KI in Versicherungen ist kein Bauchgefühl-Thema. Der Beitrag zeigt, wie österreichische Versicherer mit konkreten Hebeln und Zahlen einen 3x–10x‑ROI erzielen können.
Warum sich KI für Versicherer in Österreich rechnet
2024 gaben europäische Versicherer laut Branchenumfragen im Schnitt bereits über 8–10 % ihres IT‑Budgets für KI- und Analytics-Projekte aus – und viele Vorstände sind trotzdem unsicher, ob sich diese Investitionen wirklich lohnen.
Genau hier liegt das Problem: Die meisten Häuser sprechen über „Innovation“, aber kaum jemand rechnet konsequent den Return on Investment (ROI) von KI-Lösungen durch – entlang von Vertrieb, Bestand, Schaden und IT. Wer das ändert, verschafft sich in der österreichischen Versicherungslandschaft einen echten Wettbewerbsvorteil.
In diesem Beitrag aus der Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ zeige ich anhand eines internationalen Case-Studys (Zelros) und mit österreichischem Blick, wie sich der ROI moderner KI‑Empfehlungssysteme konkret messen lässt – und warum ein 10x‑ROI innerhalb von drei Jahren keineswegs unrealistisch ist.
1. ROI von KI in Versicherungen: Der Rahmen
Der ROI von KI in der Versicherungsbranche lässt sich nur sinnvoll bewerten, wenn Sie vorab einen klaren Rahmen definieren: Bestandsgröße, Vertriebskanäle, Margen, Fluktuation. Das Zelros‑Beispiel bietet dafür eine gute Blaupause.
Ausgangsszenario – vereinfacht auf den Punkt gebracht
Das Case-Study betrachtet einen großen Sachversicherer mit folgendem Profil:
- 10 Mio. Verträge (50 % Kfz, 50 % Haushalt)
- Durchschnittsprämie: 2.000 USD pro Jahr und Vertrag
- Jahresumsatz: 20 Mrd. USD
- Durchschnittlicher Nettogewinn: 60 USD pro Vertrag und Jahr (3 % Marge)
- Multi-Channel-Vertrieb mit Agenten und digitalen Kanälen
Übertragen Sie diese Logik auf eine österreichische Realität, könnte das z.B. so aussehen:
- 1 Mio. Verträge im Privatkundengeschäft
- Ø Prämie 600–800 EUR pro Jahr
- Nettomarge 2–4 %
Die relative Wirkung von KI bleibt dieselbe: Es geht um einige Prozentpunkte mehr Conversion, etwas weniger Storno, bessere Risikoselektion – und genau diese Prozentpunkte machen den Unterschied in der GuV.
Kernpunkt: ROI von KI entsteht in Summe aus vielen kleinen Hebeln, nicht aus einem einzigen „Wunderprojekt“.
2. Hebel 1: Schnellere Einarbeitung und bessere Qualifikation von Agenten
Der erste klare ROI-Hebel von KI wie im Zelros‑Beispiel: Agenten schneller produktiv machen.
Was im Case passiert
- 1.000 Agenten, Fluktuation 15 % → 150 neue Agenten pro Jahr
- Klassische Einarbeitung: 6 Monate bis zur vollen Produktivität
- Mit KI‑Unterstützung (Guided Selling, Next‑Best‑Offer, Wissenssupport): nur noch 2 Monate
- Effektiver „Produktivitätsgewinn“: 4 Monate
- Ergebnis laut Case: ca. 10.000 zusätzliche Verträge pro Jahr → 20 Mio. USD zusätzliche Prämien
Übertragung auf österreichische Versicherer
Nehmen wir eine mittelgroße Vertriebsorganisation mit 300 aktiven Vermittlern:
- 15 % Fluktuation → 45 neue Personen pro Jahr
- Jede/r voll produktive Vermittler/in produziert z.B. 300 neue Verträge/Jahr
- Wenn die Vollproduktivität 4 Monate früher erreicht wird, gewinnen Sie rund 100 zusätzliche Verträge pro Kopf auf Jahresbasis
- 45 × 100 = 4.500 zusätzliche Verträge
- Bei 600 EUR Prämie sind das rund 2,7 Mio. EUR zusätzliche Jahresprämie
Der Clou: Diese Effekte wiederholen sich jedes Jahr, weil die Einarbeitung dauerhaft effizienter bleibt.
Praxis-Tipp
- Starten Sie mit einem Pilot in einer Teilorganisation (z.B. 50 Agenten)
- Messen Sie: Time-to-first-sale, Time-to-full-productivity, Abschlussquote nach 3/6/12 Monaten
- Rechnen Sie den Produktivitätsgewinn auf die gesamte Agenturorganisation hoch
3. Hebel 2: Produktivität im Vertrieb steigern – statt mehr Köpfe einzustellen
Im Case spart jeder Agent durch moderne Tools täglich 30 Minuten. Hochgerechnet auf 1.000 Agenten ergibt das 115.000 Stunden pro Jahr – im Beispiel etwa 4,5 Mio. USD Kostenersparnis.
Das lässt sich sehr gut auf den österreichischen Markt übertragen.
Wie KI hier konkret hilft
KI‑gestützte InsurTech‑Lösungen reduzieren Zeitverluste, weil sie:
- Kunden- und Vertragsdaten automatisch konsolidieren
- Nächste sinnvolle Produktempfehlung (Next Best Offer) in Sekunden liefern
- Tarifierung, Unterlagen, Beratungsdokumentation teilautomatisieren
- Kundenanfragen im Self‑Service oder im Contact Center vorqualifizieren
Statt dass der Agent 10 Minuten im CRM sucht, zeigt ihm die KI in wenigen Sekunden das passende Angebot – inklusive Cross‑/Upsell‑Potenzial und Risikoindikatoren.
Grobe Beispielrechnung für Österreich
- 250 Agenten, Vollzeit
- 20 Arbeitstage/Monat, 11 Monate Produktivzeit → 220 Tage/Jahr
- 30 Minuten Zeitersparnis/Tag = 110 Stunden pro Agent und Jahr
- 250 Agenten × 110 Stunden = 27.500 Stunden
- Bei kalkulatorischen 45 EUR/Stunde sind das rund 1,24 Mio. EUR Produktivitätsgewinn
Ob Sie diesen Gewinn als Kostensenkung (weniger Überstunden, weniger zusätzliche FTE im Innendienst) oder als Mehrvertrieb (mehr Verkaufszeit) nutzen, ist eine strategische Entscheidung.
Die Realität in vielen Häusern: Vertriebsorganisationen sind ausgelastet. KI sorgt dafür, dass diese Auslastung stärker in Richtung wertschöpfende Tätigkeiten verschoben wird.
4. Hebel 3: Kundenbindung und Cross‑/Upselling – wo die großen Beträge liegen
Der vielleicht wichtigste wirtschaftliche Hebel von KI für Versicherungen ist die Bestandsarbeit. Im Zelros‑Case reicht eine Senkung der Stornoquote von 10 % auf 9,5 %, um 50.000 Verträge zu halten – das entspricht 100 Mio. USD Prämie.
Warum Kundenbindung in Österreich so stark auf den ROI wirkt
Der Neukundenmarkt ist begrenzt, der Wettbewerb hoch, Vergleichsplattformen sind etabliert. Wer Bestandskunden zielgenau anspricht, kann:
- Stornoquoten um 0,3–1,0 Prozentpunkte reduzieren
- Cross‑Selling‑Quoten (z.B. Kfz + Haushalt + Rechtsschutz) deutlich steigern
- Mehrjahresverträge und höhere Deckungssummen platzieren
Beispielrechnung für einen österreichischen Kompositversicherer:
- 500.000 Privatkundenverträge
- Ø Prämie 650 EUR
- Bisheriges Storno p.a.: 8 % → 40.000 Verträge
- Reduktion auf 7,5 %: 37.500 Verträge
- Differenz: 2.500 Verträge × 650 EUR = 1,625 Mio. EUR Prämie p.a.
Und das ist nur der Effekt der Stornoreduktion. Rechnen Sie zusätzlich einen Cross‑Sell‑Uplift:
- 50.000 Kunden mit nur einem Produkt
- KI identifiziert 10.000 Kunden mit hohem Upsell‑Potenzial (z.B. Haushalt nach Kfz)
- 10 % Conversion → 1.000 zusätzliche Verträge × 500 EUR Prämie = 0,5 Mio. EUR
Digitaler Vertrieb: Personalisierung zahlt direkt auf Conversion ein
Das Zelros‑Case zeigt zusätzlich einen starken Uplift auf digitalen Kanälen: Personalisierte Inhalte auf Landingpages und im Kundenportal können zu zig Millionen an Zusatzprämie führen.
Für Österreich kann man es pragmatisch denken:
- 300.000 Besucher/Jahr auf Online-Strecken
- aktuelle Conversion 1 % → 3.000 Verträge
- KI‑Personalisierung hebt Conversion auf 1,3 % → 3.900 Verträge
- 900 zusätzliche Verträge × 500 EUR = 0,45 Mio. EUR zusätzliche Prämie
#1-Frage aus CFO-Sicht: „Wieviel Prozentpunkte mehr Conversion können wir erwarten?“ – genau diese Frage sollten Sie in jedem KI‑Business Case explizit beantworten.
5. Hebel 4: Besseres Risikomanagement und optimierte IT-Kosten
Neben Vertriebseffekten bringt KI in der Versicherungsbranche zwei weitere starke ROI-Treiber: Schaden-/Kostenquote und IT‑Effizienz.
Verbesserte Risikoselektion und Prävention
Im Zelros‑Case führt bessere Risikoselektion und präventive Ansprache zu einer Profitabilitätssteigerung von 5 % auf das Neugeschäft (250.000 neue Verträge → 1 Mio. USD zusätzlicher Gewinn).
Wie kann das in Österreich aussehen?
- 50.000 neue Kfz‑Verträge pro Jahr
- Ø Schaden-Kosten-Quote aktuell 96 %
- Durch KI‑basierte Risikobewertung und Prävention sinkt die Quote auf 94 %
- Auf 50.000 Verträge à 600 EUR Prämie sind das 30 Mio. EUR Prämie
- 2 Prozentpunkte Verbesserung entsprechen 600.000 EUR zusätzlichem technischen Ergebnis
Gleichzeitig ist dieser Hebel zentral für Solvabilität und Pricing – ein Punkt, der im Solvency‑II‑Kontext für österreichische Häuser immer wichtiger wird.
IT-Konsolidierung durch InsurTech-Plattformen
Im Case sorgt die Einführung einer zentralen KI‑Plattform (z.B. Empfehlungssystem wie Zelros) dafür, dass parallele NBO‑Projekte, Analytics-Tools und Eigenentwicklungen konsolidiert werden. Eine 5‑%‑Optimierung des Transformationsbudgets bringt 7,2 Mio. USD positiven Ergebniseffekt.
Übertragen auf ein österreichisches Haus:
- Jährliches Change-/IT-Projektbudget: 20 Mio. EUR
- 5 % Einsparung durch Plattform-Konsolidierung, weniger Dubletten, klare Architektur: 1 Mio. EUR p.a.
Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: Time-to-Market. Wenn Produktanpassungen, neue Empfehlungen oder Kampagnen innerhalb von Tagen statt Monaten live gehen, spüren Sie das direkt in Prämieneinnahmen und Vertriebsmotivation.
6. Drei-Jahres-Blick: Wie ein 10x‑ROI realistisch wird
Im ursprünglichen Zelros‑Case ergeben alle Effekte zusammen über drei Jahre:
- Zusätzliche Prämien: 660 Mio. USD
- Zusätzlicher Nettogewinn: 78 Mio. USD
- Beispiel-Investition in die KI-Lösung: 2,5 Mio. USD pro Jahr → 7,5 Mio. USD in drei Jahren
- Ergebnis: ROI > 10x
Übertragen auf eine österreichische Konstellation mit kleineren Dimensionen kann das etwa so aussehen (vereinfachte Beispielrechnung):
- Gesamtbeitrag aller Hebel (Einarbeitung, Produktivität, Storno, Cross‑Sell, Risikoselektion, IT) → 5–8 Mio. EUR zusätzlicher Gewinn in 3 Jahren
- Investition in KI‑Plattform, Integration, Change & Schulung → 0,5–0,8 Mio. EUR/Jahr → 1,5–2,4 Mio. EUR in 3 Jahren
- Damit landen Sie bei einem ROI zwischen 3x und 5x, in ambitionierten Szenarien auch darüber.
Der springende Punkt: Wer sauber misst, merkt schnell, dass sich „KI für Versicherungen“ nicht als abstraktes Innovationsprojekt, sondern als klarer Business Case argumentieren lässt.
Worauf österreichische Versicherer achten sollten
-
Business‑Ziele vor Technologie definieren
Geht es primär um Storno, Cross‑Sell, Produktivität oder Schadenquote? Ordnen Sie Ihre KI‑Initiativen diesen Zielen klar zu. -
Baselines festhalten
Dokumentieren Sie Ausgangswerte (Conversion, Storno, Bearbeitungszeiten, Schadenquote), bevor Sie KI live schalten. -
Pilotieren, messen, skalieren
Starten Sie fokussiert – etwa in Kfz oder Haushalt –, ziehen Sie nach 6–12 Monaten eine saubere ROI‑Bilanz und skalieren Sie nur, wenn die Zahlen stimmen. -
Führung & Vertrieb früh einbinden
KI ohne Akzeptanz im Vertrieb bleibt eine schöne Demo. Schulen Sie Agenten, erklären Sie die Logik der Empfehlungen und nutzen Sie Feedback aus der Praxis.
Fazit: KI-ROI wird zum neuen Standard in der Versicherungssteuerung
Wer in Österreich über KI für Versicherungen und InsurTech spricht, muss über Zahlen sprechen. Die Zeit der „Experimente ohne klaren Business Case“ läuft ab. Vorstände und Aufsichtsräte erwarten nachvollziehbare ROI‑Rechnungen – und genau die lassen sich mit realen Case‑Studys wie Zelros gut aufbauen.
Die zentrale Erkenntnis:
KI im Versicherungswesen rechnet sich nicht über einen einzigen spektakulären Effekt, sondern über viele messbare Verbesserungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Wenn Sie für Ihr eigenes Haus wissen wollen, ob ein 3x, 5x oder 10x‑ROI realistisch ist, führt kein Weg an einer individuellen, datenbasierten Analyse vorbei: Welche Portfolios, welche Kanäle, welche Prozesse – und welche Hebel wirken dort am stärksten?
Wer das jetzt strukturiert angeht, wird in den nächsten drei Jahren zu den Gewinnern der Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ gehören – nicht, weil er die lautesten Innovationstories erzählt, sondern weil der ROI im Reporting schwarz auf weiß steht.