Naturrisiken kosten Österreich jährlich über 1 Mrd. Euro. Wie KI, HORA und Prävention Versicherern helfen, Risiken besser zu kalkulieren und Kund:innen zu gewinnen.

Naturrisiken in Ă–sterreich: Warum Versicherer jetzt handeln mĂĽssen
Über eine Milliarde Euro – so hoch liegen die jährlichen versicherten Schäden durch Naturkatastrophen in Österreich im langjährigen Schnitt. Und das, obwohl 2025 bislang relativ glimpflich verlaufen ist. Die Entwicklung ist klar: Extremwetter nimmt zu, Schäden steigen, und die Lücke zwischen Risiko und Absicherung wird größer.
Für österreichische Versicherer ist das nicht nur ein Kostenfaktor, sondern eine strategische Weichenstellung. Wer Naturrisiken nicht präzise versteht, bepreist und steuert, verliert mittelfristig sowohl Profitabilität als auch Kund:innen. Gleichzeitig eröffnet Künstliche Intelligenz (KI) genau hier neue Möglichkeiten – von smarter Risikobewertung über dynamische Tarife bis zu automatisierter Schadenbearbeitung.
In diesem Beitrag schauen wir auf drei Ebenen:
- Wie sich Naturrisiken in Österreich entwickeln – mit Fokus auf Klimawandel und Verbauung.
- Welche Rolle Prävention, Eigenvorsorge und Tools wie HORA spielen.
- Wie InsurTech und KI Versicherern helfen, Naturrisiken besser zu managen und neue Produkte fĂĽr Kund:innen in Ă–sterreich zu entwickeln.
1. Naturrisiken in Ă–sterreich: Status quo und Trend
Österreich ist kein klassisches „Katastrophenland“ wie Japan oder die USA. Trotzdem steigen die Schäden deutlich:
- 320 Milliarden Dollar: weltweite Extremschäden im Vorjahr, fast das Doppelte des 30‑jährigen Durchschnitts.
- > 1 Milliarde Euro pro Jahr: durchschnittliche versicherte Schäden durch Naturkatastrophen in Österreich.
- GroĂźe Einzelereignisse wie das Jahrhundert-Hochwasser Herbst 2024 sind in manchen Langfristbetrachtungen noch gar nicht voll eingerechnet.
Der Klimawandel wirkt als Beschleuniger. Als alpines Binnenland ist Ă–sterreich besonders betroffen:
- Gebirgsmassen speichern mehr Wärme.
- Wärmere Luft kann pro Grad 6–7 % mehr Wasser aufnehmen.
- Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Starkregen, Hochwasser, Muren, Hangrutschungen.
Parallel dazu wächst der Druck durch Verbauung und Siedlungsdichte. Mehr Infrastruktur und mehr Wohnraum in gefährdeten Lagen bedeuten: Selbst bei unverändertem Klima würden die potenziellen Schäden steigen. Mit Klimawandel steigen Risiko und Exponierung gleichzeitig.
Für Versicherer heißt das: Die Naturrisiko-Kurve ist nach oben geknickt – und klassische Modellansätze aus der Vergangenheit reichen nicht mehr. Wer weiter mit alten Annahmen kalkuliert, fährt blind.
2. Prävention, Eigenvorsorge und HORA: Wo Österreich noch hinterherhinkt
Der Umgang mit Naturgefahren ist mehr als eine Versicherungsfrage. Er beginnt bei Bewusstsein und Prävention.
Fehlende Eigenvorsorge – ein strukturelles Problem
Eine aktuelle Umfrage des KFV zeigt, wie groĂź die LĂĽcke ist:
- 61 % der Bevölkerung fühlen sich auf Naturkatastrophen nicht oder nur unzureichend vorbereitet.
- Nur 38 % sehen sich selbst für Katastrophenprävention mitverantwortlich.
- Stattdessen werden Zuständigkeiten vor allem der Wohnsitzgemeinde (68 %), dem Bund (50 %), dem Bezirk (48 %) und dem Katastrophenschutz (42 %) zugeschrieben.
Das spiegelt sich direkt im Schadenverlauf wider: Viele Schäden könnten reduziert werden, wenn einfache Maßnahmen umgesetzt würden – etwa Rückstauklappen, bauliche Anpassungen, intelligente Entwässerung, Verzicht auf Keller-Ausbau in Hochrisikozonen oder die richtige Lagerung wertvoller Güter.
HORA als Vorzeigeprojekt – noch zu wenig genutzt
Mit HORA steht Österreich eines der besten Werkzeuge zur Naturgefahreneinschätzung in Europa zur Verfügung. Die interaktive Gefahrenlandkarte zeigt für jeden Punkt im Land relevante Risiken wie Hochwasser, Lawinen, Muren oder Sturm.
HORA wurde mehrfach ausgezeichnet (u. a. eAward 2024, Staatspreis fĂĽr Klimawandelanpassung, Ă–sterreichischer Verwaltungspreis 2025) und ist international anerkannt. Trotzdem nutzen es viele Private noch kaum.
Hier liegt ein Hebel, den Versicherer klug in ihre Beratung integrieren können:
- Risikoaufklärung im Beratungsgespräch: „Lassen wir uns gemeinsam Ihre Adresse in HORA ansehen.“
- Transparente Darstellung, warum eine bestimmte Prämie oder ein Selbstbehalt so gewählt ist.
- Kombi aus Präventionscheck + Versicherungslösung: „Wenn Sie diese baulichen Maßnahmen setzen, reduziert sich Ihr Risiko – und wir können Ihren Tarif anpassen.“
Genau an dieser Schnittstelle wird KI spannend.
3. Wie KI Naturrisiken fĂĽr Versicherer neu berechenbar macht
KI ist für Naturrisiken kein Buzzword, sondern ein Werkzeug, um Komplexität beherrschbar zu machen. Der Kern: bessere Daten, schnellere Analysen, dynamische Entscheidungen.
3.1 KI-gestĂĽtzte Risikomodelle fĂĽr Naturgefahren
Traditionelle Risikomodelle für Naturkatastrophen arbeiten mit langjährigen Statistiken, festen Gefahrenzonen und Szenarioanalysen. Das war lange sinnvoll – passt aber immer weniger zu einem Klima, das sich deutlich schneller verändert als historische Reihen.
KI-Modelle können hier mehr:
- Kombination von HORA-Daten, Wetterdaten, Geodaten, Bau- und Nutzungsinformationen.
- Erkennung von Mustern, die klassische Modelle übersehen, etwa Mikroklimata oder veränderte Abflussdynamiken.
- Laufende Aktualisierung der Risikoeinstufung auf Basis neuer Ereignisse und Sensordaten.
Praktisch bedeutet das: Anstatt nur „Hochwasserzone 2“ zu bewerten, kann ein KI-Modell für ein konkretes Gebäude berechnen, wie hoch das Überflutungsrisiko in den nächsten 10 Jahren unter unterschiedlichen Klimaszenarien ist – ergänzt um Faktoren wie Kellerlage, Baujahr, Sanierungsstand und lokale Entwässerung.
3.2 Dynamische Tarifierung und Underwriting mit KI
Wenn Risiken präziser berechnet werden, können Tarife deutlich differenzierter gestaltet werden – und zwar fairer für Kund:innen und stabiler für das Kollektiv.
Beispiele fĂĽr KI-basierte Anwendungen im Underwriting:
- Feingranulare Tarifzonen: Anstatt einer groben Gemeindeeinstufung wird straĂźen- oder grundstĂĽcksscharf kalkuliert.
- Präventionsrabatte: KI bewertet, welche Maßnahmen das individuelle Risiko um wie viel Prozent senken – und verknüpft das mit konkreten Prämiennachlässen.
- Schnellentscheidungen: Automatisierte Vorprüfung, ob ein Risiko grundsätzlich zeichnungsfähig ist, mit klaren Empfehlungen für Annahme, Ablehnung oder Sonderkonditionen.
Der Vorteil für Versicherer: bessere Risikoselektion und stabilere Combined Ratios, selbst bei steigenden Naturrisiken. Der Vorteil für Kund:innen: transparente Tarife, nachvollziehbare Entscheidungen und reale Anreize für Prävention.
4. Schadenbearbeitung bei Naturkatastrophen: Wo KI heute schon hilft
Die Realität nach einem Hochwasser oder Hagelsturm ist chaotisch: hunderte bis tausende Meldungen, oft in wenigen Tagen, hoher emotionaler Druck, politische Aufmerksamkeit. Wer hier als Versicherer schlecht performt, verliert Vertrauen.
KI-basierte Tools können die Schadenbearbeitung spürbar beschleunigen und gleichzeitig Missbrauch reduzieren.
4.1 Automatisierte Ersteinschätzung und Triage
Bei Naturereignissen ist Geschwindigkeit entscheidend. KI kann eingehende Schadenmeldungen automatisch auswerten und priorisieren:
- Texterkennung aus E-Mails, Portalen, Chats.
- Bildanalyse von Fotos und Videos (z. B. Wasserstand, Gebäudeschäden, Hagelschäden am Dach).
- Abgleich mit Ereignisdaten (Radarbilder, Wetterstationen, HORA-Regionen), um Plausibilität zu prüfen.
So lassen sich Fälle in Kategorien einteilen:
- Soforthilfe-Fälle (z. B. Totalschaden, unbewohnbare Gebäude).
- Standardfälle mit automatisierbarer Regulierung.
- Auffällige Fälle für manuelle Prüfung (Betrugsverdacht, Unklarheiten).
4.2 Betrugserkennung bei Katastrophenschäden
Naturkatastrophen sind leider auch Magnet für missbräuchliche Schadenmeldungen. KI-gestützte Fraud Detection kann Muster erkennen, die menschlichen Sachbearbeiter:innen entgehen:
- Unplausible Kombination von Zeitpunkt, Ort, Wetterlage und Schadenbild.
- Wiederholung bestimmter Muster bei einzelnen Kund:innen oder Vermittler:innen.
- Auffällige Abweichungen von typischen Schadensummen in der Region.
Wichtig ist: KI unterstützt, sie ersetzt nicht die Entscheidung. Aber sie hilft dabei, Ressourcen auf die wirklich kritischen Fälle zu konzentrieren – und hält so das Kollektiv vor überhöhten Kosten geschützt.
5. Vom Risikoproblem zur Beratungschance: Prävention als Produktbestandteil
Die spannendste Entwicklung liegt dort, wo Naturrisiko, Prävention und KI zusammenkommen. Statt nur „Schaden zu bezahlen“, können Versicherer zu aktiven Risikopartnern werden.
5.1 Präventionsbasierte Versicherungsprodukte
Versicherungen gegen Naturgefahren sind zunehmend schwerer zu bepreisen, wenn nichts am Risiko passiert. Ein anderer Zugang funktioniert deutlich besser:
- Produktbündel: Versicherungsschutz + digitaler Risikocheck (z. B. HORA-Integration + KI-gestützte Auswertung) + Präventionsplan.
- Dynamische Prämien: Wer empfohlene Maßnahmen umsetzt (Rückstauklappe, Objektschutz, Dachsanierung), bekommt messbare Prämienvorteile.
- Gamification-Ansätze: Punkte oder Status-Level für umgesetzte Präventionsschritte, sichtbar in einer App.
KI hilft dabei, Empfehlungen zu personalisieren: Statt allgemeiner Ratschläge („Sichern Sie Ihren Keller“) erhalten Kund:innen konkrete Maßnahmen mit Schadensreduktion in Prozent und geschätzter Amortisationszeit.
5.2 Bessere Kommunikation im Schadenfall
Gerade in der Krise zeigt sich, wie gut ein Versicherer wirklich aufgestellt ist. KI-gestĂĽtzte Kommunikation kann hier viel abfedern:
- Chatbots, die 24/7 einfache Fragen beantworten, Statusupdates geben und Dokumente anfordern.
- Automatisierte SMS- oder App-Benachrichtigungen: „Ihr Schaden wird heute von einem Gutachter besichtigt“, „Ihre Akontozahlung ist unterwegs“.
- Proaktive Info vor erwarteten Extremereignissen: Hinweise zu SicherungsmaĂźnahmen, Checklisten, Notfallkontakte.
Der Effekt: weniger Anrufe in den Hotlines, klarere Erwartungshaltung und ein deutlich besseres SicherheitsgefĂĽhl auf Kund:innenseite.
6. Was österreichische Versicherer jetzt praktisch tun sollten
Der Weg zu einer KI-gestĂĽtzten Naturrisiko-Strategie ist kein Mammutprojekt, wenn man ihn in sinnvolle Schritte gliedert.
Konkrete Schritte fĂĽr Versicherungen in Ă–sterreich:
-
Datenbasis klären
- Welche internen Daten zu Naturgefahren, Schäden, Standorten und Baumerkmalen liegen vor?
- Wie können HORA-Daten, Wetterdaten und Geodaten strukturiert integriert werden?
-
Pilotprojekte starten
- KI-gestützte Risikoprüfung zunächst in ausgewählten Regionen oder Sparten (z. B. Eigenheimversicherung).
- Automatisierte Schaden-Triage fĂĽr wiederkehrende Ereignisse wie Hagel oder Starkregen testen.
-
Prävention in Produkte integrieren
- Bestehende Tarife um klare Präventionsrabatte ergänzen.
- Beratungsprozesse so gestalten, dass HORA-Checks und Risikotipps zum Standard werden.
-
Mitarbeiter:innen befähigen
- Schulungen zu Naturrisiken, HORA und KI-Anwendungen.
- Klare Guidelines: Wo entscheidet KI, wo der Mensch, wo beides gemeinsam?
-
Transparenz gegenĂĽber Kund:innen
- Offene Kommunikation, wie Naturrisiken und Tarife berechnet werden.
- Dialog über Eigenvorsorge stärken: „Was tun wir – was können Sie tun – was machen wir gemeinsam?“
Die Realität: Viele dieser Bausteine existieren bereits verteilt in Häusern und Projekten. KI macht daraus erst ein integriertes System, das Risikomanagement, Produktentwicklung und Kundenerlebnis verbindet.
Fazit: Naturrisiken als Testfall fĂĽr sinnvolle KI in der Versicherung
Naturrisiken sind für die österreichische Versicherungswirtschaft ein Stresstest – fachlich, finanziell und politisch. Steigende Schäden, Klimawandel und eine Bevölkerung, die sich nur begrenzt verantwortlich fühlt, erhöhen den Druck.
Gerade deshalb ist dieses Feld ein idealer Praxisfall für KI in der Versicherung: Es gibt reichlich Daten, einen klaren Kundennutzen und einen direkten Einfluss auf Profitabilität. Wer HORA, Klimadaten und eigene Schadenhistorien intelligent mit KI verknüpft, schafft drei Dinge auf einmal:
- präzisere Risikobewertung und Tarifierung,
- schnellere, fairere Schadenabwicklung,
- echte Präventions-Partnerschaft mit Kund:innen.
Versicherer, die dieses Thema 2026 strategisch angehen, verschaffen sich einen Vorsprung – nicht nur im Umgang mit Naturgefahren, sondern generell in ihrer InsurTech- und KI-Strategie. Denn wer hier lernt, komplexe Risiken datenbasiert zu steuern, wird auch in anderen Sparten deutlich stärker.
Die Frage ist weniger, ob KI im Naturrisikomanagement eingesetzt wird, sondern von wem zuerst sinnvoll. Wer wartet, zahlt – im Zweifel doppelt: an der Schadenseite und beim Verlust der Kund:innen, die sich einen aktiven Partner wünschen.