Die Pepp-Reform löst zentrale Bremsklötze. Für österreichische Versicherer öffnet sie – kombiniert mit KI und InsurTech – ein spannendes Feld in der Zusatzvorsorge.

Pepp-Reform: Was sich ändert – und warum das für Österreichs Versicherer jetzt spannend wird
Die Zahl ist ernüchternd: Laut EU-Kommission verlassen sich noch immer deutlich über 60 % der Europäer fast ausschließlich auf die staatliche Pension. Gleichzeitig steigen Lebenserwartung, Inflation und Zinsvolatilität. Das macht Zusatzpensionen von „nice to have“ zu einem echten Risikohebel.
Genau hier setzt die Reform des Paneuropäischen Privaten Pensionsprodukts (Pepp) an. Brüssel hat im November ein Paket vorgelegt, das den schleppenden Markt für Pepp-Produkte neu starten soll – mit weniger Regulierungshürden und mehr Flexibilität für Anbieter. Verbände wie Insurance Europe und der deutsche GDV sprechen von einer willkommenen Entwicklung. Vermittler wiederum fordern: Ohne Beratung geht es nicht.
Für österreichische Versicherer ist das mehr als eine Regulierungsnote aus Brüssel. Es ist ein Signal: Wer jetzt intelligente, KI-gestützte Altersvorsorgeprodukte entwickelt, kann sich früh im europäischen Markt positionieren – gerade mit Blick auf InsurTech, Automatisierung und personalisierte Tarife.
In diesem Beitrag schauen wir uns an:
- welche Kernpunkte die Pepp-Reform tatsächlich ändert,
- wie die Branche reagiert,
- und wie Künstliche Intelligenz österreichischen Versicherern hilft, Pepp-Angebote profitabel, regelkonform und kundenfreundlich aufzubauen.
1. Was die Pepp-Reform konkret vorsieht
Die Pepp-Reform zielt darauf ab, das bisher kaum genutzte Produktformat endlich marktfähig zu machen. Bis heute sind in der gesamten EU nur zwei Pepp-Anbieter registriert. Das sagt alles.
Zentrale Änderungen im Überblick
Die wichtigsten Punkte aus dem Entwurf der EU-Kommission:
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Abschaffung des 1-%-Kostendeckels im Basis-Pepp
Bisher durften die laufenden Kosten im Basis-Pepp maximal 1 % pro Jahr betragen. Das war politisch attraktiv, wirtschaftlich aber oft nicht tragfähig – insbesondere, wenn Beratung und digitale Services sauber eingepreist werden sollen. -
Wegfall der Pflicht zu Unterkonten in mindestens zwei Mitgliedstaaten
Anbieter mussten ursprünglich länderübergreifende Unterkonten anbieten. Das hat die IT-Komplexität erhöht, ohne dass ein echter Kundennutzen entstanden ist – zumal die Nachfrage nach länderübergreifender Portabilität bisher minimal ist. -
Mehr Freiheit bei Produktvarianten
Versicherer sollen künftig Pepp-Varianten anbieten können, ohne zwingend ein Basis-Pepp im Portfolio zu haben. -
Basis-Pepp prinzipiell auch ohne Beratung abschließbar
Genau hier entzündet sich die Diskussion: Die Kommission will ein einfaches, standardisiertes Produkt, das online ohne klassische Beratung verkauft werden kann. Vermittlerverbände schlagen Alarm.
Der rote Faden: Pepp soll einfacher für Anbieter, zugänglicher für Kunden und anschlussfähiger an nationale Altersvorsorgesysteme werden.
Damit ist der Ball bei den Versicherern – und bei deren Technologie-Stacks. Denn was früher regulatorisch blockiert war, hängt künftig stark davon ab, wie effizient Produkte kalkuliert, vertrieben und verwaltet werden.
2. Reaktionen der Branche: Zustimmung mit einem großen „Aber“
Die ersten Stellungnahmen aus der Branche sind überwiegend positiv – mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Insurance Europe: Flexibilität und Innovation im Fokus
Der europäische Versicherungsdachverband Insurance Europe spricht von einem „strategischen Neustart“:
- Die Beseitigung des Kostendeckels und der Unterkontenpflicht wird als „signifikante Verbesserung“ bezeichnet.
- Mehr Flexibilität soll Innovation fördern und maßgeschneiderte Pepp-Lösungen ermöglichen.
- Wichtig bleiben:
- Berücksichtigung nationaler Rahmenbedingungen,
- Fokus auf langfristiges Alterseinkommen statt kurzfristiger Performance,
- sinnvolle Risikominderung (z.B. Garantien, Life-Cycle-Modelle),
- persönliche Beratung als Qualitätsanker.
Lesart aus Sicht eines Produktverantwortlichen: Die EU zieht die Handbremse bei unnötiger Komplexität. Dafür wächst die Verantwortung der Anbieter, Pepp sinnvoll und nachhaltig zu designen – fachlich wie technologisch.
GDV: Pepp aus der Nische holen
Der deutsche Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht eine „Chance für moderne Altersvorsorge in Europa“:
- Der Wegfall der Zwei-Länder-Pflicht und des Kostendeckels soll den Marktzugang erleichtern.
- Anbieter erhalten mehr Spielraum für flexible Vorsorgeprodukte, die sich in nationale Systeme integrieren lassen.
Damit eröffnet sich auch für österreichische Häuser eine Option: Pepp als Baustein in hybriden Vorsorgekonzepten, z.B. Kombination klassischer Lebensversicherung mit fondsgebundenen Elementen und digitalen Self-Service-Strecken.
BVK: Kostenfreigabe ja, Beratungsfreiheit nein
Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) begrüßt zwar die Abschaffung des Kostendeckels – genau damit wird aus Verbandssicht überhaupt erst eine seriöse Beratung finanzierbar.
Gleichzeitig warnt der BVK davor, das Basis-Pepp als vollständig beratungsfreies Produkt zu etablieren:
Altersvorsorge ist komplex und erfordert individuelle Lösungen. Ein Produkt ohne Beratung birgt erhebliche Risiken für Verbraucher.
Gefordert wird daher mindestens eine Beratungspflicht vor Vertragsabschluss, um Fehlentscheidungen und Versorgungslücken zu vermeiden.
Für den österreichischen Markt ist das relevant, weil dieselbe Frage auftaucht: Wie verbinden wir digitale Abschlüsse, KI-gestützte Empfehlungen und echte Beratungspflicht so, dass der Kunde geschützt bleibt – und der Vertrieb effizient wird?
3. Was bedeutet die Pepp-Reform für österreichische Versicherer konkret?
Für Österreich ist Pepp bisher ein Papiertiger. Es gibt keine heimischen Anbieter, die Flut an nationalen Vorsorgeprodukten ist groß, und Vertriebskapazitäten sind begrenzt. Trotzdem ist der Zeitpunkt spannend – gerade vor dem Hintergrund „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“.
Drei strategische Chancen
- Neupositionierung im EU-Markt
Wer früh ein klar strukturiertes, digitales und KI-gestütztes Pepp-Angebot aufsetzt, kann auch aus Österreich heraus EU-weit Kunden ansprechen – ohne sich mit der alten Zwei-Länder-Unterkontenpflicht zu belasten.
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Modulare Vorsorgebausteine entwickeln
Die neue Flexibilität bei Varianten ermöglicht Baukastenprodukte, etwa:- Basis-Pepp mit einfacher Standardanlage,
- Premium-Pepp mit dynamischer Asset-Allokation und KI-basierter Risikosteuerung,
- Pepp-Variante speziell für Grenzgänger oder Expats in der Region DACH/CEE.
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Beratung + Digital = Hybridmodelle
Statt „Beratung vs. Online“ können Versicherer hybride Modelle etablieren:- Vorqualifizierung und Bedarfserhebung per KI-gestütztem Chat oder Robo-Advisor,
- automatisches Dokumenten-Pre-Check (KYC, Angemessenheit),
- finale Absicherung durch menschlichen Berater – vor Ort oder per Video.
Hier entsteht ein Spielfeld, in dem InsurTech-Kompetenz zum echten Wettbewerbsvorteil wird.
4. Wo KI ins Spiel kommt: Von Produktkalkulation bis Vertrieb
Die Reform allein bringt noch keine funktionierenden Pepp-Produkte. Entscheidend wird sein, wie effizient Anbieter Produktdesign, Risikosteuerung, Beratung und Administration organisieren. Genau hier spielt Künstliche Intelligenz (KI) ihre Stärken aus.
a) Risikobewertung und Produktdesign
KI-Modelle können historische Kapitalmarkt- und Kundendaten auswerten, um:
- Life-Cycle-Strategien zu optimieren (z.B. automatische Reduktion der Aktienquote bei Annäherung an das Rentenalter),
- Garantien und Sicherungsmechanismen marktgerecht zu bepreisen,
- Simulationen von Stress-Szenarien (Zinsanstieg, Inflation, Crashs) laufend zu aktualisieren.
Das Ergebnis: Tarife, die stabiler kalkuliert sind, bei gleichzeitig schlankeren Sicherheitszuschlägen – was direkt auf die Attraktivität der Produkte einzahlt.
b) Schaden- und Leistungsbearbeitung im Rentenbezug
Auch wenn Pepp kein klassisches Schadenprodukt ist, fallen im Leistungsfall zahlreiche Prüf- und Verwaltungsprozesse an. KI kann:
- Dokumente (Ausweiskopien, Nachweise, Bankdaten) automatisiert auslesen,
- Plausibilitätschecks durchführen,
- Auffälligkeiten markieren, die auf Betrug oder Identitätsdiebstahl hindeuten.
Gerade bei Renten mit langen Laufzeiten lohnt sich eine weitgehend automatisierte Verwaltung, um die Kostenquote zu begrenzen – ein kritischer Punkt, wenn künftig kein starrer Kostendeckel mehr existiert, der als „externe Disziplin“ wirkt.
c) Vertrieb, Beratung und Personalisierung
Hier liegt der größte Hebel:
- Digitale Bedarfsermittlung: KI-gestützte Tools erfassen Einkommen, bisherige Vorsorge, Risikoaffinität und Lebensziele. Daraus entsteht ein personalisierter Vorsorgeplan.
- Produktempfehlungen: Auf Basis von Profil und Regulatorik (z.B. Geeignetheitsprüfung) schlägt das System passende Pepp-Varianten vor.
- Beratungsunterstützung: Der menschliche Vermittler erhält eine strukturierte Empfehlung, kann nachschärfen und dem Kunden transparent erklären, wie die Empfehlung zustande gekommen ist.
Das Spannende: Beratungspflicht und digitale Effizienz schließen sich nicht aus – sie verstärken sich sogar. KI kann Berater entlasten, Standardfälle automatisieren und Raum für wirklich komplexe Fälle schaffen.
d) Compliance und Regulierung
Pepp unterliegt, wie alle Altersvorsorgeprodukte, strengen Aufsichtsregeln. KI kann hier unterstützen bei:
- automatischer Protokollierung von Beratungs- und Empfehlungspfaden,
- Überwachung von Anlagegrenzen und Risikokennzahlen in Echtzeit,
- Erkennung von Beratungsmustern, die zu systematischen Fehlberatungen führen könnten.
Für österreichische Versicherer, die oft mit knappen Compliance-Ressourcen arbeiten, ist das ein handfester Produktivitätshebel.
5. Praxisnahe Schritte für Versicherer und Vermittler in Österreich
Die Pepp-Reform ist noch nicht endgültig beschlossen, aber der Kurs ist klar. Wer nicht warten will, bis alle Details ausverhandelt sind, kann jetzt schon zentrale Weichen stellen.
Für Versicherungsunternehmen
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Strategische Entscheidung treffen:
Will man überhaupt in den Pepp-Markt einsteigen? Welche Zielgruppen sind realistisch (junge Berufseinsteiger, mobile Arbeitnehmer, Grenzgänger, vermögende Privatkunden)? -
Daten- und KI-Strategie aufsetzen:
- Welche Daten sind vorhanden (Bestände, Stornoverhalten, Kapitalmarkt)?
- Wo fehlen Daten für sinnvolle KI-Modelle, und wie können sie beschafft werden?
- Wie lassen sich Modelle transparent gestalten (Explainable AI), um Aufseher und Kunden abzuholen?
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Digitale Customer Journey definieren:
Vom ersten Online-Rechner über Robo-Advice bis zum finalen Video-Call: Wer früh eine saubere Journey designt, nutzt die Reform als Wachstumschance statt als Pflichtübung.
Für Vermittler und Makler
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Beratungskompetenz in EU-Altersvorsorge aufbauen:
Auch wenn Pepp heute in Österreich kaum vorkommt – wer grenzüberschreitende Kunden betreut, wird künftig gezielt danach gefragt. -
KI-gestützte Tools nutzen statt bekämpfen:
Gute KI-Lösungen sind kein Ersatz, sondern ein Turbo für Beratung: Bessere Vorbereitung, schnellere Berechnungen, sauberere Dokumentation. -
Klare Positionierung zum Thema Beratungspflicht:
Vermittler, die offensiv für qualifizierte Beratung bei Pepp eintreten, können sich positiv vom reinen „Online-Abschluss“ absetzen – gerade gegenüber verunsicherten Kunden.
Ausblick: Pepp, KI und die neue Rolle der Altersvorsorge in Europa
Die Pepp-Reform ist kein großer Wurf auf einen Schlag, aber sie räumt zentrale Bremsklötze aus dem Weg. Ohne Kostendeckel, ohne Unterkontenpflicht und mit mehr Produktfreiheit wird Pepp für Versicherer erstmals wirklich interessant.
Für österreichische Player entsteht ein Spielfeld, das perfekt zur Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ passt:
- standardisiertes EU-Produkt,
- hoher Bedarf an effizienter Verwaltung,
- komplexe Kapitalmarkt- und Regulierungsanforderungen,
- und ein Kundensegment, das digitale Services erwartet.
Wer KI gezielt einsetzt – von der Tarifierung über Risiko- und Betrugserkennung bis hin zu personalisierten Vorsorgeplänen – kann Pepp nicht nur „mitlaufen lassen“, sondern als Profitcenter und Differenzierungsmerkmal etablieren.
Die eigentliche Frage für die nächsten Jahre lautet daher weniger: Kommt Pepp endlich?
Sondern: Wer in Österreich nutzt Pepp und KI zuerst so klug, dass daraus ein echter Wettbewerbsvorteil entsteht?