Legal Tech & KI: Was bringt’s österreichischen Kanzleien?

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTechBy 3L3C

Legal Tech und KI sind für österreichische Kanzleien kein Luxus mehr. Wie kleine und große Kanzleien effizienter arbeiten und welche Skills Anwält:innen jetzt brauchen.

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Effizienter arbeiten mit Legal Tech & KI – aber wie genau?

Die meisten Kanzleien unterschätzen, wie viel Zeit sie mit Tätigkeiten verbringen, für die niemand wirklich zahlen will: Formatieren von Schriftsätzen, Suchen in alten Akten, Copy-Paste aus Standardtexten. In vielen österreichischen Kanzleien liegen 30–40 % der Arbeitszeit in genau solchen Routinen – völlig unabhängig von der juristischen Qualität.

Genau hier setzen Legal Tech und Künstliche Intelligenz an. Und das ist auch der Kern der Session von Alexander Höller (Head of Legal Austria, Google) auf der Future-Law Legal Tech Konferenz: „Effizienteres Arbeiten? Was ist der Case für Legal Tech und KI? Neue Skills? Kleine Kanzleien?“

In dieser Ausgabe unserer Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ geht es um eine klare Frage: Wann zahlt sich Legal Tech und KI für eine Kanzlei in Österreich wirklich aus – und was müssen Anwält:innen dafür können?


1. Der echte Business Case für Legal Tech in Kanzleien

Der wichtigste Punkt zuerst: Der Case für Legal Tech ist kein Technik-, sondern ein Business-Case. Wenn ein Tool nicht messbar Zeit spart, Umsatz sichert oder Risiken reduziert, ist es für eine Kanzlei schlicht überflüssig.

Wo entsteht der Mehrwert konkret?

Bei österreichischen Rechtsanwält:innen sehe ich vor allem vier Hebel:

  1. Vertragsanalyse & Dokumentenautomatisierung
    KI-gestützte Tools können:

    • Klauseln markieren, die vom Standard abweichen
    • Risiken (z.B. Haftungsbegrenzungen, Gerichtsstände) automatisiert hervorheben
    • Standardverträge aus Fragebögen generieren (z.B. GmbH-Gesellschaftsvertrag, NDAs, AGB)

    Ergebnis: aus 3 Stunden Vertragsüberprüfung werden 45 Minuten, weil die KI Vorarbeit leistet und Sie nur noch juristisch bewerten.

  2. Rechtsrecherche & Wissensmanagement
    Anstatt in mehreren Datenbanken und in Ordnerstrukturen zu suchen, kann eine KI:

    • relevante Entscheidungen vorschlagen
    • aus alten Schriftsätzen Ihrer Kanzlei passende Textbausteine finden
    • mit natürlicher Sprache durchsuchen: „Zeig mir alle Schriftsätze zu Betriebsschließungen während COVID in OÖ“
  3. Kanzleimanagement & Organisation
    Legal Tech im Backoffice bringt wenig Glamour, aber viel Ertrag:

    • automatisierte Zeiterfassungsvorschläge,
    • Erinnerung an Fristen,
    • Auswertung von Auslastung, Deckungsbeiträgen, Honorarstruktur.
  4. Kommunikation mit Mandant:innen
    Viele Kanzleien verlieren Zeit durch E-Mail-Ping-Pong. Smarte Portale und KI-gestützte Assistenten können:

    • Standardfragen beantworten (Status, benötigte Unterlagen, Abläufe),
    • Mandanten automatisiert an Fristen oder fehlende Unterlagen erinnern.

Das Muster dahinter: Alles, was wiederholt vorkommt, strukturierte Daten erzeugt oder standardisierbar ist, ist ein Kandidat für Legal Tech oder KI.


2. Warum KI für kleine Kanzleien kein Luxus mehr ist

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, KI lohne sich nur für Großkanzleien mit eigenen Innovationsteams und riesigen Budgets. Die Realität 2025 sieht anders aus.

SaaS statt Millionenprojekt

Vor fünf bis zehn Jahren war Legal Tech meist ein großes IT-Projekt. Heute stehen vielen Kanzleien Software-as-a-Service-Lösungen zur Verfügung:

  • monatliche Abos statt hoher Einmalinvestitionen,
  • vorkonfigurierte Vorlagen für Standardfälle,
  • Integration in gängige Kanzleisoftware.

Damit kann auch eine Zwei-Partner-Kanzlei in Linz oder Graz innerhalb weniger Wochen produktiv mit KI arbeiten – ohne eigenes IT-Team.

Drei praxisnahe Szenarien für kleine Kanzleien

  1. Einzelanwältin mit Fokus auf Arbeitsrecht

    • KI für Erstentwürfe von Kündigungsschreiben und Vergleichsvorschlägen basierend auf Standardmustern,
    • Chat-Assistenz für Mandanten zur Erfassung des Sachverhalts vor dem Erstgespräch,
    • automatisierte Terminvergabe und einfache Dokumentenablage.
  2. Boutique-Kanzlei im Wirtschaftsrecht (5–10 Personen)

    • KI-Vertragsanalyse bei M&A-Vorprojekten,
    • Due-Diligence-Summaries mit KI-Unterstützung,
    • KPI-Dashboards: Welche Mandanten sind profitabel, wo wird zu viel „pro bono light“ gearbeitet?
  3. Regional verankerte Allgemeinpraxis

    • Automatisierte Erstellung von Standardverträgen (Mietverträge, Schenkungsverträge, Eheverträge),
    • digitales Mandanten-Onboarding mit Upload-Funktion,
    • KI-gestützte Checklisten (z.B. für Verlassenschaftsverfahren, Unternehmensgründungen).

Der Punkt ist klar: Kleine Kanzleien können mit gut ausgewählter Legal Tech plötzlich auf Augenhöhe mit größeren Playern arbeiten – oft sogar agiler.


3. Neue Skills für österreichische Rechtsanwält:innen

Wer KI und Legal Tech sinnvoll nutzen möchte, braucht nicht programmieren können. Aber das klassische Skillset „Kommentar lesen, Schriftsatz schreiben“ reicht allein nicht mehr.

Vier Fähigkeiten, die ab 2025 entscheidend werden

  1. Prompting & Tool-Kompetenz
    Sie müssen nicht wissen, wie ein Machine-Learning-Modell mathematisch funktioniert. Wichtig ist:

    • wie Sie Fragen formulieren, damit KI sinnvolle Antworten liefert,
    • wie Sie Anweisungen strukturieren (Kontext, Rolle, Stil, Einschränkungen),
    • wie Sie Ergebnisse kritisch prüfen und juristisch bewerten.
  2. Prozessdenken
    Statt nur den Einzelfall zu sehen, braucht es die Frage: „Wie oft machen wir das? Kann man daraus einen wiederholbaren Prozess machen?“
    Wer seine eigenen Abläufe versteht, findet schneller Stellen, an denen Legal Tech Zeit spart.

  3. Datenbewusstsein & Vertraulichkeit
    Gerade in Österreich, mit starkem Fokus auf Datenschutz und Verschwiegenheit, ist entscheidend:

    • Welche Daten dürfen in welche KI-Systeme eingegeben werden?
    • Wo liegen die Server?
    • Gibt es On-Premise- oder EU-Lösungen?

Anwält:innen müssen hier kritisch nachfragen und intern klare Policies festlegen.

  1. Change-Kompetenz
    Jede Technologie ist nur so gut wie die Menschen, die sie anwenden. Wer Teams führt, braucht:
    • die Fähigkeit, Skepsis ernst zu nehmen,
    • realistische Erwartungen zu setzen (KI ist kein Wundermittel),
    • Pilotprojekte zu planen und sauber auszuwerten.

Die bessere Frage ist nicht „Wird KI Jurist:innen ersetzen?“, sondern: Welche Jurist:innen können mit KI mehr erreichen – und welche nicht?


4. Wie startet eine Kanzlei konkret mit Legal Tech & KI?

Der Einstieg in Legal Tech muss kein Mammutprojekt sein. Die meisten erfolgreichen Kanzleien starten mit kleinen, klar abgegrenzten Use Cases, die wirtschaftlich spürbar sind.

Schritt 1: Probleme statt Tools identifizieren

Bevor Sie über Anbieter nachdenken, sollten Sie sich fragen:

  • Wo entsteht in der Kanzlei regelmäßig Stress?
  • Welche Aufgaben sind unbeliebt, aber notwendig?
  • Wo gehen Fristen, Informationen oder Zeit verloren?

Oft genannte Kandidaten:

  • E-Mail-Chaos ohne zentrale Struktur,
  • mehrere Versionen von Verträgen ohne klare Nachverfolgbarkeit,
  • manuelle Zeiterfassung am Abend aus dem Gedächtnis,
  • ständiges Neuformulieren ähnlicher Textpassagen.

Schritt 2: Einen klaren Pilotfall wählen

Ein guter Pilotfall in einer österreichischen Kanzlei ist z.B.:

  • Automatisierung eines häufig verwendeten Standardvertrags,
  • KI-Unterstützung bei der Vertragsprüfung in einem konkreten Mandat,
  • Einführung eines einfachen, KI-gestützten Recherche-Assistenten für ein bestimmtes Rechtsgebiet.

Wichtig ist: Der Use Case sollte häufig vorkommen, klar messbar sein und nicht von exotischen Spezialfragen leben.

Schritt 3: Erfolg messbar machen

Ohne Messung kein Business-Case. Legen Sie vorher fest:

  • Wie lange dauert der Prozess aktuell (in Stunden)?
  • Welche Fehler oder Reibungsverluste treten auf?
  • Wie wirkt sich das auf Honorare, Fristen oder Mandantenzufriedenheit aus?

Nach einigen Wochen oder Monaten mit Legal Tech vergleichen Sie:

  • Zeitaufwand vorher/nachher,
  • subjektive Zufriedenheit im Team,
  • Rückmeldungen der Mandant:innen.

Wenn die Ergebnisse passen, wird aus dem Pilot ein Standardprozess. Wenn nicht, wird angepasst – oder man verwirft das Tool ohne schlechtes Gewissen.


5. Risiken, Grenzen und ethische Fragen – realistisch betrachtet

Wer KI einsetzt, muss auch über Risiken sprechen. Nicht, um die Technologie zu verteufeln, sondern um sie bewusst einzusetzen.

Die drei größten Fallstricke

  1. Blindes Vertrauen in KI-Ergebnisse
    KI kann Inhalte erfinden, veraltete Rechtslage verwenden oder ausländische Rechtsordnungen heranziehen. Sie bleibt ein Assistenzsystem, kein Ersatz für juristische Prüfung.

  2. Vertraulichkeit & Mandatsgeheimnis
    Daten dürfen nicht unkontrolliert in Systeme wandern, die außerhalb Ihres Einflussbereichs verarbeitet werden.

    Konsequenz: Klare Richtlinien, Schulungen im Team und gegebenenfalls Nutzung von speziell abgesicherten KI-Lösungen.

  3. Haftungsfragen & Qualitätsstandards
    Am Ende haftet immer die Kanzlei, nicht die Software.
    Daher braucht es intern definierte Mindeststandards:

    • Kein Schriftsatz verlässt das Haus ohne menschliche Kontrolle.
    • KI-gestützte Entwürfe werden gekennzeichnet.
    • Hochrisiko-Mandate bekommen strengere Prüfmechanismen.

Ethik als Wettbewerbsvorteil

Gerade im österreichischen Markt kann eine Kanzlei punkten, wenn sie Mandant:innen transparent erklärt:

  • wo KI eingesetzt wird,
  • welche Vorteile das bringt (Effizienz, Kosten, Geschwindigkeit),
  • wie gleichzeitig Qualität und Vertraulichkeit gesichert sind.

Das schafft Vertrauen – und unterscheidet Sie deutlich von „Wir machen auch irgendwas mit KI“.


6. Legal Tech Konferenz & der Blick nach vorne

Die Future-Law Legal Tech Konferenz, bei der Alexander Höller spricht, zeigt jedes Jahr sehr deutlich: KI im Rechtsbereich ist in Österreich längst Praxis, nicht mehr nur ein Trend-Thema.

Für Sie als Rechtsanwält:in oder Kanzleimanager:in stellen sich daher im Grunde nur drei Fragen:

  1. Welche Aufgaben in meiner Kanzlei sollten in 12 Monaten nicht mehr manuell erledigt werden?
  2. Welche zwei bis drei konkreten KI- oder Legal-Tech-Use-Cases will ich 2026 standardisiert im Einsatz haben?
  3. Welche Skills brauchen Partner:innen, Associates und das Sekretariat dafür – und wie bauen wir sie systematisch auf?

Wer diese Fragen ernsthaft beantwortet und kleine, pragmatische Schritte setzt, wird von KI nicht überrollt, sondern profitiert davon.


Fazit: KI ist kein Gegner, sondern ein Verstärker für gute Jurist:innen

Legal Tech und KI sind für österreichische Kanzleien kein Selbstzweck, sondern Werkzeuge, um besser zu beraten, wirtschaftlicher zu arbeiten und für Talente attraktiv zu bleiben. Gerade kleine Kanzleien können davon profitieren, weil sie schneller entscheiden und umsetzen können.

Wer bereit ist,

  • den eigenen Kanzlei-Alltag ehrlich zu analysieren,
  • neue Skills im Umgang mit KI aufzubauen,
  • und mit überschaubaren Pilotprojekten zu starten,

hat in den nächsten Jahren einen klaren Vorsprung – fachlich, wirtschaftlich und am Markt.

Wenn Sie sich fragen, wie genau KI und Legal Tech zu Ihren Mandaten und Ihrer Kanzleistruktur passen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, das systematisch anzugehen. Die Technologie ist da. Die Frage ist nur, wer sie zuerst klug nutzt.