Ă–sterreichische Kanzleien verlieren bei Legal Tech nicht an der Technik, sondern an der Strategie. So setzen Sie KI und Legal Tech gezielt, messbar und wirtschaftlich ein.
Warum strategische Legal-Tech-Entscheidungen jetzt zählen
Die meisten Kanzleien unterschätzen, wie sehr falsche Legal‑Tech‑Entscheidungen Zeit, Nerven und Mandate kosten. Nicht, weil die Tools schlecht wären, sondern weil es an einer klaren Strategie fehlt. Martin Niederhuber – Gründungspartner einer erfolgreichen österreichischen Kanzlei – spricht auf der Future‑Law Legal Tech Konferenz genau darüber: strategische Überlegungen zur Veränderung durch Legal Tech & Co.
Das Thema passt perfekt in unsere Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“. Denn KI‑gestützte Vertragsanalyse, automatisierte Rechtsrecherche oder Litigation Analytics funktionieren nur dann, wenn sie in eine Gesamtstrategie eingebettet sind – und nicht als isolierte Gadgets nebenher laufen.
Dieser Beitrag zeigt, wie österreichische Kanzleien Legal Tech und KI gezielt einsetzen können:
- welche strategischen Fragen sich Managing Partner heute stellen sollten,
- wie man typische Fehler bei Legal‑Tech‑Projekten vermeidet,
- und wie eine realistische Roadmap fĂĽr den Einsatz von KI im Kanzleialltag aussieht.
1. Legal Tech & KI: Vom Tool zur Kanzleistrategie
Wer Legal Tech nur als Sammlung einzelner Tools versteht, landet schnell in einer Sackgasse. Legal Tech ist eine Management‑Entscheidung, keine IT‑Spielerei.
Was strategische Veränderung wirklich bedeutet
Strategische Veränderung durch Legal Tech heißt:
- Prioritäten setzen: Welche Mandate, Workflows und Rechtsgebiete bringen den größten Hebel?
- Geschäftsmodell denken: Wie verdient unsere Kanzlei in 3–5 Jahren Geld – mit Stundenhonoraren, Pauschalen, Abos?
- Rollen klären: Wer entscheidet, wer testet, wer trägt Verantwortung?
Martin Niederhubers Perspektive als Gründungspartner ist hier typisch für viele österreichische Kanzleien: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Tool, sondern in der Veränderung von Arbeitsweise, Rollen und Erwartungshaltungen.
Warum KI ohne Strategie scheitert
Genau dasselbe gilt fĂĽr KI:
- Ein Chatbot für Rechtsrecherche nützt wenig, wenn niemand klare Qualitätsstandards für die Antworten definiert.
- Eine KI‑Vertragsanalyse spart keine Zeit, wenn die Associates die Reports nicht in ihre Prüfprozesse integrieren.
- Litigation‑Analytics bringt keinen Mehrwert, wenn die Prozessstrategie ohnehin nie angepasst wird.
Die Realität: KI kann in Kanzleien 20–40 % der Zeit für Routineaufgaben reduzieren, aber nur, wenn Prozesse angepasst, Rollen geschärft und Verantwortlichkeiten geklärt werden.
2. Wo sollen Kanzleien anfangen? Drei klare Einsatzfelder
Statt „alles gleichzeitig“ zu versuchen, funktioniert ein fokussierter Einstieg deutlich besser. Für österreichische Kanzleien bieten sich aktuell drei Kernbereiche an.
2.1 Vertragsanalyse und Dokumentenautomatisierung
Hier liegt erfahrungsgemäß der schnellste Business Case.
Typische Use Cases:
- KI‑gestützte Vertragsprüfung (Miet-, Arbeits-, Liefer-, NDA‑Verträge)
- Vergleich von Vertragsversionen mit automatischer Markierung kritischer Änderungen
- Klausel‑Bibliotheken mit Standardformulierungen der Kanzlei
- Dokumentenautomation für wiederkehrende Schriftsätze und Verträge
Strategischer Vorteil:
- schnell messbare Zeitersparnis pro Mandat,
- klarer Mehrwert für Mandanten (schnellere Bearbeitung, höherer Standardisierungsgrad),
- Grundlage fĂĽr Fixhonorare und Pakete, weil Aufwand planbarer wird.
2.2 KI‑gestützte Rechtsrecherche
Viele österreichische Juristen arbeiten noch stark manuell in Datenbanken. KI kann hier erste Strukturierung und Priorisierung übernehmen:
- Zusammenfassungen relevanter Entscheidungen,
- Vorschläge zu Argumentationslinien,
- Identifikation widersprĂĽchlicher Judikatur.
Wichtig: KI gibt nie „die Wahrheit“ vor, sondern liefert Hypothesen und Material, das von erfahrenen Juristen geprüft wird. Kanzleien, die das intern klar kommunizieren, vermeiden Enttäuschungen und Haftungsrisiken.
2.3 Kanzleimanagement und Produktivität
Legal Tech wird oft nur im Mandatskontext gesehen. Gerade hier lohnt sich der Blick auf interne Prozesse:
- automatisierte Zeiterfassungsvorschläge,
- Auswertungen zur Profitabilität nach Mandant, Team, Rechtsgebiet,
- intelligente Dokumentensuche im eigenen DMS,
- KI‑gestützte E‑Mail‑Sortierung und Priorisierung.
Diese Ebene ist strategisch spannend, weil sie direkt auf Wirtschaftlichkeit und Steuerbarkeit der Kanzlei einzahlt – ein zentrales Thema für Managing Partner wie Niederhuber.
3. Typische Fehler – und wie man sie vermeidet
Die meisten gescheiterten Legal‑Tech‑Projekte ähneln sich. Wer darauf vorbereitet ist, spart sehr viel Lehrgeld.
3.1 Tool-Hopping statt klarer Roadmap
Viele Kanzleien testen ständig neue Tools, aber ohne Priorisierung:
- Pilot hier, Demo dort,
- kein gemeinsames Zielbild,
- kein definierter „Owner“.
Besser:
- Strategische Ziele festlegen (z.B. „Durchlaufzeit bei Standardverträgen um 30 % senken“).
- 1–2 konkrete Use Cases wählen.
- Ein Pilotteam bestimmen (z.B. ein bestimmtes Fachressort).
- Messbare Kriterien definieren (Zeit pro Vorgang, Fehlerrate, Mandantenfeedback).
- Nach 3–6 Monaten entscheiden: skalieren, anpassen oder stoppen.
3.2 Partnergremium ohne klare Verantwortung
„Alle sollen mitreden, niemand entscheidet“ – ein Klassiker in Partnerschaften.
Was besser funktioniert:
- Ein Steuerungskreis mit 2–3 Partnern,
- ein Projektlead (oft Head of Innovation, Legal Tech Officer oder ein engagierter Senior Associate),
- klare Budgethoheit fĂĽr definierte Piloten.
So entsteht Verbindlichkeit, ohne dass die gesamte Partnerschaft in jedem Detail mitentscheiden muss.
3.3 Kultur: Erwartungshaltung vs. Realität
Weder Technik‑Euphorie („Das macht bald alles die KI“) noch Kulturpessimismus („Das haben wir immer so gemacht“) helfen weiter.
Erfolgreiche Kanzleien schaffen drei Dinge:
- Schulung: Associates und Konzipienten lernen, wie sie KI und Legal Tech sinnvoll einsetzen.
- Transparenz: Es ist klar, welche Tools fĂĽr welche Aufgaben zugelassen sind und wie Ergebnisse zu dokumentieren sind.
- Fehlerakzeptanz: Piloten dĂĽrfen scheitern, solange daraus strukturiert gelernt wird.
4. Eine pragmatische Roadmap für österreichische Kanzleien
Strategische Veränderung klingt groß, ist aber in der Praxis gut in vier Schritte aufteilbar.
Schritt 1: Ist‑Analyse und Priorisierung
- Welche Rechtsgebiete und Mandatstypen dominieren Ihre Kanzlei?
- Wo liegen die größten Engpässe (Wartezeiten, Doppelarbeit, Medienbrüche)?
- Welche Daten liegen bereits strukturiert vor (Dokumente, Zeiterfassung, CRM)?
Ergebnis sollte ein konkretes Prioritäten‑Ranking von 3–5 Use Cases sein, z.B.:
- Vertragsautomation im Immobilienrecht,
- KI‑gestützte Recherche im Arbeitsrecht,
- internes Wissensmanagement.
Schritt 2: Pilotierung mit klaren Kennzahlen
FĂĽr jeden priorisierten Use Case:
- Ziel definieren (z.B. „Bearbeitungszeit Standard-Mietvertrag –25 %“),
- Team bestimmen (Responsible, Accountable, Consulted, Informed),
- Tools auswählen (KI‑Modul, DMS‑Erweiterung, Automationssoftware),
- Zeitschiene (typisch 3–6 Monate Pilotphase),
- Messpunkte: Vorher‑Nachher‑Vergleich.
So wird Legal Tech vom BauchgefĂĽhl zum steuerbaren Projekt.
Schritt 3: Skalierung und Integration
Wenn ein Pilot funktioniert, beginnt die eigentliche Arbeit:
- Standardisierung von Vorlagen und Workflows,
- Onboarding weiterer Teams,
- Anpassung von Honorar‑ und Angebotsmodellen (z.B. Paketpreise, Subscription‑Modelle für Unternehmen),
- Integration in bestehende Systeme (DMS, Zeiterfassung, Abrechnung).
Hier unterscheidet sich eine Kanzlei, die Legal Tech „hat“, von einer Kanzlei, die wirklich digital arbeitet.
Schritt 4: Kontinuierliches Lernen – z.B. über Konferenzen
Events wie die Future‑Law Legal Tech Konferenz sind nicht nur „nice to have“, sondern strategische Lernplattformen:
- Einblicke in Best Practices anderer Kanzleien und Rechtsabteilungen,
- Austausch ĂĽber Fehler und Lessons Learned,
- Überblick, welche KI‑Lösungen sich im DACH‑Raum tatsächlich bewähren.
Wer solche Formate gezielt nutzt – etwa durch Teilnahme eines festen „Innovationsteams“ – kommt deutlich schneller voran als Kanzleien, die alles im stillen Kämmerlein ausprobieren.
5. KI in der Kanzlei: Drei praxisnahe Beispiele
Um das Thema aus der Theorie zu holen, hier drei konkrete Szenarien, wie österreichische Kanzleien KI heute sinnvoll einsetzen.
Beispiel 1: Schnellere VertragsprĂĽfung bei groĂźem Dealflow
Eine Kanzlei mit starkem M&A‑ und Gesellschaftsrechtsschwerpunkt nutzt KI, um:
- NDAs, LOIs und Standardbeteiligungsverträge automatisch auf Risikoklauseln zu prüfen,
- Abweichungen von der eigenen Kanzleistandard‑Klauselbibliothek zu markieren,
- für Junior‑Juristen kommentierte Vorschläge anzuzeigen.
Ergebnis: Senior‑Partner konzentrieren sich auf die heiklen Punkte, statt Seite für Seite Basisklauseln gegenzulesen. Die Durchlaufzeit sinkt spürbar, ohne Qualitätsverlust.
Beispiel 2: Arbeitsrechtliche Massenanfragen strukturieren
Gerade im Arbeitsrecht entstehen bei Gesetzesänderungen oder Kollektivvertragsanpassungen Serienanfragen von Unternehmenskunden.
KI kann hier:
- E‑Mails automatisch kategorisieren (Thema, Dringlichkeit, betroffener Standort),
- Standardantworten und Musterschreiben vorschlagen,
- eine Wissensbasis mit Frequently Asked Questions aufbauen.
Die Kanzlei reagiert schneller, wirkt deutlich strukturierter und kann standardisierte Leistungen gut pauschal anbieten.
Beispiel 3: Litigation‑Strategie mit Daten hinterlegen
Im Prozessrecht wird KI spannend, wenn genĂĽgend historische Daten vorhanden sind:
- Auswertung eigener Fälle nach Streitwert, Dauer, Ausgang,
- Analyse, welche Argumentationslinien in bestimmten Gerichtssprengeln erfolgreicher waren,
- Abschätzung von Vergleichsquoten und Erfolgswahrscheinlichkeiten.
Das ersetzt kein anwaltliches Urteil, gibt aber eine datenbasierte Grundlage für Strategie‑ und Vergleichsentscheidungen – und macht die Beratung gegenüber Mandanten transparenter.
Fazit: Ohne klare Strategie bleibt KI unter Wert
Wer KI und Legal Tech nur als Trend betrachtet, landet unvermeidlich beim Tool‑Chaos. Wer sie dagegen als strategisches Instrument versteht, kann seine Kanzlei in den nächsten Jahren deutlich neu positionieren – effizienter, skalierbarer und attraktiver für Mandanten wie für Talente.
Der Ansatz, wie ihn etwa ein GrĂĽndungspartner wie Martin Niederhuber auf der Legal Tech Konferenz diskutiert, ist aus meiner Sicht der richtige: klein starten, konsequent auswerten, klar skalieren.
Für österreichische Rechtsanwälte heißt das konkret:
- Priorisieren Sie 2–3 klare KI‑Use‑Cases.
- Verankern Sie Legal Tech im Kanzleimanagement, nicht nur in der IT.
- Nutzen Sie Austauschformate wie Konferenzen, um Fehler nicht doppelt zu machen.
Wer 2025 damit beginnt, hat 2026 bereits messbare Effekte – und steht 2027 dort, wo andere erst anfangen, über „Digitalisierung“ zu reden.