IFC 4.3 Alignment Based View mag technisch klingen, ist aber ein Schlüssel, damit KI im österreichischen Einzelhandel Standorte, Bauprojekte und Logistik wirklich verbessern kann.
Warum ein IFC-Standard plötzlich für den Handel spannend wird
Die meisten Handelsunternehmen in Österreich kämpfen aktuell mit denselben Themen: Flächenproduktivität in Filialen, steigende Bau- und Umbaukosten, Lieferkettenrisiken und wachsender Druck, Ladenbau nachhaltiger zu gestalten. Parallel dazu nimmt der Einsatz von KI im österreichischen Einzelhandel rasant zu – von Preisoptimierung über Bestandsmanagement bis zur Filialplanung.
Jetzt passiert im Hintergrund etwas, das auf den ersten Blick sehr technisch wirkt, aber strategisch enorm relevant ist: Die IFC 4.3 Alignment Based View (AbV) 1.0 steht kurz vor der offiziellen Veröffentlichung als buildingSMART-Standard. Klingt nach Normungs-Gremien und BIM-Nerds – betrifft aber direkt, wie Handel, Projektentwickler, Planer und KI-Anbieter künftig mit Daten umgehen.
In dieser Folge unserer Serie „KI im österreichischen Einzelhandel: Retail Innovation“ schauen wir uns an, was hinter dieser Alignment Based View steckt, warum sie genau jetzt wichtig ist – und wie sie die Basis für wirklich datengestützte, KI-unterstützte Entscheidungen im Ladenbau und in der Filialtransformation legen kann.
Was ist die IFC 4.3 Alignment Based View – in Klartext?
Die IFC 4.3 Alignment Based View (AbV) ist ein konkreter Ausschnitt (eine Model View Definition, kurz MVD) aus dem breiteren IFC-Standard 4.3.2.0, der seit 2024 als ISO 16739-1:2024 international normiert ist. IFC ist das offene Datenformat für BIM – also die gemeinsame Sprache, mit der Architekt:innen, Bauunternehmen, TGA-Planer, Betreiber und Software sprechen können.
buildingSMART unterscheidet in IFC 4.3 drei Ebenen von Model View Definitions:
- Reference View (RV) – bereits final, vor allem für Koordination und Visualisierung
- Design Transfer View (DTV) – derzeit kaum Marktnachfrage
- Alignment Based View (AbV) – jetzt als Version 1.0 in der finalen Projektplanung und zur Abstimmung im Standards Committee
Die Alignment Based View macht etwas sehr Konkretes: Sie legt fest, welche Konzepte und Datenstrukturen aus IFC 4.3 genutzt werden, um Infrastruktur und Linienbauwerke entlang eines Alignments – also einer Trasse bzw. Achse – eindeutig und einheitlich zu beschreiben. Das betrifft Straßen, Schienen, aber auch Zufahrten, Parkflächen oder logistische Anbindungen von Handelsimmobilien.
Kurz gesagt: Die AbV definiert, welche IFC-Bausteine für welche Aufgabe genutzt werden, damit alle Beteiligten denselben Informationsumfang verstehen und Software interoperabel bleibt.
Die Inhalte der AbV wurden bereits in einem offenen, industrieweiten Konsultationsprozess abgestimmt. Die jetzt veröffentlichte Final Project Plan-Version dient dazu, die AbV 1.0 nach dem offiziellen buildingSMART-Prozess als endgültigen Standard zu verabschieden.
Warum diese BIM-Detailfrage für den österreichischen Einzelhandel zählt
Für viele Handelsentscheider wirkt IFC zunächst weit weg vom Tagesgeschäft. Aber wer in Österreich in den nächsten Jahren Filialnetze umbaut, Logistikflächen erweitert oder Retail-Parks entwickelt, kommt an digitalen Bau- und Infrastrukturdaten nicht mehr vorbei – schon gar nicht, wenn KI-Lösungen sinnvoll eingesetzt werden sollen.
Drei direkte Auswirkungen auf den Handel
-
Bessere Standort- und Flächenentscheidungen
KI-gestützte Standortanalysen, die bisher vor allem auf Demografie-, Frequenz- und Kassendaten basieren, können künftig präzisere bauliche und infrastrukturelle Informationen einbeziehen:- exakte Anbindung an Straße, Schiene, ÖV
- Zufahrtsradien für LKW, Ladehöhen, Rampen-Geometrien
- Parkflächenstrukturen und Fußwege
Wenn diese Daten in IFC 4.3 AbV-konformer Form vorliegen, lassen sie sich konsistent zwischen Projektentwickler, Planer, Eigentümer und Retailer austauschen – und dann von KI-Modellen auswerten.
-
Planbare Bau- und Umbauprojekte in bestehenden Filialnetzen
Jede Umstrukturierung eines Filialnetzes – etwa Verdichtung in Ballungsräumen oder Flächenreduktion in der Peripherie – hängt an Infrastrukturfragen: Zufahrt, Erreichbarkeit, Lieferlogistik. Mit standardisierten Alignment-Daten können Handelsunternehmen:- Planungsvarianten schneller vergleichen
- Bau- und Umbauzeiten realistischer simulieren
- Abhängigkeiten zwischen Infrastrukturmaßnahmen und Filialbetrieb transparenter machen
-
Verlässliche Datenbasis für KI im Bau- und Betriebsprozess
KI im Bauwesen funktioniert nur, wenn Struktur und Semantik der Daten eindeutig sind. Die AbV definiert genau diese Struktur für Infrastrukturprojekte. Für den Handel heißt das:- KI-Modelle für Baukostenprognosen oder Terminrisiken können auf vergleichbare Daten zugreifen
- Facility-Management-Systeme im Betrieb können IFC-Daten mit Betriebs- und Sensordaten verknüpfen
- Omnichannel-Strategien profitieren von besseren Daten zu Wegezeiten, Anlieferfenstern und Kundenwegen auf dem Gelände
Wie die Alignment Based View KI-Projekte im Retail überhaupt erst ermöglicht
KI im österreichischen Einzelhandel wird aktuell oft für Pricing, Warenverfügbarkeit und Customer Analytics diskutiert. Im Hintergrund bleibt aber ein großer Hebel ungenutzt: Bau- und Standortdaten. Genau hier setzt die IFC 4.3 AbV an.
Einheitliche Datenstruktur: Futter für KI
Die AbV ist „nur“ eine Auswahl von Concept Templates innerhalb des IFC-Standards – aber diese Auswahl ist entscheidend. Sie legt fest, welche Informationen bei einem IFC-Export für einen bestimmten Anwendungsfall enthalten sein müssen.
Für KI-Anwendungen bedeutet das:
- Modelle müssen nicht jedes Projekt neu „verstehen“ oder aufbereiten
- Trainingsdaten lassen sich aus mehreren Projekten zusammenziehen, weil sie strukturell vergleichbar sind
- Ergebnisse werden belastbarer, weil die Eingabedaten weniger Inkonsistenzen aufweisen
Ohne standardisierte MVD wie die AbV wird jede KI-Auswertung zu einem individuellen Datenbereinigungsprojekt – teuer, fehleranfällig und langsam.
Praxisnahe Use-Cases für Handelsunternehmen
Einige konkrete Szenarien, bei denen AbV-konforme Daten den Unterschied machen:
-
Simulierte Kunden- und Lieferströme
KI-Modelle können auf Basis der exakten Geometrie und Trassenführung:- Anfahrtswege von LKW simulieren
- Engstellen in der Anlieferung erkennen
- Fußwege vom Parkplatz zum Eingang bewerten
Diese Daten fließen direkt in Standortbewertung und Umbauplanung ein.
-
Automatisierte Mengen- und Kostenprognosen im Ladenbau
Wenn Zufahrten, Rampen, Straßenanbindungen und angrenzende Infrastruktur standardisiert beschrieben sind, können KI-Tools etwa:- Erdbewegungsvolumen und Oberflächenbefestigungen kalkulieren
- Auswirkungen von Trassenänderungen auf Baukosten schätzen
- Varianten (z. B. neue Zufahrt vs. Umnutzung bestehender) bewerten
-
Nachhaltigkeit und ESG im Griff
Infrastruktur entscheidet stark über CO₂-Emissionen – durch Anfahrtswege, ÖV-Anbindung, Verkehrsführung. Mit AbV-Daten können KI-Modelle:- CO₂-Fußabdrücke verschiedener Standortvarianten vergleichen
- Potenziale für ÖV-Anbindung oder Rad-Infrastruktur identifizieren
- Szenarien für „15-Minuten-Stadt“-Ansätze in urbanen Handelslagen durchrechnen
Governance & Standardisierung: Warum das bSI-Verfahren ernst zu nehmen ist
Die jetzt veröffentlichte Final Project Plan-Version der Alignment Based View 1.0 durchläuft den offiziellen buildingSMART-Prozess. Das Standards Committee wird bis 18.09.2025 konsultiert und gibt Feedback, bevor die AbV als offizielles bSI-Deliverable veröffentlicht wird.
Dieser Prozess ist nicht nur Formalität, sondern schafft für Unternehmen drei wichtige Sicherheiten:
-
Stabilität
Wenn AbV 1.0 offiziell veröffentlicht ist, können Softwareanbieter, Planer und Bauunternehmen darauf setzen, dass sich der Standard nicht alle paar Monate ändert. Für Handelsunternehmen heißt das: Investitionen in BIM-Workflows, IFC-Exports oder KI-Modelle basieren auf einer verlässlichen Basis. -
Interoperabilität
Je mehr Akteure sich an denselben MVD-Standard halten, desto weniger Proprietärformate, Exoten-Exports und Sonderlösungen gibt es in Projekten. Das reduziert:- Medienbrüche
- manuelle Nacharbeit
- Datenverluste zwischen Planung, Bau und Betrieb
-
Anerkennung als „Standard Output“
Die formale Aufnahme der AbV 1.0 als bSI-Standard sorgt dafür, dass sie in Software-Zertifizierungen und Ausschreibungen sichtbar wird. Wer als Handelsunternehmen in Österreich künftig Bauträger- oder Generalunternehmerleistungen ausschreibt, kann sehr konkret formulieren, welche IFC-Ansichten und MVDs geliefert werden müssen.
Was Handelsunternehmen jetzt konkret tun sollten
Wer KI im Einzelhandel ernst meint, sollte nicht warten, bis BIM-Standards „irgendwann“ in der Organisation ankommen. Die AbV 1.0 ist ein guter Anlass, das Thema strategisch anzugehen.
1. BIM- und KI-Strategie verbinden
Statt BIM als reines Planungsthema und KI als reines Analytics-Thema zu behandeln, lohnt sich ein gemeinsamer Fahrplan:
- Welche Entscheidungen im Ladenbau und in der Standortstrategie sollen in 2–3 Jahren daten- und KI-basiert getroffen werden?
- Welche Informationen braucht ein KI-Modell dafür – und wie können diese in IFC 4.3 AbV-konformen Prozessen bereitgestellt werden?
- Welche bestehenden Projekte (Neubauten, Revitalisierungen, Logistikzentren) eignen sich als Pilotprojekte?
2. Anforderungen in Ausschreibungen verankern
In Ausschreibungen für Neubau- und Umbauprojekte sollten Handelsunternehmen beginnen, konkrete BIM-Standards einzufordern:
- Verwendung von IFC 4.3 als Datenformat
- Unterstützung der Alignment Based View durch Planungs- und Baupartner
- Klare Definition, welche Informationen für spätere KI-Auswertungen verfügbar sein müssen (z. B. Geometrie der Anliefertrassen, Parkraumstrukturen, Rampen)
Damit wird verhindert, dass wertvolle Daten im Projektverlauf „verloren gehen“, weil sie nicht strukturiert erhoben werden.
3. Datenkompetenz im eigenen Haus aufbauen
Auch wenn viel Arbeit bei Planern und Dienstleistern liegt: Ohne interne Datenkompetenz können Handelsunternehmen das Potenzial der IFC 4.3 AbV nicht ausschöpfen.
Sinnvolle erste Schritte:
- Schulung von Bau- und Immobilien-Teams in den Grundlagen von IFC und Model View Definitions
- Aufbau einer Schnittstelle zwischen Immobilienabteilung, IT/Data-Team und den Verantwortlichen für KI im Einzelhandel
- Auswahl eines Pilotprojekts, bei dem IFC-Daten aktiv in Analysen (z. B. Standortbewertung, Baukosten- und Terminrisiko-Prognosen) einfließen
Ausblick: Vom „BIM-Projekt“ zur datengetriebenen Retail-Plattform
IFC 4.3 und speziell die Alignment Based View 1.0 wirken auf den ersten Blick wie ein Thema für Spezialisten. Wer aber in den nächsten Jahren im österreichischen Einzelhandel Filialnetz, Omnichannel-Strategie und Bauprojekte intelligent synchronisieren will, kommt an soliden, standardisierten Bau- und Infrastrukturdaten nicht vorbei.
Die Realität:
- KI-Modelle für Preisoptimierung, Bestandsmanagement und Kundenanalyse sind nur ein Teil der Gleichung.
- Die andere Hälfte sind Standort-, Gebäude- und Infrastrukturdaten, die Mehrweg-Logistik, Click-&-Collect, Same-Day-Delivery und Kundenerlebnis überhaupt erst ermöglichen.
Die Alignment Based View sorgt dafür, dass genau diese Daten maschinenlesbar, vergleichbar und KI-fähig werden. Wer heute beginnt, IFC 4.3 AbV in Bau- und Immobilienprozesse zu integrieren, verschafft sich in drei bis fünf Jahren einen Vorsprung – bei Kosten, Geschwindigkeit und Qualität von Retail-Immobilienprojekten.
Die Frage ist also nicht, ob sich Handelsunternehmen mit BIM-Standards wie der AbV beschäftigen sollten, sondern wie früh sie daraus einen Wettbewerbsvorteil im datengetriebenen Einzelhandel machen wollen.