Aktuare sind das analytische Rückgrat der KI-getriebenen Versicherungswelt. Warum Österreichs Versicherer jetzt gezielt Nachwuchs fördern sollten – und wie das gelingt.

Warum die Versicherungsbranche jetzt mehr Aktuare braucht
2024 war das Jahr der Extremereignisse: Starkregen, Hochwasser, Hitzewellen. Parallel dazu steigen Zinsen, Märkte bleiben nervös, die Lebenserwartung verändert sich. Österreichische Versicherer stehen mitten in einem Dauerstresstest – und genau hier kommen Aktuarinnen und Aktuare ins Spiel.
Der Beruf war lange ein „Hidden Champion“ der Branche. Wer nicht Mathe studiert, hat vom Aktuariat meist noch nie gehört. Gleichzeitig hängen faire Prämien, stabile Pensionen, Solvabilitätsquoten und zunehmend auch KI-gestützte Risikomodelle direkt von ihrer Arbeit ab. Der VVO und die Aktuarvereinigung Österreichs (AVÖ) setzen deshalb mit der Initiative „Austrian Actuary“ gezielt auf Nachwuchsförderung.
Dieser Beitrag zeigt, warum der Aktuarsberuf im Zeitalter von InsurTech und KI in der Versicherungswirtschaft wichtiger ist als je zuvor, welche Skills junge Talente mitbringen sollten – und wie Versicherer das Thema strategisch für ihr eigenes KI- und Talentprogramm nutzen können.
Aktuare: Das analytische RĂĽckgrat der KI-getriebenen Versicherungswelt
Aktuarinnen und Aktuare sorgen dafür, dass Risiken messbar, Versicherungsprodukte fair und Unternehmen stabil bleiben – und zwar immer stärker in Kombination mit Künstlicher Intelligenz.
In der Praxis heiĂźt das:
- Sie entwickeln und validieren Risikomodelle, die heute häufig mit Machine Learning kombiniert werden.
- Sie berechnen Prämien, Rückstellungen und Solvabilitätskapital unter Aufsicht von FMA und EIOPA.
- Sie übersetzen abstrakte Statistik in geschäftsrelevante Entscheidungen für Vorstand, Produktentwicklung, Vertrieb und IT.
„Die Versicherungswirtschaft braucht Talente, die komplexe Risiken wie Klimaveränderung, demografischen Wandel und volatile Märkte berechenbar machen.“ – Gregor Pilgram, VVO
Ohne Aktuare gäbe es keine solide Kalkulation für:
- Naturkatastrophenmodelle (Starkregen, Hochwasser, Sturm)
- Langfristige Altersvorsorge- und Pensionszusagen
- Kapitalanlagestrategien in einem Umfeld schwankender Zinsen
Der entscheidende Punkt: KI ersetzt Aktuare nicht, sie verschiebt den Fokus. Routineberechnungen werden automatisiert, dafĂĽr steigt der Bedarf an Fachleuten, die:
- Modelle verstehen statt nur bedienen,
- Ergebnisse erklären können – auch Nicht-Mathematikern,
- und Verantwortung fĂĽr die ethische und regulatorische Umsetzung von KI ĂĽbernehmen.
Austrian Actuary: Nachwuchs fĂĽr ein Zukunftsprofil
Die Initiative „Austrian Actuary“ von VVO und AVÖ setzt genau dort an, wo das Problem beginnt: in der Orientierungsphase junger Menschen.
Viele entdecken den Aktuarsberuf erst, wenn ein Wechsel ins Mathematikstudium kaum mehr möglich ist. Gleichzeitig wächst der Bedarf an analytischen Profilen in Versicherungen rasant – nicht nur im klassischen Aktuariat, sondern auch in Data Science, Pricing Analytics, Betrugserkennung und Telematik-Tarifierung.
Ziele der Initiative
Die Initiative verfolgt drei Kernziele:
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FrĂĽhe Begeisterung fĂĽr Mathematik und Statistik
- Sichtbarkeit an Schulen und Unis
- Konkrete Beispiele, wie Mathe reale Probleme löst (z.B. Hochwasserrisiko, Pflegekosten, Cyber-Schäden)
-
Transparente Karrierewege in der Versicherungsbranche
- Welche Studienrichtungen passen?
- Wie läuft die Ausbildung zur Aktuarin/zum Aktuar?
- Welche Rollen gibt es zwischen „Classic Actuary“, Risk Manager und KI-Spezialist?
-
Realistische Einblicke in den Arbeitsalltag
- Praxisberichte, Videos, Job-Profile
- Wie sieht ein typischer Tag im Pricing, in der Lebensversicherung oder im Enterprise Risk Management aus?
Für Versicherer ist das mehr als ein Imageprojekt. Wer sich heute an „Austrian Actuary“ und ähnlichen Initiativen beteiligt, baut sich einen langfristigen Talentpool für KI- und Analytics-Rollen auf.
Welche Skills moderne Aktuarinnen und Aktuare brauchen
Der klassische Aktuar mit Rechenschieber ist ein Klischee aus der Vergangenheit. Das Profil, das die Branche aktuell sucht, sieht deutlich breiter aus – und passt perfekt in die InsurTech-Welt.
Fachliche Grundlagen
Ohne solide Mathe geht es nicht. Typische Bausteine:
- Stochastik & Statistik: Verteilungen, Extremwerttheorie, stochastische Prozesse
- Finanzmathematik: Barwerte, Duration, Optionsbewertung
- Versicherungsmathematik: Leben, Kranken, Schaden/Unfall, Pensionskassen
- Regulatorik: Solvency II, IFRS 17, nationale Aufsichtsvorgaben
Dazu kommen immer öfter Daten- und KI-Kompetenzen:
- Programmiersprachen wie
R,Python,SQL - Erfahrung mit Machine-Learning-Methoden (Gradient Boosting, Random Forests, GLMs, neuronale Netze)
- Modellvalidierung und Erklärbarkeit von KI-Modellen (Explainable AI)
Soft Skills – oft unterschätzt, intern aber entscheidend
Aktuarinnen und Aktuare interagieren heute ständig mit:
- Vorstand und Management
- IT- und Data-Teams
- Vertrieb und Produktmanagement
- Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfern
Gefragt sind daher:
- Kommunikationsstärke: komplexe Modelle in verständliche Botschaften übersetzen
- Storytelling mit Zahlen: Was bedeutet eine Änderung der Sterbetafel für Kund:innen, Bilanz und Produktstrategie?
- Verantwortungsbewusstsein: Aktuarielle Entscheidungen haben direkte gesellschaftliche Wirkung
Wer Mathe liebt, aber nicht in der rein theoretischen Forschung landen will, findet hier ein Feld, in dem Zahlen sichtbare Konsequenzen haben – von fairen Prämien bis zur Stabilität des Pensionssystems.
Wie KI den Aktuarsberuf verändert – und warum das ein Karriere-Vorteil ist
In unserer Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ taucht ein roter Faden immer wieder auf: KI entfaltet ihren Wert nur, wenn sie fachlich geführt wird. Genau hier kommen Aktuare ins Spiel.
Typische KI-Anwendungsfelder mit Aktuarsbezug
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Risikobewertung & Pricing
- Nutzung von Telematik-Daten in der Kfz-Versicherung
- dynamische Prämienmodelle, die sich an Verhaltensdaten orientieren
- Analyse von Naturgefahren: Hochwasser-, Sturm- und Hagelmodelle
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Schadenbearbeitung & Betrugserkennung
- KI-Modelle erkennen Auffälligkeiten in Schadenmeldungen
- automatisierte Triage: Welche Fälle gehen in den Straight-Through-Processing, welche brauchen menschliche Prüfung?
-
Kapitalanlage & Risikoaggregation
- Szenarioanalysen und Stresstests mit Simulationsmodellen
- Kombination aus makroökonomischen Szenarien, Klimamodellen und Portfolio-Daten
Aktuare sorgen dafür, dass diese Modelle nicht nur präzise, sondern auch fair, regulatorisch konform und erklärbar sind. Wer die Versicherungsmathematik beherrscht und KI versteht, hat deshalb einen seltenen Profil-Mix – und damit einen massiven Karrierevorteil.
Warum KI den Beruf attraktiver macht
Statt den ganzen Tag Reserven in Excel hin- und herzuschieben, können Aktuarinnen und Aktuare sich stärker auf:
- Modellkonzeption und -validierung,
- strategische Beratung,
- und cross-funktionale Projekte konzentrieren.
Routineaufgaben wandern zu:
- automatisierten Skripten,
- Low-Code-Analytics-Plattformen,
- oder spezialisierten Data-Teams.
Die Rolle entwickelt sich vom „Berechner im Hintergrund“ zur strategischen Sparringspartnerin für Management und Produktentwicklung.
Was Versicherer konkret tun können, um Nachwuchs zu gewinnen
Most companies get this wrong: Sie warten, bis der Fachkräftemangel akut ist, und schalten dann eine Stellenanzeige. Für den Aktuars- und Analytics-Bereich reicht das 2025 längst nicht mehr.
1. Früh ansetzen – schon vor dem Studium
- Kooperationen mit Schulen: Mathe-Olympiaden, Workshops, Projekttage zu Risiko & Versicherung
- Sichtbare Role Models: junge Aktuarinnen und Aktuare, die ihren Werdegang erzählen
- Praxisnahe Beispiele: Wie wird das Hochwasserrisiko modelliert? Wie wirken sich Hitzetage auf Krankenversicherungen aus?
2. Studien- und Ausbildungswege aktiv mitgestalten
- Stipendienprogramme fĂĽr Mathematik- und Statistikstudierende
- Berufsbegleitende Aktuarsausbildung mit klarer Perspektive auf Festanstellung
- Duale Rollen: Kombination aus Aktuariat und Data Science Team
3. InsurTech- und KI-Projekte sichtbar machen
Junge Talente wollen nicht in verstaubten Strukturen arbeiten. Zeigen Sie, dass die Branche technologisch vorne mitspielt:
- interne Analytics Labs und KI-Pilotprojekte
- Einsätze in interdisziplinären Projektteams (Aktuariat, IT, Produktentwicklung)
- Veröffentlichungen zu Themen wie Klimarisikomodellierung, Telematik, Gesundheitsdaten
4. Klare Entwicklungspfade anbieten
Ein attraktives Karriereversprechen könnte z.B. so aussehen:
- Jahr 1–2: Junior Aktuar / Data Analyst im Pricing oder Reserving
- Jahr 3–5: Aktuar / Data Scientist mit Verantwortung für Modelle und Teilprojekte
- Jahr 5+: Teamlead, Head of Analytics, Chief Actuary, Chief Risk Officer
Wer solche Pfade klar kommuniziert, hebt sich sofort von Arbeitgebern ab, die nur generische „spannende Aufgaben“ versprechen.
Warum sich Mathematik-Talente den Aktuarsberuf jetzt genauer ansehen sollten
Der Aktuarsberuf ist für viele das, was Data Science vor zehn Jahren war: ein hochattraktives, aber noch relativ unbekanntes Feld – mit dem Unterschied, dass Versicherungen und Vorsorge nie aus der Mode kommen werden.
Wer Mathematik mag und in Österreich langfristig arbeiten möchte, findet hier eine Kombination aus:
- stabiler Nachfrage,
- sehr guter Bezahlung,
- hoher gesellschaftlicher Relevanz,
- und spannenden Schnittstellen zu KI, Big Data und InsurTech.
Die Initiative „Austrian Actuary“ sorgt dafür, dass dieser Weg früher sichtbar wird: mit Infos zu Ausbildung, Berufsbildern, Praxisvideos und echten Karrierebeispielen aus österreichischen Versicherungsunternehmen.
Für Versicherer selbst ist das Thema mehr als Employer Branding. Wer heute in Nachwuchsförderung im Aktuariat investiert, baut damit gleichzeitig die Kompetenzbasis für alle zentralen KI-Themen auf – von automatisierter Schadenbearbeitung bis zu personalisierten Tarifen.
Wer also gerade seine KI-Strategie fĂĽr 2026 plant, sollte eine Frage ganz nach oben auf die Agenda setzen:
Haben wir genug Aktuarinnen und Aktuare, die unsere neuen KI-Modelle verstehen, verantworten und weiterentwickeln können?
Kurz gesagt: Ohne starke Aktuariate bleibt KI in der Versicherungswirtschaft ein teures Experiment. Mit den richtigen Talenten wird sie zum Wettbewerbsvorteil – für Unternehmen, Kund:innen und das österreichische Versicherungssystem insgesamt.