Wie Merkur sich als Personenversicherer der Zukunft neu aufstellt

KI für österreichische Versicherungen: InsurTech••By 3L3C

Merkur positioniert sich als Personenversicherer mit Fokus auf Lebens-, Kranken- und BU-Versicherung. Was dahinter steckt – und welche Rolle KI & InsurTech dabei spielen.

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Wie Merkur sich als Personenversicherer der Zukunft neu aufstellt

Der österreichische Lebensversicherungsmarkt ist von September 2024 bis September 2025 um 3,2 % gewachsen – die Merkur Lebensversicherung legte im selben Zeitraum um 11,3 % zu, im Neugeschäft sogar um 40 %. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer ziemlich klaren Strategie: Fokus auf Personenversicherungen, konsequente Digitalisierung und ein deutliches Bekenntnis zu Risikoabsicherung statt alter Garantieversprechen.

Für alle, die in der Versicherungsbranche arbeiten – vor allem im Vertrieb, in Produktentwicklung, Aktuariat oder IT – ist Merkur damit ein spannendes Fallbeispiel. Genau hier trifft sich das Thema unserer Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ mit einer strategischen Neupositionierung am Markt.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, wie Merkur sich nach der Übernahme der ehemaligen Nürnberger Versicherung in Österreich aufstellt, wohin die Reise bei Lebens-, Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung geht – und welche Rolle Digitalisierung und KI in diesem Modell spielen (müssen), wenn das Ziel lautet: „Spezialist für Personenversicherungen in 3–5 Jahren“.


1. Von der Einspartenlogik zum Personenversicherer – was Merkur anders macht

Merkur setzt klar auf ein Modell, das viele Häuser zwar predigen, aber selten so konsequent umsetzen: Personenversicherung als Kerngeschäft, statt Produkt-Sammelsurium mit etwas von allem.

Der strategische Schritt: Ăśbernahme der NĂĽrnberger Ă–sterreich

Der Kauf der damaligen Nürnberger Versicherung AG Österreich im Frühjahr 2022 war, mitten in Zinsstress und Kapitalmarktvolatilität, alles andere als bequem. Rückblickend war er strategisch klug:

  • Erweiterung des Portfolios um
    • fondsgebundene Lebensversicherungen
    • biometrische Produkte (v.a. Berufsunfähigkeit)
  • Nutzung von 30 Jahren BU-Expertise, statt alles neu aufzubauen
  • Positionierung als Personenversicherer – mit Kranken-, Lebens- und biometrischen Lösungen aus einer Hand

Damit sendet Merkur ein klares Signal an den Markt: Wer Altersvorsorge, Gesundheit und Arbeitskraftabsicherung denkt, soll an Merkur vorbei kaum mehr planen können.

Warum dieses Modell in Ă–sterreich jetzt besonders gut passt

Drei Entwicklungen spielen dieser Positionierung in die Hände:

  1. Demografie und Pensionssystem: Die „demografische Bombe“ ist längst keine Fachdebatte mehr. Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Pensionist:innen.
  2. Gesundheitssystem unter Druck: Wartezeiten, Kosten, Diskussionen um Wahlärzt:innen – Kund:innen spüren, dass „Schlaraffenland“ teuer wird.
  3. Arbeitskraft als größtes Vermögen: Wer bis 67 oder länger arbeiten soll, kann sich lange BU-Lücken nicht leisten.

Aus Unternehmenssicht ist das die perfekte Grundlage für ein fokussiertes Personenversicherungsmodell – vorausgesetzt, die Prozesse dahinter sind effizient. Und genau hier kommt das Thema InsurTech und KI ins Spiel.


2. Lebensversicherung neu gedacht: Fondsgebunden, digital, ohne Zinsillusion

Der vielleicht mutigste Satz im Interview mit Merkur-Vorstand Markus Spellmeyer: „Die klassische Lebensversicherung hat keine Zukunft.“

Das ist ehrlich – und überfällig.

Weg von der klassischen LV, hin zur dritten Säule

Statt an Garantiezinsen festzuhalten, setzt Merkur auf:

  • fondsgebundene Lebensversicherungen als Baustein der dritten Säule
  • biometrische Absicherung (BU, Ablebensschutz) als Ergänzung

Gerade im österreichischen Markt, der lange stark von klassischen Produkten geprägt war, ist das ein bewusster Kurswechsel. Merkur nutzt die „demografische Bombe“ dabei fast als Marketingmotor: Wer versteht, dass die staatliche Pension allein nicht reicht, ist eher bereit, in flexible, fondsgebundene Produkte zu investieren.

Wie KI hier konkret helfen kann

Wer in Österreich heute Lebensversicherung erfolgreich verkaufen will, braucht mehr als nur gute Tarife – er braucht smarte, datengetriebene Prozesse. Typische KI-Anwendungsfälle:

  • Robo-Underwriting in der Lebensversicherung
    Automatisierte Risikoprüfung mit KI-gestützten Entscheidungsbäumen, z.B. auf Basis von Gesundheitsfragen, Berufen, Hobbys. Ergebnis: schnellere Policierung, weniger Medienbrüche.

  • Personalisierte Vorsorgevorschläge
    KI kann Kund:innen nach Ziel, Anlagehorizont, Risikoprofil und Haushaltsbudgets clustern und passende fondsgebundene Modelle vorschlagen – verständlich visualisiert im Online-Portal oder im Beratungstool.

  • Kapitalanlageseite
    KI-basierte Portfolio-Analysen helfen, volatilen Märkten zu begegnen, Szenarien durchzurechnen und das Risiko-Rendite-Profil der Fondsprodukte zu optimieren.

Wer – wie Merkur – klar auf die dritte Säule setzt, kommt an solchen InsurTech-Bausteinen nicht vorbei. Sie entscheiden darüber, ob aus einem strategischen Konzept auch skalierbares Geschäft wird.


3. Krankenversicherung im „Schlaraffenland“ – aber nur mit sauberer Datenbasis

Spellmeyer spricht vom österreichischen Gesundheitssystem als „Schlaraffenland“ – was grundsätzlich stimmt, aber hohe Kosten verursacht. Private Krankenversicherer zahlten laut dem Interview allein 2024 rund 2,6 Milliarden Euro in das System ein. Das ist massiv.

Problemzone Wahlärzt:innen und Kalkulierbarkeit

Ein zentraler Kritikpunkt der Merkur:

  • Wahlärzt:innen sind frei in der Rechnungslegung, es gibt kaum Standards.
  • Versicherer können Leistungen daher schwer kalkulieren.
  • Die Ă„rztekammer verteidigt den Status quo, die Allgemeinheit trägt aber indirekt die Kosten.

Für einen Personenversicherer, der langfristig stabile Prämien und verlässliche Leistungen bieten will, ist das ein echtes Risiko.

Wo KI in der Krankenversicherung ansetzt

Gerade im Bereich Krankenversicherung ist der Hebel fĂĽr KI und Data Analytics besonders groĂź:

  • Automatisierte LeistungsprĂĽfung
    KI-Modelle erkennen aus eingereichten Rechnungen (z.B. gescannte PDFs, Fotos) automatisch: Leistungstyp, Tarifzuordnung, medizinische Plausibilität. Das beschleunigt die Schadenbearbeitung massiv.

  • Betrugserkennung
    Anomalieerkennung in Rechnungsdaten – etwa ungewöhnlich hohe Frequenzen bei bestimmten Leistungen, starke Abweichungen vom Peer-Group-Durchschnitt einzelner Ärzt:innen oder verdächtige Kombinationen von Diagnosen und Abrechnungen.

  • Tarifkalkulation und Gesundheitsökonomie
    Prädiktive Modelle zur Prognose von Leistungsausgaben nach Alter, Region, Diagnosecluster. Dadurch können Produktentwickler realistischere Tarife und Selbstbehaltsmodelle bauen.

  • Digitale Gesundheitsservices
    Symptomchecker, KI-basierte Triage, Coaching-Apps für Prävention und Chroniker-Management. Das entlastet das System und stützt das eigentliche Ziel: Kund:innen möglichst lange gesund und arbeitsfähig zu halten.

Wenn Spellmeyer fordert, „dass alle an einen Tisch kommen“, dann gehört zu diesem Tisch auch die Daten- und KI-Kompetenz der Versicherer. Ohne standardisierte Daten und KI-gestützte Auswertung wird das System teurer, unberechenbarer – und politisch angreifbarer.


4. Berufsunfähigkeitsversicherung: Bewusstsein wächst, Prozesse müssen nachziehen

In Österreich hat Berufsunfähigkeitsversicherung traditionell einen schweren Stand: geringe Verbreitung, komplexe Antragsprozesse, viel Erklärungsbedarf. Merkur nutzt hier gezielt die aus der Nürnberger übernommene 30-jährige BU-Erfahrung.

BU als fixer Bestandteil der Personenstrategie

Merkur investiert aktiv in:

  • ProduktĂĽberarbeitung (bereits 2024 erfolgt)
  • Werbung und Bewusstseinsbildung
  • Integration der BU in ganzheitliche Personenversicherungskonzepte

Der Markt beginnt zu reagieren – auch andere Anbieter werden im BU-Bereich aktiver. Merkur sagt selbstbewusst: „Wir werden unser Stück vom Kuchen abbekommen.“

So kann KI BU wirklich voranbringen

Gerade BU ist ein Paradefall, wie KI für österreichische Versicherungen echten Mehrwert stiften kann:

  • Vereinfachte GesundheitsprĂĽfung
    KI-gestützte Fragebögen, die adaptiv reagieren: Wer gesunde Antworten gibt, bekommt weniger Fragen; bei Auffälligkeiten wird tiefer gefragt. Ergebnis: weniger Abbrüche, weniger Friktion im Online-Antrag.

  • Risikoscoring nach Berufsgruppen
    Statt starrer Kataloge können Machine-Learning-Modelle reale Schadenverläufe nach Branche, Tätigkeit, Arbeitsumfeld und Kombination mit Freizeitrisiken auswerten. Das führt zu faireren, differenzierteren Prämien.

  • Digitale LeistungsfallprĂĽfung
    Text-Mining von Arztberichten, Reha-Unterlagen und Gutachten, um BU-relevante Informationen schneller zu extrahieren. Entscheidung bleibt beim Menschen, aber deutlich besser vorbereitet.

Gerade Makler:innen und AuĂźendienst profitieren davon, wenn komplexe BU-Produkte durch digitale Beratungstools mit KI-UnterstĂĽtzung greifbarer und abschlieĂźbar werden.


5. Fusion, Salzburg-Hub und Vertrieb: Ohne digitale Plattformen läuft es nicht

Ab September 2026 sollen Merkur Versicherung und Merkur Lebensversicherung verschmolzen sein. Ziel: ein noch klarerer Marktauftritt als Personenversicherer. Der Standort Salzburg bleibt als Lebensversicherungs-Hub bestehen.

Warum diese Fusion mehr ist als ein Strukturprojekt

Die Verschmelzung bedeutet:

  • einheitliche Marke und Positionierung
  • BĂĽndelung von Personenversicherungskompetenz
  • klarere Daten- und IT-Landschaft (im Idealfall)

Wenn man das konsequent denkt, ist das auch die Chance, eine gemeinsame digitale Plattform fĂĽr:

  • Kund:innen (Self-Service, VertragsĂĽbersicht, Schaden/Leistung, Gesundheitsservices)
  • Vertriebspartner (Beratungstools, Dunkelverarbeitung, Angebots-/Antragsstrecken)
  • interne Teams (Underwriting, Aktuariat, Produktentwicklung)

zu etablieren – und diese Plattform von Anfang an KI-fähig zu bauen.

Vertrieb: ME-GA, neue Partner und Bankassurance

Die geplante 100-%-Ăśbernahme der Vertriebsgesellschaft ME-GA GmbH ist einer der ersten Fusionsschritte. Parallel dazu setzt Merkur auf:

  • Gewinnung neuer Vertriebspartner
  • Ausbau alternativer Vertriebswege, insbesondere Bankassurance

Damit dieser Multi-Channel-Ansatz funktioniert, braucht es:

  • einheitliche, API-fähige Tarifierungs- und Antragsstrecken
  • einfache Einbindung in Bank-Frontends
  • KI-gestĂĽtzte Empfehlungen, welche Personenversicherungsprodukte zu welcher Kundengruppe passen

Wer als Versicherer Leads generieren will – ob über Banken, Makler, Online oder Kooperationen – muss genau hier investieren. Sonst bleiben gute Strategiepapiere auf PowerPoint-Ebene hängen.


6. Was andere Versicherer aus der Merkur-Strategie lernen können

Die Strategie der Merkur ist kein Blueprint für alle, aber sie enthält einige klare Lehren – gerade für österreichische Versicherer, die ihre KI- und InsurTech-Roadmap planen.

5 konkrete Learnings

  1. Fokus schlägt Bauchladen
    Personenversicherung als Kern macht Produkte, MarkenfĂĽhrung und IT-Architektur klarer. Wer alles machen will, wird selten in etwas richtig stark.

  2. Zinsillusion beenden
    Klassische LV auslaufen lassen, fondsgebundene Lösungen und Biometrie stärken – aber nur mit erklärbaren, digitalen Tools, die Kund:innen wirklich verstehen.

  3. KI nicht als Projekt, sondern als Infrastruktur denken
    Ob Lebens-, Kranken- oder BU-Versicherung: Schadenbearbeitung, Underwriting, Betrugserkennung, Tarifkalkulation – überall entstehen Daten. KI gehört in den Kern dieser Prozesse, nicht als „Add-on“.

  4. Politik spricht langsam – Kund:innen handeln schneller
    Auch wenn die Politik in Österreich noch zögert, klar über Pensionslücken zu sprechen: Versicherer können das Thema mit klaren Fakten und digitalen Rechnern (z.B. Vorsorgelücke) direkt zu Kund:innen bringen.

  5. Vertrieb digital ernst nehmen
    Bankassurance, Makler, Ausschließlichkeitsorganisation, Online – wer überall präsent sein will, braucht einheitliche Systeme, einfache Schnittstellen und KI-gestützte Beratungshilfen.


Fazit: Personenversicherung, KI und der österreichische Weg

Merkur will in drei bis fünf Jahren „der Spezialist für Personenversicherungen“ in Österreich sein – mit starkem Fokus auf Lebens-, Kranken- und BU-Versicherung, ergänzt durch klare Fusion und Hub-Struktur in Salzburg. Die Wachstumszahlen der letzten Jahre zeigen: Der Kurs stimmt.

Für die gesamte Branche ist das ein deutlicher Hinweis: Personenversicherung funktioniert in Österreich – aber nur, wenn Produkte, Prozesse und Kommunikation zur Realität von Demografie, Gesundheitssystem und Arbeitswelt passen. Und genau hier wird KI für österreichische Versicherungen vom Trendbegriff zur Pflichtinfrastruktur.

Wer heute in Produkt, IT oder Vertrieb Verantwortung trägt, sollte sich eine einfache Frage stellen: Wenn wir in fünf Jahren mitreden wollen – wie viel von dem, was Merkur jetzt baut, haben wir dann selbst schon umgesetzt?