Der Digital Gap trennt österreichische Kanzleien in Macher und Abwartende. Wie KI Vertragsanalyse, Recherche & Kanzleialltag konkret verändert – und wie Sie starten.
Der digitale Graben in Österreichs Rechtsbranche
Zwischen 2020 und 2024 hat sich der Einsatz von Legal Tech in Österreich laut Branchenumfragen grob verdoppelt – aber fast ein Drittel der Kanzleien arbeitet noch immer weitgehend so wie vor zehn Jahren. Genau diesen Graben zwischen „denen, die machen“ und „denen, die nichts tun“ adressiert Vladan Katanic, Bereichsleiter Digitalisierung der Österreichischen Notariatskammer, in seinem Vortrag auf der Future-Law Legal Tech Konferenz.
Für österreichische Rechtsanwält:innen und Notar:innen ist dieser Digital Gap längst mehr als ein Modebegriff. Er entscheidet darüber, ob Mandant:innen bleiben oder zur besser organisierten Konkurrenz wechseln, ob Fachkräfte gehalten werden – und wie attraktiv die eigene Kanzlei in den nächsten fünf Jahren überhaupt noch ist.
In diesem Beitrag aus der Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ geht es darum,
- wie der Digital Gap in Österreich konkret aussieht,
- welche Rolle KI dabei spielt,
- was wir aus der Digitalisierungsstrategie der Notariate lernen können und
- wie Kanzleien in 90 Tagen realistisch von „wir sollten mal“ zu „wir nutzen KI produktiv“ kommen.
Wo steht Österreich wirklich beim Digital Gap?
Der Digitalisierungsgrad in der österreichischen Rechtsbranche ist extrem ungleich verteilt. Es gibt hochdigitalisierte Kanzleien mit DMS, E-Akten, KI-gestützter Vertragsanalyse – und es gibt Einheiten, in denen Word-Vorlagen, Papierakte und handgeschriebene Laufzettel den Alltag prägen.
Typische Merkmale der „Digital Leader“ in der Rechtsbranche:
- Zentrale elektronische Akte, revisionssicher archiviert
- Strukturierte Workflows für Fristen, Signaturen, Freigaben
- Einsatz von KI-Tools für Vertragsanalyse und Rechtsrecherche
- Klare Zuständigkeiten: jemand verantwortet aktiv „Digitalisierung & Legal Tech“
Typische Merkmale der „Digital Nachzügler“:
- Geteilte Laufwerke statt DMS, doppelte Ablagen
- Unklare Versionen von Schriftsätzen („final_final_3.docx“)
- Hoher manueller Aufwand bei einfachen Routineaufgaben
- Keine oder kaum Nutzung von KI – außer vielleicht privat in Chatbots
Der spannende Punkt: Die technologische Kluft ist nicht primär eine Geldfrage, sondern eine Haltungsfrage. Katanic steht stellvertretend für eine Gruppe von Personen im Rechtsbereich, die sagt: „Wir gestalten das aktiv, sonst wird es für uns gestaltet.“
Was die Notariate vormachen: Struktur statt Aktionismus
Die österreichischen Notariate sind traditionell stark reguliert und konservativ – und trotzdem bei manchen Digitalthemen überraschend weit. Das liegt unter anderem daran, dass es klare Zuständigkeiten und zentrale Initiativen gibt. Genau hier setzt die Arbeit einer Bereichsleitung Digitalisierung wie bei Vladan Katanic an.
Drei Dinge, die Kanzleien von der Notariatsorganisation lernen können
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Digitalisierung ist keine Nebenaufgabe
Wenn Digitalprojekte „nebenbei“ zur Mandatsarbeit laufen, scheitern sie fast immer. Erfolgreiche Organisationen haben:- eine verantwortliche Person (Partner:in oder Kanzleimanager:in),
- ein klares Budget und
- definierte Ziele pro Quartal.
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Standardisierung vor Technologie
Bevor KI-Vertragsanalyse oder automatisierte Dokumentengenerierung sinnvoll funktionieren, müssen Standards her:- einheitliche Klauselbibliotheken,
- definierte Musterverträge pro Rechtsgebiet,
- klare Benennungsregeln und Ablagestrukturen.
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Sicherheits- und Datenschutzkonzept von Beginn an
Notariate sind es gewohnt, streng mit Vertraulichkeit umzugehen. Den gleichen Anspruch brauchen auch Kanzleien, wenn sie KI-Tools nutzen:- interne KI-Instanzen oder geprüfte Anbieter,
- klare Richtlinien, welche Daten verarbeitet werden dürfen,
- Schulung der Mitarbeitenden zu Risiken und „No-Gos“.
Wer diese drei Punkte ernst nimmt, schließt einen Großteil des Digital Gaps allein durch Organisation und Governance, nicht durch spektakuläre Tools.
KI in österreichischen Kanzleien: Vier konkrete Einsatzfelder
Der Unterschied zwischen „wir haben mal ein KI-Tool getestet“ und „wir nutzen KI strategisch“ zeigt sich an ganz konkreten Anwendungsfällen. Für österreichische Rechtsanwält:innen und Notar:innen sind derzeit vor allem vier Bereiche relevant.
1. Vertragsanalyse: Von Nächten mit Textmarker zu Minuten mit KI
KI kann Verträge in Sekundenschnelle strukturieren, Risiken markieren und Abweichungen von gewünschten Standards anzeigen.
Praktische Beispiele:
- Miet- oder Bestandverträge automatisch auf Kündigungsfristen, Indexierung, Wertsicherung prüfen
- M&A-Verträge gegen eine eigenes definierten „Standard-SPA“ vergleichen
- Automatische Zusammenfassungen („Contract Summary“) für Mandant:innen erstellen
Nutzen:
- weniger Übertragungsfehler,
- schnellere Bearbeitung,
- bessere Dokumentation, warum welche Klausel problematisch ist.
2. Rechtsrecherche: KI als intelligenter Erstfilter
KI ersetzt keine juristische Expertise, aber sie reduziert massiv den Suchaufwand. Statt 30 Entscheidungen durchzulesen, bekommt man einen strukturierten Überblick und prüft dann gezielt die relevanten Stellen.
Sinnvoll ist:
- KI als ersten Rechercheansatz zu nutzen,
- Ergebnisse mit klassischen Datenbanken zu verifizieren,
- die eigene Argumentationsstruktur von der KI „challengen“ zu lassen (Gegenargumente, alternative Herleitungen).
3. Prozessvorhersage und Risikoeinschätzung
Noch am Anfang in Österreich, aber strategisch spannend: Modelle, die aus früheren Verfahren Muster ableiten und so eine Wahrscheinlichkeitsaussage treffen können – etwa:
- Wie oft haben Gerichte in ähnlichen Konstellationen so oder anders entschieden?
- Wie hoch ist das Vergleichsrisiko, wenn bestimmte Faktoren vorliegen?
Für Mandant:innen bedeutet das: besser informierte Entscheidungen, ob sie Klage führen, Vergleich anstreben oder einen anderen Weg wählen.
4. KI-gestütztes Kanzleimanagement
Viele Kanzleien fokussieren sich auf die „juristischen“ KI-Funktionen und vergessen das enorme Potenzial im Backoffice:
- automatische Zeiterfassungsvorschläge auf Basis von E-Mails und Dokumenten
- Priorisierung von Aufgaben nach Fristen, Streitwert, Risiko
- Auswertung von Kanzlei-KPIs (Deckungsbeitrag pro Mandat, Auslastung, Durchlaufzeiten)
Der Effekt: bessere Steuerung, weniger Zeitverlust und ein klarer Blick darauf, welche Mandate wirtschaftlich sinnvoll sind.
Warum manche Kanzleien trotz erkennbarem Druck nichts tun
Die spannendste Frage im Digital Gap ist nicht: Was ist technisch möglich? Die spannendes Frage ist: Warum passiert in vielen Kanzleien trotzdem fast nichts?
Aus Gesprächen mit österreichischen Kanzleien tauchen immer wieder dieselben Gründe auf:
- Angst vor Kontrollverlust: „Wenn die KI Verträge liest, was bleibt dann für uns?“
- Überforderung: Hunderte Tools, widersprüchliche Versprechen, keine Zeit für saubere Evaluierung.
- Fehlende Vorbilder: Man spricht ungern offen darüber, was in der eigenen Kanzlei gut oder schlecht funktioniert.
- Falsche Erwartung: Man wartet auf das „eine Tool“, das alles löst, statt strukturiert kleine Schritte zu gehen.
Hier sind Veranstaltungen wie die Future-Law Legal Tech Konferenz so wertvoll. Man sieht, wie andere – etwa die Notariate unter Führung von Personen wie Katanic – vorgehen, welche Fehler sie gemacht haben und welche Schritte wirklich wirken.
90-Tage-Plan: Vom Zusehen ins Tun kommen
Der Weg aus dem Digital Gap muss nicht perfekt sein, aber er muss konsequent sein. Ein realistischer 90-Tage-Plan für eine österreichische Kanzlei könnte so aussehen:
Phase 1 (Tage 1–30): Klarheit schaffen
- Bestandsaufnahme: Welche Systeme nutzen wir? Wo entstehen Wartezeiten und Medienbrüche?
- Auswahl von maximal zwei KI-Einsatzfeldern (z.B. Vertragsanalyse + Schriftsatzentwürfe)
- Benennung einer verantwortlichen Person („Digital & KI Owner“)
Ergebnis: ein einseitiger Maßnahmenplan, keine 40-seitige Strategiepräsentation.
Phase 2 (Tage 31–60): Pilotieren statt theoretisieren
- Auswahl von 1–2 KI-Tools für Pilotzwecke
- Durchführung eines konkreten Piloten:
- z.B. Analyse von 50 Standardverträgen mit und ohne KI
- Vergleich von Bearbeitungszeit, Fehlerquote, Mandantenfeedback
- Wöchentliche, kurze Reviews: Was funktioniert? Wo hakt es organisatorisch?
Wichtig: Die Partner:innen sind sichtbar involviert. Wenn die Führungsebene KI ignoriert, nimmt sie niemand ernst.
Phase 3 (Tage 61–90): Standardisieren und ausrollen
- Definition: In welchen Fällen „muss“ KI genutzt werden (z.B. jeder neue Mietvertrag > X Seiten)?
- Erstellung kurzer Guidelines für die Mitarbeitenden (2–3 Seiten reichen oft):
- Wie wird KI angesprochen?
- Welche Daten dürfen nicht eingegeben werden?
- Wie dokumentieren wir, was die KI geliefert hat?
- Entscheidung: Wird das Tool dauerhaft genutzt oder braucht es einen anderen Anbieter?
Am Ende der 90 Tage steht keine „perfekte“ Smart-Kanzlei, aber eine Organisation, die praktische Erfahrung mit KI hat und real weiß, wie viel Zeit, Qualität und Transparenz sie gewonnen hat.
Was der Digital Gap konkret für österreichische Rechtsanwälte bedeutet
Der Digital Gap ist kein theoretisches Konferenzthema, sondern eine sehr praktische Trennlinie:
- Auf der einen Seite Kanzleien, die KI und Legal Tech strategisch einsetzen und dadurch mehr Mandate mit gleichbleibendem Team stemmen können.
- Auf der anderen Seite Kanzleien, die mittelfristig Schwierigkeiten haben werden, Mandant:innen und junge Jurist:innen zu halten, weil die Arbeitsweise nicht mehr zeitgemäß wirkt.
Wer sich an Vorreitern wie den digital orientierten Notariaten orientiert, muss das Rad nicht neu erfinden. Die Botschaft dahinter ist recht klar:
Kanzleien, die KI heute strukturiert testen, sind in zwei bis drei Jahren die, an denen sich der Markt orientiert – nicht umgekehrt.
Für alle, die im österreichischen Rechtsmarkt bleiben und wachsen wollen, lautet die eigentliche Frage daher nicht mehr: „Brauchen wir KI?“, sondern: „Wie schnell bringen wir KI sinnvoll und sicher in unseren Alltag?“
Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ und richtet sich an Kanzleien, die den Digital Gap aktiv schließen und KI in Vertragsanalyse, Rechtsrecherche, Prozessvorhersage und Kanzleimanagement produktiv nutzen wollen.