Honorar, KI & Standardisierung: Was kleine Kanzleien jetzt klären müssen

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech••By 3L3C

Kleine Kanzlei, große Wirkung: Wie KI, Standardisierung und neue Honorarstrukturen österreichische Rechtsanwälte wettbewerbsfähig machen – jenseits des reinen Stundensatzes.

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Honorar, KI & Standardisierung: Was kleine Kanzleien jetzt klären müssen

In vielen österreichischen Kanzleien ist das Honorarthema immer noch ein Minenfeld: Stundensatz, Pauschale, Erfolgshonorar – und jetzt auch noch KI-Tools, die plötzlich vieles schneller machen. Genau diese „knallharten Fragen im Pricing“ standen beim Future-Law Legal Tech Event im Fokus, unter anderem mit Philipp Reinisch im „Hot Seat“.

Der Druck ist real: Mandanten hinterfragen Rechnungen kritischer, Unternehmen professionalisieren ihr Legal Procurement, und Generative KI macht sichtbar, wie unterschiedlich effizient Kanzleien arbeiten. Wer als kleine Kanzlei in Österreich weiterhin mit klassischen Stundensätzen ohne klare Struktur unterwegs ist, wird in den nächsten Jahren Marktanteile verlieren.

In dieser Ausgabe der Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ geht es um genau diese Schnittstelle: Wie verändern KI und Standardisierung das Pricing – und was heißt das konkret für kleinere Kanzleien in Österreich?


1. Warum klassisches Kanzlei-Pricing nicht mehr reicht

Das aktuelle Honorarmodell vieler Kanzleien basiert auf drei Säulen: Stundensatz, Bauchgefühl und „das haben wir immer so gemacht“. Das funktioniert in einem Markt mit wenig Transparenz, aber nicht in einem Umfeld, in dem Mandanten Vergleichswerte, Budgetvorgaben und Legal-Tech-Erfahrung mitbringen.

Der Kern des Problems:

  • Der Stundensatz sagt nichts ĂĽber Effizienz aus.
  • Mandanten wollen Planbarkeit statt Ăśberraschungsrechnungen.
  • KI-gestĂĽtzte Arbeit fĂĽhrt zu massiver Zeitersparnis – aber die Rechnung wird oft trotzdem in Stunden geschrieben.

Wer weiterhin rein zeitbasiert abrechnet, bestraft letztlich die eigene Effizienz. Wenn ein Anwalt dank KI einen komplexen Vertrag in 90 statt 240 Minuten analysiert, wird er nach Stundensatzlogik weniger verdienen, obwohl der Mehrwert für den Mandanten gleich oder höher ist.

Das ist der eigentliche Bruch, den KI im Kanzleipricing auslöst:

Je digitaler und standardisierter die Kanzlei arbeitet, desto schlechter passt reines Stundenhonorar zu ihrem Geschäftsmodell.

Gerade kleine Kanzleien in Österreich haben hier eine Chance: Sie sind beweglicher, müssen keine riesigen Vergütungsstrukturen umstellen und können moderne Modelle schneller testen.


2. Was KI konkret am Pricing verändert

KI verschiebt nicht nur ein paar Minuten im Stundenzettel, sie verändert den Werttreiber anwaltlicher Arbeit. Mandanten bezahlen immer weniger für „Zeit“, sondern für Ergebnis, Geschwindigkeit und Risikoreduktion.

2.1 Typische KI-Einsatzfelder mit Pricing-Effekt

In vielen österreichischen Kanzleien zeichnen sich Einsatzfelder ab, in denen KI besonders stark mit dem Honorar verknüpft ist:

  • Vertragsanalyse: Automatisierte Klauselerkennung, Risiko-Scoring, Erstellung von Mark-up-Vorschlägen.
  • Rechtsrecherche: Schnelle Erstrecherche, Strukturierung der Argumentation, Fundstellenvorschläge.
  • Standarddokumente: ErstentwĂĽrfe von NDAs, Auftragsverarbeitungsverträgen, AGB, Gesellschaftsverträgen.
  • Prozess- und Verfahrensstrategie: Mustererkennung in Entscheidungen, Erfolgseinschätzung, Szenariovergleich.

In all diesen Bereichen entsteht ein spürbarer Produktivitätsgewinn. Das legt andere Honorarstrukturen nahe.

2.2 Vom Stundensatz zu wertorientierten Modellen

Ich habe bei Kanzleien, die bereits KI einsetzen, drei Muster gesehen, die gut funktionieren:

  1. Pauschalen fĂĽr klar definierte Standardleistungen
    z.B. „Due-Diligence-Check von bis zu 20 Verträgen mit KI-Unterstützung inkl. Kurzbericht“ zum Fixpreis.

  2. Hybridmodelle
    Ein klar abgegrenzter KI-gestĂĽtzter Teil (z.B. DokumentenprĂĽfung) als Paketpreis, plus individuelle strategische Beratung nach Stunden.

  3. Ergebnis- und Value-Pricing
    Das Honorar orientiert sich am wirtschaftlichen Nutzen (z.B. Einsparungen, Risikoabmilderung, Transaktionsvolumen), nicht an der Arbeitszeit.

Der rote Faden: KI muss im Produkt und im Honorar sichtbar werden. Wer KI intern nutzt, aber nach außen so tut, als sei alles „klassische Handarbeit“, vergibt sich einen wichtigen Kommunikations- und Verkaufshebel.


3. Standardisierung: Die versteckte Voraussetzung fĂĽr sinnvolles KI-Pricing

Ohne Standardisierung bleibt KI ein teures Spielzeug. Erst wenn Prozesse, Dokumenttypen und Leistungspakete klar strukturiert sind, kann eine Kanzlei skalierbar abrechnen.

3.1 Was „Standardisierung“ in der Kanzlei wirklich heißt

Standardisierung heiĂźt nicht, dass jede Beratung von der Stange kommt. Es bedeutet, dass wiederkehrende Teile der Leistung klar definiert und wiederverwendbar sind.

Konkrete Beispiele aus der Praxis:

  • Einheitliche Dokumentenbausteine fĂĽr gängige Verträge (z.B. Mietvertrag, Arbeitsvertrag, NDA).
  • Klare Checklisten fĂĽr Due Diligence, arbeitsrechtliche PrĂĽfungen, Datenschutz-Compliance.
  • Standardisierte Mandatsprozesse: Intake, Auftragsbestätigung, Informationsanforderungen, Reporting.
  • Vordefinierte Leistungspakete: „GrĂĽndungspaket GmbH“, „Datenschutz-Check KMU“, „AGB-Review Online-Shop“.

Sobald diese Standards stehen, wird es viel einfacher, Fixpreise oder KI-gestĂĽtzte Pakete anzubieten, weil der Aufwand besser kalkulierbar ist.

3.2 Wie KI Standardisierung verstärken kann

KI unterstĂĽtzt Standardisierung massiv, etwa durch:

  • Erkennung wiederkehrender Klauseltypen in bestehenden Kanzleiverträgen.
  • Clustering von Mandaten nach Typ, Umfang und Risikoniveau.
  • Vorschläge fĂĽr Standardformulierungen auf Basis bisheriger Dokumente.

Eine kleine Kanzlei kann mit einem strukturierten KI-Einsatz in wenigen Wochen ein Baustein-System aufbauen, fĂĽr das frĂĽher mehrere Jahre gebraucht wurden.


4. Kleine Kanzlei, groĂźe Wirkung: Konkrete Pricing-Strategien

Kleine österreichische Kanzleien haben einen Vorteil: Sie brauchen keine langen Partnerrunden, um etwas Neues auszuprobieren. Wer jetzt mutig ist, kann sich vom Einheitsbrei der Stundensätze klar abheben.

4.1 Drei konkrete Schritte fĂĽr Ihr neues KI-Pricing

Schritt 1: Leistungen kartieren und in Pakete ĂĽberfĂĽhren

  • Liste der häufigsten Mandate der letzten 12–24 Monate erstellen.
  • Mandate clustern (z.B. „Standard“, „komplex“, „High-Risk“).
  • FĂĽr die Standardfälle feste Pakete definieren (Leistungsumfang + Fixpreis).

Schritt 2: KI bewusst in die Leistung integrieren

  • Festlegen, bei welchen Schritten KI verbindlich eingesetzt werden soll (z.B. ErstprĂĽfung von Verträgen, Entwurfsvorschläge).
  • Qualitäts- und Kontrollschritte definieren (z.B. „Vier-Augen-Prinzip Anwalt nach KI-Analyse“).
  • Im Angebot klar kommunizieren: „KI-unterstĂĽtzte PrĂĽfung – schnellere Lieferung, transparente Struktur“.

Schritt 3: Offenes, aber selbstbewusstes Mandantengespräch über Pricing

Viele Anwälte scheuen das Gespräch über Honorartransparenz. Meine Erfahrung: Mandanten honorieren Klarheit deutlich stärker als „wir schauen dann, wie lange es dauert“.

Hilfreiche Gesprächsansätze:

  • „Wir arbeiten mit KI-gestĂĽtzten Analyse-Tools, dadurch können wir Ihnen einen Fixpreis fĂĽr diesen Teil anbieten.“
  • „Der strategische Teil bleibt individuelle anwaltliche Arbeit, der wird nach Stundensatz abgerechnet. Sie bekommen vorab eine Spanne.“
  • „Unser Ziel ist, dass Sie vor Mandatsbeginn eine echte Budgetplanung machen können.“

5. Typische Einwände – und wie man sie sauber löst

Wer Pricing, KI und Standardisierung anspricht, bekommt fast automatisch Widerstände – intern wie extern. Einige davon sind berechtigt, die meisten aber lösbar.

5.1 „KI entwertet meine Leistung“

Das Gegenteil ist der Fall: KI entwertet Routine, nicht Expertise.

Je mehr Standardarbeit automatisiert wird, desto stärker tritt das hervor, was Mandanten wirklich suchen:

  • Erfahrung in komplexen Situationen
  • Verhandlungsgeschick
  • Branchenverständnis
  • Risikoabwägung und klare Empfehlung

Das kann keine KI ĂĽbernehmen, wohl aber vorbereiten und strukturieren.

5.2 „Wenn ich effizienter werde, verdiene ich weniger“

Das stimmt nur, wenn man starr am Stundensatz festhält. Wer auf Pauschalen und wertorientierte Modelle umstellt, kann Effizienz in höhere Marge übersetzen:

  • Gleicher Preis, weniger Aufwand = höhere Deckungsbeiträge je Mandat.
  • Mehr Mandate bei gleicher Teamgröße möglich.
  • Attraktiveres Angebot fĂĽr Mandanten durch Schnellere Bearbeitung und planbare Preise.

5.3 „Meine Mandanten wollen das alles nicht“

Viele Mandanten sagen nicht „Wir wollen KI“, sie sagen: „Wir wollen schneller Ergebnisse“, „Wir brauchen Budgetklarheit“, „Wir wollen kein Überraschungshonorar mehr“.

KI und Standardisierung sind Mittel, genau das zu liefern.

Formulieren Sie es im Mandantendialog so:

„Wir setzen moderne Technologien ein, damit Sie schneller ein verlässliches Ergebnis bekommen und vorab wissen, was es kostet.“

Das ist fĂĽr die meisten Unternehmensjuristen in Ă–sterreich im Jahr 2025 deutlich attraktiver als das x-te PDF mit Stundensatzliste.


6. Wie Sie jetzt konkret starten können

Wer bis hierher gelesen hat, steht meist an einem Punkt: „Ja, klingt plausibel – aber wo beginne ich morgen früh um 9:00 Uhr?“

Ein praxistauglicher Einstieg für eine kleine österreichische Kanzlei sieht so aus:

  1. Einen Use Case auswählen
    z.B. Vertragsreview für KMU, arbeitsrechtliche Standardfälle oder Datenschutz-Checks.

  2. Einen KI-Baustein definieren
    z.B. Mandant reicht Verträge ein → KI erstellt Erstanalyse → Anwalt ergänzt Bewertung und Empfehlung.

  3. Ein Pilot-Paket schnĂĽren
    Klare Leistung, klares Ergebnis, klarer Fixpreis. 3–5 Mandanten aktiv dafür ansprechen.

  4. Feedback einsammeln und nachschärfen
    Was war unklar? Wo wurde der Wert gesehen? Wie realistisch war der Preis?

  5. Erst dann breiter ausrollen
    Insbesondere auf der Website, in Präsentationen, in Angeboten.

Gerade im Rahmen von Legal-Tech-Veranstaltungen wie der Future-Law-Konferenz wird deutlich: Die Kanzleien, die klein anfangen, schnell testen und konsequent nachjustieren, sind denen überlegen, die noch zwei Jahre an der „perfekten“ Honorarordnung feilen.


Fazit: KI-Pricing ist eine strategische Entscheidung – besonders für kleine Kanzleien

Wer KI einsetzt, ohne das Honorar zu überdenken, arbeitet gegen die eigene Wirtschaftlichkeit. Wer Pricing ändert, ohne KI und Standardisierung zu nutzen, bleibt ineffizient. Die Zukunft liegt in der Kombination aus klaren Leistungspaketen, KI-gestützten Workflows und transparenten, wertorientierten Honorarmodellen.

Für österreichische Rechtsanwälte – und besonders für kleine Kanzleien – ist das keine theoretische Spielwiese, sondern eine der zentralen strategischen Fragen der nächsten Jahre: Wie positioniere ich mich in einem Markt, in dem Mandanten Effizienz erwarten und KI den Takt vorgibt?

Wenn Sie diese Weichen jetzt stellen, kann KI aus einem Bedrohungsszenario zu einem sehr handfesten Wettbewerbsvorteil werden. Die Frage ist nicht mehr, ob KI Ihr Kanzleipricing beeinflusst, sondern wie aktiv Sie diesen Wandel gestalten wollen.