KI in der Versicherungsberatung: Bedrohung oder Turbo?

KI für österreichische Versicherungen: InsurTechBy 3L3C

KI ersetzt Versicherungsvermittler nicht – sie verstärkt sie. Wer sie klug nutzt, gewinnt Zeit, Qualität und Vertrauen. Wer sie ignoriert, verliert Anschluss.

KI in der VersicherungsberatungInsurTech ÖsterreichVersicherungsmaklerVersicherungsvertriebDigitale Transformation VersicherungKünstliche IntelligenzKundenberatung
Share:

KI in der Versicherungsberatung: Bedrohung oder Turbo?

Rund 60–70 % der Österreicher nutzen bereits Suchmaschinen und KI-Assistenten, bevor sie größere Finanzentscheidungen treffen – auch bei Versicherungen. Viele Vermittler spüren das täglich: Kunden kommen „vorgebildet“ ins Gespräch, mit ausgedruckten Chatverläufen oder KI-Vergleichen.

Genau hier entscheidet sich, wer in den nächsten Jahren zu den Gewinnern gehört. Denn KI ist weder die magische Lösung noch der sichere Jobkiller. Sie ist ein Werkzeug. Wer sie ignoriert, verliert Anschluss. Wer sie klug einbaut, macht Beratung schneller, präziser und für Kunden spürbar wertvoller.

In diesem Beitrag – als Teil der Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ – geht es um eine zentrale Frage: Ist Künstliche Intelligenz Hilfe oder Gefahr für Versicherungsvermittler? Und vor allem: Wie nutzen Sie KI so, dass Sie mehr Geschäft machen statt sich selbst überflüssig zu machen?


1. Was KI heute schon in der Versicherungsberatung kann – und was nicht

KI ist in der Versicherungswelt längst mehr als ein Buzzword. In österreichischen Versicherungen wird sie bereits für Schadenbearbeitung, Risikobewertung, Betrugserkennung und personalisierte Tarife eingesetzt. Auf Vermittlerseite ist das Bild gemischter.

Was KI heute gut kann:

  • Strukturierte Informationen zu Produkten liefern (Leistungsübersichten, Bausteine, typische Ausschlüsse)
  • Standardfragen beantworten („Was ist eine Selbstbeteiligung?“, „Wie funktioniert die Unfallversicherung?“)
  • Angebote und Tarife vorsortieren oder grob vergleichen
  • E-Mails, Beratungsprotokolle oder Kundeninformationen formulieren
  • Erste Risikoabschätzungen unterstützen (z.B. bei Gewerbekunden oder Cyber-Risiken)

Wo KI schnell an Grenzen stößt:

  • Bewertung individueller Lebenssituationen (Patchwork-Familie, Selbstständige, komplexe Vermögensverhältnisse)
  • Verständnis für Emotionen: Angst vor finanzieller Unsicherheit, Misstrauen gegenüber Versicherern, Erlebnisse aus früheren Schadensfällen
  • Einschätzung von Prioritäten („Was ist für diesen Kunden wirklich wichtig?“)
  • Verbindliche Empfehlung unter Berücksichtigung des österreichischen Rechts- und Steuerrahmens

Die Quintessenz aus der Podiumsdiskussion im Rahmen des Versicherungsawards Austria war klar: KI kann informieren, aber sie kann nicht beraten. Beratung bedeutet Verantwortung, Einordnung, Empathie – und genau das bleibt menschlich.


2. So verändert KI das Verhalten Ihrer Kunden

Die Maklerin Livia Flandorfer brachte es auf den Punkt: Viele Kunden arbeiten bereits vor der ersten Kontaktaufnahme mit KI. Das merkt man an den Fragen.

Typische Situationen aus der Praxis:

  • Kunden kommen mit kompletten „KI-Analysen“: Chat-Antworten, die erklären, welche Versicherung man angeblich unbedingt braucht.
  • Jüngere Zielgruppen (unter 40) verwenden eher KI-Tools, ältere Kund:innen eher klassische Google-Suche.
  • Kunden haben mehr Detailwissen, aber oft wenig Struktur: Sie kennen Begriffe, verstehen aber Zusammenhänge nicht.

Das hat zwei Seiten:

Vorteile für Vermittler:

  • Kunden kennen grundlegende Begriffe, man spart Zeit bei Basis-Erklärungen.
  • Das Bewusstsein für Risiken ist höher – das öffnet Türen für Beratung über Themen wie Berufsunfähigkeit, Cyber oder private Gesundheitsvorsorge.
  • Vorinformierte Kunden sind tendenziell bereit, sich intensiver mit Lösungen zu beschäftigen.

Herausforderungen:

  • KI „halluziniert“: Inhalte klingen kompetent, sind aber teilweise schlicht falsch oder unvollständig.
  • Kunden sind überzeugt: „Das hat die KI so gesagt.“ – und zweifeln eher am Menschen als an der Maschine.
  • Unterschiedliche Eingaben führen zu widersprüchlichen Ergebnissen – Stichwort „Garbage in – Garbage out“.

Wer als Vermittler hier kein strukturiertes Vorgehen hat, diskutiert sich schnell in die Defensive. Wer dagegen KI-Ergebnisse souverän einordnet, gewinnt massiv an Autorität.


3. KI als Sparringspartner statt Konkurrent – so nutzen Vermittler sie klug

Der produktive Ansatz ist nicht: „KI ersetzt mich“, sondern: „KI nimmt mir Fleißarbeit ab, damit ich mehr Zeit für echte Beratung habe.“

3.1. Konkrete Einsatzfelder für österreichische Vermittler

Vorbereitung auf Kundentermine

  • KI zur schnellen Strukturierung von komplexen Anfragen (z.B. Betriebshaftpflicht + Cyber + Rechtsschutz)
  • Erstellung von Gesprächsleitfäden oder Checklisten für bestimmte Kundensegmente (Start-ups, Landwirte, Ärzte, KMU)

Dokumentation & Rechtssicherheit

  • Unterstützung beim Formulieren von Beratungsprotokollen, Gesprächszusammenfassungen und Produktinformationen
  • Standardtexte für E-Mails, Nachfassaktionen oder Schadenbegleitung (die Sie natürlich prüfen und anpassen)

Marketing & Vertrieb

  • Ideen für Newsletter, Social-Media-Posts oder Landingpages zu Themen wie „Private Krankenversicherung in Österreich“ oder „Risikolebensversicherung für Jungfamilien“
  • Segmentierungsideen: Welche Produkte passen zu welchen Lebenssituationen?

Interne Weiterbildung

  • Nutzung von KI als „Erklärbär“ bei neuen Produkten, Deckungskonzepten oder gesetzlichen Änderungen
  • Zusammenfassungen von Fachartikeln oder Studien in verständlicher Form

3.2. Die goldene Regel: „KI ist Assistent, nicht Entscheider“

Alles, was gegenüber dem Kunden rechtsrelevant, beratungsrelevant oder vertragsrelevant ist, bleibt Ihre Verantwortung. Genau das betonte auch die Versicherungswirtschaft auf dem Podium:

„KI haftet nicht – der Anwender schon.“

Praktische Leitlinie:

  1. KI nutzt man zur Vorbereitung, Strukturierung und Inspiration.
  2. Die finale Bewertung, Produktauswahl und Empfehlung treffen Sie selbst.
  3. Jede von KI erstellte Information wird von Ihnen geprüft, angepasst und in den österreichischen Kontext übersetzt.

So erhöhen Sie Geschwindigkeit und Qualität – ohne sich haftungsrechtlich ins offene Messer zu laufen.


4. Warum Vertrauen der wahre Engpass bleibt

KI kann vieles, aber Vertrauen bleibt menschlich. Das war der Schlusssatz der moderierten Diskussionsrunde – und er trifft den Kern. Gerade im Versicherungsbereich geht es nicht nur um Zahlen, sondern um existenzielle Fragen:

  • Was passiert mit meiner Familie, wenn mir etwas zustößt?
  • Wie sichere ich mein Unternehmen gegen existenzbedrohende Risiken ab?
  • Bekomme ich im Leistungsfall wirklich das, was mir versprochen wurde?

Studien zeigen immer wieder: Menschen akzeptieren KI bei Neutralität und Effizienz, sind aber skeptisch bei Vertrauenswürdigkeit und Gerechtigkeit – insbesondere bei Themen wie Gesundheit, Pension oder Geld.

Für österreichische Vermittler entsteht daraus eine Chance:

  • Sie können sich klar als „Filter“ zwischen Datenflut und echter Entscheidung positionieren.
  • Sie erklären, wo die KI recht hat – und wo sie danebenliegt.
  • Sie übernehmen Verantwortung und stehen im Schadenfall an der Seite des Kunden.

Gerade in einem Markt, in dem Tarife immer vergleichbarer werden und InsurTechs aggressiv über Preis werben, wird Vertrauen zur eigentlichen Währung. KI macht diese Währung nicht überflüssig, sie macht sie sichtbarer.


5. Konkreter Fahrplan: So werden Sie zum „KI-kompetenten“ Vermittler

Die meisten Unternehmen scheitern nicht an der Technik, sondern an der Umsetzung im Alltag. Hier ein pragmatischer 5-Schritte-Plan für Vermittler, Maklerbüros und Vertriebsorganisationen in Österreich:

Schritt 1: Eigene Haltung klären

  • KI ist gekommen, um zu bleiben. Wer sie ignoriert, sendet ein Signal: „Ich bleibe im Gestern.“
  • Definieren Sie für sich: Wo will ich KI bewusst nicht nutzen (z.B. bei sensiblen Gesprächen)? Wo ausdrücklich schon?

Schritt 2: Kleine Pilotprojekte starten

Beginnen Sie mit Bereichen, die kein Kundenrisiko tragen:

  • interne Notizen
  • E-Mail-Formulierung
  • Ideensammlung für Marketingaktionen
  • Gliederung von Präsentationen oder Vorträgen

So bauen Sie Routine und Vertrauen in die Technologie auf, ohne Ihre Beratungsqualität zu gefährden.

Schritt 3: Klare Kommunikationslinie gegenüber Kunden

Statt KI zu verstecken, können Sie offen damit umgehen:

  • „Ich nutze KI-Tools zur Vorbereitung, entscheide aber immer selbst, was für Sie passt.“
  • „Wenn Sie schon mit KI recherchiert haben: Bringen Sie die Antworten mit, dann schauen wir uns gemeinsam an, was davon für Ihre Situation stimmt.“

Das signalisiert Transparenz, Kompetenz und Souveränität – und erhöht Ihr Ansehen als moderner Ansprechpartner.

Schritt 4: Schulung von Team und Partnern

Gerade größere Maklerhäuser und Ausschließlichkeitsorganisationen sollten ab 2025/2026 strukturiert vorgehen:

  • interne KI-Guidelines (Datenschutz, Kundendaten, Haftungsfragen)
  • Schulungen zu Prompts („Wie stelle ich Fragen, damit KI nützliche Antworten gibt?“)
  • Beispiele aus der Praxis: gute vs. schlechte KI-Antworten, Umgang mit Halluzinationen

Schritt 5: Verbindung zu InsurTech-Entwicklungen herstellen

Die großen Versicherer in Österreich – Generali, Helvetia, Oberösterreichische und andere – investieren massiv in KI-gestützte Vertriebssysteme, Schadenplattformen und Risiko-Engines.

Vermittler sollten diese Entwicklungen aktiv einfordern und mitgestalten:

  • Welche Tools helfen mir konkret im Vertrieb?
  • Wie können Underwriting- oder Schaden-KI und meine persönliche Beratung zusammenspielen?
  • Wie lassen sich KI-gestützte Tarifierungen verständlich an Kunden kommunizieren?

Wer hier früh dabei ist, positioniert sich als moderner InsurTech-Partner – nicht als „analoges Anhängsel“ großer Konzerne.


6. Fazit: KI macht gute Vermittler besser – und schlechte sichtbar

Die Diskussion rund um den Versicherungsaward Austria 2025 hat eines deutlich gezeigt: KI ist für Versicherungsvermittler weder reine Hilfe noch reine Gefahr. Sie ist ein Verstärker.

  • Wer heute schon oberflächlich berät, Produkte „verkauft“ statt Lösungen zu gestalten und Verantwortung meidet, wird durch KI leicht ersetzbar.
  • Wer dagegen komplexe Lebenssituationen versteht, verständlich erklärt, Verantwortung übernimmt und Vertrauen aufbaut, kann KI nutzen, um schneller, klarer und noch kundenorientierter zu arbeiten.

Für die österreichische Versicherungsbranche bedeutet das: Die Kombination aus InsurTech, KI-gestützter Schadenbearbeitung, smarter Risikobewertung und persönlicher Beratung wird zum neuen Standard. Nicht Mensch oder Maschine, sondern Mensch mit Maschine.

Wenn Sie heute den ersten Schritt machen wollen, dann wäre das mein Vorschlag:

  • Wählen Sie ein KI-Tool.
  • Nutzen Sie es zwei Wochen lang konsequent nur intern.
  • Evaluieren Sie danach ehrlich: Wo hat es Ihnen Zeit gespart? Wo Qualität erhöht? Wo war es gefährlich nah an „klingt gut, ist aber falsch“?

Auf dieser Basis können Sie Ihre eigene KI-Strategie entwickeln – pragmatisch, risiko­bewusst und mit klarem Ziel: mehr Zeit für das, was keine KI kann – echte, menschliche Versicherungsberatung.

🇩🇪 KI in der Versicherungsberatung: Bedrohung oder Turbo? - Germany | 3L3C