Nemetschek integriert Firmus AI in Bluebeam Revu. Was heißt das konkret für Planprüfung, Ausschreibung und Baustelle 4.0 in Deutschland – und wie bereiten Sie sich vor?
Warum diese Übernahme für Bauunternehmen mehr ist als eine Randnotiz
Deutsche Planungsbüros und Bauunternehmen verlieren laut verschiedenen Studien jedes Jahr hunderte Stunden pro Projekt mit manueller Planprüfung, Nachträgen und Klärung von Widersprüchen zwischen Fachplanern. Genau an diesem Punkt setzt der jüngste Schritt der Nemetschek Group an: Bluebeam integriert die KI von Firmus AI direkt in die bekannten PDF-Workflows von Bluebeam Revu.
Das ist kein PR-Gag, sondern ein ziemlich klares Signal: Die Baustelle 4.0 wird konkret – nicht nur bei Robotern oder Sensorik, sondern im ganz banalen Tagesgeschäft von Ausschreibung, Entwurfsprüfung und Planfreigabe. Wer heute in Deutschland Projekte plant, kalkuliert oder ausführt, kommt an Bluebeam kaum vorbei. Wenn diese Plattform jetzt KI-gestützte Prüfmechanismen bekommt, verändert das spürbar, wie Teams zusammenarbeiten.
In diesem Beitrag aus unserer Serie „KI in der deutschen Bauindustrie: Baustelle 4.0“ schauen wir uns an, was die Übernahme von Firmus AI durch Nemetschek bedeutet, wie KI-gestützte Planprüfung konkret funktioniert – und vor allem: wie Sie das als Architekturbüro, Ingenieurbüro oder Bauunternehmen ganz praktisch nutzen können.
Was hinter der Integration von Firmus AI in Bluebeam Revu steckt
Die Nemetschek Group hat mit der Übernahme von Firmus AI ein klares Ziel: Die Plan- und Ausschreibungsprüfung soll schneller, objektiver und skalierbarer werden – direkt dort, wo heute ohnehin alle zusammenarbeiten: in Bluebeam Revu und Bluebeam Studio.
Die KI-Engine von Firmus wird ab 2026 in die PDF-Arbeitsabläufe von Bluebeam eingebettet. Der Fokus liegt auf:
- Früherkennung von Planungsrisiken in Entwurfs- und Ausführungsplänen
- Fehlerquellen in der Ausschreibungs- und Bieterphase (fehlende oder widersprüchliche Angaben)
- Vergleich von Plansätzen zwischen Projektphasen (z.B. Entwurf – Ausführungsplanung – Nachträge)
- Priorisierte Fehlermeldungen, damit Teams zuerst das Kritische klären
Damit wandert etwas, das heute oft auf „Bauchgefühl + Rotstift + zu wenig Zeit“ basiert, in einen strukturierten, teilautomatisierten Prozess. Und genau das ist der Kern von Baustelle 4.0: Routinen raus aus dem Kopf einzelner, rein in nachvollziehbare digitale Workflows.
Wie KI-gestützte Planprüfung in Bluebeam praktisch ablaufen kann
Die KI-Funktionen von Firmus AI sind im Kern nichts Abgehobenes, sondern sehr nah dran an dem, was heute schon in vielen Büros passiert – nur eben automatisiert und skalierbar.
1. Automatische Prüfung direkt im PDF
Firmus AI analysiert PDF-Pläne und generiert automatisch:
- Anmerkungen direkt im Plan
- Übersichten mit gefundenen Auffälligkeiten
- Fehlermeldungen mit Priorität (kritisch, hoch, mittel, gering)
Statt jeden Planbogen manuell zu durchsuchen, entsteht eine erste „Prüfliste“, die im Team abgearbeitet werden kann. Das ist besonders spannend für:
- große Projekte mit hunderten Blättern
- Generalplaner mit vielen Fachdisziplinen
- Bauunternehmen in der Angebotskalkulation
Die KI macht nicht die letzte Entscheidung, aber sie sorgt dafür, dass Sie nichts Offensichtliches übersehen.
2. Smarte Planüberlagerung und Fachabgleich
Bluebeam Revu kann heute schon Pläne überlagern und Unterschiede hervorheben. Firmus AI erweitert das, indem die KI fachbezogen und phasenbezogen prüft. Typische Anwendungsfälle:
- Abgleich Architektur vs. Tragwerk: stimmen Wandstärken, Aussparungen, Durchbrüche?
- Abgleich Architektur vs. TGA: liegen Schächte, Leitungsführungen und Geräte auf sinnvollen Positionen?
- Vergleich LPH 3 vs. LPH 5: wurden kritische Punkte sauber nachgeführt oder hat sich „Planstand-Mischmasch“ eingeschlichen?
Gerade in deutschen HOAI-Projekten mit vielen Beteiligten und häufigen Planständen helfen solche Vergleiche, Nachträge und Baustellenkonflikte früh zu entschärfen.
3. Effizienz und Skalierbarkeit statt Einzelkämpfer-Prüfung
In vielen Büros läuft die Qualitätskontrolle so: „Frau Müller, können Sie bitte die Pläne nochmal schnell querprüfen?“ – und Frau Müller sitzt dann Abende lang über PDF-Plänen. Mit KI-Prüfung lassen sich wiederkehrende Checks:
- standardisieren (z.B. Prüfregeln pro Projekt- oder Auftraggebertyp)
- auf viele Planblätter ausrollen
- sauber dokumentieren (was wurde wann geprüft und gefunden?)
Das entlastet erfahrene Planer und Kalkulatoren, ohne die Verantwortung zu verschieben. Die Qualität bleibt in der Fachdisziplin – die Fleißarbeit übernimmt die KI.
4. Bessere Zusammenarbeit über Bluebeam Studio
Firmus AI soll Bluebeam Studio ergänzen, indem Risiken und Auffälligkeiten objektiv markiert und an alle Projektbeteiligten kommuniziert werden. Das schließt typische Informationslücken:
- Der Statiker sieht, welche Kollisionen die KI erkannt hat – und nicht nur die, die der Architekt zufällig bemerkt hat.
- Die Haustechnik erkennt früh, wo Platzkonflikte in Schächten und Decken entstehen können.
- Das Bauunternehmen erkennt in der Angebotsphase, wo Leistungsgrenzen und Lücken im Leistungsverzeichnis liegen.
So wird aus dem „Mail-Ping-Pong“ ein gemeinsamer Blick auf denselben, kommentierten Planstand.
Konkrete Einsatzszenarien entlang des Bauprojekts
Die Stärke von KI in der Bauindustrie zeigt sich, wenn man sie nicht als „Tech-Spielzeug“, sondern als Werkzeug für ganz konkrete Schritte im Projekt versteht.
Planung: Risiken früh erkennen statt spät heilen
Laut vielen Projektanalysen entstehen die meisten Risiken bereits in der Planungsphase – genau hier setzt Firmus AI an. Typische Aufgaben:
- Identifikation fehlender Informationen in Plänen (z.B. unklare Bauteildefinitionen)
- Erkennung fachübergreifender Unstimmigkeiten (Architektur, Tragwerk, TGA)
- Auffinden von Lücken im Leistungsumfang, die später zu Nachträgen führen
Für Architekturbüros und Ingenieurbüros in Deutschland bedeutet das: deutlich bessere Planungsqualität, bevor der Bauherr oder das Bauunternehmen überhaupt ins Detail einsteigt.
Kalkulation und Ausschreibung: Angebote mit weniger Bauchschmerzen
In der Ausschreibungs- und Bieterphase entscheidet sich, ob ein Projekt wirtschaftlich wird – oder zum Problemfall. Hier kann KI-gestützte Planprüfung helfen:
- Unklare oder widersprüchliche Angaben im LV und in den Plänen werden markiert.
- Mögliche Mengenrisiken (fehlende Positionen, doppelt gerechnete Flächen) werden transparent.
- Der Bieter erkennt, wo Fragen gestellt oder Nebenangebote kalkuliert werden sollten.
Für Bauunternehmen ist das Gold wert: weniger Überraschungen, bessere Kalkulationssicherheit und eine dokumentierte Grundlage, falls es später doch zu Diskussionen kommt.
Bauausführung und Qualitätssicherung
Auch in der Ausführungsphase ist KI nützlich:
- Vergleich „Planstand Ausschreibung“ vs. „Planstand Ausführung“
- Nachvollziehbare Dokumentation von Planänderungen
- Unterstützung bei Claim Management und Nachtragsprüfung
Wer schon heute mit digitalen Bautagebüchern, 3D-Modellen oder BIM arbeitet, kann KI-gestützte Planprüfung als weiteren Baustein im Ökosystem „Baustelle 4.0“ nutzen.
Was das für die deutsche Baupraxis konkret bedeutet
Hier ist der Kern: KI ersetzt keine Fachplaner, sie verändert aber ihre tägliche Arbeit. Die spannende Frage ist nicht, ob KI kommt – sondern wer sie sinnvoll in seine Prozesse einbaut.
Vorteile für verschiedene Akteure
- Architekturbüros: höhere Planungsqualität, weniger Haftungsrisiko, strukturierte Qualitätskontrolle vor Abgabe
- Ingenieurbüros (Tragwerk, TGA): bessere Koordination mit anderen Fachdisziplinen, weniger Schnittstellenprobleme
- Bauunternehmen: klarere Angebote, weniger Kalkulationsrisiko, stärkere Position in Vergabe und Nachtragsverhandlungen
- Bauherren und Projektentwickler: nachvollziehbare Risikobewertung, bessere Entscheidungsgrundlagen, transparenter Projektverlauf
Typische Hürden – und wie man sie überwindet
Viele Unternehmen zögern noch bei KI. Die Argumente höre ich ständig:
- „Wir haben keine Zeit, uns damit zu beschäftigen.“
- „Unsere Projekte sind zu individuell, das kann doch keine KI prüfen.“
- „Datenschutz und Haftung machen mir Sorgen.“
Meine Erfahrung: Wer klein anfängt, merkt schnell, wie viel Potenzial drinsteckt.
Pragmatischer Einstiegspfad:
- Pilotprojekt auswählen: Ein überschaubares, aber typisches Projekt nehmen.
- Standard-Prüfliste definieren: Was wird heute manuell geprüft? Daraus Regeln ableiten.
- Bluebeam-Workflows aufsetzen: Wer prüft was, wann und wie werden Findings dokumentiert?
- KI-Ergebnisse reviewen: Nicht blind übernehmen, sondern im Team bewerten.
- Erkenntnisse dokumentieren: Was hat gut funktioniert, was muss angepasst werden?
So bauen Sie Schritt für Schritt eine unternehmensspezifische KI-Prüfkultur auf – statt einer unstrukturierten „Wir probieren mal rum“-Phase.
Wie Sie sich heute auf die KI-Funktionen in Bluebeam vorbereiten
Auch wenn die vollständige Integration von Firmus AI in Bluebeam Revu erst ab 2026 vorgesehen ist, können Sie 2025 bereits wichtige Hausaufgaben erledigen.
1. Eigene Prozesse klären
KI bringt nur dann etwas, wenn die Prozesse halbwegs klar sind. Fragen, die Sie im Team klären sollten:
- Wer ist bei uns für Planprüfung verantwortlich – nach Rolle, nicht nach Person?
- An welchen Projektmeilensteinen wird geprüft (LPH, Planstände, Vergabephasen)?
- Welche Prüfschritte eignen sich für Standardregeln, welche bleiben rein fachlich?
2. Bluebeam konsequent als zentrale Plattform nutzen
Viele Büros haben Bluebeam, nutzen es aber nur als PDF-Viewer mit ein paar Stiften. Für KI-gestützte Workflows lohnt sich:
- gemeinsame Projektstrukturen und Ordnerlogik
- konsequente Nutzung von Markups, Stempeln und Status-Funktionen
- Schulungen für Teammitglieder, die bisher nur am Rand mitarbeiten
Je sauberer Ihre digitale Arbeitsumgebung, desto mehr kann eine KI darin bewirken.
3. Haltung im Unternehmen klären
Der wichtigste Punkt ist kulturell: Wird KI als Kontrolle empfunden – oder als Unterstützung? Wenn die Einführung so wahrgenommen wird wie „Jetzt beobachtet uns eine Maschine“, wird es schwierig.
Besser ist eine klare, offene Botschaft:
„Die KI nimmt uns Fleißarbeit ab, damit wir uns auf das konzentrieren können, wofür wir bezahlt werden: gute Planung und saubere Ausführung.“
Baustelle 4.0: Warum die Nemetschek-Firmus-Kombination ein Signal ist
Die Integration von Firmus AI in Bluebeam Revu ist ein sichtbarer Baustein auf dem Weg zur Baustelle 4.0: weg von fragmentierten Insellösungen, hin zu durchgängigen, KI-gestützten Prozessen von der Planung bis zur Übergabe.
Für die deutsche Bauindustrie ist das eine Chance – gerade jetzt, wo der Markt unter Druck steht, Margen sinken und Fachkräfte fehlen. Wer es schafft, Routineprüfungen und Planabgleiche zu automatisieren, kann:
- Projekte mit weniger Personal sauber steuern
- Risiken früher erkennen und aktiv managen
- bessere Entscheidungen auf Basis von Daten statt Bauchgefühl treffen
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen ernsthaft über „KI in der Bauindustrie“ nachdenken, kommen Sie um Werkzeuge wie Bluebeam + Firmus nicht herum. Nicht, weil es die einzige Lösung ist – sondern weil sie zeigt, wohin sich der Standard entwickeln wird: KI nicht als Zusatztool, sondern als fester Bestandteil der Plattform, auf der ohnehin alle arbeiten.
Der nächste sinnvolle Schritt? Prüfen Sie ehrlich, wie reif Ihre heutigen digitalen Workflows sind. Wer Bluebeam schon strukturiert nutzt, kann KI-Funktionen fast nahtlos einbauen. Wer noch im PDF-Wildwuchs lebt, hat jetzt die Gelegenheit aufzuräumen – bevor die KI kommt.
FAQ: Häufige Fragen aus der Praxis
Ersetzt die KI meine Planprüfung?
Nein. Sie übernimmt den „ersten Durchgang“, markiert Auffälligkeiten und strukturiert den Prüfvorgang. Die fachliche Entscheidung bleibt bei Ihnen.
Brauche ich BIM, um von Firmus AI in Bluebeam zu profitieren?
Nein. Die beschriebenen Funktionen arbeiten auf PDF-Basis. BIM ist ein Plus, aber keine Pflicht.
Lohnt sich das auch für kleinere Büros?
Ja, gerade dort. Wer keine eigene QS-Abteilung hat, profitiert von automatisierten Standardprüfungen – ohne zusätzliche Köpfe einstellen zu müssen.
Wenn Sie die Baustelle 4.0 in Ihrem Unternehmen nicht nur als Buzzword, sondern als Wettbewerbsvorteil nutzen wollen, sind KI-gestützte Plan- und Ausschreibungsprüfungen ein sehr pragmatischer Startpunkt. Bluebeam und Firmus werden diese Entwicklung spürbar beschleunigen – die Frage ist nur, ob Sie von Anfang an dabei sind oder später hinterherlaufen.