Wie Notare KI nutzen können – Insights von der LTK

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech••By 3L3C

Österreichische Notare und Anwälte stehen bei KI unter Zugzwang. Wie Sie 2026 pragmatisch starten, Risiken kontrollieren und Mandantenvertrauen stärken.

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Warum Notare beim Thema KI plötzlich unter Zugzwang stehen

Österreichische Notariate verarbeiten jeden Tag hochsensible Daten, komplexe Verträge und formstrenge Abläufe. Genau diese Mischung macht den Berufsstand aktuell extrem spannend – und angreifbar. Denn KI-Systeme können heute in Sekunden, wofür in vielen Kanzleien noch Stunden draufgehen.

Bei der Future-Law Legal Tech Konferenz 2025 eröffnet unter anderem Andreas Tschugguel, Vizepräsident der Österreichischen Notariatskammer, die Diskussion im Grand Salon. Dass ausgerechnet die Standesvertretung so prominent auf einer Legal-Tech-Bühne steht, ist ein klares Signal: KI und Digitalisierung sind nicht mehr „nice to have“, sondern strategische Pflicht.

In diesem Beitrag ordne ich ein, was dieser Schritt bedeutet, wo KI für österreichische Notare und Rechtsanwälte konkret ansetzt – und wie Sie jetzt pragmatisch starten, ohne Haftungsrisiken oder Kontrollverlust.


Was die Präsenz der Notariatskammer bei der LTK wirklich bedeutet

Die Teilnahme eines Vizepräsidenten der Österreichischen Notariatskammer an der Eröffnungsdiskussion zeigt: Legal Tech ist in der Mitte der rechtsberatenden Berufe angekommen.

Die Botschaft dahinter:

  • KI und Digitalisierung sind Chefsache, nicht nur ein Hobby fĂĽr „Tech-Affine“.
  • Standes- und Aufsichtsorgane beschäftigen sich aktiv mit Chancen und Grenzen.
  • Es geht nicht um Ersetzung, sondern um Neuverteilung von Tätigkeiten.

Gerade im Notariat treffen mehrere Spannungsfelder aufeinander:

  • Urkundssicherheit vs. Automatisierung
  • Persönliches Vertrauensverhältnis vs. digitalen Self-Service
  • Strenge Formvorschriften vs. flexible Workflows

Die Realität: Diese Spannungsfelder lassen sich nicht mehr durch „Abwarten“ lösen. Kanzleien, die heute in KI-gestützte Prozesse investieren, setzen den Benchmark, an dem sich andere spätestens in 2–3 Jahren messen lassen müssen.


Konkrete Einsatzfelder: Wo KI Notaren und Anwälten heute schon hilft

Der sinnvollste Einstieg in KI für österreichische Kanzleien liegt dort, wo viel Standard, klare Regeln und viele Dokumente zusammentreffen. Genau so sieht der Alltag in vielen Notariaten und Anwaltskanzleien aus.

1. Vertragsanalyse und UrkundenprĂĽfung

KI-Systeme können heute:

  • Standardklauseln erkennen (z.B. Gewährleistung, Gerichtsstand, Verzugszinsen)
  • fehlende oder ungewöhnliche Regelungen markieren
  • WidersprĂĽche zwischen Paragraphen aufzeigen
  • Sprachrisiken (unklare oder mehrdeutige Formulierungen) hervorheben

Für Notare und Rechtsanwälte heißt das:

Die erste, mühsame Sichtung von Entwürfen lässt sich weitgehend automatisieren. Die eigentliche juristische Bewertung bleibt bei Ihnen.

Ein typischer Workflow:

  1. Mandant lädt seinen Vertragsentwurf hoch.
  2. KI erstellt in Sekunden eine strukturierte Ăśbersicht: Klauseltypen, Risiken, offene Punkte.
  3. Sie steigen direkt in die qualifizierte Prüfung und Beratung ein – statt in die Textsuche.

2. Automatisierte Dokumentenerstellung mit Standes-Sicherheit

Gerade im Notariat ist Standardisierung nichts Neues: Vorlagen, Bausteine, Mustertexte. KI bringt das auf das nächste Level.

Mögliche Szenarien:

  • Fragebögen fĂĽr Klienten (z.B. GrĂĽndung GmbH, Schenkungsvertrag, Liegenschaftskauf)
  • Automatische Ăśbertragung der Antworten in geprĂĽfte Vertragsmuster
  • Variantenbildung (z.B. Vorkaufsrechte, Belastungs- und VeräuĂźerungsverbote, Zustimmungserfordernisse)

Wichtig:

  • Die logische Struktur und die rechtlich geprĂĽften Bausteine kommen aus Ihrer Kanzlei bzw. aus von der Kammer empfohlenen Mustern.
  • Die KI hilft beim AusfĂĽllen, Kombinieren, PrĂĽfen auf Vollständigkeit – nicht beim „Erfinden von Recht“.

So bleibt die fachliche Kontrolle beim Organ der vorsorgenden Rechtspflege, während Routineabläufe massiv schneller werden.

3. Rechtsrecherche und „Case Finding“ in österreichischem Kontext

Auch bei der Rechtsrecherche werden KI-Werkzeuge zunehmend praxistauglich:

  • Zusammenfassung von langen Entscheidungen des OGH
  • Herausfiltern der wirklich relevanten Passagen fĂĽr den konkreten Fall
  • Erstellen von ersten Argumentationsskizzen (die Sie dann schärfen)

Wer hier sinnvoll arbeitet, spart nicht nur Zeit, sondern eröffnet sich neue Services:

  • Mandantenerklärungen in Klartext: KI ĂĽbersetzt juristische Fachsprache in gut verständliches Deutsch.
  • Schnelle Vorab-Einschätzung: Innerhalb weniger Stunden liegt eine strukturierte Ersteinschätzung vor, die Sie qualifiziert freigeben.

4. Kanzleimanagement, Fristenkontrolle und Kommunikation

KI ist nicht nur „Juristen-Hirn“, sondern auch Organisationshilfe. Beispiele:

  • Automatische Erkennung von Fristen in eingehenden SchriftstĂĽcken
  • Erinnerungssysteme mit Priorisierung nach Risiko
  • Sortierung und Verschlagwortung von E-Mails nach Akten
  • Erstellung von Gesprächsprotokollen (z.B. aus Video-Calls) mit To-do-Listen

Gerade in kleineren österreichischen Kanzleien mit knapper Personaldecke kann das den Unterschied machen, ob man noch Luft für strategische Arbeit hat – oder dauerhaft im Operativen steckenbleibt.


Der österreichische Rechtsrahmen: Was geht, was (noch) nicht?

Die große Sorge vieler Notare und Anwälte: Haftung und Standesrecht. Zu Recht. Wer KI unkontrolliert einsetzt, produziert im Zweifel mehr Probleme als Lösungen.

Die gute Nachricht: Ein sicherer Einsatz ist möglich, wenn Sie einige Grundsätze beachten.

Mensch bleibt Organ – KI bleibt Werkzeug

Aus standesrechtlicher Sicht ist klar:

  • Die Verantwortung fĂĽr das Ergebnis liegt immer beim Notar / Rechtsanwalt.
  • KI darf zuarbeiten, aber keine eigenständigen rechtsverbindlichen Erklärungen abgeben.
  • Mandantenkommunikation ĂĽber KI-Chatbots muss klar machen, dass es sich nicht um persönliche Rechtsberatung handelt.

Praktisch bedeutet das:

  • Kein Dokument verlässt die Kanzlei ohne menschliche Endkontrolle.
  • Sie definieren genau, wo KI unterstĂĽtzen darf (Checklisten, Vorschläge, Strukturierung) und wo nicht (Abgabe von Empfehlungen ohne PrĂĽfung).

Datenschutz und Berufsgeheimnis

Notare und Rechtsanwälte verarbeiten sensible personenbezogene Daten. Daher braucht es:

  • KI-Lösungen, die on-premise oder in zertifizierten Rechenzentren in der EU laufen
  • klare Verarbeitungsverträge (Auftragsverarbeitung) mit Anbietern
  • technische MaĂźnahmen, damit Trainingsdaten nicht ungefragt an Dritte abflieĂźen

Kurz gesagt: Kein Blindflug mit US-Consumer-Tools, sondern bewusst ausgewählte Legal-Tech-Lösungen für den Berufsstand.


So starten österreichische Kanzleien 2026 pragmatisch mit KI

Wer heute als Notar oder Anwalt beginnt, muss das Rad nicht neu erfinden. Der clevere Weg besteht aus kleinen, klar abgegrenzten Schritten.

Schritt 1: Ein Anwendungsfeld auswählen – nicht zehn

Beispiele, die sich besonders bewährt haben:

  • KI-gestĂĽtzte VertragsprĂĽfung fĂĽr Standardverträge (Miete, Kauf, Gesellschaftsverträge)
  • Dokumentenerstellung fĂĽr wiederkehrende Urkundstypen
  • Fristen- und Aufgabenmanagement im Kanzleibetrieb

Wichtig ist, dass Sie ein Feld wählen,

  • das häufig vorkommt,
  • bei dem die Zeitersparnis spĂĽrbar ist,
  • und das sich fachlich gut abgrenzen lässt.

Schritt 2: Pilotteam bestimmen

Setzen Sie auf ein kleines Kernteam:

  • 1 Partner / Notar, der die Verantwortung trägt
  • 1–2 Berufsanwärter:innen / Kandidat:innen, die täglich damit arbeiten
  • 1 Kanzleimitarbeiter:in aus der Organisation

Dieses Team testet die Lösung, dokumentiert Erfahrungen und schärft die internen Guidelines.

Schritt 3: Governance und Qualitätskontrolle

Bevor Sie richtig starten, legen Sie fest:

  • Welche Dokumente dĂĽrfen durch die KI laufen, welche nicht?
  • Wer gibt die Ergebnisse frei?
  • Wie werden Fehler dokumentiert und die Systeme nachgeschärft?

Ich habe in Kanzleien gesehen, dass schon ein einfacher Maßnahmenkatalog von zwei Seiten ausreicht, um Ordnung in das Thema zu bringen – und damit die Akzeptanz im gesamten Team deutlich steigt.

Schritt 4: Kommunikation gegenĂĽber Mandanten

Viele Mandanten sind positiv ĂĽberrascht, wenn man offen mit dem Thema umgeht:

  • Transparente Erklärung, wo KI unterstĂĽtzt
  • Betonung, dass die Endverantwortung immer beim Notar / Anwalt liegt
  • Hinweis, dass Effizienzgewinne dazu genutzt werden, mehr Zeit fĂĽr individuelle Beratung zu haben

Gerade im Notariat ist Vertrauen die Währung. Offenheit zu digitalen Werkzeugen stärkt dieses Vertrauen eher, als dass es ihm schadet – sofern Sie klar kommunizieren.


Wie Veranstaltungen wie die Legal Tech Konferenz Orientierung geben

Formate wie die Future-Law Legal Tech Konferenz haben für österreichische Kanzleien einen hohen praktischen Wert:

  • Sie sehen konkrete Lösungen, keine PowerPoint-Theorie.
  • Sie erleben, wie Standesvertreter (wie Andreas Tschugguel) das Thema einordnen.
  • Sie können mit Kolleg:innen sprechen, die schon 1–2 Schritte weiter sind.

Für die Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ ist diese Konferenz ein Fixpunkt: Hier zeigt sich, welche Tools sich tatsächlich in Kanzleien durchsetzen, wo die Notariatskammer Linien zieht – und wo sich neue Geschäftschancen auftun.

Wer 2026 strategisch mit KI arbeiten will, sollte solche Veranstaltungen nicht als „Fortbildungspflicht“, sondern als Markt- und Strategie-Radar verstehen.


Fazit: KI wird Teil der Notariats-DNA – die Frage ist nur, wie früh

KI im österreichischen Rechtsmarkt ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern laufende Realität – von der automatisierten Vertragsanalyse bis zur intelligenten Fristenkontrolle. Dass die Österreichische Notariatskammer durch ihren Vizepräsidenten bei der Eröffnungsdiskussion der Legal Tech Konferenz 2025 präsent ist, zeigt: Der Berufsstand gestaltet aktiv mit.

Wer als Notar oder Rechtsanwalt jetzt gezielt ein, zwei Einsatzfelder auswählt, ein kleines Pilotteam aufsetzt und klare Spielregeln definiert, wird in 12–18 Monaten messbare Effekte sehen – mehr Zeit für Beratung, weniger Routinearbeit, stabilere Qualität.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr, ob KI in österreichischen Kanzleien Einzug hält, sondern unter welchen Bedingungen – und ob Sie zu denen gehören, die diese Bedingungen mitgestalten.