RFEM 6 & RSTAB 9 bringen Funktionen, die Statik präziser machen – und die Basis für KI-taugliche, datengetriebene Bau- und Retail-Projekte legen.
RFEM 6 & RSTAB 9: Was moderne Statik mit KI-Baustelle 4.0 zu tun hat
Während auf vielen österreichischen Baustellen noch Excel-Listen und händisch angepasste Schalpläne kursieren, arbeiten andere Büros längst mit hochautomatisierten Statik-Workflows, CFD-Windsimulation und eigenen Materialbibliotheken. Genau in diese Richtung zielen die neuesten Features von Dlubal RFEM 6 und RSTAB 9.
Das Spannende aus Sicht von „Baustelle 4.0“ und KI im Bau: Solche Funktionen sind der notwendige Unterbau, damit später KI-Modelle überhaupt zuverlässige Daten bekommen – etwa für automatisierte Bemessung, Variantenvergleiche oder automatisierte Qualitätssicherung. Wer heute seine Statiksoftware modernisiert, bereitet morgen den Einsatz von KI im gesamten Bau- und Immobilienlebenszyklus vor.
In diesem Beitrag schauen wir uns die neuen Funktionen von RFEM 6 / RSTAB 9 an, ordnen sie fachlich ein und übersetzen sie in ganz konkrete Vorteile für Planungsbüros, Bauunternehmen und Betreiber – mit Blick auf eine digitalisierte, teilautomatisierte Baustelle 4.0.
1. Spannglieder in Flächen und Tanks: Präziser und näher an der Realität
Die wichtigste Neuerung für viele Tragwerksplaner: Spannglieder können in RFEM jetzt nicht nur in Stäben, sondern auch in ebenen und rohrförmigen Flächen angeordnet werden.
Warum das relevant ist:
- Spannbeton-Tanks, Silos und Behälter lassen sich realitätsnäher abbilden.
- Vorspannungslasten werden direkt in die Flächen eingeleitet – ohne Hilfskonstruktionen.
- Die Flächen werden automatisch erkannt und verbunden, was Modellierzeit spart.
Gerade bei runden Tanks und komplexen Grundrissen ist die bisher oft verwendete „Stabkrücke“ (Spannglieder als Stabelemente nahe der Wand) nur eine Annäherung. Mit der neuen Funktion liegt die Vorspannung dort, wo sie tatsächlich wirkt – in der Fläche.
Praxisnutzen für Planer
- Schnellere Modellierung: Weniger Hilfsgeometrie, weniger Nacharbeit.
- Bessere Nachvollziehbarkeit: Das Modell entspricht stärker der realen Bauweise – wichtig bei interner Qualitätssicherung, Peer Review oder Prüfstatik.
- Weniger Fehlerquellen: Jede Hilfskonstruktion ist potenziell ein Fehler. Wenn sie wegfällt, steigt die Robustheit des Gesamtmodells.
Und für Baustelle 4.0? Wer bei Speichern, Tanks oder Infrastrukturbau ohnehin stark modellbasiert arbeitet (BIM), kann diese präziseren Modelle künftig leichter in KI-gestützte Tools für Zustandsbewertung, Monitoring oder Lebenszykluskosten überführen – weil die Vorspannung realitätsnah abgebildet ist.
2. Benutzer-Materialbibliothek: Basis für reproduzierbare, datengetriebene Planung
RFEM 6 und RSTAB 9 bieten jetzt eine benutzerdefinierte Materialbibliothek. Eigene Materialien können erstellt, bearbeitet und modellübergreifend gespeichert werden.
Das klingt unspektakulär, ist aber im Alltag Gold wert:
- Immer gleiche Betonrezepturen großer Bauunternehmen
- Spezielle Stahlgüten von Stammherstellern
- Verbundmaterialien, Injektionsmörtel, Spezialprodukte für Sanierung
Statt jedes Mal Materialkennwerte neu zu tippen oder aus alten Modellen zu kopieren, gibt es einen zentralen Materialpool, der im gesamten Büro oder Konzern konsistent genutzt werden kann.
Warum das für KI und Automatisierung entscheidend ist
KI-Modelle sind nur so gut wie ihre Daten. Wenn Materialkennwerte quer durch die Projekte leicht variieren (wegen Tippfehlern oder unterschiedlichen Rundungen), sind automatisierte Auswertungen extrem mühsam.
Eine strukturierte Benutzer-Materialbibliothek schafft:
- Standardisierung: Einheitliche Bezeichnungen und Kennwerte
- Vergleichbarkeit: Projekte lassen sich über Jahre besser vergleichen
- Trainingsdaten: Saubere Datensätze für künftige KI-Analysen (z.B. „Wie verhalten sich unsere Standardbetone in verschiedenen Bauaufgaben?“)
Unternehmen, die mittelfristig KI-gestützte Bemessungsempfehlungen oder automatisierte Plausibilitätschecks einsetzen wollen, kommen an solch einer Daten-Disziplin nicht vorbei. Dlubal legt mit dieser Funktion den Grundstein dafür.
3. Parametrische Bewehrungsstabquerschnitte: Mehr Flexibilität, weniger Katalogstarre
In der Querschnittsbibliothek stehen jetzt genormte und parametrische Bewehrungsstabquerschnitte zur Verfügung.
Heißt konkret:
- Normierte Bewehrungsstähle sind per Klick verfügbar.
- Darüber hinaus lassen sich beliebige Durchmesser definieren.
Gerade in Sanierung, Spezialtiefbau oder bei internationalen Projekten sind nicht immer nur „klassische“ Querschnitte im Einsatz. Mit parametrischen Querschnitten lassen sich reale Produktpaletten oder Sonderlösungen besser nachbilden.
Effekte im Büroalltag
- Weniger manuelle Umwege über Ersatzquerschnitte
- Einfacheres Durchspielen von Varianten (z.B. „Was bringt uns ein Wechsel von Ø 12 auf Ø 14?“)
- Klare Dokumentation, welche Stabdurchmesser tatsächlich angesetzt wurden
In einer Zukunft, in der KI-Modelle z.B. Optimierungsvorschläge für Bewehrungsmengen machen, ist diese Parametrik der logische nächste Schritt: Das System kann frei in einem definierten Bereich „suchen“, anstatt nur zwischen ein paar starren Katalogwerten zu springen.
4. Erweiterte plastische Nachweise nach EC 3: Mehr Tragreserven rechtssicher nutzen
Im Add-On Stahlbemessung steht in RFEM 6 und RSTAB 9 jetzt das Teilschnittgrößenverfahren nach Prof. Kindmann zur Verfügung, inklusive Optionen mit und ohne Umverteilung – konform zu EN 1993-1-1.
Der Kernvorteil:
- Plastische Tragreserven können besser und normgerecht genutzt werden.
- Querschnittsbeanspruchungen werden realitätsnaher erfasst.
- Materialausnutzung wird transparenter.
Gerade bei wirtschaftlich optimierten Stahlbauten – Hallen, Logistikzentren, Retail-Immobilien, Parkhäuser – steckt viel Potenzial in einer sauberen plastischen Bemessung.
Wirtschaftlichkeit trifft Nachhaltigkeit
Wenn Tragreserven konsequent und normgerecht genutzt werden, lassen sich:
- Material einsparen (Stahl, Schweißnähte, Schrauben)
- CO₂-Emissionen senken (weniger Stahlproduktion, weniger Transport)
- Kostenvorteile für Bauherr und Betreiber erzielen
Damit passt der neue Nachweis sehr gut zur aktuellen Diskussion um nachhaltigen Hochbau und zur Frage, wie KI in Zukunft Lastannahmen, Einwirkungen und Bemessungen miteinander verknüpfen kann, um automatisiert optimierte Varianten vorzuschlagen. Ohne robuste Nachweisverfahren im Hintergrund bleibt das aber graue Theorie – genau hier setzt Dlubal an.
5. Strömungslinien und transiente Randbedingungen: Windsimulation wird Planungstool
Die Kombination aus RFEM / RSTAB mit RWIND öffnet die Tür zu einer praxisnahen Windsimulation. Zwei Neuerungen sind hier besonders interessant:
-
Strömungslinien in RFEM 6 / RSTAB 9
- Bei der Auswertung von Windsimulationen können Strömungslinien direkt im Modell angezeigt werden.
- Aktivierung über den Ergebnis-Navigator.
-
Transiente Randbedingungen am Tunneleinlass in RWIND
- Zeitlich veränderliche Windgeschwindigkeiten an mehreren Punkten definierbar.
- Punkte und Werte können über XML importiert und exportiert werden.
Was Planer davon haben
Strömungslinien machen Windlasten visuell greifbar:
- Problemzonen an Fassaden und Dachbereichen werden sichtbarer.
- Bei Retail- und Logistikbauten können Eingangsbereiche, Vordächer oder Anlieferzonen gezielt optimiert werden.
- Diskussionen mit Architekten und Bauherren werden einfacher, weil das Strömungsbild sehr anschaulich ist.
Transiente Randbedingungen sind ideal für:
- Tunnelbau und unterirdische Verkehrsanlagen
- Strömungssensitive Bauwerke (z.B. Hochhäuser, Brücken, Windkanäle)
- Szenarien mit wechselnden Windverhältnissen (Böen, Richtungswechsel)
Brücke zur KI im späteren Betrieb
Wer heute präzise Windsimulationen mit zeitabhängigen Randbedingungen aufsetzt, schafft morgen die Datengrundlage für:
- KI-gestützte Steuerungen von Lüftung und Rauchabzug
- Prognosen zur Komfortsituation im Stadtraum oder in Passagen
- Optimierung von Energieverbräuchen im Gebäude (z.B. natürliche Lüftung)
Auch wenn der Fokus dieser Blogserie auf KI im österreichischen Einzelhandel liegt: Die gleiche Logik gilt für große Handelsimmobilien, Shopping Center und Retail-Parks. Ohne solide Simulationen bleiben KI-gestützte Betriebsstrategien unzuverlässig. RFEM/RWIND schließen hier eine Lücke.
6. Knotenkoordinaten runden: Kleinigkeit, großer Effekt auf Modellqualität
Eine eher unscheinbare, aber extrem praxisnahe Funktion: Knotenkoordinaten können in RFEM gerundet werden – auf eine bestimmte Anzahl Dezimalstellen oder auf einen Faktor.
Gerade bei importierten Modellen (IFC, DXF, DWG) entstehen häufig:
- „krumme“ Koordinaten wie 12,000001 m
- geometrisch fast identische, aber numerisch verschiedene Knoten
- unnötig komplexe Netze und schwierige Lastzuordnungen
Mit der Rundungsfunktion lassen sich solche Modelle aufräumen:
- Weniger Knoten, klarere Geometrie
- Stabilere Berechnungen
- Übersichtlichere Schnittgrößen und Verformungsbilder
Wer später BIM-Modelle mit KI-gestützten Analysen verheiraten will (z.B. automatische Erkennung von Schwachstellen, Clash Detection, automatische Bewehrungsvorschläge), profitiert massiv von einer sauberen Geometrie. „Numerisches Rauschen“ ist Gift für jede Form von Automatisierung – diese Funktion hilft beim Entstören.
7. Durchstanzbewehrung nach ACI & CSA: Mehr Varianten, mehr internationale Projekte
Für Durchstanznachweise nach ACI (USA) und CSA (Kanada) stehen jetzt sechs verschiedene Durchstanzbewehrungsarten zur Verfügung:
- Bügel
- Mehrere Schenkel
- Querkraftschenkel
- Doppelkopfbolzen
- Kopfbolzen mit Basisschiene unten
- Kopfbolzen mit Basisschiene oben
Für österreichische Büros mit internationalen Projekten oder für Hersteller von Bewehrungssystemen ist das ein echter Pluspunkt:
- Produkte können normkonform nach ACI/CSA nachgewiesen werden.
- Variantenuntersuchungen für verschiedene Bewehrungssysteme sind direkt im Bemessungsmodell möglich.
- Die Dokumentation der Nachweise wird konsistenter.
Langfristig sind solche standardisierten Variantenwelten ideale Spielwiesen für KI: Modelle können lernen, welche Durchstanzbewehrung in welchen Rahmenbedingungen am wirtschaftlichsten ist – und automatisierte Vorschläge liefern.
8. Was bedeutet das für „Baustelle 4.0“ und KI im Bau konkret?
Alle genannten Funktionen – von Spanngliedern in Flächen bis zu Strömungslinien und Materialbibliotheken – haben eines gemeinsam: Sie machen Modelle präziser, konsistenter und maschinenlesbarer.
Genau das ist die Voraussetzung, um später:
- KI-gestützte Bemessungsassistenten in Statikprogrammen einzusetzen
- Baustellenabläufe zu simulieren und zu optimieren
- Lebenszykluskosten, CO₂-Bilanzen und Instandhaltungsstrategien automatisiert zu vergleichen
In unserer Themenserie zu KI im österreichischen Einzelhandel sehen wir ähnliche Muster: Erst wenn Stammdaten, Bestände und Kundeninformationen strukturiert vorliegen, funktionieren KI-Modelle für Preisoptimierung und Sortimentssteuerung wirklich gut.
Bei RFEM 6 / RSTAB 9 erleben wir das Gegenstück in der Tragwerksplanung: Mehr Struktur, mehr Parametrik, mehr Standardisierung – und damit eine solide Basis für echte KI-Unterstützung im Bauwesen.
Fazit: Jetzt Statikprozesse modernisieren, um für KI bereit zu sein
Die neuen Features von RFEM 6 und RSTAB 9 sind mehr als nur Komfortfunktionen. Sie sind Bausteine für eine Zukunft, in der Tragwerksplanung, BIM, Baustellenlogistik und später auch der Betrieb von Handels- und Gewerbeimmobilien deutlich stärker automatisiert sind.
Wer heute:
- Spannglieder in Flächen sauber modelliert,
- eine benutzerdefinierte Materialbibliothek pflegt,
- parametrische Querschnitte systematisch nutzt,
- plastische Nachweise konsequent ausschöpft,
- Windsimulationen mit Strömungslinien dokumentiert
legt damit den Grundstein für datengetriebene und KI-taugliche Planungs- und Bauprozesse.
Der nächste sinnvolle Schritt: interne Standards definieren – für Materialien, Querschnitte, Modellierungskonventionen und Dokumentation. Erst dann lohnt sich der Sprung zu echten KI-Workflows, egal ob im Hochbau, im österreichischen Einzelhandel oder in der Infrastrukturplanung.
Wer diese Entwicklung aktiv gestalten will, sollte genau jetzt seine Statik- und BIM-Landschaft auf den Prüfstand stellen – und Werkzeuge wie RFEM 6 / RSTAB 9 strategisch in seine Roadmap Richtung Baustelle 4.0 integrieren.