Aktuar:innen sind das Rückgrat von KI und InsurTech in österreichischen Versicherungen. Warum Nachwuchs jetzt entscheidend ist – und welche Chancen das bietet.
Warum die Versicherungs-KI ohne Aktuar:innen nicht funktioniert
Wer heute in Österreich eine Versicherung abschließt, ahnt selten, wie viele mathematische Modelle, Szenario-Simulationen und KI-Algorithmen im Hintergrund laufen. Zwischen Klimarisiken, demografischem Wandel und volatilen Kapitalmärkten hängen Milliarden-Entscheidungen davon ab, ob diese Modelle gut gebaut und richtig verstanden werden – und genau hier kommen Aktuar:innen ins Spiel.
Die Initiative „Austrian Actuary“ von VVO und AVÖ setzt genau dort an: Sie will junge Talente früh für den Aktuarsberuf gewinnen – einen Beruf, der in einer von InsurTech und Künstlicher Intelligenz geprägten Versicherungswelt nicht nur wichtig, sondern strategisch entscheidend ist.
In dieser Folge unserer Serie „KI für österreichische Versicherungen: InsurTech“ geht es darum, warum Aktuar:innen das analytische Rückgrat der Branche sind, wie sich ihr Profil durch KI verändert – und warum jetzt der beste Zeitpunkt ist, Nachwuchs für dieses Berufsbild zu begeistern.
1. Aktuar:innen sind die Architekt:innen moderner Versicherungs-KI
Aktuar:innen sorgen dafĂĽr, dass Risiken mathematisch sauber bewertet und Produkte fair kalkuliert werden. In einer KI-getriebenen Versicherungswelt wird diese Rolle sogar noch wichtiger, nicht kleiner.
Was Aktuar:innen heute leisten
Kurz gesagt: Aktuar:innen machen Unsicherheit berechenbar. Sie entwickeln Modelle, um Fragen zu beantworten wie:
- Wie hoch ist das Hochwasserrisiko in einer bestimmten Region in den nächsten 20 Jahren?
- Welche Prämienhöhe deckt Schäden, Kosten, Kapitalanforderungen und bleibt trotzdem marktfähig?
- Wie robust bleibt ein Portfolio, wenn die Lebenserwartung um 2 Jahre steigt oder der Kapitalmarkt einbricht?
Dabei arbeiten sie eng mit
- dem Top-Management (Strategie, Produktportfolios, Kapitalsteuerung),
- der IT und Data Science (Datenbasis, Modellierung, KI-Systeme),
- sowie Aufsichtsbehörden (z. B. Solvabilitätsberechnung, Reporting)
zusammen.
Wo KI ins Spiel kommt – und warum ohne Aktuar:innen nichts geht
KI-Systeme in der Versicherungswirtschaft – von Risikobewertung über Schadenbearbeitung bis Betrugserkennung – sind nur so gut wie:
- die Daten, auf denen sie beruhen,
- die Modelle, nach denen sie trainiert werden,
- die Menschen, die sie verstehen, ĂĽberprĂĽfen und verantworten.
Genau hier liegt die Schnittstelle zum Aktuarsberuf:
- Modellverständnis: Aktuar:innen beurteilen, ob ein KI-Modell überhaupt versicherungsmathematisch sinnvoll ist.
- Validierung: Sie prüfen, ob ein Algorithmus fair und stabil rechnet – auch in Stressszenarien.
- Governance: Sie sichern die Compliance mit Solvency-II-Vorgaben, Governance-Richtlinien und internen Risikolimits.
Die Realität: Ohne Aktuar:innen bleibt KI im Versicherungsbereich ein Blindflug. Mit ihnen wird sie zum strategischen Werkzeug.
2. Nachwuchsmangel im Aktuarsberuf – ein Risiko für die ganze Branche
Während Versicherer in Österreich massiv in KI, Data Analytics und InsurTech investieren, fehlt es an einem entscheidenden Faktor: ausreichend qualifizierten Köpfen, die Mathematik, Statistik, Wirtschaft und Regulierung zusammenbringen.
Warum die Branche jungen mathematischen Nachwuchs braucht
Die großen Risikotreiber der nächsten Jahre sind klar:
- Klimawandel: Mehr Extremwetter, höhere Naturgefahrenschäden, neue Risikomodelle.
- Demografischer Wandel: Steigende Lebenserwartung, Druck auf Pensions- und Gesundheitsysteme.
- Volatile Kapitalmärkte: Zinswende, geopolitische Spannungen, neue Anlageklassen.
Versicherer können nicht einfach „nach Bauchgefühl“ entscheiden. Sie brauchen belastbare Modelle – und Menschen, die diese Modelle bauen und weiterentwickeln.
Aktuar:innen sind genau diese Spezialist:innen. Fehlen sie, entsteht ein Flaschenhals:
- KI-Projekte stocken, weil niemand die Modellrisiken verantworten will.
- Produktinnovationen verzögern sich, weil Pricing- und Risikomodelle fehlen.
- Regulatorische Anforderungen werden zur Dauerbaustelle.
Kurz: Ohne Nachwuchs im Aktuarsberuf geraten InsurTech-Strategien direkt ins Stocken.
Der Knackpunkt: Viele entdecken den Beruf zu spät
Ein Problem, das die Aktuarvereinigung Ă–sterreichs seit Jahren beobachtet:
- Viele Studierende erfahren erst spät, dass es den Beruf der Aktuarin / des Aktuars überhaupt gibt.
- Wer dann bereits in einem anderen Studium weit fortgeschritten ist, wechselt kaum mehr in ein Mathematik- oder Statistikstudium.
Genau da setzt die Initiative „Austrian Actuary“ an: Berufsorientierung früher, klarer und praxisnäher.
3. „Austrian Actuary“: Wie eine Initiative den Beruf sichtbar macht
Die neue Initiative von VVO und AVĂ– verfolgt ein klares Ziel: Aktuar:innen in Ă–sterreich sichtbar machen und junge Talente gezielt ansprechen.
Was die Initiative konkret bietet
Die Plattform „Austrian Actuary“ konzentriert sich auf drei Dinge:
- Information über Ausbildung: Wie wird man Aktuar:in? Welche Studiengänge eignen sich? Welche Zusatzqualifikationen sind nötig?
- Einblicke in Berufsbilder: Praxisberichte, Videos, Beispiele aus Alltag und Projekten.
- Karriereperspektiven: Vom Fachexperten fĂĽr Risikomodelle bis zur FĂĽhrungsposition im Vorstand.
Dadurch wird deutlich: Der Aktuarsberuf ist nicht nur etwas „für Zahlenfreaks“, sondern eine Schnittstellenrolle mit großer Wirkung – besonders in einer von KI geprägten Branche.
„Die Versicherungswirtschaft braucht Talente, die komplexe Risiken wie Klimaveränderung, demografischen Wandel und volatile Märkte berechenbar machen.“
– Gregor Pilgram, Präsident des VVO
Warum das fĂĽr KI- und InsurTech-Strategien relevant ist
Wer heute an KI für österreichische Versicherungen denkt, sieht oft zuerst:
- automatisierte Schadenbearbeitung,
- Chatbots im Kundenservice,
- personalisierte Tarife auf Basis von Telematik- oder Gesundheitsdaten.
Was häufig unterschätzt wird: Jedes dieser Systeme wirkt sich auf Risikomodelle, Tarifierung und Kapitalanforderungen aus. Damit fallen sie automatisch in den Verantwortungsbereich von Aktuar:innen.
Die Initiative „Austrian Actuary“ sorgt damit nicht nur für Nachwuchs in einem „klassischen“ Beruf, sondern für die künftigen Gestalter:innen von Versicherungs-KI und InsurTech-Lösungen.
4. Skill-Profil moderner Aktuar:innen: Mathe, KI und Verantwortung
Ein moderner Aktuar bzw. eine moderne Aktuarin in Österreich arbeitet längst nicht mehr nur mit Excel und klassischen stochastischen Modellen. Das Skillset hat sich klar in Richtung Daten, KI und Programmierung erweitert.
Fachliche Grundlagen
Wer in den Aktuarsberuf einsteigen will, braucht insbesondere:
- Starkes mathematisches Fundament (Analysis, Stochastik, Statistik)
- Kenntnisse in Finanz- und Wirtschaftswissenschaften
- Verständnis von Versicherungsrecht und Regulierung (z. B. Solvency II)
Dazu kommen im Kontext von KI und InsurTech zunehmend:
- Programmierung (z. B. R, Python)
- Machine-Learning-Grundlagen (z. B. Regressionsmodelle, Gradient Boosting, einfache neuronale Netze)
- Datenkompetenz (Datenqualität, Feature Engineering, Bias-Erkennung)
Persönliche Stärken, die den Unterschied machen
Erfolgreiche Aktuar:innen bringen noch mehr mit als „nur“ Mathe:
- Analytisches, vernetztes Denken: Zusammenhänge zwischen Produkt, Markt, Regulierung und Kapitalanlage verstehen.
- Kommunikationsstärke: Komplexe Modelle verständlich erklären – auch Manager:innen ohne Mathe-Background.
- Verantwortungsbewusstsein: Entscheidungen wirken auf Kund:innen, Unternehmen und Aufsicht – Fehler sind teuer.
Oder zugespitzt: Aktuar:innen sind die Übersetzer:innen zwischen Datenwelt und Management – und damit Schlüsselspieler:innen für jede Versicherungs-KI.
5. Praktische Karrierewege: Vom Mathestudium zur InsurTech-SchlĂĽsselrolle
Wer heute Matura macht oder gerade ein MINT-Studium beginnt, hat hervorragende Chancen, in wenigen Jahren eine zentrale Rolle in der österreichischen Versicherungslandschaft zu spielen.
Typischer Einstiegsweg
Viele Aktuar:innen in Ă–sterreich haben einen Hintergrund in:
- Technischer Mathematik
- Statistik und Data Science
- Wirtschaftsmathematik
Dazu kommt dann die aktuarielle Ausbildung (z. B. über die AVÖ), in der gezielt versicherungsspezifische Themen vertieft werden:
- Lebens-, Kranken-, Schaden/Unfallversicherung
- Finanz- und Risikotheorie
- Unternehmenssteuerung und Regulierung
Karrierepfade in einer KI-geprägten Versicherungsbranche
Mit diesem Profil eröffnen sich sehr unterschiedliche Wege, etwa:
- Pricing-Aktuar:in mit Fokus auf dynamische, datengetriebene Tarifmodelle
- Modellvalidierung & Risk Governance fĂĽr KI- und Solvency-II-Modelle
- Data-Science-Lead in einem Versicherungsunternehmen, der KI-Use-Cases mit aktuarieller Expertise verknĂĽpft
- Produktentwicklung in InsurTech-Teams, z. B. für Usage-based Insurance oder parametrische Deckungen
Viele österreichische Versicherer berichten, dass aktuarielle Profile in KI-Projekten gezielt gesucht werden – gerade weil sie Modellverständnis, Regulierung und Business-Logik zusammenbringen.
6. Was Versicherer und Studierende jetzt konkret tun sollten
Damit die Initiative „Austrian Actuary“ wirklich Wirkung entfaltet, braucht es zwei Seiten: Unternehmen, die aktiv mitmachen, und junge Talente, die die Chance erkennen.
Hebel fĂĽr Versicherungsunternehmen
Ă–sterreichische Versicherer, die ernsthaft auf KI und InsurTech setzen, sollten:
- Früher an Schulen und Unis präsent sein – z. B. mit Workshops, Gastvorträgen, Praktika.
- Duale Ausbildungsmodelle anbieten (Studium + Berufseinstieg mit aktuarieller Zusatzqualifikation).
- Aktuar:innen gezielt in KI-Initiativen einbinden und diese Rollen sichtbar machen.
Das ist kein „nice to have“, sondern eine Investition in die eigene Risikotragfähigkeit und Innovationsfähigkeit.
Hebel fĂĽr SchĂĽler:innen und Studierende
Wer gern mit Zahlen arbeitet, analytisch denkt und mehr will als „nur Programmieren“, findet im Aktuarsberuf:
- ein sehr stabiles, gut bezahltes Berufsbild,
- spannende inhaltliche Themen rund um Klima, Gesundheit, Altersvorsorge und Kapitalmärkte,
- die Möglichkeit, KI nicht nur zu nutzen, sondern mitzugestalten.
Der sinnvollste Schritt: früh prüfen, ob ein Mathematik-, Statistik- oder Data-Science-Studium passt – und sich dann gezielt mit dem Aktuarsberuf und seinen Spezialisierungspfaden beschäftigen.
Fazit: KI braucht Aktuar:innen – und Österreich braucht Nachwuchs
Für die KI-Strategie österreichischer Versicherer sind Aktuar:innen kein „Nice-to-have“, sondern ein kritischer Erfolgsfaktor. Sie sind diejenigen, die aus Daten verlässliche Modelle machen, KI-Ergebnisse einordnen und dafür sorgen, dass Produkte fair, stabil und regulatorisch sauber bleiben.
Wer junge Menschen heute fĂĽr ein Mathematik- oder Statistikstudium begeistert und ihnen den Weg in den Aktuarsberuf zeigt, sorgt damit direkt dafĂĽr, dass InsurTech, KĂĽnstliche Intelligenz und moderne Risikobewertung in Ă–sterreich wirklich funktionieren.
Die nächste Generation von Aktuar:innen wird entscheiden, wie gut wir als Gesellschaft mit Klimarisiken, demografischem Wandel und volatilen Märkten umgehen. Wer heute ein Talent für Zahlen hat, kann daraus in wenigen Jahren einen Beruf machen, der analytische Exzellenz mit echter gesellschaftlicher Verantwortung verbindet.