Wie Inhouse-Juristen mit KI zum Business-Partner werden

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTechBy 3L3C

Wie Inhouse-Juristen mit KI vom Firefighter zum echten Business-Partner werden – mit konkreten Use Cases, Praxisleitfaden und Fokus auf österreichische Unternehmen.

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Warum Inhouse-Juristen jetzt neu gedacht werden müssen

Die meisten Rechtsabteilungen werden immer noch wie interne „Mini-Kanzleien“ geführt: viel E-Mail, viel Word, viel Excel – und ein ständiger Rechtfertigungsdruck gegenüber Management und Fachbereichen. Gleichzeitig beschleunigt generative KI gerade alles: Vertragsprüfung, Rechtsrecherche, Risikoberichte – was früher Tage dauerte, geht heute in Stunden oder Minuten.

Die spannende These von Sessions wie jener von Fabian Pohl („The Future of In-House Attorneys: AI-Powered Business Partners“) auf der Future-Law Legal Tech Konferenz: Inhouse-Juristen werden in den nächsten Jahren zu datengetriebenen, KI-gestützten Business-Partnern. Wer das ernst nimmt, verändert seine Rolle im Unternehmen – und seine Werkzeuge.

Dieser Beitrag aus der Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ zeigt, wie österreichische Unternehmensjuristen und Kanzleien KI praktisch nutzen können, um:

  • schneller und sicherer zu beraten,
  • bessere Entscheidungen im Management zu unterstützen und
  • ihre eigene Arbeit messbar zu machen.

Von „Rechtsabteilung als Kostenstelle“ zu „Legal als Steuerungszentrale“

KI verändert nicht nur Arbeitsabläufe, sondern auch das Selbstverständnis von Inhouse-Juristen. Wer KI sinnvoll einsetzt, kann dem Vorstand etwas liefern, das bislang praktisch gefehlt hat: harte Zahlen zu Risiko, Effizienz und Business-Impact.

Die klassische Sicht: Kosten, nicht Wert

In vielen Unternehmen wird Legal so wahrgenommen:

  • langsam,
  • blockierend,
  • teuer.

Das liegt selten an den Menschen, sondern an Strukturen:

  • Informationen stecken in E-Mail-Postfächern und Word-Ordnern,
  • Fristen und Risiken sind nicht zentral sichtbar,
  • Entscheidungen sind kaum nachvollziehbar dokumentiert.

Die KI-Sicht: Rechtsabteilung als Datendrehscheibe

Mit LegalTech und KI wird Legal zu etwas ganz anderem: einem Informations-Hub.

Konkrete Beispiele:

  • Verträge werden maschinenlesbar: KI-gestützte Vertragsanalyse erkennt Klauseln, Laufzeiten, Kündigungsfristen, Haftungsobergrenzen.
  • Risikocluster werden sichtbar: Welche Lieferanten machen am meisten Arbeit? Wo häufen sich Streitigkeiten? Welche Klauseln führen regelmäßig zu Eskalationen?
  • Beratungen werden auswertbar: Welche Themen kommen aus welcher Fachabteilung? Wie lange dauern typische Vorgänge? Wie viel „Kosten“ verursacht ein bestimmter Prozess rechtlich?

Dadurch kann die Rechtsabteilung endlich mit denselben Instrumenten sprechen wie Finance oder Sales: mit Dashboards, KPIs und klaren Handlungsempfehlungen.

Kernaufgaben: Wo KI Inhouse-Juristen heute schon entlastet

Der produktivste Einstieg in KI sind nicht Visionen, sondern ganz banale Standardaufgaben. Dort sitzen die größten Zeitfresser – und genau dort rechnet sich LegalTech am schnellsten.

1. Vertragsanalyse und -prüfung

Hier liegt für viele österreichische Rechtsabteilungen der offensichtlichste Hebel.

Mit KI-gestützten Tools können Sie etwa:

  • eingehende Verträge automatisch klassifizieren (NDA, Liefervertrag, Dienstleistungsvertrag, Arbeitsvertrag …),
  • abweichende Klauseln zum eigenen Standard markieren,
  • Risikokategorien zuweisen (z.B. Haftung, IP, Datenschutz, Gerichtsstand),
  • Fallback-Formulierungen vorschlagen.

Ein typisches Szenario: Statt einen 40-seitigen Liefervertrag von vorne bis hinten „durchzublättern“, sehen Sie in 2–3 Minuten die 10 Klauseln, die wirklich kritisch sind – inklusive Vergleich zu Ihrer Policy.

2. Rechtsrecherche und Argumentationsaufbau

Hier zeigt generative KI ihre Stärken – sofern:

  • ein klarer Prompt vorgegeben wird,
  • interne Guidelines eingehalten werden und
  • ein Jurist das Ergebnis prüft und verantwortet.

Praktische Nutzung:

  • Strukturvorschläge für Gutachten und Memo-Gliederungen,
  • Aufbereitung von Vergleichsübersichten (z.B. unterschiedliche Regelungen in mehreren Ländern),
  • Checklisten für neue Rechtsgebiete oder Produkte.

Wichtig ist: KI ist ein Sparringspartner, kein Ersatz für die juristische Bewertung. Wer das verwechselt, produziert Haftungsfallen.

3. Kanzleimanagement & Matter Management

Viele Inhouse-Juristen kämpfen mit einer unübersichtlichen Mischung aus SharePoint, Netzlaufwerken, Outlook-Ordnern und „Version_final_final_3.docx“.

Eine KI-gestützte Legal Operations-Plattform kann:

  • Vorgänge automatisch aktenähnlich strukturieren,
  • Kommunikation, Dokumente und Deadlines zentral zusammenführen,
  • Fristen überwachen und an escalations erinnern,
  • Berichtsfunktionen für Management und Aufsichtsrat bereitstellen.

Der Effekt: weniger Suchen, weniger Doppelarbeit, weniger „Wer hat die aktuelle Version?“ – und deutlich bessere Governance.

Vom Rechtsverwalter zum KI-gestützten Business Partner

Der eigentliche Mehrwert entsteht nicht beim reinen Automatisieren, sondern bei der besseren Beratung. KI verschafft Zeit – die Kunst ist, was man mit dieser Zeit macht.

Drei Rollenbilder im Vergleich

  1. Der „Firefighter“
    Reagiert auf Anfragen, arbeitet die Inbox ab, kämpft ständig mit Deadlines. Hohe Arbeitslast, wenig Sichtbarkeit, wenig Gestaltung.

  2. Der „Legal Manager“
    Hat Prozesse, Vorlagen, ein Ticketsystem. Effizienter, aber immer noch stark operativ.

  3. Der „AI-powered Business Partner“
    Nutzt KI und Daten, um:

    • Risiken vorausschauend zu identifizieren,
    • Optionen szenariobasiert zu bewerten,
    • dem Management klare Handlungsalternativen mit Zahlen zu liefern.

Ich bin überzeugt: Nur das dritte Modell hat in den nächsten fünf Jahren wirklich Zukunft.

Konkrete Business-Mehrwerte, die KI ermöglicht

Mit einer KI-gestützten Legal-Funktion können Sie unter anderem:

  • Deal-Zyklen verkürzen: Standardklauseln sofort prüfen, Verhandlungsschwellen klar definieren, Eskalationen reduzieren.
  • Compliance nachweisbar machen: Dokumentieren, welche Prüfung wann erfolgt ist, welche Risiken erkannt und adressiert wurden.
  • Risikobudgets definieren: Statt „Bauchgefühl“ belastbare Daten über Streitwerte, Vergleichssummen, Prozesswahrscheinlichkeiten.
  • Board-Reporting professionalisieren: Nicht nur Berichte voller Text, sondern Kennzahlen, Heatmaps, Trendanalysen.

Das ist der Punkt, an dem Legal plötzlich nicht mehr nur „Nein-Sager“, sondern Möglichmacher ist: „Wir können das machen – zu diesen Bedingungen, mit diesem Risiko, zu diesen Kosten.“

Praxisleitfaden: In 5 Schritten zur KI-fähigen Rechtsabteilung

Viele österreichische Juristen fragen sich: Wo fange ich an, ohne meine Organisation zu überfordern? Die Antwort ist weniger technisch, als viele glauben.

Schritt 1: Use Cases auswählen – nicht Tools

Starten Sie nicht mit „Welches KI-Tool ist das beste?“, sondern mit:

  • Welche Tätigkeiten kosten uns jede Woche Stunden?
  • Welche davon sind wiederkehrend und regelbasiert?

Typische Einstiegs-Use-Cases:

  • NDAs & Standardverträge,
  • einfache Auskunftsersuchen,
  • wiederkehrende interne FAQs (z.B. Datenschutz, Marketing, HR).

Schritt 2: Datenbasis und Dokumente aufräumen

KI braucht strukturierte, zugängliche Informationen. Bevor Tools eingeführt werden, lohnt sich:

  • einheitliche Ablagestrukturen,
  • Standardklauselbibliotheken, die freigegeben sind,
  • klare Berechtigungskonzepte.

Wer diesen Schritt auslässt, bekommt später „KI-Chaos“ statt Hilfe.

Schritt 3: Governance & Haftung klären

Gerade in Österreich ist das Thema Haftung stark im Fokus. Daher unbedingt definieren:

  • Wofür darf KI genutzt werden – und wofür nicht?
  • Wer prüft KI-Ergebnisse und zeichnet sie ab?
  • Wie werden Prompts und Entscheidungen dokumentiert?

Ich bin ein Fan von einfachen, klar formulierten „KI-Hausregeln“ für die Rechtsabteilung – besser kurz und gelebt als 20 Seiten Policy, die niemand liest.

Schritt 4: Pilotprojekt mit messbarem Ziel

Setzen Sie ein erstes, überschaubares Projekt auf, zum Beispiel:

  • „Zeit für NDA-Prüfung um 40 % reduzieren“ oder
  • „Transparenz über alle laufenden Gerichtsverfahren herstellen“.

Überprüfen Sie nach 3–6 Monaten:

  • Welche Zeitersparnis gab es wirklich?
  • Welche Fehlerquellen sind aufgetaucht?
  • Welche neuen Daten stehen jetzt für Management-Reports zur Verfügung?

Schritt 5: Rollen und Skills weiterentwickeln

Ein „AI-powered Inhouse Attorney“ braucht neben Fachrecht:

  • Datenkompetenz (KPIs verstehen, einfache Auswertungen lesen),
  • Toolkompetenz (wissen, was KI kann – und was nicht),
  • Kommunikation auf Management-Niveau.

Viele österreichische Juristen unterschätzen, wie gut sich diese Fähigkeiten erlernen lassen – oft reicht schon ein gezieltes internes Schulungsprogramm plus praktische Übung.

Was heißt das für Kanzleien in Österreich?

Diese Serie richtet sich zwar primär an österreichische Rechtsanwälte, aber was in Rechtsabteilungen passiert, verändert automatisch die Zusammenarbeit mit Kanzleien.

KI-gestützte Inhouse-Teams werden von Kanzleien erwarten:

  • kompatible Datenstrukturen (z.B. strukturierte Reports statt reiner Schriftsätze),
  • transparente Pricing-Modelle (z.B. Flat Fees für Standardaufgaben, Erfolgshonorare für komplexe Verfahren),
  • technische Anbindung an ihre eigenen LegalTech-Systeme.

Kanzleien, die selbst KI in Vertragsanalyse, Rechtsrecherche und Kanzleimanagement nutzen, können:

  • Angebote schneller kalkulieren,
  • bessere Prognosen zur Prozessführung geben,
  • sich als echte Partner der Legal-Teams positionieren – nicht nur als externe „Feuerwehr“.

Genau darum geht es in der Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“: weg vom reinen Stundensatzdenken, hin zu datenbasierter, skalierbarer Rechtsberatung.

Nächste Schritte: Jetzt den eigenen KI-Fahrplan schreiben

Der Übergang vom klassischen Inhouse-Juristen zum „AI-powered Business Partner“ ist kein einmaliges Projekt, sondern eine Entwicklung über mehrere Jahre. Aber: Die ersten Schritte können Sie in wenigen Wochen gehen.

Wenn Sie heute etwas konkret mitnehmen möchten, dann diese drei Punkte:

  1. Wählen Sie einen klar umrissenen Use Case (z.B. NDA-Management).
  2. Räumen Sie die dazugehörigen Dokumente und Prozesse auf.
  3. Definieren Sie simple KI-Regeln und probieren Sie ein Tool im Pilot aus.

Wer das jetzt angeht, ist 2026 nicht mehr mit Aufholen beschäftigt, sondern kann KI souverän als Wettbewerbsfaktor nutzen – sei es in der Rechtsabteilung oder in der Kanzlei.


Dieser Beitrag ist Teil der Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“, in der wir zeigen, wie künstliche Intelligenz Vertragsanalyse, Rechtsrecherche, Prozessvorhersage und Kanzleimanagement in Österreich konkret verändert.

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