Digitalisierung im Rechtsstaat: Chance für Kanzleien

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTechBy 3L3C

Digitalisierung im Rechtsstaat verändert die Kanzleiarbeit grundlegend. Wie Forschung, KI und Legal Tech österreichischen Rechtsanwält:innen heute konkrete Vorteile bringen.

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Digitalisierung im Rechtsstaat: Was das für Ihre Kanzlei bedeutet

Österreichische Gerichte verschicken seit Jahren elektronisch, der ERV ist Standard – und trotzdem arbeiten viele Kanzleien 2025 noch mit Word-Vorlagen, Copy-Paste und händischer Fristenkontrolle. Der Widerspruch ist offensichtlich: Der Rechtsstaat digitalisiert sich, aber ein großer Teil der juristischen Arbeit bleibt analog organisiert.

Genau an dieser Schnittstelle setzt das WU Legal Tech Center an. Und hier liegt auch die größte Chance für österreichische Rechtsanwält:innen: Wer versteht, wie sich Digitalisierung im Rechtsstaat entwickelt, kann Kanzleiarbeit mit KI, Legal Tech und Automatisierung neu aufstellen – rechtssicher und wirtschaftlich sinnvoll.

In diesem Beitrag ordne ich den Ansatz des WU Legal Tech Centers ein, zeige, warum „Automating the Rule of Law“ für jede Kanzlei relevant ist, und wie Sie ganz konkret von Forschung, Kooperationen und Ausbildung rund um Legal Tech profitieren können.


1. WU Legal Tech Center: Think Tank für den digitalen Rechtsstaat

Das WU Legal Tech Center ist mehr als ein weiteres Uni-Institut. Es ist ein Knotenpunkt zwischen Rechtswissenschaft, IT und Praxis – und zwar mit klarem Fokus auf den öffentlichen Bereich und den demokratischen Rechtsstaat.

Unter der Leitung von Mag. Sophie Martinetz und Assoz. Prof. Dr. Claudia Wutscher, BA beschäftigt sich das Center seit 2021 mit Fragen wie:

  • Wie verändern KI und Legal Tech die Rechtsanwendung durch Verwaltung und Gerichte?
  • Was bedeutet Digitalisierung für Grundrechte, Transparenz und Rechtsschutz?
  • Wie sieht eine zukunftsfähige Arbeitswelt für Jurist:innen aus – in Kanzleien, Behörden und Unternehmen?

Für Kanzleien ist das relevant, weil sich hier frühzeitig ablesen lässt, wohin sich der Rechtsstaat bewegt:

  • Welche digitalen Standards kommen in Verfahren auf Sie zu?
  • Welche Anforderungen wird die Justiz an elektronische Eingaben und automatisierte Systeme stellen?
  • Wo entstehen Haftungsrisiken durch KI-gestützte Arbeit – und wo entstehen neue Geschäftsmodelle?

Wer heute Legal Tech in der Kanzlei einführt, ohne den öffentlichen-rechtlichen Rahmen zu kennen, baut auf Sand.

Das WU Legal Tech Center liefert genau diesen Rahmen – wissenschaftlich fundiert, aber eng an der Praxis.


2. „Automating the Rule of Law“ – was steckt dahinter?

Der zentrale Forschungsschwerpunkt des Centers trägt den Titel „Automating the Rule of Law“. Gemeint ist die Frage, wie weit Automatisierung im Rechtsstaat gehen darf – und gehen sollte.

Konkret geht es um drei Ebenen, die auch für österreichische Rechtsanwält:innen entscheidend sind:

2.1 Zugang zum Recht und Legal Tech

Legal Tech wird oft mit Effizienz gleichgesetzt. Das greift zu kurz. Für den Rechtsstaat geht es um etwas anderes:

  • Verbessert KI den Zugang zum Recht? Etwa durch automatisierte Erstbewertungen, Chatbots, Formularhilfen.
  • Oder baut sie neue Hürden auf? Zum Beispiel, wenn Bürger:innen ohne digitale Kompetenz ausgeschlossen werden.

Für Kanzleien bedeutet das:

  • KI-gestützte Tools können Mandant:innen früher abholen, standardisierte Fragen automatisieren und mehr Zeit für den eigentlichen Rechtsrat schaffen.
  • Gleichzeitig braucht es klare Haftungs- und Aufklärungsregeln: Was darf der Bot, was darf nur der Mensch?

2.2 Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte

Automatisierung in Verwaltung und Justiz wirft klassische rechtsstaatliche Fragen auf:

  • Wer trägt Verantwortung für ein algorithmisch generiertes Ergebnis?
  • Wie bleiben Begründungspflichten und Überprüfbarkeit gewahrt, wenn KI im Hintergrund arbeitet?
  • Wie schützen wir Grundrechte, wenn Entscheidungsprozesse teilweise oder vollständig automatisiert sind?

Für die anwaltliche Praxis heißt das:

  • Sie werden künftig Entscheidungen anfechten, die durch oder mit Hilfe von Algorithmen getroffen wurden.
  • Sie brauchen Argumente und Strategien, um KI-gestützte Verwaltungstätigkeit an Grundrechten zu messen.

2.3 Digitalisierungsrahmen für Verwaltung und Justiz

Der dritte Block betrifft den Rechtsrahmen für die Digitalisierung selbst: eGovernment, elektronische Aktenführung, AI Act, Datenschutz, Verfahrensrecht. Hier schließt sich der Kreis zur täglichen Kanzleipraxis:

  • Wie digital werden Verfahrensabläufe künftig organisiert sein?
  • Welche Schnittstellen muss Ihre Kanzleisoftware zu Gerichten und Behörden unterstützen?
  • Welche neuen Compliance-Pflichten ergeben sich beim Einsatz von KI im Kanzleialltag?

Die Forschung des WU Legal Tech Centers wird über Konferenzen, Vorträge und Fachpublikationen verbreitet – und wirkt so indirekt auf Gesetzgebung, Judikatur und Verwaltungspraxis, mit denen Sie täglich arbeiten.


3. Veranstaltungen: Wo sich Forschung und Praxis treffen

Wer verstehen will, wohin sich Legal Tech in Österreich entwickelt, sollte sich die Veranstaltungsformate des WU Legal Tech Centers genauer ansehen.

3.1 Spring Symposium: Digitale Nachhaltigkeit

Im Mai 2025 fand das dritte Spring Symposium zum Thema „Digitale Nachhaltigkeit – nachhaltige Digitalisierung“ statt. Der Begriff ist bewusst doppeldeutig:

  • ökologisch: Welche Umweltfolgen haben Rechenzentren, KI-Modelle, Dauerverfügbarkeit von Daten?
  • rechtlich und organisatorisch: Wie schafft man dauerhaft tragfähige digitale Strukturen, die nicht nach drei Jahren wieder ausgetauscht werden müssen?

Für Kanzleien wird das zunehmend ein Unternehmens- und Positionierungsthema:

  • Nutzung von Cloud-Services im Einklang mit DSGVO und Berufsrecht
  • E-Akten und digitale Workflows, die nicht vom guten Willen eines einzelnen IT-Dienstleisters abhängen
  • nachhaltige Auswahl von KI-Tools, die sich in den österreichischen Rechtsrahmen einfügen

3.2 Tech Law Tidbits: Brown Bag für Digitalwirtschaftsrecht

Seit Anfang 2025 organisiert das Center die „Tech Law Tidbits: WU LTC Brown Bag Series“ – kurze, fokussierte Austauschformate im informellen Rahmen.

Themen drehen sich um Digitalwirtschaftsrecht, also genau die Schnittstellen, die für Kanzleien mit wirtschaftsrechtlichem Fokus immer wichtiger werden:

  • Plattformregulierung
  • Daten- und KI‑Regulierung
  • Haftung für automatisierte Systeme

Wer sich hier einbringt, kann frühe Einblicke in Rechtsentwicklungen gewinnen, die später zu Mandatsanlässen werden.

3.3 European Scientific Legal Tech Summit 2026: genAI im Fokus

Am 26. und 27.03.2026 findet am WU Campus der zweite European Scientific Legal Tech Summit statt – unter dem Titel „genAI in legal practice – a fundamental rights perspective“.

Das ist für österreichische Rechtsanwält:innen direkt anschlussfähig:

  • Generative KI (genAI) – also Systeme wie große Sprachmodelle – zieht bereits in Vertragsanalyse, Schriftsatzentwürfe und Rechtsrecherche ein.
  • Die grundrechtliche Perspektive ist entscheidend, wenn KI bei Entscheidungen im Sozialrecht, Asylrecht oder Verwaltungsstrafrecht mitwirkt.

Wer früh versteht, wo hier die roten Linien liegen, kann Mandant:innen kompetent beraten – und eigene Kanzlei-KI-Strukturen rechtssicher gestalten.


4. Kooperationen: Wie Forschung direkt in Tools einfließt

Ein spannender Punkt: Das WU Legal Tech Center forscht nicht im Elfenbeinturm, sondern arbeitet aktiv mit Anbietern von Legal-Tech-Lösungen zusammen.

Ein Beispiel ist die Unterstützung von LexisNexis bei der Einführung von Lexis+ AI in Österreich. Das Center koordiniert ein Team von Fachexpert:innen, die:

  • das Training der KI begleiten,
  • die Output-Qualität kontrollieren,
  • und die Einführung wissenschaftlich reflektieren.

Für Kanzleien hat das zwei Konsequenzen:

  1. Bessere Werkzeuge
    KI-gestützte Recherche- und Analyse‑Tools, die mit österreichischer Rechtslage und -sprache vertraut sind, sind ein echter Produktivitätstreiber:

    • schnellere Rechtsrecherche,
    • bessere Vertragsanalyse,
    • konsistentere Erstentwürfe von Schriftsätzen.
  2. Verlässlicherer Rechtsrahmen
    Wenn Forschungseinrichtungen an der Entwicklung beteiligt sind, steigt die Chance, dass:

    • Berufsrecht, Datenschutz und Haftung mitgedacht werden,
    • Qualitäts- und Transparenzstandards entstehen, an denen Sie sich orientieren können.

Meine Erfahrung: Kanzleien, die solche wissenschaftlich begleiteten Tools einsetzen, kommen schneller zu einem praxisreifen KI-Setup, als jene, die auf generische, international ausgerichtete Lösungen setzen.


5. School of Legal Tech: Nachwuchs, der KI wirklich versteht

Die School of Legal Tech an der WU zeigt sehr klar, wohin die Reise im Berufsbild Jurist:in geht. Hier werden Masterstudierende des Wirtschaftsrechts interdisziplinär ausgebildet – gemeinsam mit:

  • IT-Expert:innen
  • Rechtsanwält:innen
  • Legal-Tech-Gründer:innen
  • Praktiker:innen aus Unternehmen und Verwaltung

5.1 Legal Tech Certificate Program

Im „Legal Tech Certificate Program“ arbeiten Studierende an den Grundfragen von Legal Tech und lernen praxisnah:

  • Artificial Intelligence (KI) in der juristischen Arbeit
  • Process Automation in Kanzleien und Rechtsabteilungen
  • LLMs (Large Language Models) und ihre Grenzen
  • Blockchain und Smart Contracts
  • No‑Code‑Ansätze für schnelle Prozessdigitalisierung

Das ist für Kanzleien auch ein Recruiting-Thema. Wer Absolvent:innen aus diesem Umfeld einstellt, holt sich automatisch Digital-Know-how in die Kanzlei, das man anders nur mit hohem Beratungsaufwand aufbauen könnte.

5.2 Fachseminare und Spezialisierungen

Zusätzlich werden das Fachseminar „Legal Tech“ und ab dem kommenden Sommersemester die Spezialisierung „Verwaltung(srecht) und Digitalisierung“ angeboten.

Gerade diese Spezialisierung ist für öffentlich-rechtlich ausgerichtete Kanzleien interessant:

  • Digitalisierung von Verwaltungsverfahren
  • elektronische Aktenführung und automationsunterstützte Bescheide
  • Verknüpfung von Verwaltungsrecht, Verfassungsrecht und KI

Kurz gesagt: Hier entsteht ein neuer Juristentyp, der Technik, Verfahren und Grundrechte gleichzeitig denken kann. Kanzleien, die diesen Wandel ernst nehmen, werden künftig gefragte Ansprechpartner für komplexe Digitalisierungsmandate sein.


6. Was heißt das konkret für österreichische Rechtsanwält:innen?

Wer die Entwicklungen am WU Legal Tech Center verfolgt, kann klare strategische Entscheidungen für die eigene Kanzlei treffen. Drei Punkte halte ich für besonders wichtig:

6.1 KI als Werkzeug, nicht als Gefahr verstehen

Die Diskussion um KI in der Anwaltschaft ist oft von Sorge geprägt. Das ist verständlich, aber nicht hilfreich. Die Realität:

  • KI eignet sich hervorragend für Routineaufgaben (Recherche, Musterdokumente, Strukturierung von Informationen).
  • Der anwaltliche Mehrwert verschiebt sich Richtung Strategie, Taktik, Verhandlung, Empathie und Verantwortung.

Wer auf Basis solcher Forschungsschwerpunkte wie „Automating the Rule of Law“ arbeitet, kann KI gezielt einsetzen, ohne den rechtsstaatlichen Rahmen zu gefährden.

6.2 Rechtsstaatliche Kompetenz als USP

Mandant:innen, insbesondere Unternehmen und öffentliche Stellen, suchen zunehmend Kanzleien, die nicht nur das materielle Recht beherrschen, sondern auch:

  • Digitalisierungsprojekte rechtlich begleiten können,
  • KI‑Einsatz rechtssicher gestalten,
  • Grundrechts- und Verfahrensfragen an der Schnittstelle zu automatisierten Systemen verstehen.

Genau hier liegt ein Profilierungspotenzial: Wer sich mit den Themen des WU Legal Tech Centers auseinandersetzt, kann diese Kompetenz sichtbar als USP verwenden.

6.3 Frühzeitig in Know-how und Netzwerke investieren

Die Veranstaltungen, Kooperationsprojekte und Ausbildungsprogramme rund um das WU Legal Tech Center bieten einen einfachen Einstieg:

  • Teilnahme an Fachtagungen und Brown Bags
  • Kooperation mit Studierenden oder Absolvent:innen der School of Legal Tech
  • Test und Evaluation von KI‑gestützten Tools, die aus solchen Kooperationen hervorgehen

Wer heute klein beginnt – etwa mit einem Pilotprojekt zur KI‑gestützten Vertragsanalyse oder einer internen Fortbildung zu genAI im Verfahrensrecht –, wird in zwei bis drei Jahren einen deutlichen Vorsprung gegenüber rein traditionell arbeitenden Kanzleien haben.


Fazit: Digitalisierung im Rechtsstaat aktiv mitgestalten

Die Forschung des WU Legal Tech Centers zeigt klar: Digitalisierung im Rechtsstaat ist kein abstraktes Zukunftsthema, sondern ein sehr konkreter Rahmen für Ihre tägliche Arbeit – von der Rechtsrecherche über die Kommunikation mit Behörden bis hin zur Beratung zu KI‑Projekten.

Wer als österreichische Kanzlei künstliche Intelligenz, Legal Tech und rechtsstaatliche Anforderungen zusammendenkt, wird nicht verdrängt, sondern gestärkt: effizienter, attraktiver für Mandant:innen und interessanter für den juristischen Nachwuchs.

Die Frage ist daher weniger, ob Sie KI und Legal Tech nutzen, sondern wie bewusst und wie rechtsstaatlich fundiert Sie das tun. Genau hier lohnt sich der Blick auf Initiativen wie das WU Legal Tech Center – und der nächste Schritt in Ihrer eigenen Kanzlei.

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