KI in der Versicherungsberatung: Gefahr oder Turbo?

KI für österreichische Versicherungen: InsurTechBy 3L3C

Vorinformierte Kund:innen, halluzinierende KI und haftende Vermittler: Wie österreichische Versicherungsberater KI 2026 als Turbo statt als Gefahr nutzen können.

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KI in der Versicherungsberatung: Gefahr oder Turbo?

Rund 60 % der Österreicher informieren sich vor einem Versicherungsabschluss online, viele nutzen inzwischen auch KI-Tools wie ChatGPT. Genau diese Entwicklung spüren Makler, Agenten und Versicherer jeden Tag im Beratungsgespräch – die Kund:innen kommen vorinformiert, aber oft auch mit Halbwissen.

Für unsere Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ ist die spannende Frage: Ist Künstliche Intelligenz für Versicherungsvermittler eher Bedrohung oder Produktivitäts-Booster? Die Podiumsdiskussion beim Versicherungsaward Austria 2025 liefert gute Anhaltspunkte – aber sie greift zu kurz, wenn man dort stehen bleibt.

In diesem Beitrag geht es darum, was KI ganz konkret für Ihren Vertriebsalltag in Österreich bedeutet, wo reale Risiken liegen und wie Sie KI so nutzen, dass Ihre Beratung wertvoller wird statt austauschbar.


1. Was KI heute schon in der Versicherungsberatung leistet – und was nicht

KI kann heute schon große Teile der Vorarbeit in der Versicherungsberatung übernehmen: Informationssuche, Tarife grob vergleichen, Standardfragen beantworten, Textbausteine formulieren. Das spürt jede Vermittlerin und jeder Makler, wenn Kund:innen mit „KI-Recherchen“ zum Erstgespräch erscheinen.

Wichtig ist die Trennlinie:

  • Gut geeignet: einfache Erklärungen, Begriffsdefinitionen, Standardvergleiche, Muster-E-Mails, Zusammenfassungen
  • Kritisch: individuelle Risikoanalyse, Produktauswahl im Detail, Deckungslücken erkennen, rechtliche Bewertung, Haftungsfragen

„Empathie kann die KI – noch – nicht.“
Dieser Satz aus der VAA-Diskussion bringt es auf den Punkt: Die Entscheidungshoheit und Verantwortung liegen beim Menschen.

Gerade in Österreich, wo Beratung und persönlicher Kontakt in der Versicherungsbranche traditionell einen hohen Stellenwert haben, wird KI vor allem als Assistenzsystem sinnvoll sein – nicht als Ersatz.


2. Vorinformierte Kund:innen: Chance statt Nervfaktor

Fast alle Diskutierenden beim Versicherungsaward waren sich einig: Kund:innen nutzen KI bereits, um sich vor einem Termin zu informieren. Besonders jüngere Zielgruppen fragen lieber einen Chatbot, bevor sie eine E-Mail an den Makler schicken.

Typische Situationen aus der Praxis

  • Ein Kunde bringt einen KI-generierten Vergleich mehrerer Haushaltsversicherungen mit.
  • Eine Kundin kommt mit einem ausformulierten Fragenkatalog zu Berufsunfähigkeit und Gesundheitsfragen.
  • Ein Firmenkunde hat sich von KI eine „optimale“ Versicherungslösung fürs Fuhrpark- und Cyberrisiko beschreiben lassen.

Das kann anstrengend sein – muss es aber nicht. Richtig genutzt, sparen Sie damit Zeit im Gespräch:

  • Der Kunde kennt bereits Grundbegriffe wie Selbstbehalt, Versicherungssumme, Wartezeit.
  • Das Risiko ist dem Kunden bewusster, er stellt konkretere Fragen.
  • Sie können direkter in die Tiefe gehen, statt bei Null zu beginnen.

Problematisch wird es dort, wo KI halluziniert – also falsche Informationen sehr überzeugend präsentiert. Genau das passiert bei komplexen Themen wie:

  • Berufsunfähigkeitsversicherung
  • betriebliche Altersvorsorge
  • Gesundheits- und Pflegeversicherung
  • komplexe Gewerberisiken

Wie Sie souverän mit KI-Vorwissen umgehen

Eine professionelle Reaktion könnte so aussehen:

  1. Offen ansprechen: „Spannend, dass Sie das mit KI vorbereitet haben. Schauen wir uns das gemeinsam an.“
  2. Prüfen und einordnen: Wo liegen Fakten richtig, wo fehlen wesentliche Punkte?
  3. Korrigieren und erklären: Verständlich zeigen, warum ein Punkt für den konkreten Fall nicht passt.
  4. Vertrauen bauen: „Gut, dass Sie nachgefragt haben – im Schadenfall wäre diese Lücke teuer geworden.“

Sie machen sich damit vom „reinen Informationsvermittler“ zur qualifizierten Interpretin und Risikomanagerin. Genau dort liegt der Mehrwert, den KI aktuell nicht bieten kann.


3. Wo KI den österreichischen Versicherungsvertrieb wirklich stärkt

Wer KI im Vermittleralltag richtig einsetzt, spart Zeit und gewinnt Qualität – bei gleichbleibender oder sogar besserer Beratungsqualität. Entscheidend ist, dass Sie KI nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug sehen.

Drei sinnvolle Einsatzfelder für Vermittler:innen

1. Vorbereitung von Beratungsgesprächen

  • strukturierte Stichwortlisten zu Branchenrisiken (z.B. Gastronomie, Bau, IT-Dienstleister)
  • Checklisten für typische Deckungspunkte
  • Mustererklärungen zu Fachbegriffen in einfacher Sprache

2. Kommunikation mit Kund:innen

  • Entwürfe für E-Mails, Newsletter, Einladungstexte für Jahresgespräche
  • Formulierung von Zusammenfassungen nach dem Beratungsgespräch
  • Textvorschläge für Social-Media-Posts oder Website-FAQ

3. Interne Prozesse und Organisation

  • Protokollierung von Gesprächen (z.B. aus Notizen oder Sprachnotizen strukturierte Bullet-Points machen)
  • Ideensammlung für Kampagnen (z.B. „Frühjahrs-Check für Versicherungsschutz“)
  • Erstellung von Schulungsunterlagen für Mitarbeiter:innen

Gerade im Kontext „InsurTech in Österreich“ wird sichtbar: KI ist die logische Weiterentwicklung von Vergleichsrechnern, CRM-Systemen und digitalen Maklerverwaltungsprogrammen. Wer heute schon mit professionellen Tools arbeitet, kann KI relativ leicht in bestehende Workflows integrieren.


4. Risiken, Haftung und Werte: Wo Vermittler wachsam bleiben müssen

So hilfreich KI sein kann – sie entbindet niemanden von Verantwortung. Das betonten auch die Diskutierenden beim Versicherungsaward sehr deutlich.

Haftung bleibt beim Menschen

Wenn Sie als Makler, Agent oder Versicherungsberater eine KI einsetzen, bleiben Sie haftbar:

  • KI übernimmt keine Haftung für fehlerhafte Auskünfte.
  • Bei Falschberatung haftet der Vermittler gegenüber dem Kunden – egal, ob die Fehlinformation aus einem KI-Tool stammt.
  • Vergleichbar ist das mit Fahrassistenzsystemen im Auto: Unterstützend, aber der Fahrer trägt die Verantwortung.

Konsequenz: KI darf niemals Ihre Fachprüfung, Erfahrung und Plausibilitätskontrolle ersetzen. Sie ist Assistent, nicht Entscheider.

Werte, Neutralität und Fairness

Ein weiterer kritischer Punkt: Viele KI-Modelle werden mit internationalen Daten trainiert – US- und Asien-lastig, andere Rechtssysteme, andere Versicherungslogik. Für den österreichischen Markt kann das zu Verzerrungen führen.

Das betrifft zum Beispiel:

  • Empfehlungen zu Produkten, die es hier so nicht gibt
  • andere Schadentraditionen und Abwicklungslogiken
  • unterschiedliche Sicht auf Datenschutz und Kundenrechte

Wer seriös arbeiten will, braucht deshalb eigene Leitplanken:

  • klare interne Richtlinien zur Nutzung von KI
  • Schulungen für Mitarbeiter:innen
  • bewusste Entscheidung, welche Daten in externe KI-Tools eingegeben werden dürfen (Stichwort DSGVO und Betriebsgeheimnisse)

5. Praktischer Fahrplan: So nutzen Vermittler KI 2026 sinnvoll

Die spannende Frage ist nicht mehr ob, sondern wie österreichische Versicherungsvermittler KI einsetzen. Wer abwartet, läuft Gefahr, bei Effizienz und Servicequalität abgehängt zu werden.

Schritt 1: Kleine, risikoarme Use Cases starten

Beginnen Sie mit Einsatzfeldern, die keine direkte Kunden- oder Produktempfehlung betreffen, zum Beispiel:

  • Textentwürfe für Standard-Mails
  • interne Checklisten
  • Social-Media-Ideen oder Newsletter-Überschriften

Hier können Sie ausprobieren, ohne Haftungsfallen zu öffnen.

Schritt 2: Qualitätskontrolle etablieren

Bauen Sie sich einen einfachen Prüfprozess:

  1. KI-Ergebnis erzeugen (z.B. Text oder Liste).
  2. Fachlicher Check durch Sie oder eine qualifizierte Kollegin.
  3. Anpassung an österreichische Rechts- und Produktlage.
  4. Erst dann an Kund:innen senden oder intern ausrollen.

Schritt 3: Kundenkommunikation aktiv gestalten

Viele Vermittler schweigen zum Thema KI – und überlassen das Feld den Tech-Anbietern. Klüger ist es, offen mit Kund:innen zu sprechen:

  • „Ja, KI kann Ihnen helfen, einen ersten Überblick zu bekommen.“
  • „Unsere Aufgabe ist es, das auf Ihre Situation herunterzubrechen und Haftungsfallen zu vermeiden.“
  • „Wenn Sie etwas von KI bekommen haben, bringen Sie es gerne mit, wir schauen gemeinsam drauf.“

So positionieren Sie sich als Partner im digitalen Zeitalter, nicht als jemand, der gegen KI kämpft.

Schritt 4: InsurTech-Angebote der Versicherer gezielt nutzen

Viele österreichische Versicherer entwickeln eigene KI-gestützte Tools für:

  • Schadenbearbeitung
  • Risikoprüfung
  • Betrugserkennung
  • personalisierte Tarife und Angebote

Als Vermittler können Sie davon profitieren:

  • schnellere Policierung und Schadenabwicklung
  • bessere Datenbasis für Beratung
  • zielgenauere Produktvorschläge

Wichtig ist, dass Sie verstehen, wie diese Systeme arbeiten, damit Sie Kund:innen die Funktionsweise transparent erklären können.


6. Zukunftsbild: Wie sieht der KI-gestützte Vermittler 2030 aus?

Wenn man die aktuellen Trends konsequent weiterdenkt, entsteht ein klares Bild:

  • KI übernimmt Routinetätigkeiten: Angebotsvergleiche, Standardkorrespondenz, Vorselektion von Tarifen.
  • Vermittler:innen fokussieren auf Beziehungsarbeit: Vertrauen aufbauen, komplexe Lebenssituationen verstehen, im Schadenfall ansprechbar sein.
  • InsurTech und klassische Versicherer wachsen zusammen: Digitale Plattformen liefern Daten und Vorschläge, Menschen treffen und erklären die Entscheidungen.

Der Satz aus der VAA-Diskussion bringt es prägnant auf den Punkt:

„KI kann vieles, aber Vertrauen bleibt menschlich.“

Genau hier liegt die Chance für den österreichischen Markt: Wer KI gezielt einsetzt, kann mehr Zeit für echte Beratung gewinnen. Und das ist letztlich der Bereich, in dem Vermittler:innen unschlagbar bleiben.


Fazit: KI ist weder Feind noch Heilsbringer – sie ist Ihr neues Werkzeug

Die Debatte „Hilfe oder Gefahr?“ verführt zu einem Entweder-oder. Die Realität ist deutlich pragmatischer:

  • Gefahr wird KI immer dann, wenn sie unkontrolliert, ohne Fachprüfung und ohne Haftungsbewusstsein eingesetzt wird.
  • Hilfe wird KI überall dort, wo sie Routineaufgaben übernimmt, Informationen sortiert und Sie als Berater:in entlastet.

Für die Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ heißt das: Der nächste Entwicklungsschritt besteht nicht aus noch mehr Tools, sondern aus besserer Integration in Beratung, Vertrieb und Schadenbearbeitung.

Wenn Sie möchten, dass KI für Ihr Geschäftsmodell arbeitet und nicht dagegen, starten Sie jetzt mit klar definierten, überschaubaren Use Cases – und behalten Sie Ihren größten Wettbewerbsvorteil im Blick: Menschen vertrauen Menschen, nicht Maschinen.