Legal Tech und KI verändern die Beziehung zwischen österreichischen Anwält:innen und Mandant:innen – von Honoraren über Tempo bis Vertrauen. So nutzen Sie den Wandel.
Legal Tech & KI: Wie sich Mandatsbeziehungen neu ordnen
Österreichische Kanzleien stehen 2025 vor einer stillen Zäsur: Mandant:innen vergleichen heute nicht mehr nur juristische Qualität, sondern Antwortgeschwindigkeit, Transparenz und digitalen Komfort. Wer ein E‑Banking gewohnt ist, akzeptiert bei der Rechtsberatung kein Fax mehr.
Genau hier greifen Legal Tech und künstliche Intelligenz. Sie verändern nicht nur Workflows, sondern das Herzstück jeder Kanzlei: die Beziehung zwischen Anwält:innen und Mandant:innen. Und damit auch die Frage, wie Rechtsberatung wahrgenommen, bewertet und bezahlt wird.
In dieser Folge der Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ geht es um die kulturelle Seite der Digitalisierung: Wie Sie KI und Legal Tech so einsetzen, dass Vertrauen wächst, Effizienz steigt – und Ihre Kanzlei gleichzeitig wirtschaftlich stärker wird.
1. Von der Spielerei zur Erwartung: Wo Legal Tech heute wirklich steht
Legal Tech ist in Österreich längst kein exotisches Projekt mehr, sondern Teil des juristischen Alltags – allerdings oft stückchenweise: hier ein DMS, dort ein Vertrags-Generator, vielleicht ein KI-Tool für Recherche.
Die zentrale Entwicklung: Mandant:innen nehmen digitale Professionalität als Qualitätsmerkmal wahr.
Was österreichische Kanzleien 2025 typischerweise bereits nutzen
- Digitale AktenfĂĽhrung und Dokumentenmanagement
- Videokonferenzen und Online-Besprechungen
- Vorlagen- und Klauselbibliotheken mit einheitlichen Standards
- Erste KI-gestĂĽtzte Vertragsanalyse und automatisierte Dokumentenerstellung
Der nächste Schritt ist kein weiteres Tool, sondern ein integrierter Ansatz:
Technologie wird erst dann wertvoll, wenn sie selbstverständlich Teil der täglichen Arbeit ist – nicht ein Extra daneben.
Für die Mandatsbeziehung heißt das: Mandant:innen spüren, ob Ihr digitaler Auftritt zusammenpasst – von der Terminbuchung bis zur Rechnung.
2. Effizienz heißt nicht „schneller billiger“ – sondern „besser gesteuert“
Effizienz in der Kanzlei wird oft mit „mehr Output pro Stunde“ verwechselt. Das ist zu kurz gedacht. Aus Mandantensicht heißt Effizienz:
- klarer Ablauf (Was passiert wann?)
- verlässliche Reaktionszeiten
- kein doppeltes Nachfragen nach denselben Unterlagen
- nachvollziehbare Honorare
Wie KI Effizienz spürbar macht – für Mandant:innen
KI-gestützte Tools können unter anderem:
- Standardverträge in Minuten statt Stunden vorbereiten
- Risiken in Verträgen markieren und strukturieren
- Recherchen zu Rechtsprechung und Literatur massiv beschleunigen
Der Unterschied entsteht, wenn Sie das offen kommunizieren:
- „Den ersten Entwurf Ihres Vertrags erhalten Sie noch heute, weil wir eine KI-gestützte Vorlage verwenden.“
- „Die Risikoanalyse basiert auf einem KI-Tool, das tausende Klauseln auswertet. Die juristische Bewertung treffen selbstverständlich wir.“
So signalisieren Sie: Technologie unterstützt – die Verantwortung bleibt menschlich.
3. Honorare im KI-Zeitalter: Weg vom Stundenhonorar, hin zum Wert
Je stärker Routinearbeit automatisiert wird, desto unwohler fühlen sich viele Kanzleien mit dem klassischen Stundenhonorar. Verständlich: Wer früher vier Stunden für eine Vertragsprüfung verrechnet hat und heute dank KI nur mehr eine Stunde braucht, liefert denselben Nutzen – aber zu weniger Umsatz, wenn alles stur nach Stunden läuft.
Die Lösung ist keine „kreativere Zeiterfassung“, sondern ein anderes Vergütungsverständnis.
Sinnvolle Modelle für österreichische Kanzleien
-
Pauschalhonorare fĂĽr standardisierbare Leistungen
Ideal für:- Standardarbeitsverträge
- einfache AGB
- wiederkehrende GesellschaftsgrĂĽndungen
-
Pakete mit klar definiertem Leistungsumfang
Beispiel: „Startup-Begleitung 3 Monate“ mit Fixpreis, inkl. X Beratungsstunden, Vertrags-Set, zwei Workshops. -
Hybridmodelle
Kombination aus Basispaket (Fixpreis) und darüber hinausgehender Beratung nach Stunden- oder Tagessätzen bei komplexen Themen. -
Erfolgs- oder erfolgsorientierte Komponenten, wo berufsrechtlich zulässig
Etwa bei bestimmten streitigen oder schadensersatzbezogenen Mandaten.
Legal Tech hilft, solche Modelle auch intern sauber zu kalkulieren: Wenn KI und Automatisierung Routine signifikant verkürzen, können Sie Ihre Margen besser steuern und gleichzeitig attraktive Preise anbieten.
Wer konsequent in KI und Legal Tech investiert, sollte auch konsequent über wertorientierte Honorare nachdenken – sonst landet der Produktivitätsgewinn ausschließlich beim Mandanten.
4. Transparenz als Währung des Vertrauens
Vertrauen war im Anwaltsberuf immer persönlich: Empfehlung, Reputation, Erfahrung. 2025 kommt eine zweite Ebene dazu: Transparenz über Prozesse, Status und Entscheidungen.
Was Mandant:innen heute konkret wissen wollen
- Wie läuft ein Mandat Schritt für Schritt ab?
- Wer arbeitet daran – ausschließlich Partner:in oder auch KI und Legal Tech Tools?
- Wann kann ich mit einem Update rechnen?
- WofĂĽr genau zahle ich?
Hier bietet KI die Chance, Vertrauen zu stärken:
- Status-Ăśbersichten im Mandantenportal
- automatisierte, kurze Zwischenupdates („Frist wurde notiert“, „Schriftsatz in Prüfung“)
- klärende Erläuterungen zu KI-Einsatz, z.B. in Ihrem Mandatsvertrag oder Onboarding-Dokument
Ein einfaches Beispiel fĂĽr klare Kommunikation:
„Wir nutzen KI zur Analyse und Strukturierung von Dokumenten. Die juristische Bewertung, Strategie und Verantwortung liegen immer bei Ihrer Anwältin/Ihrem Anwalt.“
So entsteht eine neue Form von Vertrauen: nicht blind, sondern nachvollziehbar.
5. Standardisierung, die Freiraum schafft – nicht Individualität killt
Viele Jurist:innen fĂĽrchten, dass Standardisierung ihre individuelle Handschrift verwischt. In der Praxis gilt meist das Gegenteil: Gut standardisierte Routine schafft Platz fĂĽr echte Strategie.
Was sich sinnvoll standardisieren lässt
- Checklisten fĂĽr Due Diligence, M&A, Arbeitsrecht, Datenschutz
- Musterbriefe, -Klauseln und -Verträge
- interne PrĂĽfschemata fĂĽr wiederkehrende Fragestellungen
Mit KI-unterstützten Systemen können Sie:
- Klauselbibliotheken dynamisch erweitern (etwa mit neuen OGH-Entscheidungen)
- Risiko-Profile einzelner Klauseln automatisiert bewerten lassen
- typische Fehlerquellen systematisch abfangen
Das Ergebnis:
- höhere Grundqualität in Routinefällen
- mehr Zeit fĂĽr kreative, taktische oder menschlich sensible Themen
- eine klarere Positionierung: „Unsere Standards sind hoch, unsere Beratung individuell.“
6. Warum gerade kleine Kanzleien jetzt einen Vorteil haben
Große Einheiten haben Budgets, kleine Kanzleien haben etwas anderes: Beweglichkeit. Wer mit einem Team von 3–15 Personen arbeitet, kann innerhalb weniger Wochen:
- ein KI-Tool testen
- den Workflow anpassen
- entscheiden: behalten, verändern oder verwerfen
Konkrete Einstiegsszenarien fĂĽr kleine und mittelgroĂźe Kanzleien
-
Pilotprojekt „KI-Vertragsprüfung“
- Auswahl eines gut geeigneten Vertragstyps (z.B. Mietverträge, NDAs)
- 10–20 Musterfälle mit und ohne KI bearbeiten
- Auswertung: Zeitersparnis, Qualitätsgewinn, Akzeptanz im Team
-
Digitales Mandanten-Onboarding
- Online-Formular mit Abfrage aller Basisdaten
- Automatisierte Aktenanlage und Dokumentenerstellung
-
Standardpakete definieren und sichtbar machen
- Klar beschriebene Leistungen mit Fixpreis
- Intern mit KI-Tools unterlegt, extern klar kommuniziert
Was oft am meisten bremst, ist nicht das Budget, sondern die Haltung: „So haben wir das immer gemacht“. Wer dieses Muster durchbricht, kann in Nischenmärkten sehr schnell sichtbar werden.
7. Geschwindigkeit vs. Qualität: Wie Sie den Spagat sauber lösen
Mandant:innen erwarten Antworten in Stunden – nicht in Tagen. KI kann hier enorm helfen, aber nicht jede Frage ist ein „Echtzeit-Thema“.
Die Kunst liegt in einer klaren Service-Logik:
- Was darf binnen 1–2 Stunden beantwortet werden (z.B. kurze Einschätzungen, Standardfragen)?
- Welche Themen werden bewusst langsamer bearbeitet, weil sie komplex sind oder strategische Auswirkungen haben?
Praktische MaĂźnahmen fĂĽr Kanzleien
- Reaktionszeiten definieren und kommunizieren (z.B. „Erste Rückmeldung binnen 24h“)
- KI nutzen, um schnelle Erstbewertungen oder Risikoeinstufungen zu erstellen
- Bei längeren Themen aktiv erklären: „Wir brauchen hier 3 Tage, weil …“
So entsteht ein klares Bild: Diese Kanzlei ist schnell, wenn es sinnvoll ist, und gründlich, wenn es nötig ist. Beides zusammen ist ein starkes Differenzierungsmerkmal – gerade im österreichischen Markt, der oft noch von „wir melden uns dann“ geprägt ist.
8. Die Beziehung bleibt menschlich – aber anders
KI kann vieles: strukturieren, analysieren, Entwürfe liefern. Was sie nicht kann: Vertrauen aufbauen, Konflikte moderieren, Prioritäten mit dem Mandanten verhandeln.
Genau diese Fähigkeiten gewinnen an Gewicht, je technischer der Rest wird.
Worauf es in der Mandatsbeziehung künftig stärker ankommt
- Zuhören und Übersetzen: Komplexe Sachverhalte in verständliche Szenarien übertragen
- Führung in Entscheidungssituationen: „Wenn Sie X wollen, ist Option A sinnvoller als B.“
- Empathie in belastenden Situationen: etwa in arbeitsrechtlichen Konflikten, Familienrecht, Strafrecht
Hier hilft KI indirekt: Je mehr Routine ausgelagert wird, desto mehr Zeit bleibt für qualitative Gespräche. Viele Kanzleien, die KI sinnvoll integrieren, berichten genau das: Die Gespräche mit Mandant:innen werden länger und besser, nicht kürzer.
9. Nächste Schritte für österreichische Kanzleien
Wer Legal Tech und KI nicht nur „hat“, sondern strategisch nutzt, stärkt damit die eigene Marktposition – unabhängig von Kanzleigröße oder Rechtsgebiet.
Ein pragmatischer 3‑Schritte-Plan für 2025:
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Bestandsaufnahme
- Wo nutzen wir bereits digitale Tools?
- Wo hakt es aus Mandantensicht (Kommunikation, Transparenz, Geschwindigkeit)?
-
Ein Fokusprojekt definieren
- z.B. „KI für Vertragsanalyse“, „digitales Onboarding“, „wertorientierte Honorare“
- Verantwortliche Person benennen, klares Zeitfenster (6–8 Wochen) setzen
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Mandantenperspektive einbeziehen
- 3–5 Stammmandant:innen anrufen und konkret fragen:
„Was würden Sie sich in der Zusammenarbeit digital wünschen?“
- 3–5 Stammmandant:innen anrufen und konkret fragen:
Gerade in Österreich wächst das Interesse an KI-gestützter Rechtsberatung, gleichzeitig suchen viele Unternehmen nach Kanzleien, die digital kompetent und menschlich greifbar sind. Wer jetzt handelt, positioniert sich deutlich vor der nächsten Konsolidierungswelle im Markt.
Die Leitfrage fĂĽr jede Entscheidung sollte lauten:
„Macht dieses Tool unsere Beratung für Mandant:innen klarer, schneller oder vertrauenswürdiger – idealerweise alles drei?“
Wenn die Antwort „Ja“ ist, lohnt sich der Schritt. Genau so entsteht jene hybride, reflektierte und mandantenorientierte Rechtsberatung, von der im Legal-Tech-Kontext seit Jahren gesprochen wird – und die 2025 in österreichischen Kanzleien zunehmend Realität wird.