Versicherungsliteracy, KI & Vertrieb: Was Kund:innen wirklich brauchen

KI für österreichische Versicherungen: InsurTech••By 3L3C

Versicherungsliteracy entscheidet über Abschlussquoten. Wie österreichische Versicherer mit KI die Wissenslücke ihrer Kund:innen schließen und Vertrieb messbar stärken können.

VersicherungsliteracyInsurTechKI in VersicherungenKundenverhaltenVertriebsstrategiePersonalisierungĂ–sterreich
Share:

Versicherungsliteracy, KI & Vertrieb: Was Kund:innen wirklich brauchen

56,3 % der Menschen weltweit glauben, sie kennen sich bei Lebens- und Krankenversicherung „gut“ oder „sehr gut“ aus – objektiv schaffen sie im Schnitt aber nur 6,25 von 10 Fragen zur Versicherungs- und Finanzbildung. Genau diese Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität entscheidet darüber, ob Beratungen scheitern, Produkte nicht verstanden werden und Cross-Selling-Potenziale in österreichischen Versicherungen liegen bleiben.

Hier liegt ein Hebel, den viele Häuser noch unterschätzen: Wer Versicherungsliteracy ernst nimmt und sie intelligent mit KI-gestützten InsurTech-Lösungen verbindet, steigert Abschlussquoten, senkt Storno und baut Vertrauen auf – gerade im wettbewerbsintensiven österreichischen Markt.

In diesem Beitrag aus unserer Reihe „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ geht es darum,

  • wie groĂź die Literacy-LĂĽcke wirklich ist,
  • welche Missverständnisse ĂĽber Kund:innen vorherrschen,
  • wie KI diese LĂĽcke messbar schlieĂźen kann und
  • wie ein pragmatischer 4‑Stufen-Plan fĂĽr Versicherer in Ă–sterreich aussehen kann.

1. Perception vs. Reality: Was Kund:innen glauben – und was stimmt

Der Global Consumer Study von Remark zufolge liegt die durchschnittliche Versicherungs- und Finanzbildung weltweit bei 6,25/10 Punkten. Das ist kein Totalausfall, aber weit weg von dem Selbstbild vieler Konsument:innen.

Selbstbild vs. tatsächliches Wissen

Die Studie zeigt zwei zentrale Muster, die ich in Projekten im DACH-Raum immer wieder bestätigt sehe:

  • Wachstumsmärkte (z. B. Teile Lateinamerikas, Asiens) liegen bei der objektiven Versicherungsbildung klar hinter etablierten Märkten – sind aber ĂĽberdurchschnittlich selbstbewusst.
  • In etablierten Märkten (dazu zählt Ă–sterreich) schneiden Kund:innen beim Wissen deutlich besser ab, schätzen ihr Know-how aber eher zu gering ein.

Übertragen auf Österreich heißt das: Viele Kund:innen wissen mehr, als sie sich zutrauen, gleichzeitig unterschätzen Berater:innen oft, wo genau Verständnislücken liegen. Das führt zu zwei typischen Fehlern:

  1. Überfrachtung: Zu viele Details, zu viel Fachjargon, weil man „auf Nummer sicher“ gehen will.
  2. Fehlfokussierung: Es wird an den falschen Stellen erklärt – die wirklich kritischen Verständnisprobleme bleiben unentdeckt.

Generationen: Die Jungen sind selbstbewusst, die Älteren erfahren

Noch spannender wird es beim Blick auf die Altersgruppen:

  • Gen Z & Millennials: Rund 64 % sind ĂĽberzeugt, eine „gute“ oder „sehr gute“ Kenntnis von Lebens- und Krankenversicherung zu haben – obwohl sie oft kaum Erfahrung mit komplexeren Produkten haben.
  • Boomer & Silent Generation: Nur 44,6 % halten sich fĂĽr gut informiert, obwohl sie deutlich höhere objektive Wissenswerte erreichen.

Der Satz aus dem Interview trifft es ziemlich gut:

„Du weißt nicht, was du nicht weißt.“

Für österreichische Versicherer bedeutet das: Selbsteinschätzung ist kein verlässlicher Anker für Beratungsstrategien. Wer nur auf Bauchgefühl der Vertriebsmannschaft oder grobe Zielgruppensegmente setzt, unterschätzt systematisch die Literacy-Lücke.


2. Warum Versicherungsliteracy ein Business-Thema ist – nicht nur „Aufklärung“

Hier geht es nicht um „nettes Bildungsengagement“, sondern um harte Vertriebs- und Bestandskennzahlen.

Wo mangelnde Literacy konkret schadet

Niedrige oder falsch eingeschätzte Versicherungsliteracy führt in der Praxis zu:

  • AbbrĂĽchen im Online-Antragsprozess: Formulare werden verlassen, weil Begriffe, AusschlĂĽsse oder Gesundheitsfragen nicht verstanden werden.
  • Preisfokus statt Wertfokus: Wer Produktlogik nicht versteht, vergleicht nur Prämien – und entscheidet sich häufig gegen sinnvollen Schutz.
  • Höherem Storno & Widerrufsquoten: Kund:innen merken erst nach der Police oder dem ersten Leistungsfall, was sie eigentlich abgeschlossen haben.
  • Verpasstem Cross- und Upselling: Wertvolle Ergänzungen (z. B. Berufsunfähigkeit, Pflege, Unfall-Bausteine) werden nicht angenommen, weil der Nutzen nicht klar ist.

Diese Effekte schlagen sich direkt nieder in:

  • geringerer Conversion Rate,
  • kĂĽrzeren Vertragslaufzeiten und
  • schwächerer Kundenbindung.

Die gute Nachricht: Kund:innen wollen lernen

Laut Global Consumer Study sagen nahezu 70 % der Befragten, dass sie zusätzliche Bildung im Bereich Versicherung und Finanzen möchten. In jüngeren Zielgruppen und Wachstumsmärkten liegt die Zahl sogar bei rund 80 %.

Gefragt werden vor allem diese Formate:

  • Online-Kurse und digitale Lerninhalte (~27 %)
  • 1:1‑Gespräche mit Expert:innen (~24 %)

Das Muster ist auch in Österreich klar erkennbar: Kund:innen erwarten digitale Bequemlichkeit und gleichzeitig verlässlichen menschlichen Kontakt – besonders bei komplexeren Entscheidungen wie Lebens-, Kranken- oder Pensionsvorsorge.


3. Wo KI ins Spiel kommt: Von „mehr Content“ zu wirklich personalisierter Bildung

Mehr Broschüren, mehr PDFs, mehr Erklärvideos reichen nicht. Die meisten Gesellschaften in Österreich haben längst „viel Material“ – das Problem ist, dass das falsche Material zur falschen Zeit kommt.

Hier hat KI für österreichische Versicherungen einen ganz konkreten Nutzen: Sie kann Versicherungsliteracy messen, prognostizieren und situativ anpassen.

Drei Hebel, mit denen KI Versicherungsbildung smarter macht

  1. Adaptive Einschätzung des Wissensniveaus
    KI-Modelle können aus wenigen Signalen relativ präzise ableiten, wie sicher sich jemand im Thema bewegt:

    • Art der Fragen im Chat oder Callcenter
    • Klickpfade im Kundenportal
    • Abbruchstellen im Online-Antrag
    • Antwortverhalten in kurzen Mikro-Quizzes

    Ergebnis: Ein dynamisches Literacy-Profil, das bestimmt, welche Inhalte wie tief erklärt werden müssen.

  1. Hyperpersonalisierte Content-Ausspielung
    Auf Basis dieses Profils kann ein KI-gestütztes Empfehlungssystem (ähnlich wie bei Zelros) entscheiden:

    • Erkläre zuerst Grundbegriffe (z. B. Karenzzeit, Wartezeit) oder steige bei konkreten Szenarien ein.
    • Biete Videos statt langen Texten an, wenn Nutzer:innen sonst frĂĽh abspringen.
    • Trigger gezielte Tooltips im Antrag, bevor Verständnisprobleme entstehen.
  2. Berater:innen live unterstĂĽtzen
    In der Filiale, im Callcenter oder beim AuĂźendienst:

    • KI analysiert Gesprächsnotizen oder Chatverläufe in Echtzeit.
    • Sie schlägt passende Erklärmodelle vor („Vergleich mit Miete vs. Eigentum“, „PensionslĂĽcke in Euro pro Monat“).
    • Sie liefert konkrete Formulierungsbausteine in verständlicher Sprache – angepasst an das Literacy-Niveau.

So wird aus „Wir sollten mehr erklären“ ein datengestützter, skalierbarer Lernprozess, der sowohl Kund:innen als auch Vertrieb spürbar entlastet.


4. Praktische Umsetzung für österreichische Versicherer: 4‑Stufen-Plan

Viele Häuser schrecken vor „Bildungsstrategien“ zurück, weil sie nach großem Change-Projekt klingen. Die Realität? Man kann mit überschaubarem Aufwand starten und KI schrittweise einbinden.

Stufe 1: Transparenz & Sprache aufräumen

Bevor KI ins Spiel kommt, braucht es eine klare Basis:

  • Verständliche Produkttexte: Ohne juristischen Ballast, mit Beispielen aus dem Alltag in Ă–sterreich (Mietwohnung in Wien, Pendeln mit Auto, Ein-Personen-Unternehmen usw.).
  • Standardisierte Erklärbausteine: 3‑Satz-Erklärungen fĂĽr jedes Kernfeature (Leistungsumfang, AusschlĂĽsse, Wartezeiten).
  • Visuelle Klarheit: Weniger Tabellenfriedhöfe, mehr einfache Grafiken (Schadenverlauf, Leistungsbeispiele).

Das ist trocken, aber extrem wirksam – und jede KI-Lösung wird anschließend deutlich besser performen.

Stufe 2: Mikro-Quizzes und Literacy-Scores einfĂĽhren

Als nächstes braucht es ein Gefühl dafür, wo Ihre Kund:innen stehen:

  • Kurze 10‑Fragen-Quizze zu Basisbegriffen (Selbstbehalt, Versicherungssumme, Wartezeit etc.).
  • Einfache Scoring-Logik (0–10 Punkte) als internes Literacy-MaĂź.
  • Optional: Gamification-Elemente (Badges, Fortschrittsbalken), damit das Ganze nicht nach „Test“ aussieht.

Diese Daten sind ein Goldschatz für jede spätere KI-Steuerung und helfen sofort, bessere Journeys zu designen – selbst ohne komplexe Modelle.

Stufe 3: KI-gestützte Personalisierung über alle Kanäle

Jetzt wird es spannend. Auf Basis der Literacy-Scores und Nutzungsdaten können Empfehlungssysteme wie bei modernen InsurTechs arbeiten:

  • Im Web & Portal: Dynamische Erklärboxen, personalisierte FAQ-Reihenfolge, passende Videos statt Standardtexte.
  • Im Callcenter: Desktop-Hinweise, welche Punkte beim aktuellen Kund:innentyp unbedingt erläutert werden sollten.
  • Im AuĂźendienst: Digitale Beratungsstrecken, die sich automatisch anpassen – weniger Grundlagen bei gut informierten Kund:innen, mehr Beispiele und Rechenmodelle bei unsicheren.

Gerade in Österreich, wo viele Anbieter noch stark auf persönliche Beratung setzen, bringt diese Kombination aus menschlicher Kompetenz und KI-gestützter Dynamics einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Stufe 4: Feedbackschleife & Lernen im Bestand

Versicherungsliteracy ist kein One-Shot-Projekt, sondern ein laufender Lernzyklus:

  • Auswerten, welche Inhalte AbbrĂĽche senken und Abschlussquoten erhöhen.
  • Erkennen, wo bestimmte Kund:innengruppen (z. B. EPUs, Jungfamilien, Pensionist:innen) immer wieder stolpern.
  • KI-Modelle regelmäßig nachtrainieren, damit sie mit neuen Produkten, Tarifen und regulatorischen Ă„nderungen Schritt halten.

Wer das ernst nimmt, baut sich über 12–24 Monate einen dauerhaft lernenden Bildungs- und Vertriebsapparat auf – statt jedes Jahr neue Kampagnen „aus dem Bauch heraus“ zu fahren.


5. Mensch & Maschine: Warum Hybrid-Modelle im Versicherungskontext unschlagbar sind

Ein Ergebnis der Global Consumer Study, das viele Mythen ausräumt: Auch die jüngeren Generationen wollen keinen rein digitalen Prozess. Selbst Digital Natives schätzen die Möglichkeit, mit einem Menschen zu sprechen – zumindest bei kritischen Entscheidungen.

Das passt perfekt zur Rolle von KI im Versicherungsumfeld:

  • KI analysiert, strukturiert und personalisiert.
  • Menschen erklären, moderieren und geben Sicherheit.

Gerade in Österreich, wo Vertrauen, persönlicher Kontakt und regionale Nähe nach wie vor hohe Bedeutung haben, ist das die stärkste Kombination.

Wer KI einsetzt, um seine Kund:innen besser zu verstehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, wird langfristig gewinnen. Wer KI nur nutzt, um „noch schneller zu verkaufen“, riskiert das Gegenteil.


Fazit: Literacy-Lücke schließen – mit KI als Verstärker, nicht als Ersatz

Die Daten aus der Global Consumer Study zeigen klar: Zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Versicherungsliteracy liegt eine spürbare Lücke. Österreichische Versicherer, die diese Lücke mit einer Mischung aus klarer Sprache, intelligentem Content und KI-gestützter Personalisierung schließen, verbessern nicht nur ihr Image, sondern vor allem ihre Vertriebs- und Bestandszahlen.

Wer heute in KI fĂĽr Versicherung in Ă–sterreich investiert, sollte nicht nur an Schadenbearbeitung und Betrugserkennung denken, sondern gezielt an Versicherungsliteracy entlang der Customer Journey:

  • Wissen systematisch messen,
  • Inhalte situativ ausspielen,
  • Berater:innen intelligent unterstĂĽtzen
  • und den Lernprozess kontinuierlich auswerten.

Die spannende Frage für die nächsten 12–24 Monate lautet: Welche Häuser nutzen KI, um ihre Kund:innen wirklich mündig zu machen – und wer bleibt bei PDFs und Produktfoldern stehen?