Wie InsurTech die Versicherungen neu erfindet

KI für österreichische Versicherungen: InsurTech••By 3L3C

InsurTech und KI verändern Underwriting, Schadenbearbeitung und Vertrieb. Warum das gerade für österreichische Versicherer jetzt entscheidend ist – und wie man startet.

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Warum InsurTech jetzt auch fĂĽr Ă–sterreichs Versicherer entscheidend ist

37 % – so groß kann laut Accenture die Umsatzlücke zwischen Innovationsführern und Nachzüglern in der Schaden-/Unfallversicherung bis Ende 2025 werden. In einem Markt mit dauerhaftem Kostendruck, steigenden Schadenaufwänden und anspruchsvollen Kund:innen ist klar: Wer auf InsurTech und KI setzt, wächst. Wer zögert, verliert.

Für österreichische Versicherungen kommt noch etwas dazu: Der heimische Markt ist reif, dicht reguliert und stark umkämpft. Große Sprünge beim Prämienvolumen gibt es kaum – Wachstum entsteht über Effizienz, bessere Customer Experience und neue, datengetriebene Produkte. Genau hier spielt InsurTech gemeinsam mit Künstlicher Intelligenz seine Stärken aus.

In diesem Beitrag – Teil der Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ – geht es darum, wie Zusammenarbeit zwischen Versicherern und InsurTechs von der hübschen Innovation-Spielwiese zur harten Business-Priorität wird. Mit konkreten Beispielen, klarer Einordnung für den österreichischen Markt und praktischen Schritten, wie Sie vom Trend zum Ergebnis kommen.


1. Vom Gegner zum Partner: Wie InsurTech das Geschäftsmodell erweitert

InsurTechs haben die Versicherungsbranche nicht zerstört – sie haben sie wachgerüttelt. Die anfängliche Angst „die Start-ups nehmen uns die Kund:innen weg“ ist heute, zum Glück, weitgehend vorbei. Die Realität: Die stärksten Modelle entstehen durch Kooperation.

Was InsurTechs mitbringen – und was Versicherer beisteuern

InsurTech-Start-ups bringen vor allem:

  • Speed & Experimentierfreude: neue Ideen in Wochen statt in Jahren
  • Technologie-Kompetenz: KI, Analytics, APIs, mobile Nutzung, Cloud
  • Kundenzentrierung: radikal einfache Journeys, klare Sprache, UX als Kern

Traditionelle Versicherer bringen ein, was Start-ups meistens fehlt:

  • Regulatorische Expertise (VAG, Solvency II, FMA-Anforderungen usw.)
  • Zugang zu Bestandskund:innen und Vermittlernetzwerken
  • Historische Daten fĂĽr Pricing, Risikobewertung und Betrugserkennung
  • Bilanzstärke und Markenvertrauen

Die Kombination daraus ermöglicht Angebote, die alleine kaum jemand bauen kann: etwa KI-gestützte, nutzungsbasierte Kfz-Tarife, vollautomatisierte Kleinschäden oder hyperpersonalisierte Produktempfehlungen im Maklerportal.

Warum das fĂĽr Ă–sterreich relevant ist

Der österreichische Markt ist stark über Vermittler:innen geprägt, gleichzeitig steigt der Online-Informationsanteil: Kund:innen holen sich Angebote digital, unterschreiben aber oft noch beim Berater. Genau diese Omnichannel-Realität ist das Spielfeld, auf dem InsurTechs und Versicherer gemeinsam gewinnen können.

Wer als Versicherer InsurTechs strategisch einbindet,

  • erweitert sein Produktangebot ohne jahrelange IT-Projekte,
  • wirkt im Markt als Innovationstreiber,
  • und verbessert messbar Abschlussquoten, Cross-Selling und Kundenzufriedenheit.

2. Daten, KI und Ökosysteme: So verändern InsurTechs Underwriting & Schaden

Der eigentliche Hebel von InsurTech liegt nicht in hübschen Apps, sondern in neuen Datenquellen und deren intelligenter Nutzung. Genau hier kommt KI für österreichische Versicherer ins Spiel.

Usage-based Insurance: Ohne Ă–kosystem keine nutzungsbasierte Tarifierung

Nehmen wir nutzungsbasierte Kfz-Versicherung (UBI, „Pay as you drive“). Damit das funktioniert, braucht es ein Ökosystem aus:

  • Telematik-Daten (Fahrstil, Fahrzeiten, Strecken)
  • Smartphone- oder Bordcomputer-Integration
  • Mobilfunkanbietern und Autoherstellern
  • einer flexiblen Kernversicherungslösung

InsurTechs orchestrieren diese Partner, normalisieren die Datenströme und liefern daraus:

  • Feineres Risikoprofil pro Fahrzeug und Fahrer:in
  • Dynamische Prämien statt grober Tarifklassen
  • Präventive Services (Fahrstil-Coaching, Warnungen, Bonusprogramme)

Für österreichische Kfz-Versicherer bedeutet das: weniger Quersubventionierung, besseres Schadenverlaufsergebnis und ein Produkt, das gerade für jüngere Fahrer:innen attraktiv ist – eine Zielgruppe, die sich sonst leicht zu Direktanbietern verabschiedet.

KI im Schadenmanagement: Vom Meldungseingang bis zur Auszahlung

Neue Datenquellen – etwa IoT-Sensoren, Fotos, Geodaten oder Werkstatt-APIs – erlauben in Kombination mit KI eine durchgängige Automatisierung:

  • Automatischer Schaden-Trigger: Airbag löst aus, Telematik erkennt Crash, Schadenfall wird automatisch eröffnet.
  • Sofortanalyse & Triage: KI bewertet auf Basis von Fotos und Parametern, ob es sich um einen Bagatellschaden handelt, ob Betrugsindikatoren vorliegen und welcher Prozesspfad sinnvoll ist.
  • Automatisierte Disposition: Terminvereinbarung mit Werkstatt, Notfallkontakte, Organisation von Ersatzfahrzeugen.
  • Intelligente Reservenbildung: KI nutzt historische und aktuelle Daten, um realistische Schadenreserven zu setzen – relevant fĂĽr Solvency II und Reporting.
  • Direktauszahlung bei Kleinschäden: „Straight-Through-Processing“ ohne menschliche Bearbeitung, z.B. bei einfachen Haushalts- oder Reiseschäden.

Für österreichische Versicherungen ist das besonders spannend in Bereichen mit hohem Volumen und niedrigen Einzelbeträgen: Haushalt, Unfall, Kleinschäden in der Kfz-Sparte. Hier entscheidet Automatisierung über Kostenquote und Bearbeitungszeit.


3. Die harte Realität: Warum viele Versicherer bei InsurTech noch hängenbleiben

Trotz vieler Pilotprojekte tun sich etablierte Versicherer schwer, InsurTech-Lösungen wirklich breit auszurollen. Die Probleme sind oft weniger technisch als organisatorisch.

Typische HĂĽrden in der Praxis

  1. Intransparente InsurTech-Landschaft
    Das Angebot ist riesig, die Qualität sehr unterschiedlich. Viele Häuser wissen schlicht nicht, wen sie sich näher ansehen sollen.

  2. Fehlende Anbindung an das Kernsystem
    Ein tolles Frontend bringt nichts, wenn es nicht sauber an BestandsfĂĽhrung, Inkasso, Provision und Reporting angebunden ist.

  3. „Innovation Theater“ statt Business Impact
    Innovation-Labs testen nette Apps, aber ohne klare Umsatz-, Kostensenkungs- oder NPS-Ziele bleibt alles Show.

  1. Angst vor Komplexität & Regulierung
    Gerade in regulierten Bereichen wie Lebens- oder Krankenversicherung blockieren Compliance-Bedenken häufig den Start, statt konstruktiv gestaltet zu werden.

Was funktioniert: Kuratierte Ă–kosysteme und klare Governance

Ein Ansatz, der international an Fahrt aufgenommen hat und auch fĂĽr Ă–sterreich sinnvoll ist:

  • Kuratierte Partnerprogramme: Versicherer oder Plattformanbieter sichten und bewerten InsurTechs vorab (Finanzstabilität, Security, Use Cases, Referenzen) und stellen geprĂĽfte Partnerlisten bereit.
  • Vorgefertigte Integrationen: Standard-APIs und „Plug-and-Play“-Anbindungen zur Kernversicherungslösung verkĂĽrzen Time-to-Market massiv.
  • Klare Business Cases und KPIs: Kein PoC ohne konkrete Zielgröße (z.B. „Schadenbearbeitungszeit in Sparte X um 30 % senken“ oder „Conversion im Onlineabschluss um 20 % steigern“).
  • Cross-funktionale Teams: Fachbereich, IT, Aktuariat, Vertrieb und Compliance sitzen von Beginn an gemeinsam am Tisch.

Wer so vorgeht, kommt vom „Wir probieren mal was mit einem Start-up“ zu reproduzierbaren, skalierbaren Ergebnissen.


4. Online-Marktplätze, Omnichannel und der Faktor Vertrauen

Viele hoffen, dass ein digitaler Versicherungsmarktplatz quasi von allein Wachstum bringt. Die Realität ist differenzierter – und sie erklärt, warum KI-gestützte Personalisierung und menschliche Beratung zusammengehören.

Warum Kund:innen zwar online recherchieren, aber offline abschlieĂźen

Die Zahlen aus verschiedenen Märkten sind erstaunlich stabil:

  • Rund 70 % der Kund:innen holen online Angebote ein, vergleichen Tarife und Leistungen.
  • Aber unter 30 % schlieĂźen komplexere Versicherungen tatsächlich online ab – und diese Quote steigt nur sehr langsam.

Das Muster sehen wir auch in Ă–sterreich:
Kund:innen informieren sich online, wollen aber spätestens bei Produkten wie Berufsunfähigkeits- oder Lebensversicherung einen Menschen sprechen. Der Grund ist simpel:

  • Komplexität: Versicherungsverträge sind schwerer zu ĂĽberblicken als eine Flugbuchung.
  • Risikowahrnehmung: Wer „etwas zu verlieren“ hat (Haus, Einkommen, Familie), möchte Sicherheit durch einen Menschen.
  • Vertrauen: Markenvertrauen und die Erfahrung „im Zweifel kĂĽmmert sich jemand um mich“ sind entscheidend.

Was InsurTech hier konkret leisten kann

Der Schlüssel ist nicht „alles online“, sondern echte Omnichannel-Fähigkeit:

  • Kund:innen starten online (Tarifrechner, Self-Service, Chatbot),
  • können jederzeit bruchlos zu Makler:in, AusschlieĂźlichkeitsvertreter:in oder Callcenter wechseln,
  • und alle bereits erfassten Daten sind in Echtzeit im Beratungssystem vorhanden.

Dazu kommen KI-basierte Empfehlungssysteme (z.B. wie bei Zelros), die auf Basis von Kundenprofil, Bedarf und Situation passende Produkte und Deckungen vorschlagen – sowohl im Self-Service als auch im Beratungsgespräch.

Das Ergebnis:

  • höhere Abschlussquoten, weil der Ăśbergang von digital zu menschlich friktionsfrei ist,
  • weniger AbbrĂĽche, weil niemand Daten doppelt eingeben muss,
  • spĂĽrbar relevantere Beratung, weil Vorschläge datengestĂĽtzt sind.

Für österreichische Versicherungen heißt das konkret: Der Vermittler bleibt zentral – aber er arbeitet mit deutlich besserem Werkzeug.


5. Was österreichische Versicherer jetzt konkret tun sollten

Die gute Nachricht: Man muss nicht alles auf einmal machen. Wer strukturiert vorgeht, kann innerhalb von 12–24 Monaten spürbare Effekte durch KI und InsurTech sehen.

Schritt 1: Strategische Prioritäten definieren

Starten Sie mit 2–3 klaren Zielen, etwa:

  • Schadenbearbeitungsdauer in Sparte Haushalt um 40 % reduzieren
  • Conversion im Online-Abschluss fĂĽr Kfz um 20 % steigern
  • Cross-Selling-Quote im Bestandsgeschäft um 15 % erhöhen

Diese Prioritäten leiten dann ab, welche InsurTech-Funktionen tatsächlich sinnvoll sind: KI-Schaden-Triage, Empfehlungssysteme, Telematik, Dokumenten-KI usw.

Schritt 2: Kurze Liste geeigneter InsurTech-Partner

Nutzen Sie interne und externe Expertise, um eine Shortlist zu erstellen:

  • Fokus auf Use Cases mit direktem Business Impact
  • PrĂĽfen von Referenzen im DACH-Raum
  • Evaluierung von Datenschutz, IT-Sicherheit und FMA-Konformität

Wichtig: Lieber wenige, gut passende Partner auswählen als zehn Piloten ohne Breitenwirkung zu starten.

Schritt 3: Integration in Kernsystem & Vertriebsprozesse

Ohne gute Integration bleibt jede Lösung ein Fremdkörper. Entscheidend ist daher:

  • Saubere API-Anbindung an BestandsfĂĽhrung, Provision und Reporting
  • Einbindung in Frontends von Callcenter, Maklerportalen und AuĂźendienst-Apps
  • Schulung von Mitarbeiter:innen und Vertrieb – inklusive „Warum lohnt sich das fĂĽr euch?“

Schritt 4: Messen, lernen, skalieren

Setzen Sie von Beginn an harte Metriken:

  • Durchlaufzeiten im Schadenprozess
  • Abschlussquote nach Kanal
  • Durchschnittlicher Prämienkorb pro Kunde
  • NPS oder Kundenzufriedenheit nach Kontakt

Was funktioniert, wird skaliert. Was nicht wirkt, wird beendet oder angepasst.


Ausblick: KI & InsurTech als neuer Standard in der österreichischen Versicherung

InsurTech ist kein exotischer Nebenpfad mehr, sondern der Motor hinter Themen wie KI-gestützter Schadenbearbeitung, smarter Risikobewertung, Betrugserkennung und personalisierten Tarifen. Wer heute in Österreich Verantwortung in einer Versicherung trägt, entscheidet in den nächsten Jahren darüber, ob das eigene Haus zu den Innovationsführern oder zu den Nachzüglern mit 37 % Umsatzlücke gehört.

Die gute Nachricht: Die Bausteine sind da – vom InsurTech-Ökosystem über moderne Kernsysteme bis zu einsatzfähiger KI. Was fehlt, ist oft nur die klare Priorisierung und der Mut, aus Piloten echte Transformation zu machen.

Wer jetzt gezielt Kooperationen mit InsurTechs eingeht, KI nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für konkrete Businessziele nutzt, und Kund:innen eine wirklich durchgängige Omnichannel-Erfahrung bietet, wird in wenigen Jahren nicht nur effizienter, sondern auch relevanter sein.

Die Frage ist also weniger ob InsurTech die österreichische Versicherungslandschaft verändert, sondern wer von dieser Veränderung profitieren wird.