Warum sich KI und Legal Tech für österreichische Kanzleien jetzt rechnen – mit konkreten Use Cases, neuen Skills für Jurist:innen und einem 5‑Schritte-Plan für kleine Kanzleien.
Effizienteres Arbeiten mit KI: Warum sich Legal Tech jetzt rechnet
Die meisten österreichischen Kanzleien verlieren jeden Tag mehrere Stunden an Routinetätigkeiten – E‑Mails sortieren, Fristen nachtragen, Dokumente suchen, Standardklauseln kopieren. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Klient:innen: schnellere Antworten, transparente Kosten, nachvollziehbare Strategien.
Genau an diesem Punkt setzt das Thema Legal Tech und KI an, über das auch Expert:innen wie Julia Stanzenberger (Head of Legal Europe, AT&S) auf der Future-Law Legal Tech Konferenz sprechen: Wie arbeitet man wirklich effizienter? Wo liegt der Business Case für KI in Kanzleien – gerade auch für kleinere Einheiten? Und welche Skills braucht das Team ab 2026, um nicht abgehängt zu werden?
Dieser Beitrag ist Teil der Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ und zeigt konkret, wie Sie KI sinnvoll in Ihrer Kanzlei einsetzen können – ohne Millionenbudget, ohne Konzernstruktur, aber mit klarer Strategie.
1. Der echte Business Case: Wo KI Kanzleien messbar hilft
Der Nutzen von KI im Rechtsbereich zeigt sich vor allem dort, wo sich wiederholende Denkarbeit dominiert. Wer hier strukturiert ansetzt, kann Zeit, Kosten und Risiko gleichzeitig reduzieren.
Typische Einsatzfelder in österreichischen Kanzleien
Die wichtigsten Hebel fĂĽr KI in der Rechtsberatung sind aktuell:
- Vertragsanalyse: automatische Erkennung von Risiken, fehlenden Klauseln, Abweichungen von Standard-Templates
- Rechtsrecherche: schnellere Identifikation relevanter Entscheidungen und Normen
- Dokumentenerstellung: Entwürfe für Standardverträge, Schriftsätze, Memos, E‑Mails
- Kanzleimanagement: Zeiterfassung, Aktenorganisation, Wissensdatenbank, Fristenmanagement
Der wirtschaftliche Effekt entsteht nicht durch „Magie“, sondern durch simple Mathematik:
Wenn eine Anwältin pro Tag 1 Stunde Recherche spart, sind das bei 200 Arbeitstagen rund 200 Stunden im Jahr. Bei einem Stundensatz von 250 € reden wir über ein theoretisches Wertschöpfungspotenzial von 50.000 € – pro Person.
Realistisch wird nicht alles davon fakturierbar, aber es entsteht Luft fĂĽr:
- mehr Mandate
- bessere Betreuung bestehender Klient:innen
- interne Projekte (Wissensaufbau, Marketing, Legal Design)
Risiko- und Qualitätsaspekt
Der Business Case für Legal Tech und KI ist nicht nur ökonomisch, sondern auch qualitativ:
- geringere Fehleranfälligkeit bei Standardarbeiten
- konsistentere Vertragsklauseln ĂĽber alle Mandate
- bessere Dokumentation von Entscheidungswegen
- schnellerer Zugriff auf „Kanzlei-Wissen“ (Precedents, Argumentationsketten)
Kurz gesagt: KI ist kein Nice-to-have-Gadget, sondern ein Werkzeug zur Risikoreduzierung und Qualitätssicherung – sofern sauber implementiert und kontrolliert.
2. Effizienteres Arbeiten in der Praxis: Wie KI den Arbeitsalltag verändert
Effizienteres Arbeiten heißt nicht „mehr Arbeit in die gleiche Zeit quetschen“, sondern Routine entlasten, um mehr Zeit für echte Beratung zu gewinnen.
Typische Before/After-Szenarien
Vor KI-Einsatz:
- JĂĽngere Associates durchsuchen Datenbanken manuell nach passenden Entscheidungen.
- Vertragsversionen werden in Word per „Suchen/Ersetzen“ angepasst.
- Fristen, To‑dos und Wiedervorlagen werden manuell gepflegt.
Mit KI-gestĂĽtzten Legal-Tech-Tools:
- KI schlägt zu einer konkreten Fallfrage einschlägige Entscheidungen und Normen vor (Sie prüfen nur noch Relevanz und Gewicht).
- Vertragsdokumente werden mit einem Standardmodell verglichen, Abweichungen werden hervorgehoben.
- Fristen und Aufgaben werden automatisch mit Akteneinträgen verknüpft.
Wichtig: Die juristische Bewertung bleibt bei Ihnen. KI ĂĽbernimmt die FleiĂźarbeit, Sie die Verantwortung.
Typische Zeitersparnisse
Aus Gesprächen mit Kanzleien im DACH-Raum zeigen sich grob folgende Effekte (konservativ geschätzt):
- 30–50 % weniger Zeit für erste Entwürfe von Standardverträgen
- 20–40 % weniger Zeit für Recherche zu Routinefragen
- 10–30 % weniger Zeit für interne Abstimmungs-E-Mails und Zusammenfassungen
Gerade im Dezember, wenn Jahresendgeschäft, Budgets und Fristen zusammentreffen, spüren Kanzleien sehr schnell, ob ihre digitalen Prozesse funktionieren oder nicht.
3. Neue Skills für Jurist:innen: Was ab 2026 wirklich zählt
Wer glaubt, KI sei primär ein IT-Thema, liegt falsch. Die spannendsten KI-Skills sind juristisch und strategisch.
Drei Kernkompetenzen für die „KI-Juristin“
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Prompting & Strukturierung von Arbeitsaufträgen
Wer KI einsetzt, muss präzise formulieren können:- Welche Rechtsfrage genau?
- Welche Rechtsordnung, welcher Zeitraum, welches Rechtsgebiet?
- Welcher Detaillierungsgrad, welches Zielpublikum?
Gute Prompts zu formulieren ist nichts anderes als sauberes Denken in Arbeitsschritten – eine klassische juristische Kernkompetenz.
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Bewertung von KI-Ergebnissen
KI-Antworten mĂĽssen kritisch geprĂĽft werden:- Ist die Argumentation schlĂĽssig?
- Fehlen wesentliche Normen oder Gegenargumente?
- Passen die Ergebnisse zum Mandantenrisiko und zur Branche?
Wer das beherrscht, nutzt KI als Turbo – wer es nicht kann, produziert sauber formulierte Fehlentscheidungen.
- Prozess- und Mandantenverständnis
Die eigentliche Musik spielt dort, wo Jurist:innen verstehen:- Wie läuft der Geschäftsprozess des Mandanten?
- Welche Informationen liegen digital vor – und wie können sie ausgewertet werden?
- Wo entstehen rechtliche Risiken aus DatenflĂĽssen, Algorithmen, Automatisierung?
Was heiĂźt das fĂĽr Ausbildung und Fortbildung?
- Universitäre Ausbildung: Mehr Praxis mit Dokumentenautomatisierung, Recherchetools und KI-Assistenten statt reinen Theorieseminaren.
- Kanzleiinterne Weiterbildung: Kurze, konkrete Trainings: „2 Stunden zu KI-gestützter Vertragsanalyse“, „Praxisworkshop: Schriftsatzentwürfe mit KI vorbereiten“.
- Führungsebene: Partner:innen und Heads of Legal müssen verstehen, welche Investments sich rechnen – das ist eher Business- als Technikkompetenz.
Wer diese Skills systematisch aufbaut, positioniert seine Kanzlei für die nächsten 5–10 Jahre sehr komfortabel.
4. Kleine Kanzlei, groĂźe Wirkung: KI ohne Konzernbudget einsetzen
Der Mythos, dass Legal Tech nur für Großkanzleien geeignet sei, hält sich erstaunlich hartnäckig – und ist schlicht falsch.
Vorteil kleine Kanzlei: Geschwindigkeit und Nähe zur Entscheidung
Kleine und mittlere Kanzleien haben sogar klare Vorteile:
- Kurze Entscheidungswege: Die Partnerin, die das Thema will, kann es auch umsetzen.
- Klares Leistungsprofil: Spezialisierte Kanzleien können sehr gezielt Tools für „ihr“ Rechtsgebiet testen.
- Höhere Sichtbarkeit des Effekts: Wenn drei Personen je 5 Stunden pro Woche sparen, merkt man das sofort.
Konkreter 5‑Schritte-Plan für kleinere Kanzleien
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Use Cases auswählen
Starten Sie mit 1–2 Bereichen, z. B.:- Standardvertragsentwürfe (Miet-, Arbeits-, Lieferverträge)
- wiederkehrende Rechtsfragen Ihrer Stammmandanten
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Low-Risk-Tools testen
Nutzen Sie zunächst KI-gestützte Tools ohne direkte Verbindung zu produktiven Akten. Testumgebung, Musterfälle, Anonymisierung. -
Pilotteam definieren
2–3 Personen, die offen für das Thema sind und regelmäßig Feedback geben. Kein Zwang für das gesamte Team in der ersten Phase. -
Messbare Ziele festlegen
Zum Beispiel:- „Dauer der Erstentwürfe um 30 % reduzieren“
- „Zeit für Standard-Recherche halbieren“
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Regelmäßige Reviews
Kurze Besprechungen: Was spart tatsächlich Zeit? Wo entstehen neue Risiken? Wie muss der Kanzlei-Workflow angepasst werden?
So entsteht schrittweise ein durchdachtes Legal-Tech-Setup, ohne die Kanzlei zu ĂĽberfordern.
5. Governance, Haftung und Ethik: KI sicher im Rechtsalltag nutzen
Je stärker KI in Kanzleien eingesetzt wird, desto wichtiger wird ein klarer Rahmen. Besonders in Österreich mit strengen Datenschutz- und Berufsregeln ist Governance kein Luxus, sondern Pflicht.
Zentrale Fragen, die jede Kanzlei klären sollte
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Welche Daten dĂĽrfen in welche KI-Systeme eingespeist werden?
Mandatsgeheimnis, DSGVO, Branchenstandards. -
Wer trägt die Verantwortung für KI-Ergebnisse?
Antwort: immer die Rechtsanwältin bzw. der Rechtsanwalt – nie das Tool. -
Wie wird dokumentiert, wann KI eingesetzt wurde?
Für Nachvollziehbarkeit, interne Qualitätssicherung und eventuell auch gegenüber Haftpflichtversicherern. -
Wie wird Bias vermieden?
Gerade bei Prognosetools (z. B. Prozessrisikoabschätzung) darf man sich nicht blind auf historische Daten verlassen, die strukturelle Verzerrungen enthalten können.
Praktische Governance-MaĂźnahmen
- Interne KI-Richtlinie: Kurz, verständlich, mit Do’s and Don’ts.
- Freigabeprozess: Bei komplexen Mandaten zusätzliche manuelle Prüfung, bevor KI-unterstützte Ergebnisse an den Mandanten gehen.
- Fortlaufende Schulung: KI-Tools entwickeln sich rasant – Wissen von 2023 ist 2025 oft schon veraltet.
Wer Governance früh mitdenkt, kann später viel Ärger mit Disziplinarrecht, Datenschutzbehörden oder Versicherern vermeiden.
6. Strategischer Ausblick: Wie Sie 2026 noch wettbewerbsfähig sind
Der Trend ist klar: Kanzleien, die KI sinnvoll einsetzen, werden deutlich produktiver und attraktiver für Klient:innen und Nachwuchsjurist:innen. Veranstaltungen wie die Future-Law Legal Tech Konferenz, bei der Expert:innen wie Julia Stanzenberger ihre Erfahrungen teilen, zeigen, dass das Thema längst in der Praxis angekommen ist.
Für österreichische Rechtsanwält:innen bedeutet das:
- Wer KI ignoriert, konkurriert bald mit Kanzleien, die dieselbe Leistung schneller und oft gĂĽnstiger anbieten.
- Wer KI unkritisch nutzt, riskiert Haftungsfälle und Reputationsschäden.
- Wer KI strategisch und kontrolliert einfĂĽhrt, baut einen klaren Wettbewerbsvorteil auf.
Wenn Sie sich fragen, wo Sie anfangen sollen, ist die Antwort: klein, konkret, messbar. Ein sauber aufgesetzter Pilot in einem eng begrenzten Bereich bringt mehr als ein dicker „Digitalisierungsplan“, der in der Schublade verschwindet.
Die spannende Frage für die nächsten Jahre lautet nicht mehr: „Kommt KI in die Rechtsbranche?“, sondern: Welche Kanzleien nutzen KI so, dass Mandant:innen den Unterschied spüren – und bereit sind, genau dafür zu zahlen?