Matrixproduktion: Was Handel vom Automobil lernt

KI im österreichischen Einzelhandel: Retail Innovation••By 3L3C

Matrixproduktion aus der Automobilindustrie trifft auf KI im österreichischen Handel: Wie Retailer Lager, Filialen und Omnichannel-Prozesse flexibler und profitabler steuern.

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Matrixproduktion: Was der österreichische Handel vom Automobil lernen kann

2023 lag die Auslastung vieler Handelslager in Österreich bei unter 70 %, während Filialen gleichzeitig über Out-of-Stock-Quoten von über 10 % klagten. Zu viel Ware an den falschen Orten, zu wenig dort, wo sie gebraucht wird – und das bei steigendem Kostendruck.

Die Automobilindustrie hat dieses Problem schon früher durchlitten: enorme Variantenvielfalt, volatile Nachfrage, globale Störungen in der Lieferkette. Eine der spannendsten Antworten darauf ist die Matrixproduktion – ein flexibles Produktionskonzept, das aktuell etwa am Fraunhofer IPA zusammen mit Partnern wie SAP diskutiert und praktisch erprobt wird. Genau hier liegt ein Schatz an Ideen, von dem der österreichische Einzelhandel massiv profitieren kann.

In dieser Perspektive auf die Reihe „KI im österreichischen Einzelhandel: Retail Innovation“ schauen wir uns an, wie die Prinzipien der Matrixproduktion aus der Fertigung – inklusive KI-gestützter Steuerung – auf Bestandsmanagement, Filialprozesse und Omnichannel-Logistik übertragen werden können.


Was hinter Matrixproduktion steckt – und warum das für Retail relevant ist

Matrixproduktion ist im Kern ein Produktionssystem, das starre Linien durch flexible, modulare Stationen ersetzt. Produkte durchlaufen nicht mehr immer denselben Weg, sondern werden je nach Bedarf, Ausstattung und Auslastung dynamisch durch eine „Matrix“ aus Ressourcen gesteuert.

Für den Handel ist das spannend, weil die Probleme sehr ähnlich sind:

  • stark schwankende Nachfrage (Feiertage, Ski-Saison, Hitzewellen)
  • enorme Variantenvielfalt, vor allem im Lebensmittel- und Non-Food-Bereich
  • wachsende Omnichannel-Anforderungen (Filiale, Click & Collect, Same-Day-Lieferung)
  • hohe Serviceerwartungen bei gleichzeitigem Personalmangel

Die Kernaussage:

Was in der Automobilindustrie als Matrixproduktion funktioniert, lässt sich im Handel als Matrixlogistik und matrixartige Filialprozesse denken – und mit KI gezielt steuern.

Das Webinar „Matrixproduktion in der Praxis @Fraunhofer IPA“ am 18.09.2025 greift genau diese Themen auf: Eigenschaften der Matrixproduktion, Einführung in Unternehmen, sowie die digitale Steuerung mit MES, WMS und Flottenmanager – vorgestellt unter anderem von Experten des Fraunhofer IPA und SAP.

Übertragen auf den österreichischen Einzelhandel geht es dabei um drei Fragen:

  1. Wie mache ich meine Lager- und Filialprozesse modular und flexibel?
  2. Wie setze ich KI ein, um diese Matrix in Echtzeit zu steuern?
  3. Wie fĂĽhre ich solche Systeme organisatorisch und schrittweise ein?

Von starrer Linie zur flexiblen Matrix – konkrete Übertragung auf Lager und Filiale

Die Automobilproduktion stellt von klassischen, streng sequenziellen Linien auf Matrixlayouts um. Im Handel sieht die „Linie“ typischerweise so aus: Wareneingang → Lager → Kommissionierung → Filiale oder Versand. Kaum Abzweigungen, wenig Dynamik.

Matrixprinzip im Zentrallager

Ein KI-gestütztes Matrixlager im österreichischen Einzelhandel könnte so aussehen:

  • Mehrere modulare Kommissionierbereiche (z. B. Trocken, KĂĽhl, Non-Food, Schnellläufer)
  • Autonome Transportmittel (FTS/AGV), die Ware dynamisch zwischen den Bereichen bewegen
  • WMS mit KI-Layer, das Aufträge nicht starr einer Linie, sondern flexibel verfĂĽgbaren Ressourcen, Bereichen und Routen zuweist

Statt fester „Pick-Zonen“ je Kunde kann das System dynamisch entscheiden:

  • Welche Station ist gerade am wenigsten ausgelastet?
  • Wo ist die höchste Priorität (Expressbestellung, Click & Collect mit Abholzeit 18:00 Uhr)?
  • Welche Kombination von Wegen minimiert Laufwege und Wartezeiten?

Im Kern entsteht eine Matrix aus Ressourcen (Menschen, Stationen, Transportmitteln) und Aufträgen, die in Echtzeit gematcht wird – ziemlich genau das, was in der Matrixproduktion mit MES, WMS und Flottenmanager passiert.

Matrixprinzip in der Filiale

In der Filiale funktioniert das ähnlich, wenn man es konsequent denkt:

  • Regalpflege, Online-Kommissionierung, Sonderaufbauten und Preisänderungen werden nicht mehr als starre Tour abgearbeitet.
  • Stattdessen ordnet ein KI-basiertes Filialplanungstool Aufgaben dynamisch zu:
    • Mitarbeiter A mit Scanner ĂĽbernimmt Schnellläufer-Regale.
    • Mitarbeiter B kommissioniert Click-&-Collect-Aufträge im KĂĽhlbereich.
    • StoĂźzeiten an der Kassa werden vorhergesagt, Personal wird rechtzeitig umgeplant.

Das ist im Grunde eine Matrixproduktion von Aufgaben in der Filiale: Die „Produkte“ sind Aufgaben, die Ressourcen sind Mitarbeitende, Tools und Zeitfenster.


Rolle von KI: Das „Gehirn“ der Matrix im Handel

Im Fraunhofer-Webinar spielt SAP mit MES, WMS und Flottenmanager eine zentrale Rolle. In der Produktion ĂĽbernehmen diese Systeme die operative Steuerung der Matrix. Im Handel entspricht das:

  • WMS → Lagerverwaltungssystem
  • Flottenmanager → Steuerung von FTS, Staplern, Lieferfahrzeugen
  • MES → im Prinzip die AusfĂĽhrungssteuerung der Prozesse im Lager oder Dark Store

Erst mit KI wird aus diesen Systemen ein wirklich wirksamer Hebel.

Wo KI im Matrix-Ansatz konkret ansetzt

  1. Bestandsmanagement
    KI-Modelle prognostizieren Nachfrage auf Filial- und SKU-Ebene. In Verbindung mit Matrixlogistik kann das System:

    • Nachschub intelligent auf mehrere Lagerbereiche verteilen
    • Umlagerungen proaktiv anstoĂźen
    • Sicherheitsbestände dynamisch anpassen (z. B. bei Hitzewelle mehr Getränke in Stadtnähe)
  2. Preisoptimierung
    In einer matrixartig gesteuerten Filialwelt können preisbezogene Maßnahmen gezielt in die Prozesssteuerung einfließen:

    • Abverkauf von Ăśberbeständen durch lokale Preisaktionen
    • dynamische Preisgestaltung bei verderblicher Ware, abhängig von Restlaufzeit und Auslastung der Märkte
    • automatische Koppelung von Promotions mit Regal- und Personalplanung
  3. Kundenanalyse & Omnichannel
    Kundenverhalten (Online & Offline) flieĂźt in die Matrixsteuerung ein:

    • Online-Bestellungen beeinflussen, welche Produkte wo vorgehalten werden
    • KI erkennt Muster: Welche Filiale eignet sich als Mini-Hub fĂĽr Same-Day-Lieferungen?
    • Click-&-Collect-Zeitfenster werden so angeboten, dass Lager und Filialprozesse nicht kollabieren, sondern optimal ausgelastet sind.

Warum KI ohne Matrix wenig bringt – und umgekehrt

Viele Händler investieren in KI, lassen aber ihre Prozesse im starren Linien- oder Silodenken. Damit verschenkt man Potenzial. Umgekehrt bringt eine Matrixstruktur ohne intelligente Steuerung nur Chaos.

Die Kombination aus modularen Prozessen (Matrix) und datenbasierter Steuerung (KI) ist der Punkt, an dem sich Produktivität, Servicegrad und Kosten im Handel gleichzeitig verbessern lassen.


EinfĂĽhrung eines Matrix-Ansatzes: Was Automobil und Handel gemeinsam haben

Im Fraunhofer-Programm taucht ein Punkt auf, der oft unterschätzt wird: „Einführung von Matrixproduktionssystemen in Unternehmen“ – inklusive Referenzprojekt mit einem Industriepartner. Genau hier liegt der Knackpunkt.

Parallelen zur Einführung im österreichischen Handel

Ob Fertigung oder Retail – die Herausforderungen sind sehr ähnlich:

  • Bestehende Flächen und IT-Systeme sind historisch gewachsen.
  • Mitarbeitende sind auf stabile Routinen eingestellt.
  • Investitionsbudgets sind begrenzt, insbesondere im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld.

Ein praxistauglicher Weg in Richtung „Matrix“ im Handel sieht eher so aus:

  1. Pilotieren statt Big Bang

    • Start in einem Zentrallager oder Dark Store mit klar eingegrenztem Sortiment (z. B. Frische, Non-Food).
    • Ein KI-gestĂĽtztes WMS steuert Aufträge bereits flexibler, erste FTS oder Sorter bilden die Matrix physisch ab.
  2. Mitarbeitende einbinden

    • Aufgabenmatrix gemeinsam mit den Teams entwickeln: Welche Tätigkeiten können modularisiert werden?
    • Transparente Visualisierung der Steuerungslogik, statt „Blackbox-KI“.
  3. Datenbasis schaffen

    • Artikel-, Prozess- und Personaldaten so strukturieren, dass KI ĂĽberhaupt sinnvolle Optimierungen berechnen kann.
    • Historische Nachfrage-, Weg- und Prozessdaten im Lager konsequent sammeln.
  4. Schrittweise Erweiterung

    • Nach erfolgreichem Pilot: Ausrollen auf weitere Lager, dann auf Filialen.
    • Kombination mit Preisoptimierung und Kundenanalyse, wenn die operative Basis steht.

Handlungsmöglichkeiten für unterschiedliche Handelsformate

  • Lebensmitteleinzelhandel: Fokus auf Frischelogistik, Verderb, Filialprozesse und Click & Collect.
  • Non-Food/DIY: Stark schwankende Nachfrage, groĂźe Flächen → Matrixprinzip im Lager und in der Flächenbewirtschaftung.
  • Fashion: Variantenvielfalt, Saisonalität, hohe Retourenquoten → Matrixlogistik zwischen Filiale, Zentrallager und Online-Shop.

Gerade in Österreich mit seiner Mischung aus regional starken Handelsketten und internationalem Wettbewerb kann ein früher Einstieg in Matrix- und KI-basierte Steuerung ein echter Differenzierungsfaktor sein – nicht durch Marketing, sondern durch messbar bessere Warenverfügbarkeit und Prozesskosten.


Praxisnahe Schritte: So starten Retailer in Richtung Matrix & KI

Die Inhalte des Fraunhofer-Webinars lassen sich in konkrete To-dos für Händler übersetzen, die jetzt aktiv werden wollen.

1. Eigenes Produktions- bzw. Prozesssystem verstehen

Bevor KI und Matrix sinnvoll sind, braucht es Klarheit:

  • Wie laufen Wareneingang, Kommissionierung, Umlagerung und Filialbelieferung faktisch ab (nicht nur auf dem Papier)?
  • Welche Prozesse sind heute schon modular oder könnten modularisiert werden?
  • Wo entstehen Wartezeiten, Umwege, Doppelarbeit?

Ein value-stream-orientierter Blick, wie er auch in der Automobilfertigung ĂĽblich ist, hilft hier enorm.

2. Unternehmenspositionierung: Wo will ich hin?

  • Will das Unternehmen vor allem Kosten senken, Servicegrad erhöhen oder Omnichannel-Fähigkeit ausbauen?
  • Welche Kennzahlen werden Erfolg zeigen? Beispiele:
    • Out-of-Stock-Quote je Filiale
    • Pickkosten pro Auftrag
    • Durchlaufzeit von Online-Bestellung bis Bereitstellung

Ohne klare Zielrichtung wird Matrix und KI schnell zum Selbstzweck.

3. Technologische Kernbausteine definieren

Angelehnt an die Beispiele von SAP im Webinar sollte der Handel seine Architektur aufbauen aus:

  • WMS als zentrale Steuerungseinheit im Lager
  • Flottenmanager fĂĽr FTS, Stapler oder Lieferfahrzeuge
  • KI-Layer, der Prioritäten, Routen, Ressourcenzuweisungen und Bestandsentscheidungen optimiert

Wichtig: Viele Bausteine sind bereits vorhanden – es geht weniger darum, alles neu zu kaufen, sondern darum, Matrixlogik und KI-Entscheidungen in bestehende Systeme zu integrieren.

4. Kleine, sichtbare Erfolge schaffen

Nichts überzeugt Mitarbeitende und Management so sehr wie ein klarer Vorher-Nachher-Effekt. Mögliche Quick Wins:

  • Reduktion der Laufwege im Lager um 20–30 % durch dynamische Auftragszuweisung
  • Senkung der Out-of-Stock-Quote im Pilotfilialverbund um 2–3 Prozentpunkte
  • VerkĂĽrzung der Bereitstellungszeit bei Click & Collect von 2 Stunden auf 45 Minuten

Diese Erfolge sollten bewusst kommuniziert werden – intern wie extern. Im Rahmen unserer Themenreihe „KI im österreichischen Einzelhandel: Retail Innovation“ sehen wir genau bei solchen Pilotprojekten die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit.


Warum sich der Blick in die Matrixproduktion jetzt lohnt

Die Ereignisse der letzten Jahre – Pandemie, Lieferengpässe, Inflation – haben gezeigt, wie fragil klassische, starre Systeme im Handel sind. Resilienz und Wandlungsfähigkeit sind kein „nice to have“ mehr, sondern Überlebensfragen.

Die Arbeit des Fraunhofer IPA zur Matrixproduktion zeigt, dass sich diese Wandlungsfähigkeit systematisch gestalten lässt – statt nur mit Notlösungen zu reagieren. Für den österreichischen Einzelhandel bedeutet das:

  • KI-gestĂĽtzte Matrixlogistik macht Bestandsmanagement präziser und gleichzeitig flexibler.
  • Matrixartige Filialprozesse helfen, Personal besser einzusetzen und Omnichannel-Anforderungen zu bedienen.
  • Die Kombination aus Daten, modularen Prozessen und klarer Zielsetzung schafft einen Vorsprung, den Wettbewerber ohne diese Struktur kaum aufholen.

Wer heute beginnt, seine Prozesse so zu denken wie die Automobilindustrie ihre Produktion, legt das Fundament für die nächste Ausbaustufe unserer Serie: KI-gestützte Preisoptimierung, Kundenanalyse und Omnichannel-Strategien, die nicht nur am Frontend glänzen, sondern auch im Backend stabil funktionieren.

So bleibt am Ende eine einfache Frage:
Nicht ob KI und Matrixansätze in den österreichischen Handel einziehen – sondern welche Händler früh genug anfangen, sie gezielt zu formen, statt später hinterherzulaufen.