Österreichische Versicherer verlieren heute Abschlüsse an schwache digitale Frontends. Wie KI-gestützte Oberflächen Abschlüsse, Schaden und Service spürbar verbessern.
Warum digitale Frontends jetzt ĂĽber AbschlĂĽsse entscheiden
Ein Wertpapier-Depot lässt sich in Österreich inzwischen in unter 10 Minuten online eröffnen. Viele Kfz‑ und Haushaltsversicherungen brauchen digital aber noch immer 30 Minuten – wenn der Prozess überhaupt durchgängig online funktioniert. Genau da verlieren Versicherer heute Kund:innen und Prämien.
Die gute Nachricht: Die Technik für einfache, intuitive digitale Frontends ist längst da – und sie wird durch Künstliche Intelligenz (KI) deutlich stärker. Während der US‑Versicherungssoftware-Anbieter Finys mit dem InsurTech ManageMy kooperiert, um solche modernen Oberflächen bereitzustellen, steht die österreichische Versicherungswirtschaft vor der gleichen Aufgabe: Wie bringt man ein oft historisch gewachsenes Bestandssystem in eine zeitgemäße, KI‑gestützte Kundenerfahrung?
In dieser Ausgabe unserer Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ geht es darum, wie digitale Frontends funktionieren, welche Rolle KI darin spielt und wie Versicherer in Österreich pragmatisch starten können – ohne ihr Bestandssystem zu sprengen.
Was ein „digitales Frontend“ im Versicherungsalltag wirklich bedeutet
Ein digitales Frontend ist nicht nur eine hĂĽbsche Website. Es ist die interaktive Schicht zwischen Kund:in, Vertrieb und dem Kernsystem des Versicherers.
Konkret gehören dazu etwa:
- Online‑Abschlussstrecken (Kfz, Haushalt, Rechtsschutz, Reise, Unfall …)
- Self‑Service‑Portale für Vertragsänderungen und Polizzen-Download
- Digitale Schadenmeldungen inklusive Upload von Fotos und Dokumenten
- Makler- und Partnerportale
- Mobile Apps für Kund:innen (z.B. „Meine Versicherung“)
Die Realität in vielen Häusern:
- mehrere parallele Portale, jedes mit eigener Logik
- Medienbrüche (PDF-Formulare, E‑Mail, manuelle Datenerfassung)
- „Bitte rufen Sie uns an“-Hinweise mitten in einem eigentlich digitalen Prozess
Die Folge: Höhere Kosten im Innendienst, unzufriedene Kund:innen, Vertriebsfrust – und ein sehr begrenzter Nutzen von KI, weil die Daten nicht sauber und strukturiert durchfließen.
KI entfaltet ihren Nutzen nicht im Elfenbeinturm, sondern genau dort, wo Kund:innen klicken, tippen, Fotos hochladen und Entscheidungen treffen.
Warum KI ohne modernes Frontend nur die halbe Miete ist
KI kann heute in der Versicherung unglaublich viel:
- Risiken vorschätzen (z.B. Telematik, Gebäudedaten, Geodaten)
- Betrug in der Schadenbearbeitung erkennen
- Schäden automatisch klassifizieren und reservieren
- personalisierte Tarife und Angebote berechnen
Der Haken: Wenn der Zugang zum Kunden analog bleibt, bleiben auch die Daten analog. Dann werden PDFs manuell abgetippt, Kund:innen rufen im Callcenter an, und KI‑Modelle bekommen nur einen Bruchteil der relevanten Informationen – oft mit Wochen Verzögerung.
Ein modernes, KI‑fähiges Frontend sorgt dafür, dass:
-
Daten strukturiert ankommen
Statt Freitext in E‑Mails: Formulare mit klaren Feldern, Fotos, Geodaten, Zeitstempeln. -
Echtzeit‑Entscheidungen möglich werden
KI‑Modelle können während der Eingabe Vorschläge machen, z.B. Tarifwahl, Deckungserweiterungen, Plausibilitätschecks bei Schadenmeldungen. -
Kund:innen direkt vom KI‑Mehrwert profitieren
Etwa durch sofortige Deckungszusage, digitale Schadenfreigabe bei Kleinschäden oder dynamische Rabatte.
Die Partnerschaft von Finys und ManageMy zeigt genau dieses Muster: Ein etabliertes Kernsystem wird mit einer spezialisierten digitalen Frontend-Plattform verbunden, die Kundenerlebnis und Datenqualität verbessert. Für Österreich heißt das: Man muss die jahrzehntealten Hostsysteme nicht austauschen, um in Richtung KI‑gestützte, digitale Prozesse zu gehen – man braucht eine smarte Schicht davor.
Drei zentrale Einsatzfelder fĂĽr KI in digitalen Frontends
1. Intelligente Online-Abschlussstrecken
Ein Versicherungsantrag ist fĂĽr viele Kund:innen mĂĽhsam. Lange Formulare, unklare Fragen, Fachbegriffe. KI kann diesen Prozess spĂĽrbar vereinfachen.
Mögliche Funktionen:
- Adaptive Formulare: Nur die Fragen, die wirklich relevant sind, abhängig von bisherigen Antworten.
- Sprach- und Chat-Unterstützung: Ein KI‑Assistent erklärt Fachbegriffe („Was heißt grobe Fahrlässigkeit?“) in einfacher Sprache.
- Echtzeit‑Risikoprüfung: KI bewertet das Risiko im Hintergrund und steuert, ob ein Antrag straight-through gezeichnet werden kann oder in Underwriting geht.
- Personalisierte Produktempfehlungen: Statt 32 Tarifvarianten zeigt das Frontend 2–3 konkret passende Pakete, begründet mit den Kundendaten.
Für österreichische Versicherer ist das besonders spannend im Direct-Business und in hybriden Modellen mit Makler:innen: Der Abschluss findet digital statt, Beratung und persönliche Beziehung bleiben dennoch erhalten.
2. Digitale Schadenmeldung mit automatischer PrĂĽfung
Schadenprozesse entscheiden direkt über Kundenzufriedenheit. Eine KI‑fähige Schadenmeldung im Frontend kann heute deutlich mehr als nur ein Formular bereitstellen.
Beispiele:
-
Foto‑Upload mit Bilderkennung (Computer Vision):
Das System erkennt z.B. bei einem Kfz‑Schaden den Schadenbereich und die Intensität und ordnet eine erste Schadenshöhe zu. -
Automatisierte Plausibilitätschecks:
Anhand von Uhrzeit, Ort, Witterung und Schadentyp wird geprĂĽft, ob die Angaben stimmig sind. -
Direkte Triage:
Kleinschäden werden automatisch freigegeben, mittlere Schäden an spezialisierte Teams geroutet, komplexe Fälle an Senior Claims Handler. -
Guided Capture:
Das Frontend zeigt, welche Fotos oder Infos noch fehlen („Bitte fotografieren Sie das Kennzeichen und den gesamten Heckbereich“).
Das reduziert Rückfragen, Bearbeitungszeiten und Betrug – und schafft genau die Erfahrung, die Kund:innen inzwischen auch von E‑Commerce oder Banken gewohnt sind.
3. Personalisierte Kundenportale und Self‑Service
„Self‑Service“ heißt oft: Kund:innen dürfen ihre Adresse ändern und ein PDF runterladen. Mit KI kann ein Portal aber zur echten Beratungsoberfläche werden.
Mögliche Funktionen:
- Tarif-Checks: KI erkennt Deckungslücken oder Überversicherungen und schlägt konkrete Anpassungen vor.
- Lebenssituations‑Trigger: Umzug, Familienzuwachs, Firmenwagen – das System erkennt Muster und macht aktiv Vorschläge.
- Proaktive Kommunikation: „Sturmwarnung für Ihre Region – haben Sie Ihre Eigenheimdeckung geprüft?“
- Nächste beste Aktion (Next Best Action) für Vertrieb und Kund:innen gleichzeitig: Upsell, Cross‑Sell, Präventionsangebote.
Gerade für österreichische Kompositversicherer steckt hier enormes Potenzial, weil Bestandskunden häufig über viele Jahre gehalten werden – der Wert von intelligenter, personalisierter Kommunikation ist dementsprechend hoch.
Technische Architektur: Wie man KI-Frontends an bestehende Systeme andockt
Die wichtigste Architekturentscheidung ist simpel: Kernsystem bleibt das führende System – das digitale Frontend wird als flexible Schicht davor gesetzt.
Typische Bausteine:
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API‑Schicht / Middleware
Verbindet Bestandssystem, Produktrechner, Dokumentenerstellung, Partnerdatenbanken und externe Services (z.B. Bonitätsprüfer, Geodatenanbieter). -
Frontend-Plattform
Web- und Mobile-Interfaces für Kund:innen, Vertrieb und Partner – zentral konfigurierbar, idealerweise mit Low‑Code/No‑Code‑Ansätzen, damit Fachbereiche eigenständig Journeys anpassen können. -
KI‑Services
- Scoring- und Pricing‑Modelle
- NLP‑Modelle für Chat und Textanalysen
- Computer-Vision fĂĽr Bild- und Dokumentenerkennung
- Recommendation Engines fĂĽr Angebote und Aktionen
-
Datenplattform
Zentrale Sammlung der Interaktionsdaten (Clickstream, Formulareingaben, Schadenfotos, Dokumente), um KI‑Modelle laufend trainieren und verbessern zu können.
Die Finys–ManageMy‑Konstellation ist ein typisches Beispiel: Ein Policy-Administration-System als stabiles Rückgrat, ergänzt um eine spezialisierte Plattform, die digitale Frontends orchestriert. Für österreichische Versicherer heißt das konkret:
Nicht der Host ist das Problem – fehlende APIs und fragmentierte Frontends sind es.
Wer hier zuerst aufräumt, kann KI deutlich schneller in den Markt bringen.
Fahrplan für österreichische Versicherer: So starten Sie pragmatisch
Viele Häuser in Österreich stehen vor denselben Fragen: „Wo fangen wir an?“, „Wie groß soll der Scope sein?“, „Wie binden wir Vertrieb und IT ein?“
Ein pragmatischer Fahrplan, der sich in Projekten immer wieder bewährt hat:
Schritt 1: Einen klaren Use Case wählen
Kein Big‑Bang, sondern ein produktiver Leuchtturm.
Geeignete Kandidaten:
- Kfz‑Online-Abschluss mit digitaler Polizze
- Digitale Schadenmeldung für Haushalts- und Eigenheim-Schäden
- Kleines, aber sauberes Kundenportal mit 3–5 starken Funktionen
Kriterium: Hoher Kundennutzen, messbare KPIs, ĂĽberschaubarer Integrationsaufwand.
Schritt 2: Prozesse gemeinsam mit Fachbereich und Vertrieb designen
Die beste Technologie scheitert, wenn sie an realen Abläufen vorbeigeht. Deswegen:
- Fachbereich, Vertrieb, Schaden, IT und Compliance an einen Tisch holen.
- Kundenreisen als Storyboard skizzieren (vom Google‑Suchbegriff bis zum unterschriebenen Antrag bzw. zur erledigten Schadenmeldung).
- Bereit definieren, wo KI Mehrwert bringt – und wo sie (noch) nicht nötig ist.
Schritt 3: Technische Basis schaffen
- APIs zum Bestandssystem freischalten oder eine Middleware aufbauen.
- Datenmodell und Stammdatenqualität prüfen:
- Sind alle Pflichtfelder im Bestand auch wirklich sinnvoll?
- Passen die Felder zu modernen Formularen?
- Erste KI‑Modelle auswählen (Make or Buy):
z.B. Dokumentenerkennung, Betrugserkennung, Empfehlungsmodelle.
Schritt 4: Testen, messen, iterieren
Statt nach 18 Monaten alles auf einmal live zu schalten:
- Mit einem Pilotsegment live gehen (z.B. nur NeuabschlĂĽsse, nur eine Region, nur ein Partner).
- KPIs messen:
- Abbruchraten in den Abschlussstrecken
- Zeit bis zur Schadenregulierung
- NPS / Kundenzufriedenheit
- Anteil straight-through bearbeiteter Fälle
- Frontend regelmäßig anhand dieser Zahlen anpassen.
Schritt 5: Organisation vorbereiten
Digitale Frontends mit KI verändern auch Rollenbilder:
- Innendienst wird stärker zum „Case Manager“ statt Datenerfasser.
- Schadensachbearbeiter:innen arbeiten mit KI‑Vorschlägen und werden zu Entscheider:innen.
- Vertrieb braucht Tools, um Daten aus digitalen Touchpoints sinnvoll fĂĽr Beratung zu nutzen.
Schulung, Change‑Management und transparente Kommunikation sind genauso wichtig wie Technologie. Sonst bleibt die KI ein isoliertes Projekt im Innovation Lab.
Warum 2025 ein guter Zeitpunkt fĂĽr mutige Schritte ist
Viele österreichische Versicherer haben bereits erste KI‑Projekte in Schaden oder Pricing gestartet. Oft bleiben sie aber auf „Pilotniveau“, weil der Zugang zum Kunden noch analog oder bruchstückhaft digital ist.
Digitale Frontends sind die Stelle, an der sich Kundenerlebnis, Effizienz und KI‑Nutzen treffen. Wer hier 2025 startet oder konsequent ausbaut,
- steigert Abschlussquoten im Direkt- und Hybridvertrieb,
- reduziert Kosten in Schaden und Verwaltung,
- sammelt strukturierte Daten für bessere KI‑Modelle,
- wirkt fĂĽr Kund:innen und Mitarbeiter:innen spĂĽrbar moderner.
Für unsere Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ heißt das: Die spannendsten KI‑Anwendungen werden in den kommenden Jahren nicht mehr nur im Backoffice stattfinden, sondern direkt im Frontend, dort wo Kund:innen in Echtzeit Entscheidungen treffen.
Wer heute die richtige Architektur und ein starkes Frontend-Team aufbaut, wird in zwei, drei Jahren nicht mehr über „Piloten“ sprechen, sondern über produktive KI‑Prozesse, die täglich mehrere tausend Fälle berühren – vom Abschluss bis zur Schadenregulierung.
Wenn Sie intern gerade über den nächsten Schritt in Richtung KI nachdenken, dann lohnt sich eine einfache Frage:
An welcher Stelle im digitalen Frontend würde unseren Kund:innen eine intelligente Unterstützung schon morgen konkret helfen – und welche Daten würden wir dadurch gewinnen?
Genau dort sollte Ihr nächstes Projekt starten.