technischer Beweis, dass ein Bauroboter eine ganze Schicht – oder mehrere – weitgehend durchhalten kann. Für die Praxis der deutschen Bauindustrie bedeutet das drei Dinge:
-
Leistung und Durchsatz werden planbar
Wenn ein System nachweislich tausende Bohrungen in definierter Qualität schafft, lässt sich das direkt in Taktplanung und Ressourcenmanagement integrieren. Statt „mal sehen, wie weit wir kommen“, gibt es belastbare Kennzahlen. -
Robotik reduziert Engpässe beim Fachkräftemangel
Bohren in Beton, über Kopf, auf Leitern oder Gerüsten – das sind genau die Tätigkeiten, die viele Fachkräfte körperlich verschleißen. Ein Baubot übernimmt diese Last, Monteure konzentrieren sich auf anspruchsvollere Arbeiten wie Befestigung, Prüfung, Dokumentation. -
Digitalisierung wird vom Zusatzthema zum Produktionsfaktor
Wer Bohr- und Montageprozesse automatisiert, verändert sein gesamtes Baustellen-Ökosystem: von der Planung (BIM, Bohrbilder) über die Logistik (Werkzeug, Anker, Material) bis zur Abrechnung (Nachweis von Leistungen).
Baurobotik ist damit nicht „nice to have“, sondern ein Baustein für wirtschaftliches Bauen unter steigenden Lohn-, Material- und Terminkosten.
Wie KI und Robotik im Baubot zusammenspielen
Der Rekord selbst spricht vor allem über Bohrlöcher. Die eigentliche Magie steckt aber in der Steuerung – und damit in KI und Software.
Typische KI-Aufgaben in baurobotischen Systemen
Auch wenn nicht jede Funktion offen beschrieben wird, lassen sich die Kernbereiche moderner Baustellenroboter klar benennen:
- Umgebungswahrnehmung: Sensoren, Kameras, ggf. Laserscanner erfassen Wände, Decken, Hindernisse.
- Positionsbestimmung: Der Roboter muss millimetergenau wissen, wo er steht und wo das nächste Bohrloch sein soll.
- Pfadplanung: KI-Algorithmen berechnen die effizienteste Reihenfolge der Bohrungen, inklusive Wegstrecken, Ausrichtung und Werkzeugwechsel.
- Qualitätsüberwachung: Drehmoment, Bohrzeit, Eindringgeschwindigkeit, Vibrationen – alles wird überwacht, um Fehler, Hohlstellen oder Armierung zu erkennen.
- Mensch-Maschine-Interaktion: Intuitive Bedienoberflächen, Assistenzfunktionen, Sicherheitslogik.
Der Baubot ist damit ein sehr praktisches Beispiel dafür, was „KI in der Bauindustrie“ bedeutet: keine abstrakte Datenwissenschaft, sondern intelligente Automatisierung spezifischer Prozesse auf der Baustelle.
Verbindung zu BIM und digitaler Planung
Der nächste logische Schritt – und in vielen Pilotprojekten bereits Realität – ist die direkte Kopplung an BIM-Modelle:
- Bohrpunkte und Ankerpositionen werden im 3D-Modell definiert.
- Der Roboter erhält eine digitale Bohrliste direkt aus dem Modell.
- Abweichungen auf der Baustelle (z.B. Leitungen, Änderungen) werden erfasst und zurück in das Modell gespielt.
So entsteht ein Kreislauf: Planung → Ausführung → Rückmeldung. Genau diese Schleife ist der Kern von Baustelle 4.0.
Konkrete Vorteile fĂĽr Bauunternehmen und Montage-Teams
Für Bau- und Montageunternehmen zählt am Ende: Rechnet sich das? Aus den Erfahrungen mit Baurobotern wie dem Baubot lassen sich klare Nutzenpunkte ableiten.
1. Produktivität und Taktplanung
Mit der Leistungsfähigkeit eines Systems, das tausende Bohrungen in 24 Stunden schafft, können Sie:
- Montagetakte schärfer planen (z.B. pro Tag x Geschossbohrungen)
- Abhängigkeiten zu Gewerken besser koordinieren
- Puffer fĂĽr Wetter, Material und Freigaben gezielter einbauen
Der Effekt ist nicht nur „schneller“, sondern verlässlicher. Planbare Produktivität reduziert Nachtschichten, Wochenendarbeit und Vertragsstrafen.
2. Sicherheit und Ergonomie
Der Rekord wurde explizit in Wand-, Boden- und Deckenanwendungen erzielt. Gerade Überkopfbohrungen sind auf Baustellen eine der unangenehmsten Tätigkeiten:
- Hohe Belastung fĂĽr Schultern, Nacken, RĂĽcken
- Sturzgefahr von Leitern und GerĂĽsten
- Staub- und Lärmbelastung in unmittelbarer Nähe
Ein Roboter übernimmt diese Arbeiten in definiertem Sicherheitsbereich. Monteure überwachen, richten ein, prüfen – körperlich deutlich leichter, gesundheitlich nachhaltiger. In Zeiten steigender Anforderungen an Arbeitsschutz gewinnt dieses Argument spürbar an Gewicht.
3. Qualitätssicherung und Dokumentation
Teilautonome Systeme protokollieren ihre Arbeit typischerweise automatisch:
- Welche Bohrung wurde wann und wo ausgefĂĽhrt?
- Welcher Bohrdurchmesser, welche Tiefe, welches Werkzeug?
- Gab es Auffälligkeiten (z.B. härtere Bereiche, Armierungskontakt)?
Diese Daten können direkt in Baudokumentation, Abnahmeunterlagen und Qualitätsnachweise einfließen. Für anspruchsvolle Bauherren, öffentliche Auftraggeber und Betreiber ist das ein echter Mehrwert – und ein Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb.
Wie Sie den Einstieg in Baurobotik und KI sinnvoll planen
Der Weltrekord zeigt, was technisch machbar ist. Die spannendere Frage ist: Wie bringt man so ein System in den eigenen Baustellenalltag? Aus Projekten mit Bauunternehmen haben sich ein paar bewährte Schritte herauskristallisiert.
Schritt 1: Geeignete Anwendungsfälle identifizieren
KI und Robotik lohnen sich besonders bei:
- Stark repetitiven Aufgaben (z.B. Serienbohrungen, Ankerreihen, Unterkonstruktionen)
- Hohem Bohr- oder Montagedurchsatz pro Projekt
- Projekten mit hohen Qualitäts- oder Dokumentationsanforderungen
- Einsatzorten mit erschwerten Bedingungen (Höhe, Überkopf, enge Räume)
Wählen Sie für den Start 1–2 Pilotprojekte, die gut planbar sind und intern positiv besetzt werden können.
Schritt 2: Digitale Grundlagen schaffen
Ohne vernĂĽnftige Datenbasis wird jeder Roboter zur teuren Einzelmaschine. FĂĽr Baustelle 4.0 brauchen Sie:
- Saubere Planungsdaten (idealerweise BIM) mit klar definierten Bohr- und Montagepunkten
- Einen strukturierten Datenfluss vom PlanungsbĂĽro zur Baustelle
- Grundlegende IT-Infrastruktur (WLAN/LTE auf der Baustelle, Geräteverwaltung, Datensicherheit)
Hier trennt sich oft Spreu von Weizen: Wer BIM und digitale Projektsteuerung bereits nutzt, kann Robotik deutlich schneller produktiv einsetzen.
Schritt 3: Menschen mitnehmen und Qualifikationen aufbauen
Der Baubot ist teilautonom – jemand muss ihn trotzdem einrichten, überwachen, warten. Erfolgreiche Unternehmen definieren deshalb früh:
- Verantwortliche „Robotic Champions“ auf Bau- oder Projektleiterebene
- Schulungsprogramme fĂĽr MaschinenfĂĽhrer, Poliere, Monteure
- Klare Rollen und Prozesse: Wer entscheidet was, wenn der Roboter eine Abweichung meldet?
Ich habe immer wieder gesehen: Dort, wo die Mannschaft den Roboter als Unterstützung und nicht als Konkurrenz versteht, steigt die Akzeptanz schnell – und die Produktivität erst recht.
Schritt 4: Wirtschaftlichkeit messen – nicht schätzen
Nutzen Sie den Rekordwert als Referenz, aber messen Sie Ihre eigenen Zahlen:
- Bohrungen pro Stunde / Schicht
- Einrichtzeit vs. reine Bohrzeit
- Nacharbeiten, Reklamationen, Ausfälle
- Einfluss auf Krankenstand und Ăśberstunden
Erst mit solchen Daten wird aus einem „spannenden Gerät“ ein strategischer Produktionsfaktor in Ihrer Baustellenorganisation.
Was der Baubot-Rekord fĂĽr die Zukunft der deutschen Bauindustrie signalisiert
Der Guinness-Titel ist Symbol und Stresstest zugleich. Er zeigt, dass Baustellenroboter ihre Kinderkrankheiten hinter sich lassen und in den Bereich robuster, industrietauglicher Systeme kommen. Für die deutsche Bauindustrie – vom Ingenieurbau über den Ausbau bis zur technischen Gebäudeausrüstung – bedeutet das:
- KI, Robotik und BIM wachsen zusammen zu einem vernetzten System: Planung, AusfĂĽhrung, Kontrolle, Dokumentation.
- Baustelle 4.0 ist kein abstraktes Zukunftsbild, sondern ein schrittweiser Umbau der täglichen Abläufe.
- Unternehmen, die jetzt Erfahrungen sammeln, sichern sich einen echten Vorsprung bei Produktivität, Personalgewinnung und Auftraggeber-Vertrauen.
Der Fischer Baubot hat mit 3.717 Bohrlöchern gezeigt, welches technische Potenzial in teilautonomen Systemen steckt. Die spannende Frage für Sie lautet: Wo liegen auf Ihren Baustellen heute noch 3.717 manuelle Handgriffe, die morgen ein Roboter übernehmen könnte – und was würden Ihre Teams in dieser Zeit Sinnvolleres tun?
Wer diese Frage ernsthaft beantwortet, macht aus einem Weltrekord eine konkrete Roadmap in Richtung Baustelle 4.0.