Der Topcon/RetInSight-Deal zeigt, wie M&A, KI und Regulierung zusammenlaufen – und was österreichische Kanzleien jetzt konkret tun sollten, um mitzuhalten.
Warum der Deal Topcon – RetInSight für Kanzleien spannend ist
2025 übernehmen internationale Konzerne österreichische KI-Start-ups im Monatsrhythmus. Genau in diesem Umfeld hat DORDA die Topcon Group beim vollständigen Erwerb der RetInSight GmbH begleitet – einem hochspezialisierten KI-Medizin-Start-up aus Österreich.
FĂĽr klassische Kanzleien ist das kein Randthema mehr. Der Deal zeigt ziemlich klar, wohin die Reise geht:
- Transaktionen sind ohne spezialisierte Regulierungsexpertise (Investitionskontrolle, Medizinprodukterecht, Datenschutz, KI-Regeln) kaum noch machbar.
- Mandanten erwarten, dass ihre Anwälte technologisch und organisatorisch so aufgestellt sind, dass komplexe KI-Geschäfte effizient strukturiert werden.
- KI ist nicht nur „Gegenstand“ des Mandats, sondern längst auch Werkzeug in der Kanzlei – von der Vertragsanalyse bis zur Risikoabschätzung.
In diesem Beitrag ordne ich die Topcon/RetInSight-Transaktion rechtlich ein, zeige, welche Lehren österreichische Rechtsanwälte daraus ziehen können – und wie Sie KI gezielt im M&A‑ und Regulierungsalltag Ihrer Kanzlei einsetzen.
Kurz zum Deal: KI-Medizin meets globale Präzisionstechnologie
Die Fakten zuerst, damit klar ist, worĂĽber wir sprechen.
Topcon Healthcare, eine US-Gesellschaft und Teil der japanischen Topcon Corporation, ist ein globaler Anbieter digitaler Gesundheitslösungen, insbesondere ophthalmologischer Diagnosegeräte. Der Konzernumsatz lag 2024 bei rund 1,32 Mrd. Euro.
RetInSight ist ein österreichisches Digital-Health-Start-up mit Fokus auf KI-Lösungen für die Netzhautdiagnostik. Das Unternehmen entwickelt Algorithmen, die:
- Behandlungsergebnisse fĂĽr Patient:innen verbessern,
- klinische Prozesse effizienter machen,
- und mittelfristig Gesundheitskosten senken sollen.
Topcon ist 2022 erstmals eingestiegen, hat 2024 Geschäftsanteile übernommen und 2025 schließlich 100 % der Anteile erworben. Strategisch stärkt Topcon damit seine Position im Bereich KI-gestützter Diagnostik in der Augenheilkunde.
Beraten wurde der Käufer von DORDA (Lukas Herrmann, Bernhard Rieder, unterstützt von Denise Runceanu und Bianca Schamberger). Juristisch besonders heikel: die erforderliche Genehmigung nach dem Investitionskontrollgesetz (InvKG) durch das Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft sowie die Koordination zahlreicher internationaler Stakeholder. Laut Bericht wurde das Verfahren in Rekordzeit abgewickelt.
Warum ist das für die LegalTech‑Serie relevant? Weil dieser Deal ziemlich anschaulich zeigt, wie KI, Regulierung und M&A zusammenlaufen – und was das für österreichische Kanzleien bedeutet, die sich gerade mit „KI in der eigenen Praxis“ beschäftigen.
Lernfeld 1: Investitionskontrolle und KI – neue Pflichtdisziplin für M&A-Teams
Für österreichische Rechtsanwälte ist die Investitionskontrolle längst kein Nischenthema mehr. Der RetInSight-Deal macht das sehr deutlich.
Warum der InvKG-Check bei KI-Start-ups Standard wird
Das Investitionskontrollgesetz greift immer dann, wenn ein ausländischer Investor Anteile an einem österreichischen Unternehmen übernimmt, das in einem sensiblen Bereich tätig ist. Gerade KI im Gesundheitswesen trifft mehrere „rote Linien“ zugleich:
- kritische Infrastruktur Gesundheit,
- hochsensible Gesundheitsdaten,
- SchlĂĽsseltechnologien wie KI und Bildverarbeitung.
Die Folge: Ohne InvKG-Freigabe geht nichts. Wer als Kanzlei in diesem Segment berät, muss das Thema nicht nur „mitdenken“, sondern frühzeitig steuern.
Wo KI-Tools M&A-Anwälten im InvKG-Kontext konkret helfen
Hier wird es spannend für den LegalTech-Einsatz in der Kanzlei. Viel Arbeit im Investitionskontrollprozess ist strukturierbar – und damit prädestiniert für KI-Unterstützung:
- Automatisierte Risiko-Screenings: KI-gestützte Checklisten, die anhand von Geschäftsgegenstand, Partnerländern, Beteiligungshöhe und Sektor die InvKG-Relevanz einstufen.
- Dokumenten-Analyse: Auswertung von Beteiligungsverträgen, Syndikatsverträgen und Nebenabreden, um Schwellenwerte, Vetorechte und Kontrollrechte zu identifizieren.
- Standardisierte Antragstexte: KI-gestützte Entwürfe für wiederkehrende Passagen von InvKG-Anträgen, die dann manuell verfeinert werden.
- Stakeholder-Mapping: Semantische Suche in Organisationsstrukturen, um internationale Gesellschafterketten nachvollziehbar aufzubereiten.
Die Realität: Viele Kanzleien erledigen das noch „zu Fuß“ in Excel und Word. Das funktioniert – ist aber teuer, langsam und anfällig für Fehler. Wer hier juristisches Know-how mit KI-gestützten Workflows verbindet, hat im Markt einen echten Geschwindigkeit- und Qualitätsvorteil.
Lernfeld 2: Due Diligence bei KI-Unternehmen – Daten, Modelle, Regulierung
Bei einem klassischen Industrieunternehmer dreht sich die Legal Due Diligence um Themen wie Gesellschaftsrecht, Verträge, IP, Finanzierung. Bei einem KI-Medizin-Start-up kommen weitere Dimensionen dazu, die viele Kanzleien noch nicht systematisch abdecken.
Drei Kernfragen in der KI-Due-Diligence
-
Datenrecht & Datenschutz
- Woher stammen die Trainingsdaten (z.B. Netzhaut-Scans, Patientendaten)?
- Liegen wirksame Einwilligungen oder andere Rechtsgrundlagen vor?
- Sind Daten anonymisiert oder pseudonymisiert – und hält das einer DSGVO-Prüfung stand?
-
Regulatorik & Medizinprodukterecht
- Sind die KI-Produkte als Medizinprodukt klassifiziert?
- Gibt es CE-Kennzeichnung, technische Dokumentation, klinische Bewertung?
- Wie werden Updates und „selbstlernende“ Komponenten rechtlich und technisch nachverfolgt?
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KI-spezifische Haftungsrisiken
- Wer trägt die Verantwortung bei Fehldiagnosen – Hersteller, Arzt, Softwareanbieter?
- Wie sind Haftung und Gewährleistung in Lizenz- und Kooperationsverträgen geregelt?
- Gibt es interne Policies zum Umgang mit Bias, Transparenz und Erklärbarkeit?
Wie KI Kanzleien bei der KI-Due-Diligence unterstĂĽtzt
Gerade weil die Materie komplex ist, lohnt sich der gezielte Einsatz von LegalTech in der Due Diligence:
- Vertragsanalyse mit KI: Tools, die Hunderte Lizenz-, Kooperations- und Forschungsvereinbarungen scannen und Klauseln zu Haftung, IP, Sub-Lizenzierung oder Datenzugriff automatisch markieren.
- Policy-Check: Semantische Suche in internen Richtlinien und SOPs des Targets, um etwaige LĂĽcken beim Datenschutz, Modell-Governance und Audit-Trails zu identifizieren.
- Issue-Reports auf Knopfdruck: KI-basierte Zusammenfassungen, die alle gefundenen Risiken nach Schweregrad priorisieren und in die klassische DD-Reporting-Struktur bringen.
Damit wird aus KI kein Selbstzweck, sondern ein Produktivitätsbooster, der die juristische Bewertung stärkt, statt sie zu ersetzen. Genau das ist aus meiner Sicht der Punkt, an dem viele österreichische Kanzleien gerade stehen: Weg vom Bauchgefühl, hin zu strukturierten, KI-unterstützten Prüfprozessen.
Lernfeld 3: Internationale Koordination – ohne digitale Kanzlei-Infrastruktur wird es zäh
Die Transaktion Topcon/RetInSight erforderte laut Bericht eine strukturierte Koordination mehrerer internationaler Stakeholder. Wer schon einmal ein M&A-Projekt mit USA, Japan und EU-Beteiligten begleitet hat, weiß: Die juristische Lösung ist oft einfacher als die organisatorische.
Typische Herausforderungen bei grenzĂĽberschreitenden KI-Deals
- Unterschiedliche Zeitzonen und Entscheidungswege in Konzernen
- Divergierende Compliance-Anforderungen (Datenschutz, Exportkontrolle, Branchenguidelines)
- Höchste Vertraulichkeitsanforderungen bei Technologietransfers
- Heterogene Dokumentations- und Freigabestandards
An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig ein digital aufgestelltes Kanzleimanagement ist – nicht nur aus Effizienzgründen, sondern auch als Wettbewerbsvorteil.
Was eine KI-affine Kanzlei-Infrastruktur konkret ausmacht
Für österreichische Rechtsanwälte, die solche Deals stemmen wollen, sind aus meiner Sicht vier Elemente entscheidend:
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Sicheres, strukturiertes Daten- und Dokumentenmanagement
- Verschlüsselte Datenräume für Due Diligence und Vertragsverhandlungen
- Versionierung, automatisierte Protokollierung und klare Zugriffsrechte
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KI-gestĂĽtzte Kommunikations- und Wissenssysteme
- Mandatsbezogene Wissensdatenbanken, in denen Teammitglieder Antworten auf wiederkehrende Fragen finden
- KI-Chat-Assistenten auf Basis interner Precedents statt „Public Cloud“-Abfragen
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Projektmanagement-Tools mit Automatisierung
- Standardisierte Workflows fĂĽr Freigabeprozesse, Checklisten und Reporting
- Automatische Erinnerungen für Deadlines, Behördenantworten und Signing/Closing-Meilensteine
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Compliance-by-Design bei KI-Nutzung
- Klare Richtlinien, welche Dokumente nie in externe KI-Dienste hochgeladen werden
- Technische Schutzmaßnahmen, um Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse zu sichern
Wer solche Strukturen etabliert, kann internationale Stakeholder nicht nur juristisch, sondern auch organisatorisch überzeugen – und erhöht damit die Chance, Folgeprojekte zu bekommen.
Was österreichische Kanzleien jetzt konkret tun sollten
Der RetInSight-Deal ist ein gutes Beispiel dafür, wie LegalTech und KI in der Praxis zusammenspielen, wenn man sie ernst nimmt. Für Kanzleien, die sich im Rahmen unserer Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ positionieren wollen, ergeben sich aus meiner Sicht vier klare Schritte.
1. Eigene KI-Kompetenz gezielt aufbauen
- Ein Kernteam fĂĽr KI & Regulierung definieren (DSGVO, AI Act, Medizinprodukterecht, InvKG).
- Interne Wissensformate etablieren: Brown-Bag-Sessions, Fallbesprechungen, kurze Input-Workshops.
- Mindestens ein bis zwei Pilotmandate bewusst mit KI-UnterstĂĽtzung strukturieren, um Erfahrung zu sammeln.
2. Mandatsprozesse fĂĽr KI-Einsatz kartieren
- Wo fallen bei Ihnen wiederkehrende, textlastige Arbeiten an? (z.B. Vertragsanalyse, Standard-Schreiben, Protokolle)
- Welche davon sind technisch und rechtlich geeignet, teilautomatisiert zu werden?
- Wie stellen Sie sicher, dass Fehlerkontrolle und Haftungsfragen sauber geregelt sind (Vier-Augen-Prinzip, Quality Gates)?
3. Spezifische KI-Services fĂĽr M&A und Regulierung entwickeln
Statt „Wir machen auch KI“ zu sagen, funktionieren klar definierte Angebote besser, etwa:
- „KI-Due-Diligence-Paket“ für Investoren in Digital-Health-Start-ups
- „InvKG-Quick-Check“ mit KI-unterstützter Risikoanalyse
- „Data & AI Governance Review“ für Health-Tech-Unternehmen vor Finanzierungsrunden
Solche Produkte erhöhen die Planbarkeit der Kosten für Mandanten und machen Ihre Kanzlei deutlich greifbarer.
4. Kommunikation und Positionierung anpassen
Wer M&A im KI-Umfeld beraten möchte, sollte das auch nach außen sichtbar machen:
- Fallstudien (anonymisiert), in denen Sie Ihre KI-gestützte Arbeitsweise erklären
- Fachartikel zu Schnittstellen wie „Investitionskontrolle und KI“, „AI Act und Medizinprodukterecht“
- Teilnahme an Branchengesprächen und Podcasts, in denen Sie zeigen, dass Ihre Kanzlei technologisch mit der Materie mitgewachsen ist
Fazit: KI-Deals werden zum Alltag – die Frage ist, wie Sie darauf reagieren
Der Erwerb von RetInSight durch die Topcon Group ist kein exotischer Einzelfall, sondern ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren zur Normalität des österreichischen Transaktionsmarkts wird: KI-lastige Targets, sensible Daten, strenge Regulierung, internationale Stakeholder.
Kanzleien, die jetzt in KI-gestĂĽtzte Vertragsanalyse, strukturierte Rechtsrecherche und digitales Kanzleimanagement investieren, sind in diesem Umfeld klar im Vorteil. Sie beraten nicht nur rechtlich sauber, sondern liefern in einem Tempo und einer Transparenz, die internationale Mandanten inzwischen voraussetzen.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob KI österreichische Rechtsanwälte ersetzt. Sie lautet: Welche Kanzleien nutzen KI so konsequent, dass sie bei Deals wie Topcon/RetInSight auf der Shortlist stehen – und welche nicht?