Firmus AI in Bluebeam Revu bringt KI-Planprüfung direkt in den PDF-Workflow. So senken Büros und Bauunternehmen Risiken, Nachträge und Prüfaufwand deutlich.
Warum die Übernahme von Firmus AI für Bauunternehmen zählt
Bauprojekte in Deutschland laufen im Schnitt 20–30 % über Budget und Zeitplan – häufig wegen Planungsfehlern, unklaren Leistungen und spät erkannten Kollisionen zwischen Gewerken. Wer im Alltag mit Ausschreibung, Ausführung oder Objektüberwachung zu tun hat, spürt das jeden Tag.
Genau hier setzt die Übernahme von Firmus AI durch die Nemetschek Group und die Integration in Bluebeam Revu an. Denn wenn KI Planunterlagen direkt in den gewohnten PDF-Workflows prüft, werden viele Probleme sichtbar, bevor sie teuer werden – ein echter Hebel für Baustelle 4.0.
In diesem Beitrag aus unserer Serie „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ schauen wir uns an, was hinter Firmus AI steckt, wie die Funktionen in Bluebeam Revu wirken und was das ganz konkret für Architekturbüros, Ingenieure, Bauunternehmen und öffentliche Auftraggeber bedeutet.
Firmus AI + Bluebeam Revu: Was genau wird möglich?
Die Integration von Firmus AI in Bluebeam Revu zielt darauf, Planprüfung, Markierung und Risikoanalyse direkt in den PDF-Workflow zu holen. Das spart Medienbrüche und reduziert manuelle Routinearbeit.
Kernidee:
Bluebeam bleibt das zentrale Werkzeug für PDF-Pläne, Firmus AI liefert die KI-„Intelligenz“ dahinter.
Die KI-Engine von Firmus soll insbesondere:
- Planungsrisiken früh identifizieren
- Fehlerquellen in Ausschreibungs- und Bieterphase markieren
- Plansätze aus verschiedenen Projektphasen automatisch vergleichen
- Probleme nach Priorität sortieren und ausgeben
Damit verschiebt sich die klassische Planprüfung – die heute oft am Ende der Leistungsphasen oder sogar erst in der Ausführung stattfindet – viel weiter nach vorne. Das ist einer der stärksten Effekte von KI in der Bauplanung.
Konkrete KI-Funktionen: Von smarter Überlagerung bis Risikoliste
Die offiziellen Infos skizzieren vier große Funktionsblöcke. Übersetzt in die Praxis sieht das so aus:
1. KI-gestützte Planprüfung direkt im PDF
Firmus AI liest PDF-Pläne (z. B. Architektur-, Statik- oder TGA-Pläne) aus und erstellt:
- automatische Anmerkungen (z. B. fehlende Bemaßung, widersprüchliche Symbole)
- Übersichten mit kritischen Bereichen
- Fehlermeldungen mit Priorisierung
Statt sich durch 80 Planseiten zu klicken, bekommen Teams eine Risikoliste, die sie abarbeiten können. Das ist besonders spannend für:
- HOAI-Leistungsphasen 2–5 (Vorplanung bis Ausführungsplanung)
- interne Qualitätskontrolle in Planungsbüros
- technische Prüfung bei Bauunternehmen vor Angebotserstellung
2. Smarte Überlagerungen und Fachmodell-Vergleiche
Bluebeam Revu kann schon heute Planstände überlagern. Firmus AI geht einen Schritt weiter und erkennt fachliche Zusammenhänge:
- Abgleich von Architektur-, Tragwerks- und Haustechnikplänen
- Erkennung von fachübergreifenden Kollisionen (z. B. Lüftungskanal durch Unterzug)
- Zuordnung zu Projektphasen (z. B. Vorentwurf vs. Ausführung)
Damit wird aus dem reinen „Schichten stapeln“ ein intelligenter Koordinationscheck, der zur Realität auf deutschen Baustellen passt, wo eben längst nicht immer alles in einem durchgängigen BIM-Modell liegt.
3. Effizienz und Skalierbarkeit bei wiederkehrenden Prüfungen
Wer schon einmal ein funktionales oder technisches Prüfschema aufgebaut hat, kennt das Problem: Die Regeln sind da, aber die Abarbeitung frisst Stunden.
Firmus AI unterstützt, indem es:
- wiederkehrende Prüfregeln standardisiert (z. B. Brandschutzanforderungen pro Nutzungseinheit)
- diese Regeln auf viele Planblätter gleichzeitig anwendet
- Ergebnisse strukturiert als Liste oder Markups zurückgibt
Für mittlere und große Büros sowie für Konzerne mit Standardbauprogrammen (Filialen, Logistik, Wohnen) ist das ein massiver Produktivitätshebel.
4. Bessere Zusammenarbeit durch objektive KI-Auswertung
Die KI-Ergebnisse lassen sich in Bluebeam Studio gemeinsam sichten und bearbeiten. Das bringt zwei Vorteile:
- Die KI liefert objektive Hinweise, statt subjektiver „Bauchgefühle“.
- Alle Beteiligten – Architekt, Fachplaner, GU, Bauherr – diskutieren auf Basis derselben, klar sichtbaren Markierungen.
Gerade in Konfliktsituationen („Wer hat den Fehler verursacht?“) kann so eine neutrale Erstbewertung helfen, den Fokus zurück auf die Lösung zu legen.
Wo in der Projektkette KI in Bluebeam am meisten bringt
Die Integration von Firmus AI zahlt sich besonders dort aus, wo Fehler heute sehr teuer sind – also spät erkannt werden. Schauen wir entlang der typischen Projektphasen:
Planung und Entwurf
Hier sorgt Firmus AI für:
- frühzeitige Erkennung von fehlenden Informationen (Legenden, Bemaßungen, Raumbezeichnungen)
- Hinweise auf inkonsistente Darstellungen zwischen Planständen
- Unterstützung bei der internen Qualitätssicherung vor Abgabe an den Bauherrn
Für Architekturbüros heißt das: weniger Rückfragen, weniger peinliche Planfehler, stärkere Position in der Rolle als „Lead Planner“.
Kalkulation, Ausschreibung und Vergabe
In der Ausschreibungs- und Bieterphase hilft Firmus AI insbesondere Bauunternehmen und öffentlichen Auftraggebern:
- Lücken im Leistungsumfang zu erkennen (fehlen z. B. Details, die später zu Nachträgen führen?)
- Pläne systematisch mit Leistungsbeschreibungen abzugleichen
- Planungsrisiken zweitverwertbar zu machen, z. B. als Vergabekriterium
Wer früh erkennt, wo Risiken lauern, kann realistischere Angebote abgeben – und später stabilere Bauverträge fahren.
Ausführung und Qualitätskontrolle
In der Bauausführung lassen sich KI-Funktionen u. a. nutzen für:
- Abgleich von Bestandsplänen mit Ausführungsunterlagen
- Kontrolle von Nachtragsplänen (was wurde wirklich geändert?)
- Dokumentation von Abweichungen bei Projektübergabe
Gerade bei komplexen Bestandsumbauten – aktuell ein riesiges Thema in Deutschland – kann das Risiko fehlerhafter Planstände massiv reduziert werden.
Typische Einwände aus der Praxis – und was wirklich dahinter steckt
Viele Büros und Bauunternehmen reagieren auf „KI im Planungsprozess“ erst einmal skeptisch. Die Einwände sind verständlich, aber oft nur die halbe Wahrheit.
„KI ersetzt uns am Ende doch nicht, oder?“
Nein. Firmus AI prüft und markiert, aber es entscheidet nicht. Verantwortung für Planung und Ausführung bleibt immer beim Menschen.
Sinnvoll ist es, KI so zu sehen:
KI ist der schnellste Junior, den Sie je eingestellt haben – aber entscheiden müssen Sie selbst.
„Unsere Projekte sind zu individuell für Standard-KI“
Gerade im deutschen Baualltag mit Mischformen aus BIM, 2D-Planung und PDF ist eine anpassbare KI-Engine spannend. Natürlich muss das System auf Bürostandards, Symbole und Sprache kalibriert werden.
Aber: Sobald Regeln definiert sind (z. B. „Jeder Fluchtweg braucht…“, „Jedes Bad braucht…“), skaliert die Prüfung unabhängig davon, ob es sich um eine Schule, einen Wohnbau oder ein Krankenhaus handelt.
„Wir haben keine Zeit für wieder ein neues Tool“
Hier liegt der größte Vorteil: Die KI-Funktion kommt in ein bestehendes Werkzeug, das in vielen Büros und Unternehmen ohnehin im Einsatz ist: Bluebeam Revu.
Es geht also nicht darum, komplett neue Software einzuführen, sondern bestehende Workflows um KI-Prüfschritte zu erweitern.
Praxisleitfaden: Wie Sie sich auf KI-Funktionen in Bluebeam vorbereiten
Wer 2026 bereit sein will, die neuen Funktionen ernsthaft zu nutzen, kann heute schon einige Weichen stellen.
1. Eigene PDF-Workflows sauber aufsetzen
KI bringt nur dann etwas, wenn der Input stimmt.
- Planstände klar benennen (Projekt, Stand, Phase)
- Bürostandards für Layer, Symbole, Bemaßung konsequent nutzen
- Prüflisten aus Qualitätshandbüchern in checkbare Regeln übersetzen
Je strukturierter Ihre Pläne heute sind, desto besser wird die KI morgen.
2. Interne Rollen klären
Wer arbeitet später mit Firmus AI-Auswertungen?
- Im Planungsbüro: Projektleiter, QS-Verantwortliche, BIM-/CAD-Manager
- Im Bauunternehmen: Kalkulation, Arbeitsvorbereitung, Projektleitung
- Beim Auftraggeber: Bauherrenvertreter, technische Prüfer, Controlling
Diese Rollen sollten früh eingebunden werden, damit sie akzeptieren, dass KI nicht Kontrolle wegnimmt, sondern Kontrolle sichtbarer und reproduzierbarer macht.
3. Mit Pilotprojekten starten
Statt sofort alle Projekte umzustellen, bieten sich 1–2 Pilotprojekte an:
- Mittlere Projektgröße (nicht zu klein, nicht Mega-Projekt)
- Klar definierte Ziele (z. B. „Fehler in LPH 5 um 30 % reduzieren“)
- Ein Projektteam, das offen für neue digitale Werkzeuge ist
Wer früh lernt, wie die KI tickt, kann sich einen Vorsprung im Wettbewerb verschaffen – besonders in einem Markt, der durch Fachkräftemangel und steigende Anforderungen unter Druck steht.
Warum dieser Schritt zur Baustelle 4.0 passt
Die Nemetschek Group positioniert sich mit der Übernahme von Firmus AI klar: KI wird integraler Bestandteil der Planungs- und Bau-IT – nicht als exotisches Zusatztool, sondern mitten in den Alltagsprozessen.
Für die Baustelle 4.0 bedeutet das:
- weniger Blindflug bei Planung und Vergabe
- mehr Transparenz über Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette
- bessere Grundlage für digitale Bauakten und Betreiberkonzepte
Wer heute in Deutschland Bauprojekte verantwortet, hat zwei Optionen: weiter auf klassische „Vier-Augen-Prüfung im Zeitstress“ setzen – oder systematisch KI nutzen, um Mitarbeitende von Routinetätigkeiten zu entlasten und die Qualität nachweisbar zu erhöhen.
Die Realität? KI in der Bauplanung ist kein Zukunftsthema mehr, sondern ein Wettbewerbsfaktor in den nächsten 2–3 Jahren.
Nächste Schritte für Ihr Unternehmen
Wenn Sie Bluebeam Revu bereits nutzen, lohnt sich ein klarer Fahrplan:
- Eigene Planprüf-Prozesse aufnehmen und dokumentieren
- Prüflisten und Standards identifizieren, die sich gut automatisieren lassen
- Verantwortliche Teams für künftige KI-Pilotprojekte bestimmen
Wer diese Hausaufgaben erledigt, ist bereit, wenn Firmus AI ab 2026 in Bluebeam Revu verfügbar wird – und kann KI nicht nur „ausprobieren“, sondern strategisch für Produktivität, Qualität und Risikoreduktion einsetzen.
Die spannende Frage für die nächsten Monate lautet: Wer in der deutschen Bauindustrie nutzt KI zuerst als echten Vorteil – und wer reagiert erst, wenn es der Wettbewerb vormacht?