Was die 15-Millionen-Seedrunde von Emmi AI für österreichische Kanzleien bedeutet – und wie Sie mit KI und LegalTech jetzt strategisch aufstellen sollten.
Wenn ein Deep-Tech-Startup 15 Mio. EUR hebt – was das Anwälte angeht
15 Millionen Euro Seed-Finanzierung, die größte Seed-Runde der österreichischen Venture-Capital-Geschichte – mitten im Jahr 2025, mitten in der KI-Welle. Emmi AI aus Linz baut KI-gestützte Simulationsmodelle für Industrie und Technik, DORDA begleitet die Runde rechtlich. Auf den ersten Blick ist das eine klassische Startup-News. Für österreichische Rechtsanwälte steckt darin aber deutlich mehr.
Hier zeigt sich in Reinform, wie KI, Venture Capital und Rechtsberatung inzwischen zusammenhängen – und wie sich die Rolle der Kanzleien verändert. Wer Mandate in diesem Umfeld gewinnen will, braucht nicht nur Gesellschaftsrecht und VC-Standardklauseln, sondern auch ein Verständnis für künstliche Intelligenz, Datennutzung und Regulatorik.
In dieser Folge unserer Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ schauen wir uns an:
- was der Emmi-AI-Deal juristisch und strategisch spannend macht,
- welche speziellen Risiken KI-Startups in Finanzierungsrunden mitbringen,
- wie Kanzleien mit LegalTech und KI eigene Abläufe schärfen können,
- und welche konkreten Schritte Sie 2025 setzen sollten, um in diesem Markt sichtbar zu werden.
Der Fall Emmi AI: Mehr als „nur“ eine Seed-Runde
Die Transaktion ist schnell erzählt: Die Emmi AI GmbH (gegründet 2024 in Linz) entwickelt KI-Modelle, die komplexe Simulationen in Bereichen wie Fluiddynamik, Multiphysik und Festkörpermechanik massiv beschleunigen. In der Industrie bedeutet das: weniger physische Prototypen, schnellere Produktentwicklung, niedrigere Kosten.
DORDA berät Emmi AI bei einer Seed-Finanzierungsrunde über 15 Mio. EUR. An Bord sind namhafte Fonds wie 3VC, Speedinvest, Serena und PUSH. Für Österreich ist das die bisher größte Seed-Runde – ein klares Signal an den Markt: Deep Tech und KI sind kein Nischenphänomen mehr, sondern Investment-Mainstream.
Warum ist das für Rechtsanwälte relevant, die nicht im Venture-Capital-Kernsegment arbeiten? Weil sich in solchen Deals in konzentrierter Form zeigt, welche rechtlichen Fragen rund um KI in den nächsten Jahren verstärkt in Kanzleien einlaufen werden – auch im klassischen Mittelstand, bei Industrieunternehmen und der öffentlichen Hand.
Welche Rechtsfragen KI-Startups in Finanzierungsrunden mitbringen
Bei einem normalen Tech-Startup liegen die Schwerpunkte in VC-Finanzierungen meist bei Bewertung, Verwässerung, Vesting, Liquidation Preferences, Mitverkaufsrechten usw. Bei einem KI-Startup wie Emmi AI kommen mehrere zusätzliche Ebenen dazu.
1. Datenquellen und Trainingsdaten
Der zentrale Vermögenswert einer KI-Firma sind nicht nur Code und Modelle, sondern die Daten, mit denen diese Modelle trainiert werden. Für Kanzleien stellen sich u.a. Fragen wie:
- Sind Trainingsdaten rechtlich sauber lizensiert oder selbst generiert?
- Gibt es urheberrechtliche Risiken bei der Nutzung von Drittinhalten?
- Wie ist das Verhältnis zu Open-Source-Daten und -Modellen gestaltet?
- Werden personenbezogene Daten verwendet und ist das DSGVO-konform (Rechtsgrundlage, Zweckbindung, Speicherfristen, Löschung, Pseudonymisierung)?
Investoren erwarten hier klare Antworten und gut dokumentierte Prozesse. Wer due-diligence-feste Strukturen nachweisen kann, verhandelt entspannter – wer nur „wir verwenden öffentliche Daten“ sagen kann, verliert Vertrauen.
2. IP-Strategie und Schutz der KI-Modelle
Bei Deep-Tech-Startups entscheidet die Qualität der IP-Strategie oft über die Bewertung:
- Sind Algorithmen, Modelle und Software sauber in der Gesellschaft gebündelt oder noch in der Sphäre der Gründer:innen (Stichwort IP-Assignment)?
- Gibt es Patente, Gebrauchsmuster oder Know-how-Schutzkonzepte?
- Wie werden Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse organisiert (Zugriffsrechte, NDA-Policy, On-/Offboarding-Prozesse)?
Gerade in Österreich wird der Know-how-Schutz oft unterschätzt. Wer KI-Modelle trainiert, erzeugt laufend neue Versionen. Ohne klare Dokumentation, wem was gehört und welche Personen worauf zugreifen, entstehen im Streitfall enorme Beweisprobleme.
3. Haftung, Bias und Erklärbarkeit
Je mehr KI-Systeme in sicherheitsrelevanten Bereichen eingesetzt werden (z. B. Simulationen für Bauteile, Anlagen, Fluggeräte), desto stärker rücken Haftungsfragen in den Vordergrund:
- Wer haftet, wenn ein durch KI unterstĂĽtztes Simulationsmodell fehlerhaft ist?
- Wie werden Gewährleistungsausschlüsse und Haftungsbegrenzungen in AGB und Projektverträgen gestaltet?
- Gibt es Dokumentation zur Erklärbarkeit der Modelle, um im Streitfall nachvollziehen zu können, wie ein Ergebnis zustande kam?
Mit dem europäischen AI Act entstehen zusätzlich Pflichten zu Risikobewertung, technischem Monitoring und Dokumentation – Themen, die in Finanzierungsverhandlungen inzwischen aktiv abgefragt werden.
Was Kanzleien von DORDAs Start-up-Ansatz lernen können
Das Zitat von Emmi-AI-CEO Dennis Just ist bemerkenswert ehrlich: gelobt wird nicht nur die Fachkompetenz, sondern Pragmatismus, Reaktionsschnelligkeit und GrĂĽnderfokus. Genau daran scheitern viele Kanzleien im KI- und Startup-Umfeld.
Hier ein paar Punkte, die sich gerade kleinere und mittelgroße Kanzleien abschauen können:
GrĂĽnderfokus statt Paragraphen-Schlacht
Venture- und KI-Mandate wollen keine 60-seitigen Gutachten, sondern klare, priorisierte Handlungsempfehlungen:
- „Diese Klausel ist marktüblich, diese nicht – hier sollten Sie hart bleiben.“
- „Das IP-Thema müssen wir vor der nächsten Runde bereinigen, der Rest ist aktuell tolerierbar.“
Wer LegalTech und KI-gestĂĽtzte Vertragsanalyse nutzt, kann Standardthemen schneller prĂĽfen und hat mehr Zeit fĂĽr genau diese Einordnung.
Interdisziplinäre Teams sind kein Luxus mehr
Emmi AI ist Deep Tech. Hier braucht es Menschen, die wenigstens grob verstehen, was ein Simulationsmodell tut, wie Datenflüsse aussehen und welche technischen Schnittstellen existieren. Reine „Papieranwälte“ tun sich damit schwer.
Kanzleien, die im KI-Bereich wachsen wollen, sollten daher gezielt:
- Associates mit technischem Hintergrund (Informatik, Data Science, Ingenieurwissenschaften) rekrutieren,
- Kooperationen mit Fachleuten aus Technik, IT-Sicherheit und Datenschutz aufbauen,
- interne KI-Kompetenzcluster schaffen, statt jede Anfrage ad hoc zu verteilen.
Investor-Mindset verstehen
DORDAs Vorteil ist offensichtlich: Die Kanzlei kennt nicht nur die Startup-Perspektive, sondern berät seit Jahrzehnten auch Investoren. Wer beide Seiten versteht, kann Strukturen empfehlen, die abschlussfähig sind – statt in theoretischen Wunschlösungen der Gründer steckenzubleiben.
Für Ihre Kanzlei heißt das: Beschäftigen Sie sich aktiv mit Term-Sheets, VC-Marktstandards und Bewertungslogiken, auch wenn Sie vorderhand „nur“ Gründerseite oder nur Investoren beraten. Der KI-Markt ist klein genug, dass sich Reputation schnell rumspricht.
KI als Werkzeug fĂĽr Kanzleien: Vom Mandat lernen, im Alltag anwenden
Der Emmi-AI-Case zeigt, dass KI längst große Geldströme bewegt. Für Kanzleien stellt sich die Gegenfrage: Nutzen Sie KI bereits in der eigenen Arbeit? Wer LegalTech intern ernst nimmt, kann genau die Effizienz liefern, die Mandanten in dynamischen Umfeldern erwarten.
Typische Einsatzfelder in österreichischen Kanzleien 2025
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Vertragsanalyse und -prĂĽfung
KI-Tools erkennen wiederkehrende Klauseln, Risiken, Change-of-Control-Regelungen, Haftungsobergrenzen und markieren Abweichungen von internen Standards. Gerade in Due-Diligence-Projekten mit hunderten Dokumenten spart das Stunden – und senkt das Fehlerrisiko. -
Rechtsrecherche und Judikatur-Analyse
Moderne Systeme verstehen natürliche Sprache („Suche OGH-Judikatur zu Haftung bei KI-gestützten Systemen im Anlagenbau“) und liefern strukturierte Treffer. Die Kunst liegt dann darin, die Ergebnisse juristisch einzuordnen – also genau da, wo menschliche Expertise glänzt. -
Kanzleimanagement und Wissensmanagement
KI kann Precedents strukturieren, Knowledge-Datenbanken pflegen, Fristenlisten priorisieren, wiederkehrende Schriftsatz-Bausteine vorschlagen und sogar Vorschläge für Mandantenkommunikationen generieren. -
RisikofrĂĽherkennung bei Mandanten
Für größere Kanzleien interessant: Analyse von Vertragsbeständen oder Policies eines Unternehmens, um Muster zu erkennen (z. B. fehlender DSGVO-Verweis, veraltete Haftungsregeln, Lücken beim Geheimnisschutz).
Warum jetzt handeln – gerade im Dezember 2025
Der Dezember ist in vielen Kanzleien ruhiger. Ideal, um 2026 strategisch vorzubereiten:
- KI-Tools testen: 2–3 Lösungen auswählen, Pilotprojekte in einem kleinen Team fahren, klare Messgrößen festlegen (Zeitersparnis, Fehlerquote, Zufriedenheit der Anwälte).
- Mandantenkommunikation schärfen: Newsletter, Webinare oder Mandantenveranstaltungen zu Themen wie „AI Act & DSGVO in der Praxis“, „KI-Klauseln in Lieferverträgen“ oder „Schutz von Geschäftsgeheimnissen im KI-Zeitalter“ planen.
- Standarddokumente überarbeiten: NDAs, Entwicklungs- und Lizenzverträge, AGB für SaaS- und KI-Produkte auf AI-Act- und Datenschutz-Konformität prüfen.
Wer das jetzt aufsetzt, startet im Jänner nicht bei null, sondern kann den Rückenwind der KI-Debatte aktiv nutzen – und genau jene Mandanten anziehen, die Projekte wie Emmi AI hervorbringen.
Konkrete Schritte für österreichische Anwälte, die KI-Mandate wollen
Damit aus der Inspiration ein Plan wird, hier eine Checkliste, die ich Kanzleien für die nächsten 6–12 Monate empfehlen würde:
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KI-Kernteam definieren
Mindestens 3–5 Personen, die sich regelmäßig zu KI-Recht, AI Act, DSGVO-Themen bei KI, IP-Strategien und LegalTech austauschen. -
KI-Kompetenz sichtbar machen
Eigene Themenseite zu „KI & Recht“ auf der Kanzlei-Website, Fachbeiträge, Vorträge, Teilnahme an Branchenevents. Sichtbarkeit entscheidet, wer bei Deals wie Emmi AI überhaupt angefragt wird. -
AI-Act-Ready-Vertragsbausteine entwickeln
Standardklauseln zu Risikomanagement, Monitoring, Audit-Rechten, Datenzugriff, Modellupdates und Erklärbarkeit vorbereiten – für Lieferanten- und Kundenseite. -
LegalTech-Baukasten intern etablieren
Statt „ein großes Tool“ einzuführen, lieber einen kleinen Baukasten aufbauen:- ein Tool für Dokumentanalyse,
- eines fĂĽr Recherche,
- eines fĂĽr Kanzleimanagement/Automation.
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Mandanten proaktiv ansprechen
Viele Industrieunternehmen, Banken und öffentliche Auftraggeber wissen, dass KI sie betrifft, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Wer hier mit klaren, strukturierten Angeboten auftritt (z. B. „KI-Quick-Check in 3 Workshops“), wird langfristig zum Partner bei größeren Projekten und Finanzierungsrunden.
Warum Deals wie Emmi AI erst der Anfang sind
Der Emmi-AI-Case ist ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren im deutschsprachigen Raum häufiger passieren wird: große Finanzierungsrunden für KI- und Deep-Tech-Unternehmen, komplexe Daten- und Haftungsfragen, neue Regulatorik. Kanzleien, die hier frühzeitig Kompetenz aufbauen, sichern sich ein Feld, das in Österreich noch erstaunlich offen ist.
Die gute Nachricht: Die technischen und rechtlichen Herausforderungen sind anspruchsvoll, aber beherrschbar. Entscheidend ist, dass Sie sich nicht auf „wir machen auch IT-Recht“ beschränken, sondern ein klares Profil im Bereich „KI & Recht“ entwickeln – und intern die passenden LegalTech-Werkzeuge nutzen, um die Geschwindigkeit und Pragmatismus zu liefern, die Gründer, Investoren und Unternehmen 2025 erwarten.
Wer heute beginnt, sein Kanzleimodell an KI anzupassen, wird bei der nächsten rekordverdächtigen Seed-Runde nicht mehr nur in den News lesen – sondern im Cap Table und im Datenraum vertreten sein.