Telefónicas „KI-Oma Hilde“ zeigt, wie KI Kund:innen vor Betrug schützt. Was österreichische Versicherer daraus für Betrugserkennung, Produkte und Vertrieb lernen können.
Warum „KI-Oma Hilde“ für Versicherer ein Weckruf ist
Telefonbetrug hat 2024 in Deutschland und Österreich fünf- bis sechsstellige Schäden pro Fall verursacht – oft bei besonders schutzbedürftigen Kund:innen. Telefónica O2 reagiert darauf mit einer charmant benannten Lösung: „KI-Oma Hilde“, einem KI-basierten System zum Schutz vor Telefon- und Onlinebetrug.
Für österreichische Versicherer ist das mehr als eine nette Tech-News. Es ist ein Blick in die Zukunft von Betrugsprävention und Kundenschutz, der direkt auf die Versicherungsbranche übertragbar ist – von Schadenbearbeitung bis InsurTech-Produkten.
In dieser Folge unserer Reihe „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ schauen wir uns an, was hinter solchen KI-Ansätzen steckt, wie sie funktionieren und wie Versicherungen sie konkret für Betrugserkennung, Risikobewertung und Kundenbindung nutzen können.
Was steckt hinter „KI-Oma Hilde“ – und warum ist das relevant?
Der Kern von „KI-Oma Hilde“ ist simpel beschrieben: Ein KI-System erkennt Muster von Betrugsversuchen in Echtzeit und schützt Kund:innen, bevor Schaden entsteht.
Im Telko-Umfeld bedeutet das zum Beispiel:
- Erkennen auffälliger Anrufmuster (z.B. viele Auslandsanrufe in kurzer Zeit)
- Warnhinweise bei verdächtigen SMS oder Phishing-Links
- Automatisierte Hinweise für besonders gefährdete Gruppen, etwa Senior:innen
FĂĽr Versicherungen ist das hochrelevant, weil das Grundprinzip identisch ist:
Verdächtiges Verhalten wird nicht erst nach dem Schaden analysiert, sondern proaktiv erkannt – mit KI-Modellen, die aus Millionen Datenpunkten lernen.
Genau das brauchen auch Versicherer, um klassischen Versicherungsbetrug, aber auch Social-Engineering-Angriffe auf Kund:innen und Mitarbeitende zu verhindern.
Ăśbertrag auf Versicherungen: Von Telefonbetrug zu Versicherungsbetrug
1. Echtzeit-Erkennung von Betrugsversuchen
Versicherungsbetrug passiert längst nicht mehr nur beim „klassischen“ fingierten Autounfall. Typische Muster 2024:
- Fake-Schäden bei Hausrat- oder Reiseschäden
- Manipulierte Rechnungen im Gesundheitsbereich
- Organisierte Betrugsringe bei Kfz-Schäden
- Social Engineering ĂĽber E-Mail, Telefon oder Messenger, um Kundendaten zu stehlen
Was Telkos vormachen:
- Sie analysieren Verhaltensdaten in Echtzeit (z.B. Anrufdauer, Zielnummern, Geodaten)
- KI-Modelle bewerten, ob ein Vorgang
- normal,
- auffällig oder
- hochkritisch ist.
Was Versicherer übernehmen können:
- Echtzeit-Scoring bei Online-Schadenmeldungen (z.B. Foto-Uploads, Standort, Uhrzeit, Device)
- Mustererkennung bei wiederkehrenden Akteuren (gleiches Gutachten, identische Werkstatt, bekannte Telefonnummern)
- Risk-Flagging im Underwriting, wenn Antragsteller:innen auffällige Muster zeigen
Die Realität: Viele österreichische Versicherer prüfen heute noch stichprobenartig und manuell. Betrüger haben da leichtes Spiel.
2. Schutz besonders gefährdeter Kundengruppen
„KI-Oma Hilde“ spielt ganz bewusst mit dem Bild einer älteren, schutzbedürftigen Person. Das ist nicht nur Marketing – dahinter steckt eine wichtige Erkenntnis:
Nicht alle Kund:innen brauchen den gleichen KI-Schutz – manche brauchen deutlich mehr.
Ăśbertragen auf Versicherungen heiĂźt das:
- Senior:innen sind anfälliger für Phishing und Telefonbetrug
- Selbstständige sind besonders gefährdet durch CEO-Fraud und Rechnungsbetrug
- Digital-affine Kund:innen riskieren eher Datenverlust durch unsichere Apps und Portale
Konkrete Einsatzideen für österreichische Versicherer:
- Spezielle „Safety Layer“ für ältere Kund:innen in Kundenportalen (zusätzliche Warnhinweise, Double-Checks)
- Optionale „Fraud-Guard“-Bausteine in Haushalts-, Rechtsschutz- oder Cyberpolicen
- Proaktive Warnkampagnen, ausgelöst durch KI-Erkennung aktueller Betrugswellen
Wer hier nur auf allgemeine InformationsbroschĂĽren setzt, verliert zwei Dinge: Vertrauen und Kunden.
Technische Bausteine: Wie KI-Betrugserkennung in Versicherungen funktioniert
Die gute Nachricht: Versicherer müssen das Rad nicht neu erfinden. Die Muster aus der Telko-Welt sind übertragbar – die Datenquellen sind andere, aber die Logik ist identisch.
Wichtige Datenquellen fĂĽr Versicherungs-KI
Ein praktischer KI-Ansatz fĂĽr Betrugserkennung im Versicherungsbereich greift typischerweise auf diese Daten zu:
- Schadenhistorie: Häufigkeit, Art, Zeitpunkt, Höhe der Schäden
- Kundendaten: Alter, Beruf, Region, Produktmix
- Verhaltensdaten: Nutzung von Apps, Portalen, Chat, Hotline
- Dokumente & Bilder: Rechnungen, Gutachten, Fotos, PDFs
- Externe Daten: Wetterdaten (Sturm/Hagel), Verkehrslage, öffentliche Register
Je besser die Datenqualität und -verknüpfung, desto präziser kann KI echte von falschen Schäden unterscheiden.
Drei zentrale KI-Methoden fĂĽr Versicherer
-
Anomalieerkennung (Outlier Detection)
Modelle lernen, was „normales“ Verhalten ist, und schlagen Alarm, wenn Muster stark davon abweichen. Beispiel: Fünfter Kfz-Schaden in 12 Monaten bei geringem Fahrprofil. -
Predictive Scoring
Jeder Schadenfall oder Antrag erhält einen Risikowert (Score). Hohe Scores werden an Spezialteams weitergegeben, niedrigere automatisiert durchgewunken. -
NLP & Computer Vision
- NLP (Sprachanalyse) erkennt Auffälligkeiten in Freitexten von Schadenmeldungen oder Gutachten.
- Computer Vision prĂĽft, ob Fotos manipuliert, mehrfach verwendet oder unplausibel sind.
Genau wie „KI-Oma Hilde“ Muster im Kommunikationsverhalten erkennt, können Versicherungen Muster in Schäden und Anträgen analysieren – skalierbar und objektiv.
Praxisnah: Ein Anwendungsfall für eine österreichische Versicherung
Nehmen wir ein fiktives, aber realistisches Beispiel:
Ausgangslage
Eine große österreichische Schaden-/Unfallversicherung verzeichnet steigende Hausrat- und Reiseschäden mit Verdacht auf Betrug. Die Prüfquote ist gering, die Schadenbearbeitung dauert zu lange, ehrliche Kund:innen sind genervt.
KI-Projektidee
Das Unternehmen führt ein Fraud-Scoring-System ein, inspiriert von Ansätzen wie „KI-Oma Hilde“:
- Alle neuen Schadenmeldungen werden automatisch durch ein Modell bewertet (0–100 Punkte)
- Score > 80: Weiterleitung an Spezialteam Betrugsbekämpfung
- Score 40–80: Standardprüfung mit zusätzlichen Rückfragen
- Score < 40: Fast-Track-Regulierung
Genutzte Signale (vereinfachtes Beispiel):
- Häufung von Schäden in kurzer Zeit
- Sehr hohe Schadensummen im Vergleich zum Markt
- Wiederkehrende Dienstleister:innen, Gutachter:innen oder Werkstätten
- Unstimmigkeiten in Datum, Uhrzeit, Standort
- Metadaten von hochgeladenen Fotos (Zeitstempel, Kameradaten)
Ergebnis nach 12 Monaten (realistische Größenordnung):
- 20–30 % Reduktion der Betrugsquote in den betroffenen Sparten
- 40–60 % schnellere Regulierung bei unkritischen Fällen
- Deutlich bessere Kundenzufriedenheit in NPS- und App-Bewertungen
Damit wird KI nicht nur zum Sparhebel, sondern zum Differenzierungsmerkmal im Markt.
Kundenerlebnis: Warum Betrugsschutz ein Vertriebsargument wird
Hier kommt der Marketing- und Vertriebsaspekt ins Spiel, der in unserer Kampagne „KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden“ zentral ist – und sich direkt auf Österreich übertragen lässt.
Betrugsschutz ist kein lästiges Compliance-Thema, sondern ein emotional starkes Verkaufsargument.
Versicherungen können, ähnlich wie Telefónica O2 mit „KI-Oma Hilde“, dieses Thema gezielt in der Kommunikation nutzen:
Positionierungsmöglichkeiten im Vertrieb
- „Wir passen aktiv auf Sie auf“ – Positionierung als Schutzpartner, nicht nur als Zahler im Schadenfall
- Premium-Features in Digitaltarifen (z.B. Cyber-Security-Bausteine, Betrugswarnungen, Identity-Protection)
- Storytelling: Konkrete Beispiele, wie Kund:innen durch KI vor Betrug geschĂĽtzt wurden
Marketing-Ideen für den österreichischen Markt
- Kampagnen zum Thema Sicherheit fĂĽr die Generation 60+ (TV, Print, Online)
- Kooperationen mit Konsumentenschutz-Organisationen oder Seniorenverbänden
- Content-Formate wie Betrugsradar, monatliche Updates zu aktuellen Maschen – verknüpft mit der eigenen KI-Lösung
Versicherer, die Betrugsschutz transparent, verständlich und empathisch erklären, bauen Vertrauen auf – ein echter Wettbewerbsvorteil in einem oft austauschbaren Markt.
Governance & Ethik: Wo Versicherer klare Leitplanken brauchen
KI-gestützte Betrugserkennung klingt verlockend, birgt aber Risiken – vor allem, wenn Entscheidungen intransparent sind.
Drei Punkte, die österreichische Versicherungen sauber regeln sollten:
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Transparenz gegenĂĽber Kund:innen
- Offen kommunizieren, dass KI zur RisikoprĂĽfung eingesetzt wird
- Erklären, was das praktisch bedeutet und was nicht
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Kein „Black Box“-Alleinentscheider
- KI liefert Scores und Empfehlungen
- Menschen entscheiden in kritischen Fällen – insbesondere bei Ablehnung von Ansprüchen
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Bias & Fairness
- Vermeidung von Diskriminierung bestimmter Gruppen
- Regelmäßige Audits der Modelle (z.B. unterschiedliche Ablehnungsquoten nach Altersgruppen, Regionen etc.)
Wer hier sauber arbeitet, stärkt seine Reputation – und verringert das Risiko regulatorischer Probleme, etwa im Kontext der EU-KI-Verordnung.
Nächste Schritte: Wie Versicherer jetzt starten sollten
Der Weg zu einer eigenen „Versicherungs-Oma Hilde“ ist kein Mammutprojekt, wenn man pragmatisch vorgeht. Ein sinnvoller Fahrplan sieht so aus:
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Use Case priorisieren
- Welcher Bereich bietet die größte Hebelwirkung? Kfz, Hausrat, Reise, Gesundheit?
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Datenbasis klären
- Welche Daten sind vorhanden? Welche Qualität? Wo fehlen Schnittstellen?
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Pilotprojekt definieren (6–12 Monate)
- Kleiner, klar umrissener Bereich
- Eindeutige KPIs: Betrugsquote, Bearbeitungszeit, Kundenzufriedenheit
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Interdisziplinäres Team aufsetzen
- Fachbereich Schaden, IT/Data, Recht/Compliance, Vertrieb/Marketing
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Kommunikation mitdenken
- FrĂĽher Einbezug von Vertrieb & Marketing, um aus einem Technikprojekt ein Kundennutzen-Projekt zu machen
Wer das 2025 anpackt, ist dem Markt in zwei bis drei Jahren deutlich voraus – und wird mittelfristig auch bei Tarifgestaltung, Risikobewertung und personalisierten Angeboten aus KI deutlich mehr herausholen.
Fazit: Von „Oma Hilde“ zur smarten InsurTech-Strategie
„KI-Oma Hilde“ zeigt sehr anschaulich, wohin die Reise geht: KI-Systeme schützen Kund:innen proaktiv vor Betrug – und schaffen Vertrauen in digitale Services.
Für österreichische Versicherer ist das eine Steilvorlage:
- KI-basierte Betrugserkennung reduziert Schäden und Kosten
- Proaktiver Schutz wird zum starken Vertriebsargument
- Intelligenter Umgang mit Daten und Governance stärkt Marke und Regulatorik-Compliance
Wer KI nur als Effizienztool in der Schadenbearbeitung sieht, greift zu kurz. Der spannendste Hebel liegt dort, wo sich Betrugsschutz, Kundenerlebnis und InsurTech-Innovation treffen. Genau da sollten Versicherungen jetzt investieren – bevor andere den Platz besetzen.