Standard-RAG reicht für österreichische Versicherer nicht. Warum das so ist – und wie echte KI-Entscheidungsengines für Schaden, Risiko und Beratung aussehen.
Warum simples RAG für Versicherungen scheitert – und was Österreichs Assekuranzen stattdessen brauchen
Österreichische Versicherer investieren 2025 so viel in KI wie nie zuvor. Schadenbearbeitung, Risikoprüfung, Betrugserkennung, personalisierte Tarife – überall taucht Generative AI auf den Roadmaps auf. Viele Technologieprojekte starten derzeit mit einem simplen Versprechen: „Wir hängen ein RAG-System an unsere PDFs, dann beantwortet die KI alle Fragen zu Polizzen und Bedingungen.“
Die Realität? Die meisten dieser RAG-PoCs scheitern still. Die Antworten sind zu grob, wichtige Ausnahmen fehlen, Haftungsrisiken bleiben beim Versicherer. Für streng regulierte Märkte wie Österreich ist das brandgefährlich.
Hier ist der Punkt: Retrieval Augmented Generation (RAG) ist ein wichtiges Bauteil, aber als „Out-of-the-box“-Lösung allein völlig ungeeignet für Versicherungen. Wer KI ernsthaft in der österreichischen Versicherungsbranche einsetzen will, braucht eine ganz andere Architektur – eine Entscheidungsengine, die Regulatorik, Produkte und Prozesse wirklich versteht.
In diesem Beitrag aus der Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ zeige ich, warum simples RAG nicht reicht, welche Risiken dahinterstecken und wie ein versicherungs-tauglicher Ansatz aussieht, der tatsächlich Mehrwert und ROI bringt.
1. Warum Standard-RAG Versicherungsdokumente falsch versteht
Ein klassisches RAG-System funktioniert so: Es durchsucht Dokumente (z.B. AVB, Richtlinien, Wissensdatenbank), holt passende Textstellen und lässt ein Sprachmodell daraus eine Antwort formulieren.
Das klingt perfekt für Versicherung – ist es aber nicht. Denn Versicherungsbedingungen sind hochgradig vernetzt, juristisch heikel und voller Sonderfälle.
Beispiel aus der Praxis: „Bin ich bei Sturmschäden an Bäumen versichert?“
Stellen wir uns eine typische österreichische Haushalt- oder Eigenheimversicherung vor. Eine Kundin fragt im Chatbot:
„Bin ich versichert, wenn ein Sturm die Bäume in meinem Garten beschädigt?“
Ein simples RAG durchsucht die 60–80 Seiten Bedingungen und findet irgendwann einen Absatz: „Bäume und Pflanzen auf dem Grundstück sind bei Sturmschäden versichert, sofern sie vor mindestens zwei Jahren gepflanzt wurden.“
Die generierte Antwort lautet dann:
„Ja, Sie sind versichert, wenn die Bäume seit mindestens zwei Jahren gepflanzt sind.“
Das wirkt korrekt – ist in der Praxis aber brandgefährlich. Denn:
- Auf einer anderen Seite steht, dass der Schutz nur gilt, wenn eine Zusatzdeckung fĂĽr AuĂźenanlagen eingeschlossen ist.
- In einer Tabelle weiter hinten sind Entschädigungsobergrenzen pro Baum geregelt.
- Im Ausschlussteil steht, dass Grundstücke über einer bestimmten Größe ausgeschlossen sind.
- Und im Schadenersatzteil: Leistung nur gegen Nachweis der Wiederanpflanzung binnen zwei Jahren, abzüglich allfälliger öffentlicher Förderungen.
Eine versicherungstaugliche Antwort muss also mindestens abdecken:
- Gilt die Deckung nur mit bestimmter Zusatzoption?
- Welche Voraussetzungen (Alter der Bäume, Grundstücksgröße)?
- Welche Limits (z.B. Betrag pro Baum, Jahreshöchstleistung)?
- Wie wird entschädigt (Zeitwert, Neuwert, Wiederanpflanzung, Fristen)?
- Was wird abgezogen (z.B. Förderungen, Selbstbehalt)?
Genau hier scheitert simples RAG. Es versteht nicht die Struktur der Dokumente, sondern nur Textfetzen. Für Konsumgüter mag „halb richtig“ reichen – für Versicherungsverträge nicht.
Merksatz: In der Versicherungsbranche ist eine unvollständige Antwort oft gefährlicher als gar keine Antwort.
2. Tabellen, Fußnoten, Anhänge: Warum Versicherungs-AVB RAG überfordern
Die komplexesten Informationen in Versicherungsbedingungen stehen selten im FlieĂźtext. Sie stecken in:
- Deckungstabellen
- Leistungsmatrizen
- Aufzählungen mit Fußnoten
- Sonderbedingungen in Anhängen
Genau dort finden sich Leistungsgrenzen, Selbstbehalte, Wartezeiten, regionale Ausnahmen – also genau die Details, die im Streitfall vor Gericht relevant sind.
Warum LLMs mit Tabellen kämpfen
Standard-RAG setzt voraus, dass Inhalte als Text vorliegen. Versicherungs-Tabellen hingegen sind häufig:
- schlecht aus PDF extrahierbar,
- mit verschachtelten Spalten/Kopfzeilen aufgebaut,
- mit „*“ und Fußnoten vollgestopft,
- in Dokumente verteilt (Hauptbedingungen, Zusätze, Produktfolder).
Ohne spezielle Vorverarbeitung (z.B. Computer Vision + semantische Interpretation) entsteht fĂĽr das Modell ein chaotischer Textblock ohne Kontext. Das fĂĽhrt typischerweise zu:
- ignorierten Limits („bis 10.000 € pro Jahr“ fehlt in der Antwort),
- falscher Zuordnung von Spalten (z.B. verwechselt Tarifvarianten),
- komplett ĂĽbersehenen AusschlĂĽssen.
Für österreichische Versicherer, die ID-G, VAG, DSGVO und FMA-Erwartungen berücksichtigen müssen, ist das nicht tragbar.
Wer ernsthaft KI in der Produktberatung oder Schadenkommunikation einsetzen will, muss Tabellen in strukturierte, maschinenlesbare Wissenseinheiten überführen – und genau das leistet simples Standard-RAG nicht.
3. Statisches Wissen bedeutet: Fehler werden endlos wiederholt
Viele aktuelle RAG-Implementierungen in Versicherungen werden an statische Wissensquellen angeschlossen:
- PDF-Bedingungen
- Produktunterlagen
- ProzesshandbĂĽcher
- Wissensdatenbank der Fachbereiche
Das System erreicht dann vielleicht 60–80 % korrekte Antworten im PoC – und bleibt dort stehen. Denn:
- Die Quelle (Dokumente) ist nicht dafĂĽr gemacht, von Maschinen befragt zu werden.
- Fehlerhafte oder unklare Stellen werden nicht systematisch korrigiert.
- Es gibt keinen Feedback-Loop zwischen Fachbereich, IT und KI-Modell.
Die Folge: Das System macht monatelang die gleichen Fehler, nur schneller. Für ein reguliertes Geschäft ist das ein No-Go.
Wie ein sinnvoller Lernzyklus aussieht
Ein versicherungsfähiger Ansatz braucht einen strukturierten Verbesserungsprozess:
- Monitoring: Welche Fragen werden gestellt, wo liegen Fehlerraten, wo gibt es viele RĂĽckfragen durch Agenten oder Sachbearbeitung?
- Fachliche Review: Fachabteilungen markieren falsche, unvollständige oder zu vage Antworten.
- Kuratiertes Wissen: Aus den ursprünglichen PDFs wird strukturierter Content erzeugt (z.B. Entscheidungsbäume, Regelwerke, FAQ mit präzisen Konstellationen).
- Retraining/Feintuning: Die KI wird auf dieser kuratierten Wissensbasis optimiert.
Das Ergebnis ist nicht mehr nur ein „Suchaufsatz auf PDFs“, sondern eine echte Entscheidungsengine – und genau dorthin bewegt sich der Markt der InsurTech-Lösungen.
4. Ohne kluge UX entstehen neue Fehler – nur digital
Viele Versicherer unterschätzen, wie stark User Experience (UX) die Qualität von KI-Entscheidungen beeinflusst. Die gleiche fachlich richtige Antwort kann je nach Darstellung komplett unterschiedlich verstanden werden.
Für österreichische Versicherungen, die gerade Self-Service-Portale, Maklerplattformen und interne Cockpits digitalisieren, ist das zentral.
Drei UX-Prinzipien fĂĽr KI in Versicherungen
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Integration in bestehende Workflows
Die beste KI nützt nichts, wenn sie im dritten Tool versteckt ist. Für Agenten, Makler, Schadenbearbeiter:innen und Kund:innen muss die Entscheidung dort erscheinen, wo sie ohnehin arbeiten – im Bestandssystem, Maklerportal, Schaden-Cockpit oder Kundenportal. -
Kontextbewusstsein
Ein RAG, das nur Textbedingungen liest, ignoriert den konkreten Fall. Ein intelligentes System nutzt:- vorhandene Verträge (Sparten, Tarife, Deckungserweiterungen),
- Kundendaten (z.B. Nutzungsart, Adresse, Alter des Objekts),
- Schadenkontext (Sturm, Hochwasser, Glasbruch, Unfallort).
Beispiel: Bei einem Kfz-Schaden durch Hochwasser muss die KI zuerst erkennen, ob Kasko vorhanden ist, ob Elementardeckung eingeschlossen ist und ob der Schaden im Rahmen der Gebäude- oder Kfz-Versicherung zu betrachten ist. Erst dann lohnt sich überhaupt ein Blick in die jeweiligen Bedingungen.
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Vertrauen und ĂśberprĂĽfbarkeit
Nutzer:innen – egal ob Kundin im Portal oder Underwriter in der Fachabteilung – müssen erkennen:- Wie sicher ist diese Antwort?
- Auf welchen Quellen beruht sie?
- Welche Alternativen oder Unsicherheiten gibt es?
Das kann über Confidence-Anzeigen, Farbcodes, Quellenverweise oder Erklärtexte geschehen. So behalten Menschen die Kontrolle und können kritisch eingreifen, bevor ein falsches Leistungsversprechen abgegeben wird.
Die Kombination aus KI-Entscheidung + transparenter Erklärung + klarer Nutzerführung ist der Schlüssel, um Haftungsrisiken zu reduzieren und Akzeptanz im Vertrieb zu gewinnen.
5. Structured vs. Unstructured: Erst die Verbindung bringt echten ROI
Das vielleicht wichtigste Missverständnis rund um RAG: Viele Projekte schauen nur auf unstrukturierte Inhalte wie PDFs oder E-Mails. In der Versicherung liegt der eigentliche Schatz aber in strukturierten Daten:
- Bestandsdaten (Polizzen, Risiken, Mitversicherungen)
- Schadenhistorie
- Zahlungsverhalten
- Risikomerkmale aus Underwriting
- Betrugsindikatoren
Unstrukturierte Daten sind nur ein Teil des Puzzles. Für smarte KI-Anwendungen in der österreichischen Versicherungsbranche müssen beide Welten verbunden werden.
Beispiele aus der Praxis in Ă–sterreich
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Schadenbearbeitung
- Strukturiert: Art des Schadens, Datum, Deckungsumfang, Selbstbehalt.
- Unstrukturiert: Freitext-Schadenmeldung, Fotos, Werkstattberichte.
Eine gute KI prüft erst: „Deckt dieser Vertrag diesen Schaden grundsätzlich?“ (Regelwerk + strukturierte Daten) und nutzt dann RAG auf Gutachten, Fotos und E-Mails, um Empfehlungen zur Regulierung zu geben.
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RisikoprĂĽfung / Underwriting
- Strukturiert: Fragebögen, Tarifmerkmale, Risiko-Scorings.
- Unstrukturiert: Ärztliche Berichte, Gutachten, Maklernotizen.
Hier kann Generative AI den Underwriter*innen Vorschläge zur Risikoeinschätzung und Formulierung von Klauseln machen – aber nur, wenn sie auf beidem basiert: Tariflogik und Dokumentenwissen.
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Personalisierte Tarife & Next Best Action
- Strukturiert: Kundenprofil, bestehende Verträge, Zahlungsverhalten.
- Unstrukturiert: E-Mail-Anfragen, Telefon-Transkripte, Chatverläufe.
Eine KI, die beides zusammenführt, kann Agent:innen in Österreich helfen, sinnvolle Zusatzangebote zu machen – etwa eine Elementarschaden-Erweiterung nach wiederkehrenden Starkregen-Events.
Wer nur ein Standard-RAG ĂĽber AVB stĂĽlpt, verschenkt 80 % des Potenzials von KI in der Versicherung.
6. Wie österreichische Versicherer jetzt vorgehen sollten
Die gute Nachricht: Der Weg von „RAG-PoC im Labor“ zu produktiver, regulierungskonformer KI ist machbar – wenn man strategisch vorgeht.
Konkrete Handlungsempfehlungen
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Use Cases scharf definieren
Nicht mit der Technologie, sondern mit Geschäftszielen starten:- „Bearbeitungszeit im Schaden um 30 % reduzieren“
- „Beratungsqualität im Maklerkanal messbar steigern“
- „Fehlzuordnungen von Deckung in der Hotline halbieren“
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Dokumente strukturieren statt nur „hochzuladen“
- AVB in Regelsätze, Entscheidungsbäume und strukturierte Tabellen überführen.
- Kritische Deckungsbereiche (z.B. Unwetter, Elementar, Haftpflicht) besonders fein modellieren.
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Mensch-in-der-Schleife etablieren
- Fachbereiche und Compliance aktiv beteiligen.
- Feedbackschleifen einbauen, in denen Antworten bewertet und Wissen verbessert wird.
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IT- und Fachwelt verbinden
- KI muss an Bestands-, Schaden- und CRM-Systeme angeschlossen werden.
- Nur so entstehen wirklich kontextbezogene, fallbezogene Entscheidungen.
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Schrittweise ausrollen, aber konsequent messen
- Mit einem klar abgegrenzten Use Case starten (z.B. Haushalts-Schadenhotline in einem Bundesland).
- KPI-basiert entscheiden, wo man skaliert und wo nachschärfen muss.
Fazit: RAG ist nur der Anfang – die Zukunft gehört Entscheidungsengines
RAG ist für österreichische Versicherungen weder nutzlos noch ausreichend. Als Baustein ist es wertvoll – etwa, um Textstellen schnell zu finden oder komplexe Dokumente verständlicher zu machen.
Aber: Wer sich auf ein „Standard-RAG über PDFs“ verlässt, riskiert fehlerhafte Leistungsversprechen, frustrierte Kund:innen und Probleme mit der Aufsicht. Für eine Branche, die auf Vertrauen und Rechtssicherheit basiert, ist das zu wenig.
Die Zukunft von „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ liegt in domänenspezifischen Entscheidungsengines, die:
- die Struktur von Versicherungsdokumenten wirklich verstehen,
- strukturierte und unstrukturierte Daten verbinden,
- aus Feedback laufend lernen,
- und ihre Entscheidungen transparent erklären.
Wer diese Architektur jetzt aufbaut, wird in den nächsten Jahren nicht nur effizienter, sondern auch kunden- und vertriebsnaher arbeiten – und genau das wird im zunehmend wettbewerbsintensiven österreichischen Markt den Unterschied machen.